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Roter Sand

von Karen Thomberg, 14 Jahre

Vorsichtig und von Schmerzen gequält öffnete ich meine versandeten Augen. Das erste,  was ich sah waren, brennende Trümmerteile, die eine graue Rauchwolke in den Himmel schickten. Die Flammen  stammten von einem Flugzeug, das  meinen Bruder und meine Freundin und mich nach Ägypten bringen sollte. Doch durch den Ausfall eines Triebwerkes lag ich jetzt unter Trümmern begraben, die meinen schwachen Körper zusammendrückten als wäre ich ein Käfer.

Eigentlich hätte ich um Hilfe rufen müssen, doch immer wenn ich Luft holte, drang der Sand der Sahara in meine Lunge und verschlug mir die Sprache. Der von Asche erfüllte Himmel machte das Luftholen zusätzlich schwer. Mein Körper wurde von einem Bruchstück der Tragfläche in den Sand gedrückt. Ich hatte das Gefühl, ich müsste ersticken.

„Toby!“ Jemand rief meinen Namen.

Mein Blick schweifte über die Wüste und die Trümmerteile. Erst jetzt entdeckte ich das wahre Ausmaß des Unglücks. Nur das Vorderteil des Flugzeuges lag in Einzelteilen um mich herum verstreut.

Da sah ich plötzlich den Ursprung der Stimme, die mich gerufen hatte. Es war mein Bruder, Moe. Er stand nur wenige Meter von mir entfernt. Moe atmete gleichmäßig und ruhig, obwohl Wunden in seinem Körper klafften und sein Gesicht Blut verschmiert war.

„Toby! Ein Glück, du bist noch am Leben“, sagte Moe.

Ich keuchte, als mein Bruder das Trümmerteil so weit hoch gehoben hatte, dass ich mich befreien konnte. Nur mit großer Mühe und der Hilfe meines Bruders konnte ich mich auf dem Beinen halten.

Vorsichtig setzte ich einen Fuß vor den anderen, musste dabei aber nach unten schauen damit ich die Balance halten konnte. Das Blut aus der Kopfwunde verwischte meinen Blick. Die Sahara sah ganz rot aus.

„Hilfe!“, kam eine schwache Stimme aus einem Trümmerhaufen.

Mein Bruder und ich gingen an vielen toten Körpern vorbei, sie waren von Sand bedeckt. Zum Glück! Ich wollte nicht sehen, wie mich ihre toten Augen anstarrten. Eine der Leichen war nicht so stark bedeckt, ihr Kopf war halb abgerissenen – ich wandte meinen Blick ab. An einem Trümmerhaufen ließ mein Bruder mich in den heißen Sand gleiten, während er versuchte, eine um Hilfe rufende Person zu befreien. Eine Hand streckte sich Moe entgegen und er schaffte es, einen Mann aus den Trümmern hervor zu ziehen.

„Wie geht es Ihnen?“, fragte Moe.

„Wisst ihr, wo meine Frau ist?“, fragte der Mann.

In diesem Moment fragte ich mich, wo meine Freundin war. Eigentlich konnte sie gar nicht hier bei der Düne liegen, die das Flugzeug in zwei Teile gebrochen hatte. Kurz vor dem Absturz war sie nach hinten zur Toilette gegangen. Wenn überhaupt musste sie auf der anderen Seite der Düne liegen. Panik erfasste mich und ich musste nach wenigen Schritten einsehen, dass ich keine Kraft hatte um weiter zu gehen. Um nicht meine größten Wunden von dem Sand verunreinigen zu lassen ließ ich mich auf den Boden sinken und legte mich auf den Rücken. Ich atmete langsam ein und wieder aus, bis ich glaubte, wieder Kraft zu haben.

„Toby! Steh auf!“, forderte mein Bruder mich auf.

Er hatte es inzwischen geschafft, den verletzen Mann auf seine Schultern zu stützen. Der Mann konnte kaum stehen, aber aus Sorge um meine Freundin Mandy waren mir seine Leiden in diesem Moment egal. Ich schaute in den schwarzen Himmel als ich es geschafft hatte mich die Düne hoch zu schleppen. Die Rauchwolke bedeckte fast alles und lies Asche auf den Boden sinken.

Ich blickte zurück zu Moe und dem Mann. Ich konnte erkennen, dass sie sich gerade die Düne hoch schleppten und nach wenigen Sekunden schließlich neben mir standen. Der Mann stützte sich immer noch auf meinen Bruder ab und fing an zu husten. Einen Schritt ging ich nach vorne.

Ich stürzte die Düne hinunter und mir wurde schwarz vor Augen.

Mein Bruder setzte den Mann in den Sand und beugte sich zu mir herunter. Moe beeilte sich, mir auf die Beine zu helfen. Doch es half nichts! Er ließ mich wieder auf den Boden sinken und starrte mich besorgt an.

In diesem Moment schrie der Mann: „Meine Frau!“

Er torkelte auf einen weiblichen Leichnam zu, der nahe bei einem brennendem Flugzeugstück lag. Tränen zeichneten weiße Linien in sein rußgeschwärztes Gesicht. Er ließ den Kopf auf den Boden sinken und streichelte über die Hand seiner Frau.

Ich konnte nur hoffen, dass es mir nicht genau so ergehen würde wenn ich meine Freundin finden sollte. Sie musste bei mir bleiben, ich liebe sie doch so sehr.

„Was ist denn? Ist es wegen Mandy?“, fragte Moe, als er bemerkte wie sich auch in meinen Augen die Tränen stauten.

„Ja!“, sagte ich mit schwacher und zittriger Stimme.

„Ich habe aber nur die Kraft einen zu heben. Ich werde erst einmal dir helfen“ sagte mein Bruder.

Gemeinsam suchten wir in die Trümmern nach Zeichen von Mandy.

Ich sah verbrannte Koffer, zerfetzte Sitze und einen Strohhut. Erst nach einer Viertelstunde fand ich etwas, das Mandy gehört hatte. Es war ihre silberne Kette. Nur das Herz mit ihrem eingravierten Namen blitzte aus dem Sand auf. Ich kniete mich nieder und griff nach der Kette. An ihr klebte kein Blut, diese Erkenntnis brachte ein Hoffnungsschimmer in mir auf.

„Mandy! Mandy!“, rief ich mit schmerzender Lunge.

Ich wiederholte meinen Ruf, immer wieder, bis ich ein leises Keuchen hörte. Ich beschleunigte mein Schritt, so drastisch, dass Moe mich nicht mehr stützen konnte und ich nach wenige Schritte zusammenbrach. Doch ich schleppte mich auf Händen und Knien zu der Stelle, von der das Geräusch gekommen war. Vorsichtig schaute ich in eine Spalte, aus der mich eine Leiche anstarrte. Vor Schreck schrie ich auf und fiel auf den Rücken.

„Toby?“, fragte eine schwache, weibliche Stimme.

Ich wusste nicht genau, ob es die Stimme meiner Freundin war. Ich rappelte mich auf und schaute diesmal in einen anderen Spalte. Ein Mensch lag nur wenige Zentimeter von mir entfernt. Doch das Gesicht war von mir abgewandt. Der Mensch atmete noch.

„Mandy?“

„Hilf mir“, flüsterte sie

„Moe komm her! Schnell. Mandy hat überlebt!“.

Moe stand nach wenigen Sekunden neben mir, während ich mich an einem der Trümmerteile hochzog und mich daran machte, leichte Stücke mit einem Arm auf den Boden hinter mir zu werfen. Moe hob die schweren Teile weg, und nach einer Weile konnte ich die blonden Haare meiner Freundin sehen. Als nächstes kam der Rücken und der restliche Körper zum Vorschein. Als Moe und ich es geschafft hatten, drehte sie ihren Kopf zu mir und schaute mich mit ihren blauen Augen an. Mein Bruder und ich hoben sie aus dem Trümmerhaufen und legten sie auf den Sand. Ihr Gesicht war unverletzt, aber der restliche Körper war von klaffenden Wunden und Trümmersplittern bedeckt. Als erstes zogen wir die Splitter aus ihrem Körper, ich konnte dabei kaum zu- schauen.

Moe packte Mandy unter die Arme und hievte sie hoch. Ich stand auf und ging mit zittrigen Beinen denn beiden hinter her. Moe blieb immer wieder stehen, damit ich mich auf seine Schultern stützen konnte.

Es ging langsam voran. Mandy hatte große Schmerzen. Erst nach einer ganzen Weile sah ich den Mann, der sich neben seine Frau gelegt hatte und ihren Ehering in den Händen hielt.

„Wir haben noch jemanden gefunden! Es ist Mandy, die Freundin meines Bruders“, erklärte Moe dem bitterlich weinenden Mann.

„Sie sieht aber nicht gut aus“, bemerkte der Mann.

„Da haben sie Recht. Sie sollte sich ausruhen. Deswegen würde vorschlagen, dass ihr hier bleibt und überlegt, was wir machen sollen. Ich werde erste einmal Wasser oder Nahrung suchen gehen“, erwidert Moe.

Er setzte uns auf den Boden ab und begann zu suchen.

Mandy lehnte sich gegen meine Schulter  und schaute mich mit schwachem Blick an.

„Sollen wir hier warten?“, fragte ich.

„Ich bin dafür, dass wir nicht hier warten sollen. In so einer Wüste findet niemand uns so schnell“, bemerkte Moe, der vom Weiten mit gehört hatte.

„Da hast du recht! Aber hat irgendjemand eine Ahnung, in welche Richtung wir gehen sollen?“, fragte Mandy in die Runde.

„Nein!“, sagte der Mann. Dieses „Nein“ schien für mich zweideutig zu sein.

Erstens: Kein Ahnung wohin wir gehen sollten. Zweitens: Er keine Lust los zu gehen.

„Ich aber!“, rief ich rein.

„Und?“

„Gerade als die Durchsage kam, dass ein Triebwerk ausgefallen ist, sind wir an einer Siedlung vorbei geflogen. Ungefähr 10 Minuten bevor… ihr wisst schon“, sagte ich. Es schmerzte ein bisschen im Kopf sich langsam zu erinnern, was in diesem Flugzeug geschehen war.

„Ich habe etwas gefunden“, Moe kam mit sieben Wasserflaschen um die Ecke.

Jede einzelne mit befleckt. Es war eindeutig, das Moe sie nicht einfach so im Wüstensand gefunden hatte.

„Es gibt eine Siedlung in Richtung des Hecks.“

Moe schaute mich begeistert an.

„Das ist doch eine gute Nachricht, wir sollten sofort los gehen“, rief er.

„Ich will nicht weg von hier. Die anderen werden uns schon finden. Auch wenn nicht! Ich bleibe bei meiner Frau!“, sagte der Mann.

„Warum? Sie werden hier sterben“, antwortete ich.

„Ich bleibe bei meiner Frau“, donnerte der Mann mit für seinen Zustand ungewöhnlich lauter Stimme.

„Wir werden Sie aber nicht zurück lassen. Nehmen Sie doch den Ring und gehen mit uns von diesem grässlichen Ort weg. Er birgt doch nur schlimme Erinnerung“,

Zum ersten Mal hatte Mandy ihre Meinung deutlich gesagt. Normalerweise hielt sie sich zurück. Sie überließ den anderen die Entscheidung. Doch jetzt, da ein Menschenleben auf dem Spiel stand, sagte sie ihre Meinung.

„Da haben sie vielleicht Recht. Aber ich liebe sie immer noch“, sagte der Mann..
„Es nützt doch nichts…“,

In diesem Moment fasste mein Bruder mir auf die Schulter und drehte mich ruckartig in seine Richtung. So einen Blick hatte ich vorher noch nie bei ihm gesehen. Er zeigte Verständnis aber gleichzeitig Trauer. Er schien den Mann zu verstehen und wollte ihn anscheinend hier bei dem Flugzeug lassen.

„Gut! Aber es ist Ihre Entscheidung“, gab ich schließlich unter dem Blick meines Bruders seufzend nach.

„Danke! Vielleicht sehen wir uns wieder“,

Der Mann nahm sich zwei Flaschen. Ich stand auf, wurde aber von ihm zurückgehalten. Mein erster Gedanke war, dass er doch seine Meinung geändert hätte. Aber er reichte mir einfach nur sein Hemd: „Nimmt es als Trage für die Flaschen“, sagte der Mann.

Ich wankte auf meinen Bruder zu, der auf dem Rand der Kuhle zu ging. Erst als ich neben meinen Bruder stand und mir die Kette von Mandy um den Hals legte bemerkte ich, dass ich mir Sorgen um den Mann machte. Ich schaute zurück – wandte aber meinen Blick sofort wieder ab.

„Also wenn ich es richtig sehe, müssen wir Richtung Westen gehen. Aber ich bin mir sicher, in der Siedlung gibt es keine Menschen die uns helfen können“, bemerkte Mandy

„Dort waren viele Menschen. Sicher wird uns einer helfen können“, wandte ich ein.

Langsam machte ich mich daran, die Düne hinunter zu rutschen. Doch das hatte fast die gleiche Folge wie bei letzten Mal. Ich stolperte und landete unsanft am Ende des Abhangs.

„Legen wir doch die Flaschen in das Hemd, das mir der Mann gegeben hat“, schlug ich vor. Daraufhin legte mein Bruder die Flaschen auf den Boden und ich wickelte sie alle ein und band sie um meinen Bauch. Langsam stand ich auf und schaute nochmal zurück. Ich machte die ersten Schritte.

 

Schon bald erreichten wir ein steile Düne. Sie würde eine große Hürde sein.  Mandy brauchte am meisten die Hilfe meines Bruders. Also stieß ich mich von ihm ab und robbte die Düne hinauf, auch wenn ich immer wieder nach hinten rutschte. Als ich  einfach nicht nach oben kam, ließ ich mich auf den Boden sinken und blieb liegen.

„Was ist los?“, fragte mein Bruder als er neben mir stand.

Ich antwortete nicht. Stattdessen schaute ich zu Mandy, die mich aufmunternd anlächelte. Deswegen liebte ich sie auch, sie konnte mir Mut machen. Diese schöne „Gabe“ machte sie zu so etwas Besonderem. Also nahm ich noch mal meinen ganzen Mut zusammen.

Ich stand auf und schaute nach ob den Flaschen. Alle waren noch da!

Vorsichtig bewegte ich mich voran und schaffte es schließlich nach oben. Anscheinend ragte diese Düne über alle anderen hinweg. Aus Hoffnung, die Siedlung zusehen richtete ich mich auf den Zehenspitzen auf und kippte fast hinten über.

„Kein Rauch, keine Siedlung! Schöner Mist“, keifte Moe und strich sich über das blutige Gesicht.

„Sollen wir weiter?“, fragte Mandy mich.

„Ja!“, sagte ich mit einem Nicken.

Moe stimmte zu und ging voran. Ich ging ihm vorsichtig nach. Leider gibt es in Wüsten mehr Wind als ich erwartet hätte. Eine Windböe erfasste mich. Sie stieß mich auf den Bauch. Ich versuchte mit den Beinen meine plötzliche Rutschpartie ab zu bremsen. Doch ich rutschte an Moe vorbei. Er kam auf die Idee es mir gleich zu tun. Mandy hatte er auf seine Schoß gesetzt rutschte mit ihr hinunter. Dies entpuppte sich als schlimmer Fehler.

Moe`s Rutschpartie stoppte abrupter als meine, er fiel vorne über. Meine Freundin wurde von ihm regelrecht begraben. Mein Bruder stemmte sich direkt neben mir hoch und lehnte sich gegen die Düne. Mandy schaffte es sich langsam hoch zu ziehen. Sie ließ sich in meine ausgestreckten Arme fallen. Mit einem wunderschönem Lächeln schaute sie mich an und strich mir mit der Hand über das Gesicht.

„Das hat mir gerade noch gefehlt“, grollte Moe und fasste sich an die Schulter. Sie blutete. Es war nur eine etwas schwerere Schürfwunde.

„Geht es?“, fragte ich meinen Bruder besorgt.

„Es geht schon! Sind noch alle Flaschen heil?“

„Ich spüre keine Feuchtigkeit und außerdem bestehen sie doch aus Plastik“, versuchte ich Moe zu beruhigen. Der atmete ruhig aus und bot meiner Freundin seine Hilfe an. Mandy streckte ihre Hand nach ihm aus und Moe ergriff sie. Vorsichtig stützte er sie auf seine nicht verletzte Schulter.

Mein ganzer Körper schmerzte, aber ich musste aufstehen und weitergehen. Moe hingegen schien kaum Schmerzen zu haben. Sein Blick strotzte nur so von Überlebeswillen.

Mandy rief mich zu sich, und ich humpelte zu ihr. Mit großer Vorsicht lehnte ich mich gegen die Schulter meines Bruders.

Der lächelte mich einfach nur aufmunternd an. Es wirkte und wir gingen nebeneinander weiter.

 

„Ich kann nicht mehr!“, keuchte Mandy als die Sonne fast ihren niedrigsten Stand erreicht hatte. Wir hatten es geschafft nur zwei Wasserflasche zu verbrauchen. Aber die Wüste hat nicht nur ihre Hitze, sondern auch ihre Kälte.

„Es wird kalt werden. Wir sollten uns einen Unterschlupf oder eine große Düne suchen“, schlug Moe vor.

Wir suchten. Der Blick meines Bruders blieb an einer ziemlichen großen Düne hängen. Sie schien mir eine guter Schutz gegen den eisigen Wind zu sein. Mandy wurde von Moe den restlichen Weg dort hin gezogen.

Wir gingen um die Düne herum und legten uns dagegen. Der Wind pfiff über unseren Schlafplatz und wehte uns Sand in die Augen. Doch gerade als ich vorschlagen wollte, doch eine andere Düne zu suchen bemerkte ich, dass Mandy eingeschlafen war. Neben mir hatte sich mein Bruder hingelegt. Da merkte ich auch wie müde ich war und drückte meine Kopf ganz fest gegen die Schulter meiner Freundin. Meine Augen schlossen sich langsam. Ich spürte noch wie sich mein Bruder an mich drückte.

Mein Körper war von Sand bedeckt, als meine Augen in die grelle Sonne blickten. Neben mir schlief immer noch Mandy immer noch.

Moe saß aufrecht neben mir und trank ein bisschen Wasser. Als er bemerkte, dass ich wach auf dem Sand lag reichte er mir die Flasche. Ich trank sie mit großen Zügen aus. Jetzt lagen nur noch drei volle Flaschen neben mir im Sand.

Gerade als ich den letzten Sand von mir geschüttelt hatte wachte Mandy auf. Sie verzog aber sofort ihr Gesicht als sie sich aufrichten wollte. Ähnlich erging es mir! Ich stand auf und ein grässlicher Schmerz durchzuckte meinen Körper. Sofort ging ich wieder zu Boden. Moe gähnte und half mir wieder auf die Beine. Er musste aber einsehen, dass es keine schlaue Idee gewesen war. Den er hob mich mit der verletzen Schulter hoch.

Er ließ mich los!

Mit dem Gesicht voran fiel ich nach vorne. Der Sand flog nur so um mein Gesicht. Mandy wurde währenddessen von Moe hochgehoben

Ich packte die Flaschen ein und richtete mich wieder auf. Vorsichtig stützte ich mich auf die andere Schulter.

Nach eine Weile entdeckten wir eine weitere große Düne. Moe beschleunigte seinen Schritt so schnell, dass ich fast gar nicht nachkam. Mandy hin gegen musste sich einfach nur ziehen lassen.

Oben angekommen standen wir auf einen schmalen Pfad. Voller Sehnsucht schauten wir uns um. Ich konnte unser Glück kaum fassen. Ich konnte Rauchschwaden sehen. Von Glücksgefühlen überwältigt gingen Moe und Mandy gleichzeitig einen Schritt nach vorne. Ein Schritt zu viel!

Ich rief ihre Namen als beide den Abhang hinunter stürzten. Sie überschlugen sich mehrmals und blieben reglos liegen.

Sofort schwand das Gefühl von Glück aus meinem Körper und ich rutschte von Panik erfasst nach unten.

„Geht es euch gut?“, rief ich als ich unten war.

Nichts rührte sich!

Ich rüttelte an beiden, keine Reaktion. Aber sie atmeten.

Also lehnte ich mich vor Verzweiflung gegen die Düne und hielt mir mir die Hände vor den Kopf.

Was sollte ich tun? Was?

Ich schaute nach oben und überlegte. Weitergehen wollte ich nicht. Zu groß war meine Angst, dass ich sie nicht wiederfinde. Sollte ich etwa ihr bleiben und warten bis sie aufwachen? Noch einmal rüttelte ich an beiden.

Wie schon vorher geschah nichts. Daraufhin entschloss ich mich kein Risiko ein zugehen. Also blieb ich bei ihnen. Ich schaute mit Tränen im Gesicht auf Moe und Mandy hinrunter.

Erst als es Mittag wurde regte sich Moe und öffnete seine Augen. Diesmal spiegelten sie keinen Überlebenswillen sondern großen Schmerz wider. Er setzte sich auf und sah mir in die Augen. Die Schmerzen in ihnen forderte mich regelrecht auf ihn hoch zu heben.

Also stand ich auf und griff Moe unter die Arme. Aber ich konnte nichts machen, er war einfach zu schwer. Von dem Gewicht wieder nach unten gezogen schaute ich enttäuscht zu Mandy. Sie kam langsam wieder zu Bewusstsein.

„Wie geht es dir?“, fragte ich Mandy.

Die aber antwortete nicht und schaute einfach nur gerade aus. Ihr Blick machte mir Angst. Es war einfach zu schrecklich zu sehen wie Mandy jeglicher Wille verlassen hatte.

„Ich habe kaum Kraft mehr! Du aber schon. Bitte geh alleine los, Toby!“, Moe schaute mich nicht an als er das zu mir gesagt hatte.

Ich schüttelte den Kopf und setzte mich stur neben Mandy und streichelte über ihr blondes Haar. Ein schwaches Lächeln huschte über ihr Gesicht als ich sie anschaute.

„Geh einfach los! Du musst einfach nur gerade aus gehen! So wie wir es schon die letzte Zeit gemacht haben“ Moe saß mit dem Rücken zu mir und atmete schwach ein und aus.

„Ich werde niemanden zurücklassen“, erklärte ich fest.

„Du bist manchmal wirklich dickköpfig. Sieh doch ein, in welche Lage uns dieser Absturz gebracht hat. Du bist hier jetzt der der sich am besten vorwärts kommen kann. Es ist ganz einfach, Toby. Wir bleiben zurück und du holst in der Siedlung Hilfe“, flüsterte Moe als dürfte Mandy es nicht hören.

„Nein, nein, nein!“, brüllte ich den Tränen nah.

„Weder Mandy nach ich haben die Kraft weiter zu laufen. Keiner von uns wird es schaffen ohne auf der Strecke zu bleiben“

Ich konnte nicht einsehen warum er so etwas sagte. Vor wenigen Stunden strotzte sein Blick nur so von Kraft und jetzt wurde alles durch einen einfachen Sturz ausgelöscht.  Das ist doch unmöglich!

Ich schluchzte und rieb mir die herannahenden Tränen aus den Augen. Er hatte Recht!. Ich musste los gehen. Auch wenn es keine schöne Erkenntnis war.

Endlich drehte sich mein Bruder zu mir um und  streckte seine Hand nach mir aus. Ich ergriff sie und drückte sie fest.

„Wir werden uns wiedersehen!“, versprach mein Bruder.

Ich nickte unsicher und schaute noch einmal zu Mandy. Bevor ich mich aufrichtete küsste ich sie. Wir beide wurden rot vor Glück. Moe ließ meine Hand los und nickte mir aufmunternd zu.

„Du hast recht! Es ist nur wichtig, dass wir überleben“, sagte ich selbstsicher.

Ich schaute in die Richtung, in der ich den Rauch gesehen hatte. Mit bedrückter Miene ging ich wankend darauf zu. Musste aber noch einmal zurück schauen, wobei mir die Tränen wieder in die Augen schossen. Die beiden sollten es nicht sehen. Also beschleunigte ich meinen Schritt und überquerte schon bald die nächsten Dünen. Es fiel mehr schwer, mich auf den Beinen zu halten. Aber der Wille, alle wieder in Sicherheit zu sehen, trieb mich voran.

Ich rutschte die Dünen runter und wurde bei jeder, die ich geschafft hatte, zuversichtlicher.

Es lag nur noch eine Düne vor mir. Ein letztes Mal schaute ich zurück. Die Erinnerung an alles, was ich mit ihnen erlebt hatte, schoss in mir hoch. Mit dieser Erinnerung im Kopf stolperte ich über die Düne. Da entdeckte ich schon die ersten Häuser. Sie standen um eine großes Wasserloch herum und Palmen ragten aus dem Boden. Voller Freude ging ich darauf zu. Es gingen Menschen herum und redeten in einer Sprache, die ich nicht verstand. Als ich an den ersten Häusern vorbei gestolpert war, erregte ich ganz schnell die Aufmerksamkeit. Eine Frau kam mir zu Hilfe.

„Was ist passiert?“, fragte die Frau mich unerwartet in meiner Sprache.

„Ein Flugzeugabsturz, nur einen Tagesmarsch von hier entfernt. Mein Bruder, meine Freundin und ich haben nur ganz knapp überlebt. Sie sind zurück geblieben!“

Die Frau schaute mich entsetzt an. Dennoch verstand sie meine Situation und brachte mich in ein kleines Krankenhaus. Dort wurde ich erst einmal mit allem Möglichen versorgt und eine Gruppe von Männern machte sich auf den Weg zu Moe und Mandy.

Sehnsüchtig erwartete ich die ganze Zeit die Ankunft der beiden. Es vergingen viele Stunden bis ich das Gesicht der Frau wieder sah.

„Wir haben sie gefunden“, sagte sie in einem Tonfall, der mir gar nicht gefiel.

„Ist etwas passiert?“, fragte ich sie.

„Komm besser selber mit“

Ich ging ihr mit Krücken hinterher und sah schon bald meinen Bruder. Er saß nur wenige Meter von mir entfernt in einem Rollstuhl. Viele Bandagen umhüllten ihn.Voller Freude hinkte ich auf ihn zu und drückte ihn fest. Als nächstes suchte ich nach meiner Freundin. Doch ich konnte sie nicht entdeckten.

Blankes Entsetzten breitete sich in mir aus. Ich wollte gerade ihren Namen schreien als Moe mich am Arm packte und mich auf seinen Schoß zerrte.

„Was ist mit ihr?“, fragte ich mit Tränen im Gesicht.

„Sie hat es nicht überlebt. Kurz nachdem du gegangen bist, hat sie ihre Augen geschlossen und ist nicht mehr aufgewacht“, erklärte Moe mir mit sanfter Stimme.

Ich konnte nicht fassen, was ich da gerade gehört hatte. Mein Körper fing an zu zittern. Viele Tränen rannen über mein Gesicht. Ich fühlte mich fast, als würde ich sterben.

„Nein, das darf nicht wahr sein. Ich liebe sie doch“, flüsterte ich.

„Wenn du willst, kannst du sie noch einmal sehen“, sagte Moe und zeigte auf zwei Männer, die eine Leiche in ein kleines Haus fuhren. Ich erhob mich und ging so schnell ich konnte zu dem Haus. Dort angekommen wurde mir klar, dass Moe die Wahrheit gesagt hatte. Ich schrie und fiel gegen eine Wand. Alles wurde plötzlich anders. Nichts mehr war so wie früher.

Ich sank zu Boden und begrub mein Gesicht in meinen Beinen. Die Tränen flossen in Strömen. Immer wieder schrie ich ihren Namen!

Erst als die Frau wiederkam, hörte ich auf und ließ mich zu einem Auto bringen. Moe saß schon drin und nahm mich in die Arme. Seine Körperwärme füllte sich gut an und beruhigte mich.

Wir fuhren eine Weile durch die Wüste und kamen bald in einer größeren Stadt an. Von dort aus rief mein Bruder unsere Eltern an. Er erklärte ihnen, was geschehen war. Ich hielt mich abseits und sah die ganze Zeit Mandys Gesicht vor mir. Es blieben mir nur die Kette und die Erinnerung. Anscheinend erging es mir jetzt genau wie dem Mann in der Wüste.

„Wir nehmen den nächsten Flieger nach New Jersey“, rief mir Moe zu.

 

Es vergingen zwei Wochen bis ich endgültig aus dem Krankenhaus entlassen wurde. Moe erwartete mich schon. Natürlich hatte ich Mandy nicht vergessen. Aber ich quälte mich nicht mit den Erinnerungen an den Absturz. Eher erinnerte ich mich an die schönen Tage mit ihr. Nach einer Weile bekamen wir die Nachricht, dass es keine weiteren Überlebenden gab. Der Mann hatte es nicht geschafft.

Also hatten wir die richtige Entscheidung getroffen.

 

Mit einem Lächeln stand ich neben Moe. Sein Arm lag um mich geschlungen. Es fühlte sich gut an. Ich wusste, dass ich niemanden mehr so lieben werde wie Mandy. Mein Bruder verstand dass und lächelte mich die ganze Zeit an. Während wir vor dem Grab von Mandy standen, fühlte ich wie Mandy mich vom Himmel aus anlächelte.

Es war ein so schönes Gefühl!