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Plan B

Céline Nöldemann, 17 Jahre

 

Dinge geschahen nie so, wie man sie sich vorgestellt hatte. Trotzdem war ich jedes Mal überrascht, wenn ein gut ausgeklügelter Plan nicht funktionierte.

Kannst du dich nicht beeilen?“, zischte meine Schwester von der anderen Seite der Gitterstäbe, als mir zum achten Mal der Dietrich aus den Händen fiel. „Ich dachte, du wärst gut darin.“

Ich bin gut darin“, knurrte ich und bückte mich, um ihn wieder aufzuheben. „Ich kann nur leider meine Finger nicht mehr spüren! Falls es dir nicht aufgefallen sein sollte, es schneit!“

Anna verdrehte die Augen und verschränkte ihre Arme vor der Brust.

Jammer nicht rum und hol uns hier raus.“

Ich knirschte mit den Zähnen, tat aber wie geheißen. Nach fünf erfolglosen Minuten fluchte ich.

Geht nicht“, murmelte ich.

Was soll das heißen, geht nicht?“, wiederholte Anna mit schriller Stimme.

Geht halt nicht“, presste ich zwischen den Zähnen hervor.

Verarsch mich nicht. Hol mich sofort hier raus, Trey!“ Sie umfasste die Gitterstäbe und rüttelte kräftig daran.

Ich kann nicht!“, fauchte ich und vergaß dabei, leise zu sein.

Wer ist da?“, rief eine Stimme, dicht gefolgt von schweren Schritten, die durch den Schnee stapften.

Lass dir was einfallen, du Supergenie“, flüstere Anna und presste ihr Gesicht gegen das kalte Metall. „Ich will nicht das Mittagessen für irgendeinen Drachen werden.“

Ich denk doch schon.“

Denk schneller!“

Die Schritte kamen immer näher und mein Herzschlag beschleunigte sich.

Okay, Zeit für Plan B.“

Und wie sieht Plan B aus?“

„… Das weiß ich noch nicht.“

Das Gesicht meiner Schwester lief tiefrot an und ihre Augen verengten sich zu schmalen Schlitzen. Ich meinte, erste Anzeichen von Nervosität in ihr zu erkennen.

Trey!“

Mir fällt was ein. Keine Panik.“ Ich rannte auf die Mauer zu und hievte mich nach oben.

Warte, wo willst du hin?“, wollte Anna wissen und rüttelte wieder an dem Gitter. „Trey, komm zurück.“

Vertrau mir!“ Ich sprang auf der anderen Seite hinunter, gerade als die Wache um die Ecke kam. So schnell ich konnte, rannte ich die Straße hinunter. Wenige Sekunden später ertönten die Alarmglocken des Gefängnisses und hallten durch Veron.

In sicherer Entfernung verlangsamte ich meine Schritte und schlenderte betont lässig weiter.

Ist das nicht der Alarm von dem Gefängnis?“ Ich blieb stehen und wandte mich den beiden Frauen zu, die besorgt in die Richtung starrten, aus der ich gekommen war.

Da wo die Opfergaben festgehalten werden?“, fragte die etwas pummelige Frau. „Die armen Mädchen. So früh schon zu sterben.“

Ja.“ Die andere nickte zustimmend. „Wer weiß, was dieser Drache mit ihnen macht.“ Sie schauderte und ich konnte spüren, dass sie sich bildhaft ausmalte, welche Schrecken die Opfer erwartete.

Keine Ahnung. Niemand kam je zurück.“ Pummelchen schüttelte betrübt den Kopf. „Jedes Jahr holt er sich die schönsten Mädchen der Stadt. Irgendwann gibt es keine mehr. Und dann?“

Darüber will ich nicht nachdenken.“ Die Frau schlang die Arme um ihren Oberkörper. „Ich bin nur froh, dass ich nicht ausgewählt wurde. Schönheit ist ein Fluch. Wenn eine Wache dich entdeckt, ist es aus.“

Zerknirscht ging ich weiter. Das weiß ich doch, rief ich in meinem Kopf. Morgen würde Anna dem Drachen geopfert werden. Meine Schwester, meine einzige Familie. Ich musste sie irgendwie befreien. Aber wie?

Wie vom Donner gerührt blieb ich stehen und fuhr herum. Mit weit aufgerissenen Augen starrte ich die beiden Frauen an, die sich immer noch leise unterhielten, als ich mir ihre Worte nochmals durch den Kopf gehen ließ.

Ein fettes Grinsen breitete sich langsam auf meinem Gesicht aus. Ich hatte einen Plan und er war genial. Erniedrigend. Aber genial.

 

Zwei Wachen hielten mich an meinen Armen fest, während eine dritte die Tür zu der Gefängniszelle aufschloss. Anna und die anderen Mädchen wichen zurück. Die Wachen traten ein und gaben mir einen sanften Stoß. Ich stolperte leicht, konnte mich aber wieder fangen und warf den Männern einen finsteren Blick zu.

Möget ihr Frieden finden.“ Die Wachen verließen die Zelle und schlossen die Tür wieder ab. Der eine Mann legte die Hand auf die Brust. „In diesem und im nächsten Leben.“ Dann waren sie weg und es blieb die Stille.

Ich seufzte und rieb mir die Arme. Die Typen hatten ordentlich Kraft, das musste man ihnen lassen.

Ist alles in Ordnung mit dir?“, fragte Anna besorgt und kam auf mich zu. „Haben sie dir sehr wehgetan?“

Ich konnte nicht anders, ich musste lachen. Anna blinzelte mich verdutzt an und auch die anderen Mädchen sahen so aus, als hielten sie mich für verrückt.

Wusste gar nicht, dass du so nett sein kannst“, stichelte ich mit einem Grinsen.

Anna runzelte die Stirn, doch dann weiteten sich ihre Augen und ihr Mund blieb leicht offen stehen.

Trey?“, fragte sie ungläubig.

Der einzig wahre“, bestätigte ich. „Cool oder?“

Was machst du hier? Moment mal, ist das etwa mein Kleid?“

Ich seufzte. „Ging nicht anders. Sonst wäre ich nicht rein gekommen.“ Ich zupfte an dem hellblauen Stoff herum. Irgendwie drückte es. Besonders die Strumpfhose zwickte an einer sehr unangenehmen Stelle und ich musste mich zusammenreißen, nicht zu kratzen.

Das ist pervers!“, rief Anna aus und betrachtete mich mit einem angewiderten Gesichtsausdruck. „Warum siehst du besser darin aus, als ich?“

Bin halt der gutaussehendere Zwilling.“

Aber du bist ein Junge“, jammerte Anna. „Das ist nicht fair.“

Jetzt sei schon ruhig!“, knurrte ich. Mein Plan hatte zwar funktioniert, aber das hieß nicht, dass ich mich gut fühlte. Wie konnten Mädchen nur so enge Klamotten tragen?

Anna wurde sofort wieder ernst. „Okay, jetzt bist du auch gefangen. Wie geht der Plan weiter?“ Ich schwieg. „Du hast doch einen Plan?“

Klar hab ich einen Plan“, entgegnete ich. „Wir gehen zur Höhle des Drachen und töten ihn.“

Anna sah mich mit erhobener Augenbraue an. Schließlich ließ sie ihre Schultern sacken. „Wir werden alle sterben.“

Sei still! Ich geb ja zu, dass der zweite Teil des Plans noch nicht ganz ausgereift ist.“

Nicht ganz ausgereift? Du hast sie nicht mehr alle!“

Wieso? Man kann Drachen töten“, betonte ich und hob einen Finger. „Simon der Eiserne hat es geschafft.“

Anna schlug meine Hand zur Seite. „Simon der Eiserne hat einen kranken Drachen getötet. Als dieser schlief. Und darf ich dich erinnern, dass er kurz darauf gefressen wurde? Willst du ihn dir echt als Vorbild nehmen?“

Ich dachte einige Zeit lang nach. „Planänderung. Wir hauen ab, bevor wir die Drachenhöhle erreicht haben.“

 

Dinge geschahen nie so, wie man sie sich vorgestellt hatte. Das war keine neue Erkenntnis.

Hat ja super funktioniert, dein Plan“, fauchte Anna von ihrem Platz hinter mir.

Woher hätte ich wissen können, dass sie uns alle aneinander binden?“, flüsterte ich und versuchte, die Seile um meine Handgelenke ein wenig zu lockern.

Du Volltrottel!“

Ruhe!“, blaffte eine der Wachen und stieß Anna mit dem Knauf seines Schwertes in die Schulter. Bevor einer von uns sich über diese Behandlung beschweren konnte, fing der in weite Gewänder gekleidete Priester an der Spitze des Zuges an, zu sprechen.

Oh, großer Zaihé, Herrscher der Seen, König der Bestien!“, rief er mit lauter Stimme und hob seine Arme. „Wir bringen Euch die schönsten Mädchen und die kostbarsten Schätze, um Euren Zorn zu sänftigen.“

Ein dunkles Grollen kam aus den Tiefen der Höhle. Ich konnte sehen, wie einige der Männer nervös an den Griffen ihrer Waffen fummelten. Auch die Mädchen wurden blass und wären mit Sicherheit davon gelaufen, wenn sie dazu in der Lage gewesen wären.

Ein großer Kopf schob sich ins Freie. Wasserblaue Augen ohne Pupillen starrten sie ohne zu blinzeln an. Vergleichsweise kleine Nüstern blähten sich, als der Drache die Luft witterte und langsam näher schlich. Sein Körper schien endlos lang und wandte sich wie eine Schlange. Es sah so aus, als würde der Drache tanzen. Beine mit nur jeweils drei Klauen an jedem Fuß berührten den Boden kaum. Jetzt erst bemerkte ich, dass einer der schwarzen, korallenförmigen Hörner abgebrochen war. Narben übersäten die türkisen Schuppen fast vollständig.

Der Drache baute sich vor dem Priester auf. „Ich nehme eure Gaben an, Menschen“, knurrte er mit einer tiefen Stimme.

Der Priester verneigte sich vor dem Drachen. „Das erfreut uns, großer Zaihé. Ihr ehrt uns.“

Verschwindet!“

Der Priester nickte und zusammen mit den bewaffneten Männern machte er sich auf den Weg zurück in die Stadt. Sobald sie nicht mehr in Sicht waren, wandte sich Zaihé den Kisten zu, die sie zurückgelassen hatten. Er hob einen der Deckel an und begutachtete den Inhalt. Von meiner Position recht weit hinten in der Reihe, konnte ich nicht erkennen, was drin war, doch ich sah den goldenen Schimmer, der in den Augen des Drachen reflektiert wurde.

Nachdem er die erste Kiste zu genüge betrachtet hatte, ging er zu der nächsten hinüber und nahm auch diese in Augenschein. Uns ignorierte er dabei völlig. Nun, ich wollte mich nicht beschweren. Das gab mir mehr Zeit, mich zu befreien. Als ob ein paar Seile ein Hindernis für mich darstellten. Noch einmal Drehen und die Fesseln fielen schlaff zu Boden. Lief doch alles nach Plan. Erleichtert rieb ich mir die schmerzenden Handgelenke und sah mich um. Es hatte letzte Nacht zwar aufgehört zu schneien, doch die Welt war in Weiß getaucht. Die Seen, die die Umgebung der Drachenhöhle säumten, waren teils zugefroren. Außer den Schätzen konnte ich in dem Schneeteppich nichts entdecken, was man als potenzielle Waffe verwenden könnte.

Zaihé hielt plötzlich inne und hob den Kopf. Seine Nüstern bebten und mit einem Ruck wandte er sich uns zu. Einige der Mädchen schrien erschrocken auf und taumelten zurück. Ein paar stürzten und rissen andere mit sich.

Der Drache kam näher und sah sich jeden einzelnen genau an.

Oh Gott“, wimmerte das Mädchen in der Reihe vor mir. „Er sucht sich aus, wen er als erstes fressen will. Ich will nicht sterben, ich will nicht sterben.“ Als der Drache vor ihr stehen blieb und die Lefzen in einem tiefen Fauchen zurückzog, kreischte sie laut auf und zog an ihren Fesseln.

Friss mich nicht! Bitte, friss mich nicht!“, flehte sie mit tränenerstickter Stimme, doch der Drache drehte den Kopf und sah dann mich an. Und er witterte, zog die Luft tief durch die Nase ein. Ich konnte sehen, wie sich jeder einzelne Muskel und der beschuppten Haut anspannte und sich die Krallen in den Boden bohrten.

Du…“, donnerte seine Stimme und ich wich zurück. Meine Beine fingen an, zu zittern. Ich spürte den Schweiß auf der Stirn und es lag nicht nur an dem heißen Atem, der mir ins Gesicht blies. „Du bist keine Tochter Verons. Ein Wolf unter Schafen, ein Kuckucksei im Nest. Ein Mann!“

Ich zögerte nicht lange, höchstens ein paar Sekunden. Aber auch nur, weil mir meine Beine anfangs nicht gehorchen wollten.

Zaihé brüllte laut und ich warf mich zur Seite. Eine Pranke landete dort, wo ich eben noch gestanden hatte. Ich rannte los. Allerdings kam ich nicht weit, bevor mich ein harter Schlag im Rücken traf. Die Luft wich aus meinen Lungen und ich traf unsanft auf dem Boden auf. Über das Klingeln in meinen Ohren konnte ich hören, wie Anna besorgt meinen Namen rief.

Stöhnend stemmte ich meine Hände in den Schnee und hievte mich hoch. Die komplette Vorderseite des Kleides war durchnässt und spätestens jetzt hätte jeder bemerkt, dass ich nicht weiblich war. Der Stoff klebte unangenehm an meiner Haut und am liebsten hätte ich ihn mir vom Körper gerissen.

Ich schüttelte meinen Kopf, um den leichten Schwindel zu vertreiben und wandte mich Zaihé zu. Der Drache lauerte mit gefletschten Zähnen. Die Muskeln seiner Hinterläufe waren zum Zerreißen angespannt und der zwei Meter lange Schwanz peitschte unruhig hin und her. Eine fächerartige Flosse an seiner Spitze klappte auf und zu.

Zaihé fauchte. Geifer tropfte von den scharfen Zähnen und verschwand im Schnee.

Ich versuchte, das Zittern meiner Glieder zu unterdrücken und machte vorsichtig einen Schritt zurück. Je größer die Distanz zwischen uns war, desto wohler würde ich mich fühlen.

Zaihé folgte mir, wie ein Panther auf der Jagd, sein Blick starr auf mich gerichtet. Jedoch machte keiner von uns Anstalten, den anderen anzugreifen. Ich fragte mich, ob der Drache meine Angst riechen konnte, mein Herz hämmern oder meine Zähne klappern hörte.

Dann grinste er. „Lustig.“ Es war nicht lauter, als ein heiseres Flüstern. Alles andere passierte zu schnell. Auf einmal war er direkt vor mir, die Pranke zum Schlag erhoben. In meiner Hast auszuweichen, stolperte ich über meine eigenen Füße und stürzte. Meine Unterarme fingen den Aufprall ab. Ein Windhauch strich mir über die Wange. In meinem Unterbewusstsein nahm ich wahr, dass die Luft nicht mehr kalt, und der Boden nicht länger mit Schnee bedeckt war.

Zaihé schob seinen Körper nach vorne, bis er den Eingang der Höhle blockierte. Mein Blick wanderte zu dem kleinen Lichtfleck, der unter seinen Beinen hervor lugte.

Steh auf!“, befahl Zaihé. „Kämpfe, Menschenjunge!“ Keine Drohung schwang in seiner Stimme mit. Es war der spielerische Unterton, der mich überraschte. „Zeig was du kannst!“

Ich ballte meine Faust und warf eine Hand voll Staub in sein Gesicht. Der Drache fauchte überrascht und schüttelte den Kopf wild hin und her. Im selben Moment krabbelte ich los. Ich schaffte es bis zu seinen Hinterläufen, bis Zaihé seine Augen wieder öffnete. Es dauerte nur eine Sekunde, ehe er mich unter seinem Bauch entdeckte. Klauen bohrten sich vor mir in den Boden, als ich dem ersten Fuß gerade so ausweichen konnte. Einem Impuls folgend klammerte ich mich an das Bein und presste es an mich.

Lass los!“, fluchte Zaihé. Er trat um sich und versuchte mich irgendwie abzuschütteln.

Es war schwer, an der glatten Oberfläche seiner Schuppen, Halt zu finden. Ich spürte, wie ich immer weiter nach unten rutschte, während Zaihé herum zappelte.

Mein Rücken krachte gegen eine der Höhlenwände. Ich stöhnte und mein Griff lockerte sich. Zaihé nutzte die Gelegenheit und schüttelte mich mit einer letzten Bewegung ab. Ich hob meinen Kopf vom Boden und da sah ich es. Wie Excalibur aus den Legenden steckte es kerzengerade im Boden. Der Griff des Schwertes war goldverziert und glänzte in dem Licht, das durch den Höhleneingang fiel. Neben dem Schwert lag ein menschliches Skelett. Die blanken Knochen waren im Staub verteilt, von zerfetzten Rüstungsteilen umgeben. Der Schädel fehlte.

Simon“, flüsterte ich. Ich spannte den Kiefer an und versetzte dem Drachen einen kräftigen Tritt in die Flanken. Er heulte auf und verlor das Gleichgewicht. Ich sprintete los, Zaihé dicht hinter mir. Mit beiden Händen griff ich nach dem Heft des Schwertes. Gleichzeitig drehte ich mich um meine eigene Achse und ließ mich auf den Rücken fallen, das Schwert vor mir.

Alles stand still. Keuchend lag ich auf dem steinigen Boden. Meine Hände hielten zitternd das Schwert. Die Spitze berührte die ungeschützte Kehle des Drachen.

Zaihé knurrte leise. Den Kopf hatte er erhoben, damit sich das Metall nicht in sein Fleisch bohrte, und blickte mit seinen großen Augen auf mich herab.

Schachmatt“, stieß ich immer noch schwer atmend hervor.

Trey?“ Bei der Stimme meiner Schwester zuckte ich zusammen. Mein Blick fuhr zum Eingang der Höhle. Anna trat zögerlich ein. Sie trug keine Fesseln mehr. Irgendwie musste sie sich befreit haben.

Sie kreischte, als plötzlich der Schwanz des Drachen sich neben ihr in die Wand bohrte. Die Fächerflosse klappte auf und schnitt ihr leicht in den Hals. Kleine Bluttropfen rannen ihre Kehle hinunter.

Anna!“ Mein Herz machte einen Satz.

Ein zufriedenes Grollen kam aus Zaihés Brust.

Patt.“

Mistkerl!“, zischte ich durch zusammengebissene Zähne.

Das Schwert!“, befahl er.

Ich biss mir auf die Unterlippe und sah zu meiner Schwester hinüber. Ihr Gesicht war blass und ihre Beine zitterten. Sie warf mir einen flehenden Blick zu und ich ließ zögerlich das Schwert sinken.

Lass sie frei!“, forderte ich.

Ich konnte das überhebliche Grinsen genau sehen, als Zaihé seine Flosse wieder einklappte. Er stemmte eine seiner Füße auf meinen Brustkorb und beugte seinen Kopf zu mir hinunter. Aus den Augenwinkeln sah ich zu meiner Schwester rüber. Sie war die Wand hinunter gerutscht und hielt ihren Hals. Ihre Miene wirkte verschreckt, doch sie wirkte weitgehend unverletzt.

Nun sag, kleiner Mensch“, säuselte Zaihé und vergrößerte den Druck auf meine Lungen. Ich keuchte und versuchte verzweifelt, nach Luft zu schnappen. In meinem Kopf begann sich alles zu drehen, sodass ich die nächsten Worte kaum verstehen konnte. „Du hast die Wahl. Möchtest du sterben?“ Eine Kralle bohrte sich in meine Kehle und ich spürte wie etwas Warmes meine Haut entlanglief. „Oder hättest du lieber… Gold?“

Ich blinzelte und starrte mit großen Augen Zaihé an, der seine Freude nicht verbergen konnte.

Hä?“

Zaihé kicherte. Ein ziemlich merkwürdiges Geräusch, wenn es von dem Drachen kam. Es klang eher, als würde er an etwas ersticken. Er nahm seinen Fuß von mir und trat ein paar Schritte zurück.

Bedacht setzte ich mich auf und zog die Augenbrauen zusammen.

Ich geb euch Schätze“, sagte Zaihé. „Gold und Edelsteine, so viel ihr tragen könnt. Und dann verschwindet ihr. Verlasst dieses Land und kommt nie wieder.“

Ich…versteh nicht ganz?“, stammelte ich.

Der Drache schnaufte und schüttelte den Kopf. „Ich mag keine Menschen“, gab er zu. „Sie sind zäh und schwer zu verdauen. Töten geht auch nicht. Wohin mit den ganzen Leichen? Ich würde sie ja gerne zurückschicken, aber was für ein Licht würde das auf mich werfen? Niemand fürchtet sich vor einem Drachen, der keine Menschen frisst.“

Ich dachte, du möchtest die Menschen für das bestrafen, was sie deinem Bruder angetan haben“, mischte sich Anna ein und trat neben mich. In ihrem Blick lag noch Unsicherheit und Misstrauen, als sie dem Drachen entgegensah.

Oh, Kadar“, seufzte Zaihé und schloss die Augen. Er ließ sich nieder und legte den Kopf auf seine Vorderläufe, ehe er uns wieder ansah. „Anfangs war ich wütend. Doch der Zorn verging nach einigen Jahrzehnten. Eigentlich brauch ich keine Opfergaben mehr. Das Gold will ich aber trotzdem. Deshalb stell ich die Mädchen vor die Wahl. Sterben oder verschwinden. Bis jetzt haben sich eigentlich alle fürs Abhauen entschieden. Warum auch nicht? Sie leben und werden für ihr Schweigen bezahlt.“

Dann ist alles eine Lüge?“, fragte ich. „All die Angst, die in Veron herrscht, unnötig?“

So ziemlich“, gab Zaihé zu.

Was für ein erbärmlicher Drache bist du?“ Wütend sprang ich auf. „Du nutzt den Tod deines Bruders aus, um dich zu bereichern. Du quälst die Menschen ohne Grund. Das ist unmenschlich!“

Unberührt sah Zaihé mich an. „Ich bin ein Drache“, sagte er. „Menschliche Moral hat für mich keinen Wert.“ In einer flüssigen Bewegung erhob er sich. Sein Kopf überragte uns um mehr als einen Meter. „Ihr könnt gehen. Die Kisten stehen noch offen. Nehmt euch, was euch begehrt und kommt nicht zurück. Ich kenne euren Geruch. Ich weiß, wenn ihr in der Nähe seid.“

Mit diesen Worten ging er an uns vorbei, ins tiefe Innere der Höhle. Unschlüssig sah ich ihm hinterher.

Eine Hand legte sich in meine und Anna lächelte mich an. Jetzt erst fiel mir eine andere Sache auf.

Wo sind die anderen Mädchen?“

Abgehauen, nachdem ich die Fesseln gelöst hatte“, sagte sie. „Wollen wir gehen?“

Hmm…“, machte ich. „Ein komischer Drache.“

Er lässt uns leben und gibt uns Gold. Ist ja nicht so, dass uns in Veron jemand erwartet.“

Ich drückte ihre Hand. „Stimmt.“

Und Trey? Zieh bitte nie wieder meine Sachen an. Das ist verstörend.“