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Nur knapp dem Tod entgangen

von Aylin, Caner und Kaan M

Der 25. Mai 2007 ist ein sonniger Tag. Michael Hansen und ein Kollege sind mit ihrem Geländewagen in einem Waldstück bei Mitrovic auf Patrouille. Alles deutet auf eine Routinefahrt ohne besondere Vorkommnisse hin. Plötzlich rollt ein Panzer mit hoher Geschwindigkeit auf die beiden Polizisten zu, kommt kurz vor ihnen zum Stehen und blockiert ihre Weiterfahrt. Ein Soldat springt aus dem Panzer, wedelt hektisch mit den Armen und schreit:: „Stop! Trap – grenade!“ Hansen erkennt die Männer erst jetzt an ihrer Uniform. Es sind griechische UN-Blauhelm-Soldaten.
„Sie haben nur ca. fünf Meter vor unserem Geländewagen eine entsicherte Handgranate entdeckt“, erinnert sich Hansen. „Eine Angelschnur, die über den Weg gespannt war, sollte beim Überfahren die Explosion auslösen und unseren Wagen in die Luft sprengen. Ob wir dieses Attentat überlebt hätten, weiß ich nicht. Ich hätte auf jeden Fall Arme oder Beine verloren. Wir hatten an diesem Tag sehr viel Glück.“
Der Polizist, der heute als Stadtteilpolizist in Othmarschen und Groß Flottbek arbeitet, sitzt uns im Polizeikommissariat 25 in Bahrenfeld an seinem Schreibtisch gegenüber. Das Kommissariat sieht äußerst modern aus. Michael Hansen selbst ist Mitte 40, hat dunkelblonde Haare und wirkt autoritär und gelassen. Im Kommissariat trägt er eine Uniform mit zwei Sternen auf jeder Schulter. Er erinnert sich noch gut daran, wie erleichtert er damals war, als das Bombenentschärfungsteam eintraf und die Granate sichergestellt werden konnte.

Hansen gehörte zu den 200 deutschen Polizisten, die seit 2007 nach dem Kosovo-Krieg in der neu gegründeten Republik Kosovo, die sich vom feindlichen Serbien unabhängig gemacht hatte, freiwillig Dienst taten. Gemeinsam mit rund 1800 Polizisten, Anwälten und Richtern aus anderen EU-Ländern sollten die Deutschen in dem vom Krieg zerstörten, bitterarmen Kosovo ein demokratisches Rechtssystem aufbauen, dem die Menschen wieder vertrauen konnten. „Es war keine einfache Aufgabe“, sagt Hansen. „Ich wohnte privat bei einer Familie und versuchte, das Vertrauen der Bevölkerung zu gewinnen. Aber viele Menschen waren korrupt, es gab kriminelle Banden, die sich von uns gestört fühlten. Ich wusste nie genau, wem von den Menschen in unserem Dorf ich wirklich trauen konnte.“ Täglich seien irgendwo in der Nachbarschaft Schüsse gefallen, und es galt, so Hansen, bei jeder Familie als Standard, eine AK-47, ein Maschinengewehr, und ein paar Granaten im Keller zu haben.

Wie lebt man mit dieser ständigen Bedrohung, hat er nicht permanent Angst gehabt? „Die Angst war im Kosovo wichtig“, sagt Michael Hansen, „dadurch war man vorsichtiger.“

Nach seinem Einsatz im Kosovo wurde Hansen drei Jahre lang von Psychiatern untersucht, um sicherzustellen, dass er nicht unter einem posttraumatischen Belastungsstörung litt, einer schweren psychischen Erkrankung, unter der besonders Menschen leiden, die ein Trauma oder besonders schreckliche Kriegserlebnisse erlebt haben. „Zum Glück hatte ich meinen Einsatz gesund überstanden und konnte mich in dieser Zeit wieder in Hamburg einleben und ganz normal meinen Dienst ausüben.“

Doch obwohl er froh war, wieder die Familie um sich zu haben und in sicheren Verhältnissen leben zu können, sagt er, dass er die Menschen aus seinem Dorf im Kosovo vermisst. „Ich war ein Teil meiner Gastfamilie, habe mit den Kindern gespielt. Alle waren unglaublich herzlich und nett zu mir.“ Auch heute hat er noch E-mail-Kontakt zu ihnen.

Auf unsere Frage, ob er für die Menschen dort so etwas wie ein Held war, antwortet er: „Nur weil ich Polizist bin und meiner Arbeit nachgehe, sehe ich mich nicht als Helden.“ Vielleicht ist es tatsächlich nicht heldenhaft, was der Hamburger Polizist in dem Krisengebiet geleistet hat. Aber ohne Hilfe von Männern wie ihm, die ihr Leben für Menschen einsetzen, denen es so viel schlechter geht, konnte ein Land wie der vom Krieg zerstörte Kosovo wohl auch nicht wieder auf die Beine kommen.

Bisher wurde in Nordkosovo ein EU-Polizist, 35 Jahre alt, in seinem Wagen erschossen. Er ist das erste Opfer des seit 2008 laufenden Kosovoeinsatzes.