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Niemand weiß, was passiert ist

von Jorid Lange, 18 Jahre

Der Ort, an dem ich mich verstecke, ist nicht besonders gemütlich. Der Wind zieht um die Baumstämme und durch das Blätterdach tröpfelt stetig der Regen. Doch ich liebe diesen Wald. Das Rascheln der Blätter, die Einsamkeit und Ruhe. Das sanfte Licht des frühen Abends und die Feuchtigkeit lassen die satten Grüntöne noch intensiver erscheinen. Ich höre entferntes Zwitschern, gebannt lausche ich, bis der Vogel verschwindet und eine merkwürdige Leere hinterlässt. Augenblicklich fällt mir alles wieder ein. Ich lege mein Gesicht in meine Hände und fahre mir durch das viel zu lang gewordene Haar. Hier würde sie mich nicht finden. Sie dachte vermutlich, ich wäre nachhause gegangen, in das große Haus meiner Eltern, wo ich mich gut zurückziehen könnte. Doch das wollte ich nicht, nicht in das viel zu laute Zuhause mit all seinen Leuten. Ich brauche Zeit, weg von allem. Zeit für mich. Verzweifelt versuche ich einen klaren Gedanken zu fassen. Es will mir nicht gelingen. Ich zwinge mich, an die Situation zurückzudenken, als ich auf dem unbequemen Hocker in dem Cafè saß und das Unfassbare verstehen sollte. Der Kaffee schmeckte abgestanden und war nur lauwarm. Die anderen Gäste waren laut, viel zu laut, fast beängstigend laut.

In der Stille des Waldes, versuche ich mir vorzustellen, wie ich mit so einem Geheimnis leben soll. Wie kann meine beste Freundin mit so einem Geheimnis leben? Wir sind doch erst so jung. Sollten wir das unser ganzes Leben mit uns herumschleppen? Kann ein Mensch das ertragen? Niemand weiß, was sie mir erzählt hat. Niemand weiß, was passiert ist. Ich bin ein zutiefst loyaler Mensch, noch nie habe ich ein Geheimnis ausgeplaudert. Was soll ich tun? Ihr Geheimnis verraten und ihr Vertrauen missbrauchen? Ich bin es nicht gewohnt, eine Entscheidung ohne ihren Rat zu treffen. Das ist neu. Also muss ich nochmal mit ihr reden. In Ruhe. Hier. Jetzt gleich. Ich rufe sie an, lasse es lange klingeln, doch niemand meldet sich. Auch nicht beim zweiten, zehnten, zwanzigsten Mal. Ich hinterlasse eine Nachricht auf ihrer Mailbox, schreibe ihr, dass sie herkommen soll. Immer noch keine Reaktion. Ich will ihr versichern, dass ich niemandem etwas verraten werde. Doch wie soll ich das, wenn ich keine Möglichkeit habe, mit ihr zu sprechen. Ich lehne meinen Kopf an den nassen Baumstamm und schließe meine Augen…

Du weißt doch noch, als wir gestern Abend nachhause gegangen sind, oder?“

Ja klar“, antwortete ich und trank einen Schluck Kaffee. Ich betrachtete meine beste Freundin, sie sah müde aus, ausgelaugt. Lag vielleicht an der durchfeierten Nacht. Oder an was anderem? „Was ist mit dir?“ Ich sah sie besorgt an.

Nichts… Ich bin nur total fertig!“

Mir geht’s auch nicht besonders, aber ich hab gut geschlafen.“ Ich lachte. „Was wolltest du grade sagen?“

Ich… Ehm… Ich muss dir was erzählen.“

Mit einem Nicken forderte ich sie auf anzufangen. Doch sie machte keine Anstalten etwas zu sagen. Also fragte ich nach. „Ist gestern was passiert?“ Ich deutete ihr betretenes Schweigen als ein Ja. „Verdammt, ich hätte dich doch noch nach Hause bringen sollen. Ich hätte dich beschützen können.“

Sie schüttelte den Kopf „Nein, du hast gar keine Schuld, und ich kann mich ganz gut selber wehren, wie du weißt.“

Wir lachten und mussten zurück an eine Situation vor ein paar Jahren denken. Sie wurde wieder ernst. „Naja, also da kam so ein unheimlicher Typ um die Ecke, er hat mich zurückgedrängt und rumgepöbelt. Normalerweise passiert ja nichts, da kann man einfach weggehen. Aber ich hab richtig Angst bekommen. Dieser Typ hat mir richtig Angst gemacht.“ Sie blickte in ihren Kaffeesatz und schüttelte sich bei der Erinnerung.

Ich nahm ihre Hand und hielt sie fest, „Der Kerl kriegt, was er verdient, das verspreche ich dir!“

Ihr Blick ging ins Leere und sie erzählte mir, was dann passierte. Der Typ bedrängte sie, sie wich zurück in einen Hauseingang. Sie wusste keinen Ausweg, sie rief um Hilfe, niemand kam, um ihr beizustehen. Sie spürte sowas wie eine Metallstange oder ähnliches zwischen ihren Fingern. Sie umklammerte ihre einzige Rettung. Und schlug einfach zu. Immer und immer wieder. In ihrer Panik konnte sie nicht mehr aufhören, bis keine Bedrohung mehr von ihm ausging. Ja, sie kann sich wehren, wenn es drauf ankommt. Aber ich konnte es nicht begreifen.

Dann bin ich vor lauter Entsetzen weggerannt. Bitte, versprich mir, dass du niemandem was erzählst! Bitte, das war doch Notwehr oder?! Ich musste es einfach irgendwem erzählen, und wem außer dir kann ich alles erzählen? Du bist doch mein bester Freund.“

Ihre Worte waren undeutlich, alles andere im Cafè war nur noch ein verschwommenes Rauschen im Hintergrund. Ich hörte ihre Worte, aber ihren Sinn verstand ich nicht. Meine Augen erfassten keine klaren Bilder, mein Körper war wie erstarrt. Dann stand ich fast automatisch auf und verschwand. Ich erinnere mich nicht, wie ich in den Wald gelangt bin. Aber ich bin hier. Und sie nicht. Ich muss wieder zurück. Definitiv. Der Himmel wird schon dunkel, über den Baumwipfeln erkenne ich ganz schwach das Rot der untergehenden Sonne. Ich fange an, mir große Sorgen zu machen. Also mache ich mich auf den Weg. Suche sie überall. Als ich sie schließlich finde, auf unserer Lieblingsbank am See, hat sie eine leere Dose irgendwelcher Pillen neben sich liegen. Sie wirkt wie paralysiert, starrt nur auf das Wasser und reagiert gar nicht auf mich. Ich schüttele sie. Schrei sie an. Nach einer gefühlten Ewigkeit schaut sie mich plötzlich an, realisiert, dass ich zu ihr zurückgekommen bin. Sie wird panisch, schlägt wie wild um sich, würgt. Ich nehme sie in den Arm, halte sie fest, beruhige sie. Wiederhole immer wieder besänftigende Worte, dass ich da wäre, dass alles gut werden würde. Vielmehr als sie versuche ich damit mich selbst zu überzeugen. Sie wird allmählich ruhiger, und als würde sie anfangen loszulassen, schließt sie langsam die Augen.

Ich greife zum Telefon.