shadow

Post Mortem

 

Die Stille war drückend, keiner sagte auch nur ein Wort und außer einige leise Schluchzer hier und da war absolut nichts hören. Der Sarg wurde ins Grab niedergelassen und nachdem Gottesdienst würden wir Gäste gehen können, als wäre nichts geschehen. Dabei war jetzt alles anders, man hatte einen Liebsten verloren und nichts würde mehr so sein, wie es einmal war für die Angehörigen. Sie würden sich nach dem Gottesdienst nicht einfach wieder vor den Fernsehen setzen oder kochen können, die meisten von ihnen würden sich auf ihre Zimmer zurückziehen und trauern. Trauer. Sie kam in so vielen Formen, manchmal in Tränen, manchmal in Stille und manchmal sogar in Wut. Ich fragte mich, wer heute wie seiner Trauer Luft machen würde und wie es wohl am leichtesten sein würde. Gab es überhaupt so was wie eine leichtere Möglichkeit mit Schmerz umzugehen? Ich bezweifelte es.

Das Weinen war lauter geworden, gerade als der Sarg endgültig unten ankam. Jetzt war es wirklich vorbei. Der Tote würde niemals wieder auferstehen aus seinem Grab. Er war gegangen, weg, verschwunden. Oder doch nicht? Vielleicht stimmte, was die Romantiker so sagten, dass man als Stern wiedergeboren werden würde. Ein schöner Gedanke, dass die Liebsten bei Nacht immer da waren. Hans Peters Witwe warf sich in die Arme ihres Sohnes, ob sie Romantikerin war? Mit Sicherheit wusste ich nur, dass ich keiner war.

Naja, interessieren tat es mich herzlich wenig, denn Hans Peter und ich hatten nie viel (was soviel heißt, wie gar nichts)miteinander zu tun gehabt. Himmel, ich wusste nicht mal sicher, ob er Hans Peter hieß, aber ganz ehrlich es war um einiges netter als ihn  einfach den Postboten zu nennen. Er war nicht mal mein Postbote, was die Frage aufwirft was ich hier zu suchen hatte. Die Antwort war: Finn. Finn, bester Freund sei Kindheitstagen und die einzige Verbindung die Hans Peter und ich besaßen. Hans Peter war nämlich Finn’s Postbote.  Jedenfalls, vor dessen Tod, natürlich. Finn traf dieser Verlust schwer, nicht dass er je wirklich mehr als ein paar Worte mit ihm gewechselt hatte. Aber ich denke, es ist wohl eine etwas andere Sachen, wenn du gerade mit deinem Postboten sprichst und der plötzlich vor deinen Augen umkippt und, na ja abkratzt. Ich war also als moralischer Beistand da, denn mein bester Freund war am Rande der Verzweiflung. Und wenn ich sage Verzweiflung, meinte ich das auch so.  Man könnte meinen seine Mutter ist gestorben, so wie der geheult hatte. Erst am  Abend zuvor hatte er mich angerufen und mich ungefähr eine halbe Stunde damit genervt, wie er immer gesehen hat, wie Hans Peter die Post in den Briefkasten legte. Sehr interessant, das kann man echt sagen.

Während ich wartete, dass dieser Unsinn endlich vorbei war, damit ich mich wieder an meine Playstation setzen konnte, hörte ich meinen besten Freund wieder schniefen. Ich verdrehte die Augen, diesmal war der Anti-Christ, aber schneller als ich und legte einen Arm um ihn. Sofort fing er sich wieder, natürlich vor ihr wollte er keine Schwäche zeigen. Ganz ehrlich ich glaube die einzige Person, die Finn’s Gejammer noch schlimmer fand als ich, war Nathalie (seine Freundin und oben genannter Anti-Christ) und dennoch tröstete sie ihn, jedenfalls soweit, wie man jemanden trösten konnte, wenn man keine eigenen Emotionen besaß, aber das passierte wohl, wenn man solange in einer Beziehung war. Man wird weich oder wie es bei Anti- Christ der Fall war, man zeigte Gefühle- nicht viel, aber den Ansatz. Zugegeben die beiden waren schon lange zusammen, seitdem sie 15 waren, also praktisch zwölf Jahre.  Während Nathalie also ihren Arm um Finn gelegt hatte, begann die Menge sich langsam Richtung Kirche zu bewegen, wo endlich der Gottesdienst stattfinden würde. Wurde auch langsam Zeit.

„Kannst du überhaupt in die Kirche ohne zu verbrennen?“, flüsterte ich Nathalie ins Ohr. Diese verdrehte genervt die Augen.

„Kannst du reden ohne, was Dummes zu sagen?“, giftete sie sofort zurück. „Wir sind auf einer Trauerfeier, benimm dich wenigstens so als würde es dich ein bisschen interessieren, Lukas“, fügte sie verächtlich hinzu.

„Soll ich Emotion vortäuschen, wie du? Ich bin ein durch und durch ehrlicher Mensch, warum lügen und so tun als würde es mich interessieren, wer gestorben ist. Ich meine ich hatte sowieso keine engere Bindung zu dem Kerl und außerdem: hier kennt mich eh kein Schwein?“ Ja, Nathalie und ich schafften es praktisch nie miteinander zu reden ohne irgendwie in Streit zu geraten. Das war schon immer so und würde auch bis in die Ewigkeit hin so bleiben.

„Tja, so ehrlich kannst ja nicht sein, denkt du ich kann mich nicht daran erinnern, wie du als wir 17 waren, dass Geld von den Spendenaktion in der Schule gestohlen hast, um die dafür Karten für das nächste Spiel zu kaufen?! Wenn überhaupt bin ich hier die Ehrlichere von uns beiden“. Das war ein weiteres Problem, durch Finn wussten wir jede Scheiße, die der andere je gemacht hatte und verwendeten dieses Wissen auch regelmäßig gegeneinander.

„Du bist der Anti- Christ dich kann man nicht zu Gattung Mensch mitzählen“, sagte ich. Gerade wollte sie ihren Mund aufmachen um einen weiteren bissigen Kommentar abzugeben, da unterbrach Finn uns.

„Haltet die Klappe, alle beide!“. Das war seltsam, normalerweise hielt er sich aus den Streitereien zwischen mir und Nathalie weitgehend raus.  Wir beide blieben still.

Zu Finn’s Glück musste Nathalie sowieso früher weg, weswegen wir keine weitere Gelegenheit bekamen um uns zu streiten.

Nach der Beerdigung war Finn ungewöhnlich still, normalerweise war er die Fröhlichkeit in Person und grinste als wäre jeder Tag der Beste seines Lebens. Heute wirkte er seltsam angespannt. Ich wusste er würde mir sagen, was mit ihn so quälte, wenn er soweit war, deshalb gab ich ihm etwas Abstand. Wir waren gerade auf dem Weg zum Auto, da rückte er endlich mit der Sprache raus.

„Ich hab nachgedacht“, fing er an.

„Du kannst denken?“, fragte ich gespielt überrascht. Normalerweise hätte er darauf sofort etwas erwidert, heute ignorierte er die Bemerkung gekonnt.

„Nachdem Hans Dieter gestorben ist, habe ich mir einige Gedanken gemacht, das Leben ist kurz, man sollte es genießen solange es geht und nicht einfach vor sich hin vegetieren, wie ich es immer tue, ohne irgendetwas zu ändern. So kann ich nicht glücklich werden…“, sagte er. Er schaue betreten zu Boden und ich konnte ihm einfach nicht sagen, wie albern ich das Ganze fand. Moment, der Postbote hieß Hans Dieter? Gott, war ich gut. Abgelenkt on mir selbst, vergaß ich beinah, was Finn mir da gerade erzählte.

„Was denkst du?“  Oh scheiße stimmt ja…

„Und was willst du an deinem Leben ändern?“, fragte ich schnell. Ich konnte ihn nicht wirklich ernst nehme, wie oft sagte man schon, dass man alles auf den Kopf stellen wollte und tat dann nichts? Genau, das meinte ich. Zudem führte er ein glückliches Leben, er hatte eine Freundin, die zwar das böse in Person war, aber ihn wenigstens wahrhaftig liebte, den weltbesten Freund (mich) und einen tollen Job.  Finn zuckte mit den Schultern und schwieg. Lange. Er war sogar noch stumm als ich ihn vor seiner und Nathalie Wohnung absetzte. Mit einer leisen Verabschiedung verschwand er und während ich ihm so hinter her starrte, dachte ich, dass Veränderung für ihn wohl nicht die schlechteste Idee wäre. Zu meiner Verteidigung wusste ich auch nicht, wie Finn mit den Veränderungen umgehen würde oder dass es überhaupt dazu kommen würde, da ich ihm das nicht wirklich abkaufte, hätte ich das, dann wäre er von mir zurück ins Auto gezerrt und direkt zur nächsten Irrenanstalt gefahren worden.

Ohne weiter über Finn’s Idee nachzudenken setzte ich mich am jenen Abend wieder an den Fernsehen und zockte etwas,   bis mein Handy klingelte. Ich stöhnte als ich Finn’s Namen auf dem Display aufleuchten sah, seit Tagen jammerte er mich nun schon voll. Einen Moment zog ich es in Betracht nicht zu antworten, entschied mich jedoch dagegen.

„Hallo?“

„Hi, Alter! Wie wäre es du und ich heute zusammen in einer Bar?“, fragte Finn aufgeregt. Der Junge am Telefon klang so gar nicht, wie der von der Beerdigung, was mich dazu brachte eine Augenbraue zu heben.

„Ich denke nicht, dass das Nathalie gefallen würde“, antwortete ich vorsichtig, wenn es auch stimmte, Nathalie, die olle Spassbremse, hielt nichts davon, dass Finn und ich nachts in Bars gingen, weil sie wohl nicht glaubte, dass ich ein guter Einfluss auf ihn war.

„Kann mir egal sein, wir haben gerade Schluss gemacht, also wird das kein Problem sein“, antwortete er fröhlich. Ein Moment stockte mein Atem.

„Was?! Darauf habe ich zwölf Jahre gewartet, ich bin auf dem Weg“ Ich legte auf und sprang von der Couch, gleich auf meine Beine.

„Jes“, schreite ich auf „Nach zwölf Jahren, endlich!“

Warte, Zwölf Jahre. Ich hielt inne. Sie waren zwölf Jahre zusammen gewesen. Und jetzt war es vorbei. Finn’s Mutter dachte sie würden heiraten, meine Mutter dachte sie würden heiraten, zur Hölle ich dachte sie würden heiraten und jetzt ist es vorbei. Einfach so. Ich gab zu, ich war nie Nathalie’s größter Fan gewesen, aber wenn jemand nach zwölf Jahren Beziehung Schluss machte, dann war das nicht normal und vielleicht stand Finn noch unter Schock.

Keine zehn Minuten später, stand ich vor Finn’s Tür und dieser öffnete mir grinsend die Tür.

„Hey!“

Ich sah ihn mit weitgeöffneten Augen an. Das war ein ernster Moment und er grinste, sollte er emotional nicht am Ende sein?! Verdammt, ich mochte sie nicht einmal und  war emotional am Ende!

„Ist alles okay? Natürlich ist nichts okay! Was frage ich überhaupt?!“, rief ich aufgeregt.

„Mach dir keine Sorgen ist alles gut“, erwiderte er augenverdrehend. Ich schnaubte, denn ich glaubte ihm kein Wort, ich drängte mich an ihn vorbei in die Wohnung, und stellte fest, dass Nathalies Sachen noch da waren. Okay, vielleicht war doch nicht Schluss oder irgendein Traum, obwohl das so einiges erklären würde.

„Ihre Sachen sind noch da, sie war wahrscheinlich bloß wütend, die kommt zurück, keine Sorge…“, versuchte ich ihn zu beruhigen oder mich selbst, ganz sicher war ich nicht, wen ich nun meinte.

„Ja, ich weiß, sie holt ihre Sachen morgen ab, wenn ich arbeiten gehe. Sie hat es nicht so gut verkraften als ich sie abgeschossen habe, sie war echt wütend…“, erklärte er und schaute mich unschlüssig an. Mein Mund klappte auf, das war wahrscheinlich das Schockierenste, was ich je gehört hatte.

„Du hast sie abgeschossen?!“

„Ja“

„Alter, ich hasse sie, aber du wirst keine bessere finden können, was hast du dir dabei gedacht?!“, brüllte ich ihn an. Ich hätte niemals im Leben gedacht, dass ich mal für ihre Beziehung kämpfen würde, es war als würde Nathalie plötzlich Süßigkeiten verteilen. Finn schnaubte.

„Ach bitte! Komm mir nicht so, wie soll ich mit jemandem zusammen sein, denn mein bester Freund hasst?! Du sagst es selbst du kannst sie nicht ausstehen, das kann auf Dauer einfach nicht funktionieren!“, verteidigte er sich. Was? Das machte absolut keinen Sinn.

„Auf Dauer nicht funktionieren?! Ihr wart zwölf Jahre zusammen und in all der Zeit hat es dich auch nicht gestört, dass wir nicht klar kamen. Das hat dich nie aufgehalten, also tu nicht mal so! Ich weiß noch genau, wie du mir damals als wir 15 waren versprochen hast, sie fertig zu machen, weil ich wegen ihr in der Klemme steckte, am nächsten Tag wieder zu mir kamst und erklärst, dass du mit ihr ausgehen würdest, du warst immer mit ihr zusammen!“ Ich konnte es nicht fassen, ich hatte mich inzwischen damit abgefunden, dass die beiden für immer zusammen bleiben würden und irgendwie auch zueinander passten.

„Exakt! Ich war immer nur mit ihr zusammen, woher weiß ich, dass ich sie wirklich liebe, wenn ich nie mit jemand anderem zusammen war? Was ist, wenn ich nur mit ihr zusammen bin, weil mir alle sagen, wie toll wir als Paar sind. Ich brauch Abstand, zur Hölle ich war nicht mehr Single seit ich fünfzehn gewesen bin, dass ist unglaublich. Ich war fast die Hälfte meines Lebens mit Nathalie zusammen, als Teenager hab ich, dass nicht so durchdacht, Lukas!“ Er war richtig in Rage und einen Moment hielt ich inne. Er hatte Recht. Vielleicht war es keine so dumme Entscheidung, ich meine sie war keine besonders gute Person und wenn man sein ganzes Leben nur mit einer einzigen Person zusammen war, dann konnte man doch gar nicht wissen, ob das wirklich alles war, was die Welt einem zu bieten hatte.

„Das war’s also endgültig?“, wisperte ich. Finn schwieg für einen Moment als würde er über die Frage nachdenken müssen, nickte dann jedoch doch. Wir schwiegen, dabei gesellte sich Nathalie’s fette Katze zu uns, die hatte sie offensichtlich auch noch nicht mitgenommen

„Solange du es für richtig hältst…“

„Tue ich keine Sorge“, versicherte er mir leicht lächelnd. Ich nickte ihm zu und musste unwillkürlich grinsen.

„Gott, ich freu mich schon auf die Reaktion deiner Mutter“, neckte ich und er verzog das Gesicht, darauf lachte ich auf. Zu dem Zeitpunkt glaubte ich wirklich daran, dass Finn ohne Nathalie klar kommen würde. Wie man sich irren kann…

 

Eine Woche später war ich davon überzeugt, dass die Entscheidung Nathalie abzuservieren die beste Idee seines Lebens gewesen war. Finn wirkte um einiges lockerer und musste nicht ständig bei jedem Mist um Erlaubnis fragen, so hätte ich ihn noch nie erlebt und diese neue Seite an ihm mochte ich. Mir kam sein Verhalten in keinster Weise merkwürdig vor, bis wir am Donnerstagabend gemeinsam im Büro saßen, dass wir teilten und uns die neuen Firmenordnungen durchlasen, die unser Chef gerade durchgesetzt hatte.

„Das ist der größte Mist, denn ich in meinem ganzen Leben jemals gelesen habe“, sagte Finn und ballte die Hände zu Fäusten. Ich schaute kurz von meinem Schreibtisch auf, ich fand die neuen Ordnungen gar nicht so schlimm, sie unterschieden sich kaum von den Vorherigen.

„Sind doch ganz okay“, wiedersprach ich. Energisch schüttelte er den Kopf. Ich wunderte mich über ihn, eigentlich war ich immer derjenige der sich beschwerte bis zum geht nicht mehr und Finn derjenige der still daneben saß. Finn erhob sich und dem Stuhl und stapfte Richtung Chefbüro. Als mir klar wurde, was er vorhatte, sprang ich auf und rannte hinterher. Mit dem alten Gert, unserem Chef, war nicht zu spaßen, nur eine  Beschwerde gegen Ordnungen, die völlig okay waren und das war’s mit dem gemeinsamen arbeiten und das wäre unglaublich, denn wir studierten und arbeiten immer zusammen.

Finn ließ sich nicht mal von der Sekretärin beirren, die ich auch schnell aus dem Weg schubste und ehe ich mich versah trat Finn- ohne anzuklopfen- ins Büro und ich genau hinter ihm natürlich, auch.

„Lukas, Finn, wie kann ich euch helfen?“, fragte er sichtlich überrascht.

„Wir wollen mit Ihnen über die neuen Ordnungen reden: Die sind nämlich, was für die Tonne“, kam Finn gleich zum Punkt. Ich blitzte ihn bösen an, den Teufel tat er nun und zog mich mit in die ganze Sache rein.

„Er meint es nicht so, er hat gerade mit seiner Freundin Schluss gemacht, dass nimmt ihn immer noch enorm mit“, mischte ich mich ein, doch Finn übertönte mich zum erste Mal in den 22 Jahre, die wir uns nun kannten.

„Die Arbeitszeiten sind total überzogen… Ich meine es wäre wenigstens fair, wenn sie auch so lange arbeiten würden, aber nein sie alter Sack müssen natürlich früher als alle anderen Schluss machen, während wir uns hier den Arsch ab arbeiten!“, donnerte er. Ich dachte, mein Herz bleibt stehen, das hatte er nicht ernsthaft gerade zu unserem Chef gesagt, oder? Gert starrte ihn mit geweiteten Augen an, seine Kinnlade stand weit offen.

„Er ist verwirrt, braucht ein bisschen Urlaub, der Gute…“, versuchte ich zu retten, was zu retten war.

Unser Chef erhob sich und ballte sich. Das war’s.

„Sie haben Recht, Finn und ich bin beeindruckt, wie sie für ihre Meinung einstehen, hier sagt sonst niemand etwas! Sie können es weitbringen, vielleicht äußern sie sich etwas barsch, aber ansonsten, es freut mich sie für sich eintreten zu sehen, ich dachte schon ich müsste sie rausschmeißen, weil sie sich immer zu nur anpassen“, sagte Gert sichtlich beeindruckt. Beschmiert mich mit Butter und nennt mich Toast. Meine Kinnlade lag am Boden. Das war unfassbar.

Gert versicherte uns (eher Finn, ich stand nur daneben und rangelte nach Fassung)er würde tun, was er kann, dann durften wir endlich gehen. Gleich nachdem wir das Büro verlassen hatten, stellte ich ihn zu Rede.  Auf meine Fragen zuckte Finn nur mit der Schulter.

„Du wolltest, doch immer, dass ich mich verteidige, da hast du es“, sagte er gleichgültig. „Aber weißt du was, mir geht’s nicht besonders ich verschwinde dann mal, wir sehen uns“. Dann verschwand er einfach. Ich vermutete, dass er wirklich einen scheiß Tag hatte, anders konnte ich mir sein Verhalten nicht erklären. Morgen würde es ihm besser gehen, jedenfalls redete ich mir das ein.

Das Problem war nur am nächsten Tag erschien er auch nicht bei der Arbeit. Genauso wie am Tag darauf. Besorgt wollte ich ihn in seiner Wohnung aufsuchen, denn solange hatte er sich noch nie nicht bei mir gemeldet, doch auf mehrmaliges Klopfen reagierte er nicht. Drinnen hörte ein leises miauen einer Katze. Es klang fast so als würde die dort drin krepieren. Das machte mir etwas Sorgen, also beschloss ich nach kurzer Rangelei auf Nummer sicher zu gehen und nachzusehen, nur leider war der Ersatzschlüssel nicht da wo er sein sollte. Inzwischen ernsthaft besorgt, beschloss ich vom Balkon aus in die Wohnung (die sich Gott sei Dank im Erdgeschoss befand) mehr oder weniger einzubrechen. Die Balkon Tür war leicht zu öffnen Angesichts der Tatsache, dass sie leicht angelehnt war. In der Wohnung war es absolut still, ich merkte, dass einige Gegenstände fehlten, vermutlich Nathalies Zeug.  Von Finn war nichts zu sehen. Plötzlich erschien die Katze, wie aus dem nichts, es überraschte mich, dass Nathalie sie nicht mitgenommen hatte. Doch das war unwichtig, denn die Katze sah schrecklich aus, als hätte sie seit mehreren Tagen nichts mehr zu essen bekommen. Ich flitzte in die Küche und machte ihm gleich etwas bereit, die Katze warf sich förmlich auf’s Essen und aß als würde es kein Morgen geben. Finn vergas nie die Katze zu füttern, wenn er da wäre, zu dem sah es nicht so aus als wäre in naher Vergangenheit hier gewesen. Ich nahm sofort die Katze mit mir und alles von dem ich glaubte, dass sie brauchen würde. Den Teufel würde ich tun und sie hier verhungern lassen.

Eine weitere Woche verging ohne, dass ich von Finn hörte, noch immer konnte ich mir kein Reim aus seinem Verhalten machen, aber immerhin so war ich mir ziemlich sicher, mochte die Katze mich wohl um einiges lieber als Nathalie und Finn zusammen. Zugegeben, ich hatte nie viel auf die Katze gegeben, aber sie war mir sehr wohl ans Herz gewachsen. Zurückgeben würde ich sie so schnell nicht. Nicht dass ich erwartete, dass ich Finn je wieder sehen würde, er hatte sich krank gemeldet und ich hab die ganze Stadt nach ihm durchsucht, selbst das Krankenhaus, ich war kurz davor eine Vermisstenanzeige rauszugeben, da klingelte es eines Nachts an meiner Tür. Obwohl ich schon ziemlich müde war, öffnete ich sie, nur um festzustellen, dass mein verlorener bester Freund vor mir stand. Seine blonden Haare waren strubbelig als hätte er sie lange nicht mehr gekämmt und die grünen Augen leuchteten leicht irre.  Das war durchaus besorgniserregend.

„Du hast mir tausend Nachrichten hinterlassen, was ist los?“, stellte er mich zu Rede. Dazu hatte er kann Recht immerhin hatte ich nach ihm gesucht und seine (meine) Katze gepflegt.

„Du warst für mehr als eine Woche verschwunden, warum glaubst du habe ich immer wieder angerufen? Ich musste in deine Wohnung einbrechen und deine Katze vorm Hungerstod retten!“, rief ich mehr als nur empört.

„Ich wusste da war noch was, na ja egal, hab die Katze vergessen“, sagte er Schultern zuckend. Wieder war meine Kinnlade am Boden, ich konnte nicht fassen, was aus Finn geworden war. Er war sonst nie so… sonderbar und kalt. Ich wusste nicht, ob das Nachwirkungen des Postboten waren oder ob Nathalie daran schuld war, aber etwas stimmte nicht mit meinem besten Freund.

„Finn, ich muss mit dir reden…“, fing ich vorsichtig an, unsicher wie er in seinem jetzigen Zustand reagieren würde. Erwartungsvoll schaute er mich an und ich bedeutete ihm sich zu setzen, was er zu meiner großen Überraschung auch wirklich tat.

„Ich weiß nicht, was genau los ist, ob du noch dein Leben ändern willst oder ob die Trennung dir doch nicht so gut tut, wie du es eigentlich wollen würdest, aber in letzter Zeit bist du einfach nicht mehr du selbst. Du tust Dinge, die du sonst niemals gemacht hättest, streitest mit unserem Chef, bist verantwortungslos und verschwindest einfach für mehr als eine Woche. Das ist nicht normal“, erklärte ich ihm, Finn schnaubte leise.

„Nur weil ich mich ein wenig anders verhalte heißt, dass nicht, dass etwas nicht mit mir stimmt, ich bin immer noch derselbe, Lukas“, versuchte er sich zu verteidigen, aber ich wusste, dass er nichts dagegen sagen konnte „Nathalies und meine Trennung hat wohl eher dich verwirrt als mich, vermisst du sie oder was?“ ich stöhnte.

„Du weißt ich hab sie gehasst und jeder Tag von ihr weg fühlt sich an, wie eine Befreiung, aber darum geht es nicht. Es geht darum, dass du beinah ein unschuldiges Tier getötet hast, weil du vergessen hast es zu füttern“, machte ich ihm klar. Dann tat er etwas überraschendes, Fin sackte in sich zusammen.

„Du hast  Recht… Ich weiß einfach nicht, was ich machen sollen, ich hab das Gefühl alles ist einfach zu viel. Ich glaube ich brauche Abstand einfach mal für ein paar Wochen weg, um wieder den Kopf klar zu kriegen, weißt du…“, erklärte er mir, ja das brauchte er wirklich.

„Wenn du so dringend Urlaub brauchst, dann übernehme ich deine Arbeit für einige Wochen bis du den Kopf wieder klar hast, wie wäre es?“, bot ich an.

„Das würdest du für mich tun?“

„Du bist mein bester Freund, natürlich würde ich“, erklärte ich ihm lächelnd. Und schon war es geklärt.

„Was ist mit Miriam?“, fragte Finn. Verwirrt sah ich ihn an. „Die Katze“, erklärte er. Die vergangenen Wochen hatte ich sie einfach die Katze genannt, was meiner Meinung nach besser zu ihr passte.

„Um die kümmere ich mich“, versicherte ich ihm.

Innerhalb einer Woche, übernahm ich weites gehend alle von Finn’s Aufgaben bei der Arbeit und er schaffte es sich für drei Woche in Spanien  einzuquartieren, ich wusste es würde anstrengend werden, aber Finn würde ohne mit der Wimper zu zucken dasselbe für mich tun, also sagte ich nichts. Und ganz ehrlich auch ich, brauchte dringend Urlaub von Finn.

 

Drei Wochen waren vergangen, Finn würde wieder nach Hause kommen. Allmählich wurde es Zeit, denn ich konnte nicht weiter für zwei arbeiten, dennoch war ich zuversichtlich. Finn hatte sich nämlich immer wieder mal gemeldet und klang auch immer mehr nach sich selbst. Ich wartete gerade auf ihn in einem Café, denn er wollte mir wohl etwas Wichtiges mitteilen. Wahrscheinlich nur so ein Scheiß, dass er sich selbst wieder gefunden hatte oder dass Nathalie doch die Richtige war.

Ich blickte zu Tür und da stand er, nur war er nicht allein. Nein, neben ihm stand nicht etwa Nathalie, sondern eine Fremde. Sie war ganz okay aussehend, mit dunklen Haaren,  dunklen Augen und einer extrem dünnen Figur. Sie sah aus wie ein Strich in der Landschaft. Hatte er sie in Spanien, kennengelernt? Finn begrüßte mich fröhlich und setzte sich mit der Fremden an meinen Tisch.

„Das ist übrigens Carmen, wir sind uns in Spanien begegnet“, erklärte er kurz, dann blickte er zu Carmen.

„Soy Lukas me mucho amigo“, kreischte er sie an, diese zuckte etwas zusammen und nickte scheu.

„Entschuldige, sie spricht weder Deutsch noch Englisch, aber das ist jetzt auch nicht so wichtig und wir müssen gleich los zum Essen mit meinen Eltern, aber ich wollte dich unbedingt etwas fragen“, plapperte Finn aufgeregt, er wirkte fast wie er selbst, doch mir schwante böses. Warum brachte er sie her, wenn er nicht mit ihr kommunizieren konnte? Genauso wie ich beherrschte Finn kaum Spanisch und ich bezweifelte, dass seine Kenntnisse in den letzten drei Wochen besonders besser geworden waren.

„Dann schieß mal los“, sagte ich, obwohl ich sicher war, dass ich es nicht hören wollte.

„Bei Carmen und mir war es Liebe auf den ersten Blick und deshalb will ich wissen, ob du mein Trauzeuge sein willst? “

Entsetzen.

„Ihr wollt heiraten?! Wie lange kennt ihr euch?!“, stieß ich aus. Das war schlimmer als eine Katze verhungern zu lassen, was für Drogen hatten die ihm in Spanien gegeben?

„Morgen sind es zwei Wochen, aber manchmal weiß man einfach, dass es Liebe ist, Lukas…“, sage er verträumt.

„Aber ihr könnt kaum kommunizieren!“

„Wer braucht schon Worte“

Jeder andere normale Mensch, wollte ich ihn anschreien, aber ich war zu entsetzt, um irgendein Laut von mir zu geben.

„Also kann ich auf dich zählen?“, fragte Finn erneut, ich konnte nur nicken und brachte etwas zuvor, dass mehr aussah wie Grimasse als ein Lächeln.

„Danke! Ich wusste ich kann auf dich zählen! Deine Aufgaben sind gar nicht so schwer versprochen“,  sagte er, sein Grinsen war breiter geworden.

„Wir haben bereits eine Hochzeitsplanerin eingestellt da wir keine Minute länger warten wollen! Als mein Trauzeuge musst du eine kurze Rede halten, aber nicht lang als fünf Minuten bitte, und wenn alles glatt geht sind wir in weniger als einem Monat vermählt“, erklärte er mir freudendstrahlend. Er wollte ein Mädchen heiraten, dass er nicht einmal einen Monat kannte und dass auch noch so schnell, wie möglich?! Jetzt war er völlig verrückt geworden, ehe ich ihn packen und richtig schütteln konnte, fügte er och hinzu: „Aber wir müssen jetzt sowieso los, und Lukas du hattest Recht, ich brauchte diesen Urlaub wirklich, also Danke!“,  damit standen die beiden auf und hüpfen aus dem Laden. Ich war zu erschrocken um mich zu bewegen. Er schaffte immer wieder mich aufs Neue zu schocken und ich war mir sicher, dass ich derjenige war, der Pause machen sollte. Ich brauchte mehr als nur eine kleine Pause, um ehrlich zu sein, denn seit drei Wochen machte ich seine Arbeit mit, damit er normal wird und dann zog er so einen Scheiß ab. Erst das Klingeln meines Handys brachtw mich zurück in Realität, wenn das Finn ist, würde ich nicht rangehen, aber es war nicht Finn. Es war Mareike, seine Mutter. Ob sie es schon wusste?

„Hallo?“

„Mein Sohn wirft seine Zukunft weg!“, kreischte sie in den Hörer. Das nahm ich mal als ja.

„Sie haben also schon von Carmen gehört“

„Ja, ich kann nicht glauben, dass er Nathalie aufgegeben hat für sie. Ich glaube sie versteht kein Wort von dem was er sagt, Himmel Finnie hat sogar gesagt, dass er sich nicht sicher ist ob Carmen wirklich ihr Name ist!“, weinte sie. Okay, das wurde immer schlimmer. Und ich konnte kaum fassen, dass ich das dachte, aber Nathalie war um Längen besser als diese Schrulle. Wenigstens liebten sie sich und konnten überhaupt kommunizieren.

„Keine Sorge Mareike ich rücke ihm den Kopf zurecht“, versprach ich. Denn jetzt war Schluss, zu lange hatte ich nichts tuend daneben gestanden, während Finn sich sein Leben verpfuschte, ich würde ihn wieder auf den rechten Pfad leiten, komme was da wolle. Ich hatte sogar bereits einen Plan.

„Bitte, mach das. Du bist der einzige dem ich es zu traue“, schluchzte Mareike. Wir verabschiedeten sich, denn für das Essen mit Carmen und Finn musste sie sich fertig machen.

Trotzdem legte ich mein Handy nicht zurück in meine Hosentasche. Ich behielt es in der Hand und klickte auf einen Kontakt, denn ich nie zu vor gedrückt hatte. Verzweifelte Zeiten forderten verzweifelte Taten. Die Person am anderen Ende der Leitung nahm ab.

„Nathalie, hier ist Lukas, ich brauche deine Hilfe“

 

Die Wahrheit war, ich hatte nicht erwarte, dass sie überhaupt auftaucht, denn wenn sie mich so stürmisch angerufen hätte, dann wäre ich wohl auch nicht gekommen. Dennoch wartete ich weiter im Café, unfähig mich irgendwie zu bewegen oder zu begreifen,  was hier eigentlich passierte. Ich fühlte mich, wie im Irrenhaus.

Sie war inzwischen eine halbe Stunde zu spät und ich musste schlucken, vielleicht hatte ich sie wirklich falsch eingeschätzt, vielleicht brauchte sie ihn wirklich nicht mehr… Wenn dem so war, dann hatte ich ein Problem, denn ich wusste nicht, was Finn sonst zu Vernunft bringen konnte. Die Liebe zu Nathalie war das Einzige, was mir in den Sinn kam, aber dafür musste ihre Liebe auch noch da sein. Aber sie musste da sein, kein Mensch kann zwölf Jahre mit einem anderen zusammen sein ohne irgendetwas zu empfinden… Selbst wenn man der Anti-Christ war. Tapfer blieb ich sitzen und blickte erneut zu Tür. Ein Stein fiel mir vorm Herzen. Ich war noch nie so froh gewesen Nathalie zu sehen oder überhaupt froh, wenn sie den Raum betrat. Misstrauisch beäugte sie mich und kam langsam näher. Ihre Augen blitzen als sie mir ins Gesicht sah, was wenig verwunderlich war, denn dort stand nichts außer purer Verzweiflung. Wenn ich nicht kurz vor einem Nervenzusammenbruch gestanden hätte, würde ich es nie wagen, Schwäche vor ihr zu zeigen, genauso wenig wie sie vor mir. Aber das war ein Notfall sie musste verstehen, was auf dem Spiel stand.

„Lukas… Du siehst echt scheiße aus“, lautete ihre Begrüßung. Ich war nicht sicher, ob sie es wirklich so meinte oder ob es einfach ihre gewöhnliche Begrüßung war, dass erste Mal wäre es nämlich nicht.

„Ich weiß du bist wahrscheinlich überrascht von mir zu hören, ich dachte ehrlich gesagt auch, dass wir uns nie wieder sehen würden“, fing ich und verstummte. Ich wusste einfach nicht, wo ich anfangen sollte, ich hatte zu große Angst, dass sie ablehnen würde und dann wäre ich am Arsch. Zur Not musste ich flehen. Ich verfluchte Finn und seine verdammte Dummheit.

„Ich kann nicht sagen, dass ich es nicht bin, aber andererseits natürlich vermisst du mich schrecklich, du brauchst immerhin jemanden der dir ab und an mal die Meinung geigt“, stachelte sie.

„Ich hab ein Angebot für dich“, das war ein guter Anfang, fand ich. Nathalie hob eine Augenbraue.

„Ein Angebot?“

„Ja“

„Worum geht’s?“, fragte sie mich und die Skepsis in ihrem Gesicht war kaum zu übersehen.

„Finn, er ist nicht mehr der Alte“, versuchte ich zu erklären, doch schon bei der Erwähnung seines Namens keifte sie und ich dachte sie würde zu Furie werden.

„Was Finn macht, geht  mich nichts an immerhin sind wir kein Paar mehr“, sagte sie erhobenem Hauptes. Aber ich war mir sicher etwas Bitterkeit gehört zu haben, ein gutes Omen.

„Kennst du seine neuste Idee schon?“, fragte ich sie. Nathalie schnaubte.

„Dass er heiraten will? Ja, Mareike hat es mir erzählt, sie wollte unbedingt, dass ich etwas unternehme  und hat irgendwas gemurmelt von einziger Chance, oder so was“, sagte sie Achselzuckend. Zugeben beleidigt, weil Finn’s Mutter Nathalie zuerst angerufen hatte, war ich schon, denn ich kannte ihn immerhin länger, aber ich wusste das es nichts zur Sache tat.

„Deshalb brauche ich ja deine Hilfe“

„Hätte nie gedacht, dass du mich um Hilfe bitten würdest, ich hab angenommen du würdest, dass nicht Mal tun, wenn dein Leben davon abhängt“, sagte sie und so böse, wie nun einmal war, ergötzte sie sich richtig an meinem Unglück.

„Ja, ich brauche deine Hilfe, verdammt! Aber das ist nicht der Springende Punkt, du musst mir helfen Finn wieder normal zu machen, er kann diese Carmen nicht heiraten, ich meine sie können sich nicht einmal verständigen?! Und ich denke die Liebe zu dir ist das Einzige, was ihn wieder in die richtige Richtung bringt!“, okay das klang um einiges verzweifelter als ursprünglich geplant. „Bitte“, fügte ich hinzu als hätte ich mich nicht schon genug blamiert.

„Und was könntest du mir bieten, dass gut genug ist, dass ich ihm helfen würde, obwohl er mich einfach abserviert hat?“, fraget sie, Nathalie sah so aus als würde sie jeden Moment aus dem Café stürmen. Ich schluckte und versuchte mir weiter einzureden, dass ich Finns Seele gerade nicht verkaufte, sondern ihm half, er liebte sie a immerhin.

„Finn“, antwortete ich und versuchte lässig zu klingen, was mir aber nicht gelingen wollte.

„Glaubst du wirklich ich will Finn? Warum denkst du, ich sollte jemanden wollen, dem zwölf Jahre Beziehung nicht bedeuten zu scheinen? Du bist ja noch dümmer als du aussiehst, Lukas, wie zur Hölle kommst du darauf, dass ich dir helfen würde?!“, donnerte sie und sprang auf, sie war richtig aufgebracht. Stumm betete ich, dass ich richtig lag.

„Die Katze“, antwortete ich emotionslos.

„Die Katze?“

„Ja, sie gehört dir trotzdem hast du sie bei ihm gelassen, weil du dir sicher warst, dass er zurückkommen würde, ansonsten hättest du sie gleich mitgenommen. Ach ja übrigens, keine schlaue Idee: Er hat sie nämlich fast verhungern lassen, aber bevor dir Sorgen machst die Katze lebt jetzt bei mir“, erklärte ich. Sie hielt inne und ich wusste ich hatte sie.

„Er hat Miriam fast getötet?“, brachte sie zwischen zusammen gepressten Lippen raus, ich nickte.

„Und deshalb brauch ich dich, ich weiß, dass Finn dich noch liebt und wenn wir ihn wieder daran erinnern, dann wird ihm nu alles wie vorher“, versprach ich.

„Ausgerechnet du, willst, mich und Finn wieder zusammen bringen? Wie soll ich dir bitte vertrauen?“, fragte Nathalie und sie klang vorwurfsvoll.

„Wir könnten so eine Art Waffenstillstand schließen und ganz ehrlich ich hab Carmen gerade kennengelernt, alles ist besser als die, sie können nicht mal kommunizieren! Und was, dass mit dem Vertrauen angeht, du musst es einfach, so wie ich dir vertrauen muss“, erwiderte ich und hoffte zu ihr durchdringen zu können. Sie setzte sich wieder an unseren Tisch und sah mich abwertend an.

„Hast du einen Plan?“, fragte sie und ich nickte zögernd. Sie rollte die Augen „Das kann ja heiter werden“

Nach dem ich ihr meinen Plan erklärte, starrte sie mich weiterhin kritisch an. Unser Kellner, der vor allem mich beäugte, brachte uns unseren Kuchen.

„Dir ist klar, dass das nicht funktionieren kann? Dia Show? Ist das dein Ernst?“ Ich fand meinen Plan genial, sie kritisierte ihn wahrscheinlich nur aus alter Gewohnheit.

„Schau mal, wenn wir wollen, dass das funktioniert müssen wir uns vertrauen. Außerdem kennst du Finn, der wird unbedingt eine Dia Show haben wollen, wenn ich ihm das vorschlage! Ich werde versuchen dich in der Rede so gut wie möglich darzustellen und du musst mir einfach vertrauen. Ich weiß auch nicht ob du deinen Part schaffst, ohne Carmen die Augen auszukratzen, aber ich muss dir vertrauen, also ja ich glaube wir schaffen das“, verteidigte ich meinen (todsicheren) Plan. Dann nickte Nathalie.

„Meinetwegen. Waffenstillstand?“, sie hielt mir ihr Hand hin, ich nahm sie und erwiderte „Waffenstillstand“

Unsere Kuchen aßen wir in Stille, ich glaubte es war, dass erste Mal, dass Nathalie und ich solange beieinander saßen ohne zu streiten, vielleicht schafften wir das ja doch. Als mein Display aufleuchtete, fluchte ich kurz, aber ich wusste, dass ich sofort los musste.

„Anti- Ich meine Nathalie, ich muss zu Arbeit, warte ich lass etwas Geld hier“, saget und wühlte schon nach meinem Portemonnaie, doch Nathalie winkte ab.

„Ich bezahle, als Friedensangebot“, sagte sie und ich lächelte dankbar, ich hätte wissen müssen, dass etwas faul war. Dementsprechend war es wohl auch wenig überraschend als mich am Abend unser Kellner anrief und mir mitteilte, dass er sehr gerne mit mir ausgehen wollen würde und dass es ihm nichts ausmachte, dass ich etwas schüchtern war. Soviel zum Thema vertrauen. Dieses kleine Miststück.

 

Heute war es soweit der Tag der Verlobungsfeier. Alles oder nichts. Ich ging den Plan nochmal durch, ich versicherte mir, dass es Idiotensicher war und dass ich etwas Vertrauen haben musste, Nathalie liebte Finn auch.

Ich betrat den Club, den Finn gebucht hatte und ging gleich in seine Richtung, seine Verlobte war Gott sei Dank nicht zu sehen, in wenigen Minuten würde ich meine Rede halten und Finns Leben retten.

„Lukas!“, rief er über die laute Musik hinweg, ich drehte meinen Kopf zu ihm und grunzte als Zeichen der Erkennung.

„Wegen deiner Rede, ändere die Carmens in Marias, ich hab wohl doch einen falschen Namen verstanden, wie dämlich…“, erklärte er mir. Ich war nicht mal geschockt in der Woche in der ich Carmen- entschuldige Maria- jetzt schon kannte hatte sie kein Wort gesagt, dass war etwas seltsam. Ich nickte nur. Das wäre kein Problem, nicht dass ihr Name überhaupt in meiner Rede auftauchte. Upps. Mein Blick war an die Tür geheftet, jede Sekunde musste sie eintreten, Finn musste sie sehen. Was wenn sie doch nicht wollte? Wenn sie nur mit mir scherzte? Ich atmete tief ein, hab Vertrauen Lukas, alles wird gut. Und da stand sie, die dunklen Haare hatte sie hochgesteckt und ihre braunen Augen, wirkten noch größer als sonst durch das Make- up. Erleichtert atmete ich aus.

„Hey, Finn? Ist das Nathalie? Hast du sie etwa eingeladen?!“, fragte ich gespielt entsetzt und sah zu, wie Finns Kopf sich sofort Richtung Tür bewegte. Seine Kinnlade klappe auf und er fluchte.

„Verdammt, das war bestimmt meine Mutter, scheiße! Ich will sie nicht hier haben“

Ich tat als wäre ich total erschrocken und ganz ehrlich auch wenn Nathalie das Gegenteil behauptete, fand ich mich selbst brillant.

Nathalie kam in schnellen Schritten auf uns zu und lächelte verführerisch.

„Was tust du denn hier?“, zischte Finn, er war nicht erfreut.

„Ich kann, doch deine Verlobung nicht verpassen, Finnie! Keine Sorge ich bin nicht hier um eine Szene anzuzetteln“ Sofort entspannte Finn sich, wenn der nur wusste.

„Du solltest trotzdem verschwinden“, sagte ich bevor Finn etwas sagen konnte, wir wussten es würde komisch aussehen wenn Finn sie rausschmiss und sie trotz Wunsches des Bräutigams bleiben würde, aber bei mir? Aus reinem Trotz, würde sie bleiben, so würden es sich die meisten jedenfalls erklären.

„Das glaube ich nicht, Lukas, glaub es oder glaub es nicht, ich sehe Finn als Freund immerhin kennen wir uns eine Ewigkeit. Ich bin glücklich für ihn und na ja ich hatte genug Zeit um darüber hinweg zu kommen, deshalb habe ich mich so über die Einladung gefreut, weil ich wollte, dass du das weißt“, erklärte sie und lächelte Finn süß an. Ich würde es bis zu dem Tag an dem ich sterbe leugnen, doch das machte sie klasse, sogar ich kaufte es ihr ab, dass sie kein kaltherziges Monster war. Finn schob die Augenbrauen zusammen.

„Du bist über mich hin weg?“, fragte er und ich hätte schwören können Bitterkeit rauszuhören. Eifrig nickte Nathalie.

„Ich meine ich werde dich immer lieben… Aber ich akzeptiere, dass es das Ende ist, so ist das eben“, sagte sie „Ich würde gerne deine Verlobte kennenlernen, wo ist sie denn?“ Gott klang die Fröhlich, Moment das war mein Stichwort. Finn schaute mich unentschlossen an.

„Oh, ich muss jetzt die Rede halten, bis gleich, ich hoffe sie gefällt dir“ und ehe Finn mich  aufhalten konnte, stampfte ich Richtung Bühne.

Die Dia Show hatte lange gebraucht bis sie fertig war, da Carmen- Maria- fast keine Bilder von sich hatte und weil es schwer war ein Bild von Finn finden in dem er nicht mit Nathalie zusammen war, was Finn aber nicht wusste war, dass ich nicht diese Dia Show verwenden werde, die ich ihm gezeigt hatte, sondern ein Selbstgemachte.

Auf der Bühne angekommen klirrte ich mit einem Löffeln gegen ein Glass um die Aufmerksamkeit auf mich zu richten. In der Menge machte ich Finn und Nathalie aus, die noch miteinander sprachen, sie wirkte ruhig. Ich ließ die Dia Show abspielen, ich war vollkommen aufgeregt, denn noch nie in meinem Leben hatte ich etwas Nettes zu Nathalie gesagt.

„Meine lieben Damen und Herren, ich bin Finns Trauzeuge Lukas und ich werde euch heute etwas über ihn erzählen“ Ein Bild von Finn in den Windeln erschien „Ich glaube ich bin die Person, die Finn am besten auf der ganzen Welt kenne, immerhin kenne  ich ihn seit ich fünf bin und genau solange, sind wir schon befreundet, wobei ich zugeben muss, dass es vielleicht eine Person gibt, die ihn besser kennt“ Ein Bild von Nathalie erschien, die Menge starrte gebannt auf den Bildschirm. „Ich werde ehrlich sein, ich konnte Nathalie nie gut leiden, das fing schon an als sie und ich in der fünften Klasse nebeneinander gesetzt worden waren, es war Hass auf den ersten Blick gewesen“ Einige lachten und auch ich musste glucksen. „Jahrelang hat sich Finn meine Beschwerden über Nathalie angehört, obwohl er persönlich nie wirklich etwas gegen sie hatte, aber aus Freundschaft zu mir, blieb er standhaft, dann kam der Schicksalhafte Tag als wir 15 waren. Nathalie hatte etwas getan, was mich in die Klemme steckte, ich weiß nicht mal mehr was genau passiert war, und Finn wollte mich rächen, doch am nächsten Abend kam er mit der Nachricht er wäre mit ihr verabredet zurück, ich war verärgert und zugegeben ich war zwei Jahre lang davon überzeugt, dass sie ihn nur wollte um mir eines über zu wischen. Aber irgendwann habe ich erkannte das die beiden nie Schluss machen würden, denn sie passten einfach zusammen. Es funktioniert einfach und ganz ehrlich ich würde mich über so eine Liebe freuen…Nathalie ist auch wenn ich das oft leugne eine tolle Frau und mit ihr hat Finn den Jackpot geknackt, auch wenn er gerade, zu blind ist um das einzusehen. Deshalb bin ich der festen Meinung, dass nicht Carmen, Maria oder was auch immer ihr Name ist, nicht an seiner Seite stehen sollte, sondern Nathalie, so wie es schon immer sein sollte“, ich beendete meinen Monolog und auch die Dia Show endete, sie hatte mich begleitet mit Bildern von Nathalie und Finn zusammen. Die Menge klatschte und flüsterte aufgeregt.

Finn wollte den Mund öffnen, wahrscheinlich um mir Vorwürfe zu machen, doch ein Schrei unterbrach ihn.

„Mareike!“, kam es aus der Menge. Finns Mutter lag auf den Boden und hielt ihre Hand gegen die Brust.

„Ich glaub sie atmet nicht mehr!“ Ich stürmte von der Bühne runter und als ich an Nathalie vorbei kam, zischte sie: „Ich wusste, dass funktioniert nicht!“, kam es von ihr.

Doch es war mir egal. Eher wir uns versahen saß  ich mit Finn im Krankenwagen, die ganze Fahrt schluchzte Finn vor sich hin. Im Krankenhaus angekommen wurde ich in einen Wartebereich geschickt, während Finn mit zu seiner Mutter ging. Ich kannte Mareike seit ich klein war, das war nicht einfach irgendein Postbote sondern eine Person, die mir sehr am Herzen lag.

„Ist alles okay bei ihr? Lebt sie noch?“, stürmte nun Nathalie, die ich nicht einmal bemerkt hatte, in den Wartebereich.

„Ich weiß noch nichts…“, erwiderte ich. Sie saß sich neben mich, keinen von uns war danach zu Mute etwas Gemeines zu sagen.

„Was du heute gesagt hast über mich, war wirklich nett, ich… ich hätte dir mehr trauen sollen“, erklärte sie.

„Ja, aber es stimmt, ihr passt wirklich gut zusammen, aber nach Finns Gesichtsausdruck zu urteilen, denkt er das nicht und ich glaube auch nicht, dass ich ihn noch besten Freund nennen kann…“, erwiderte ich, sie lächelte schwach.

„Wenn Finn und ich je geheiratet hätten, dann wäre das wirklich eine wunderbare Rede gewesen“, tröstete sie mich. Wer hätte das gedacht? Das sie ausgerechnet mich einmal trösten würde… Bevor ich etwa erwidern konnte kam Finn zurück, sofort standen Nathalie und ich auf.

„Sie ist über den Berg“, murmelte er ohne uns anzusehen, seine Augen waren rot und verheult. Er warf sich auf einen Stuhl und legte seinen Kopf in die Hände. Wie automatisch setzte Nathalie sich zu ihm, sie griff nach einer seiner Hände, er gab ihr diese und setzte sich etwas auf. Er wendete sich zu mir. Jetzt kams.

„Es tut mir Leid“, erneut schaffte Finn es meine Kinnlade nach unten klappen zu lassen „Ich weiß du wolltest mir nur helfen“, fügte er hinzu.

„Kein Thema“, murmelte ich leicht lächelnd. Dann wandte er sich zu Nathalie, er schaute sie forschend an.

„Ich hab es echt versaut, oder?“, fragte er sie und sie nickte leicht. Schnell schaute ich weg, da ich mich so fühlte als würde dieser Moment nicht zu mir gehören.

„Gott ich bin so ein Idiot, du willst nur das Beste für mich und mach alles kaputt. Ich kann verstehen, dass du über mich hinweg bist, wäre ich auch“, fügte er bitter hinzu. Ich wusste, dass er sie noch liebte, doch ich sagte nichts, ich wollte den Moment nicht zerstören. Eine Weile schwiegen wir.

„Finn?“, meldete sie sich nun zu Wort.

„Hmm?“

„Wenn wir unseren Enkel von dieser Geschichte erzählen, dann lassen wir diesen Teil der Geschichte einfach aus“, sagte sie und lächelte ihn an. Er drückte ihre Hand fester und grinste.

„Bitte, ich glaub ich muss gleich kotzen“, mischte mich in alter Lukas Manier ein. Ich machte noch ein würgendes Geräusch. Nathalie verdrehte die Augen und Finn lachte. Alles war wieder beim Alten.

„Schauen wir nochmal nach Mareike, Finn, ich will sicher gehen, dass es ihr gut geht“, meldete sich Nathalie zu Wort, und zog Finn Richtung Zimmer. Grinsend sah ich den beiden hinterher. Vielleicht war es, doch nicht so schlecht Nathalie hier zu haben. Ich würde sie nie wahrhaftig mögen, aber irgendwie gehörte sie mit in die Zukunft. Bevor Finn und sie die Tür erreichten, hielt sie nochmal inne. Sie drehte sich zu mir und grinste böse.

„Dein Anzug sieht so aus als hätte jemand drauf gekotzt“, sagte sie giftig und breit grinsend hob ich eine Augenbraue. Oh ja, alles war wieder beim Alten.

„Fahr zur Hölle“