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Schatz, ich bin wieder da!

von Nahuel Drexelius

Ich greife in meine Hosentasche, hole den Schlüssel raus. Senke meinen Kopf. Nicht nur, um das Schlüsselloch zu finden, sondern, weil ich erschöpft bin. Ich kann einfach nicht mehr. Immer diese fröhliche Haltung vorspielen, den ganzen Tag bei der Arbeit. Ich bin einfach alle, keine Energie mehr. Und jetzt noch hier, bei mir zu Hause. Ein Platz, wo man sich wohl fühlen sollte, wo man sich freut, wenn man ankommt, um bei seiner glücklichen Familie zu sein.

Glücklich! Ein Gefühl, das ich schon seit Langem nicht mehr verspüre, nicht zu Hause und bei meinen Freunden auch nicht. Obwohl ich es bei denen natürlich nicht zeigen darf, genau so wenig wie bei meiner Arbeit. Immer dieses falsche Lächeln, das ich mir zwanghaft aufsetzen muss wie eine unbequeme Maske.

Ich weiß schon, was mich erwartet, sobald ich die Tür aufgeschlossen und meine Sachen abgelegt habe. Aber was soll‘s. Es gibt nichts, was ich machen kann. Also schließe ich die Tür auf. „Schatz, ich bin wieder da!“ Und: „Ist Emily schon im Bett?“

Unsere Tochter. Meine Frau und ich bekamen sie vor drei Jahren. Ich wage kaum an diese Zeit zurückzudenken, als noch alles schön war, die Welt war fröhlich, bedeckt mit allen Farben des Regenbogens. Alles, was ich jetzt sehe, ist grau und langweilig.

Sie brüllt zurück, ohne meine Frage zu beantworten: „Ach, und der Herr beschließt endlich auch mal nach Hause zu kommen!“ Ja, genau so, genau wie ich es erwartet habe. Es herrscht einfach keine Harmonie mehr. Etwas verächtlich und lautstärker als meine Begrüßung antworte ich: „Tut mir Leid, dass ich den ganzen Tag arbeiten war, um diese Familie ernähren zu können! Denkst du etwa, mir macht das Spaß?!“

Sie legt los: „Ach so!? Und was denkst du, was ich den ganzen Tag hier mache? Mich entspannen und mein Leben genießen?“, brüllt sie, während sie mit ihrer Mikrowellen-Mahlzeit vor dem Fernseher hockt. Ich nuschle vor mich hin, in der Hoffnung, dass sie es nicht hört: „Nach was anderem sieht es auf jeden Fall nicht aus!“ Aber sie hat es gehört.

Und jetzt geht’s los. Sie knallt ihr Essen auf den Couchtisch und steht auf. Sie ist gute zehn Zentimeter größer als ich. Nicht stärker. Und besonders muskulös gebaut ist sie auch nicht. Aber ihr Zorn gleicht ihre körperliche Schwäche aus. Sie kommt zu mir rüber und brüllt: „Du hast ja keine Ahnung, was ich überhaupt den ganzen hier Tag mache!“ Sie hebt ihre rechte Hand. Und holt aus. Ich zucke zusammen … Klatsch!schlägt sie mir mit voller Wucht ins Gesicht.

In diesem Moment bin ich immer wie paralysiert. Nicht, dass ich überrascht bin. Aber ich bin mit diesen Situationen überfordert. Ich mache mich klein, ganz klein, wie ein kleines Lebewesen, das sich nicht anders zu helfen weiß, kurz bevor es von einem Raubtier verschlungen wird.

Sie erkennt, dass sie diese Situation dominiert hat und lässt sich wie ein dickbäuchiges Schwein nach einer Mahlzeit mit einem Grunzen in ihren Sessel fallen. Ohne Worte verlasse ich den Raum, um Distanz zu gewinnen. Ich schaue nach Emily. Gott sei Dank, sie ist nicht aufgewacht. Ich küsse sie auf die Stirn und flüstere: „Gute Nacht.“ Verlasse den Raum und schließe ihre Zimmertür leise hinter mir.

Ich gehe ins Schlafzimmer, mach die kleine Lampe auf meinem Nachttisch an und schließe auch hier die Tür. Völlig entkräftet zieh ich erst mein Hemd aus und dann meine Hose. Mit allerletzter Kraft lege ich mich ins Bett und schließe meine Augen.

***

Schaaatz, aufstehen!“, höre ich aus der Küche. Wenn ihre liebliche Stimme mich weckt, fühlt es sich nicht an, als wäre es sechs Uhr früh. Es ist wie ein sanftes Streicheln, das einen behutsam weckt. Ich klettere aus meinem Bett, ziehe eine Jogginghose und ein T-Shirt an. Als ich die Küchentür öffne, sehe ich das komplette Gegenteil von gestern Abend.

Die ersten Sonnenstrahlen scheinen durch das Fenster. Emily sitzt in ihrem bunten Schlafanzug auf ihrem Stuhl am Küchentisch und blinzelt in die Sonne. Sie ist damit beschäftigt, sich ihr klein geschnittenes Brot in den Mund zu stopfen.

Der Tisch ist gedeckt. Ich schaue rüber zu meiner Frau. Sie lächelt mich an und aus ihrem Mund ertönt ein fröhliches „Guten Morgen, Schatz!“ Noch etwas verschlafen, aber motiviert küsse ich sie auf den Mund und erwidere etwas weniger enthusiastisch: „Guten Morgen.“ In dem Moment, in dem ich mich auf meinen Platz setze, stellt sie mir einen Becher frisch gekochten Kaffee hin. Ich lächle zu ihr hoch und bedanke mich.

Nachdem sie sich hingesetzt hat, herrscht Stille in der Küche. Nur ab und zu ist Kauen von einem von uns zu hören. Emily hat Schwierigkeiten mit ihrem Brot und grunzt ab und zu niedlich. Aber abgesehen davon ist nichts. Keiner sagt was. Ab und zu gucken wir uns in die Augen und lächeln, während wir versuchen unser Brot runter zu würgen. Es ist keine deprimierende Stille. Es ist vielmehr eine Stille der Unsicherheit.

Ich denke nach. Jetzt ist sie wiederso süß zu mir. Ich kann ihr gar nicht böse sein, für das, was gestern Abend war. Wie sie den Frühstückstisch vorbereitet und Emily schon versorgt hat. Was Besseres gibt es doch nicht, oder? Oder? Naja, vielleicht nicht. Bis heute Abend dann. Wenn ich wieder nach Hause komme und es ohne Grund wieder zur Eskalation kommt.

Bis ich fertig bin mit Frühstücken, verlieren wir kein Wort. Obwohl ich es mir doch so gewünscht hätte, ihre Stimme zu hören, sie irgendwas sagen zu hören. Außer dem „Guten Morgen“. Einmal ihre liebevolle Stimme an einem Tag öfter zu hören als das Geschrei, das ihre Wutausbrüche begleitet.

Ich verlasse den Frühstückstisch ohne Worte.

Gehe schnell duschen. Genieße diese Minuten allein. Lasse das kühle Nass über meinen Kopf fließen und schaffe es, für fünf Minuten an nichts zu denken. Ich reinige meinen Körper von so viel Stress wie möglich. Ich ziehe mich an, schnappe mir meinen Aktenkoffer und mache mich auf den Weg zur Arbeit. Dort wo ich eigentlich arbeiten sollte. Was aber schon seit Langem nicht klappt. Ich frage mich auf dem Weg, ob ich heute irgendwas Produktives schaffen werde. Zum Glück sind wir in einem so großen Betrieb mit Hunderten von kleinen aneinandergrenzenden Büros. Niemand hat einen Überblick, ob ich meine Arbeit erledige.

Ich öffne die große, mächtige Tür zu unserem Bürokomplex. Ohne Kaffee könnte ich hier keine zwei Stunden überleben. Ich betrete die kleine Büroküche und schlendere zielstrebig auf die Kaffeemaschine zu. Ich spüre eine große flache Hand auf meinen Rücken klatschen. Es ist Nico, mein bester Freund. Ich verstehe einfach nicht, wie er immer so gut gelaunt sein kann und vor Energie sprüht. Er brüllt: „Na mein Großer?“

Nico zu sehen zaubert mir ein Lächeln aufs Gesicht. Wie jeden Morgen antworte ich mit fast demselben Wortlaut: „Hey, guten Morgen Nico. Sorry, aber ich brauch erstmal meinen Kaffee, bevor ich funktionstüchtig bin.“ Ich versuche es so zu sagen, als ob ich müde sei und nicht so, als würde mein Leben gerade zerfallen.

Nico lächelt mich an und macht sich mit dem Kaffeebecher auf den Weg zu seinem Arbeits-platz. In dem Moment, in dem er die Küche verlässt und ich allein dort bin, verschwindet mein Lächeln. Jeder Muskel in meinem Körper gibt nach. Schon dieses bisschen Freude aufzu-bringen kostet so viel Kraft.

Ich schaue dem Kaffee zu, wie er nichtswissend aus den beiden Metallröhrchen der Kaffeemaschine in meinen Becher läuft. Nehme den Geruch von frischem Kaffee wahr, der meine Motoren arbeiten lassen wird. Für die nächsten ein bis zwei Stunden, bis ich wieder kurz vorm Aufgeben bin und mir noch eine Tasse hole.

So geht es den ganzen Tag weiter, bis ich von dieser Qual erlöst bin und endlich … Ja, endlich kann ich aus dieser Hölle raus – und direkt in die nächste. Nein, heute ist Freitag. Gerade sehe ich es auf dem Kalender an der Wand. Das heißt, ich habe etwas früher Feierabend als sonst und werde nachher mit den Jungs ein Bierchen kippen gehen. Das heißt, ich muss mich weiter verstellen und darf mich nicht gehen lassen. Wahrscheinlich gehen wir heute wieder zu Nico. Seine Frau hat damit überhaupt kein Problem, wenn unangekündigt fünf Typen bei ihr vor der Haustür stehen und sich in die Frühlingssonne auf den Balkon setzen, um den Feierabend zu genießen.

Wenn ich es wagen würde, so was zu Hause vorzuschlagen! Sofort spüre ich dieses brennende Gefühl ihrer Hand in meinem Gesicht. Ich darf es einfach nicht riskieren. Ich gehe noch ein paar Mal zum Kaffeeautomaten. Drucke wichtig aussehende Dokumente aus, kritzle ein bisschen in ihnen herum. Warte auf den Feierabend.

Endlich ist es soweit. Wir machen uns zu fünft auf den Weg, kaufen noch Bier und Würstchen. Als wir bei Nico ankommen, hat seine Frau schon den Grill angemacht und die Stühle auf den Balkon gestellt. Sie hat offensichtlich schon mit uns gerechnet. Nico gibt ihr einen dicken Schmatzer und bedankt sich so herzlich wie es nur geht. Wir anderen Jungs begrüßen seine Frau auf dem Weg zum Balkon und setzen uns. Alle sind zufrieden, dass jetzt Wochenende ist, und glücklich, miteinander zu sein. Und ich dazwischen. Unzufrieden, deprimiert und voller Angst vor allem, was mir bevorsteht.

Nico, motiviert wie immer, hebt sein Bier, und wir mit ihm. „Prost Jungs!“ Wir lassen unsere Bierflaschen aneinander klirren und lehnen uns in unsere Stühle zurück. Es wird über alles geredet, Gott und die Welt, Familien, Hobbys und Politik. Ich beteilige mich wenig an dem Gespräch. Ab und zu drücke ich ein zustimmendes „Ja, stimmt!“ oder „Genau, du hast Recht!“ raus.

Da sind diese Gedanken, die die ganze Zeit in meinem Kopf schwirren, über die ich nicht reden kann. Ich meine, was würden sie über mich denken, wenn sie die Wahrheit wüssten? Wie würden sie reagieren? Ich kann es einfach nicht zur Sprache bringen. Es ist mir viel zu peinlich und helfen könnten sie mir sowieso nicht. Ich befinde mich in einer aussichtslosen Situation, in der man überhaupt nichts machen kann um rauszukommen. Ich fühle mich so hilflos.

Nach und nach brechen die anderen auf. Jedes Mal, wenn einer geht, entspannt sich meine Haltung etwas. Jedes Mal einer weniger, vor dem ich meine Gefühle verbergen muss.

Schließlich sind nur noch Nico und ich da. Nico. Die einzige Person, der ich mein Geheimnis anvertrauen würde, wenn ich es überhaupt irgendjemandem erzählen würde. Nach einer etwas einseitigen Konversation ändert sich sein Gesichtsausdruck. So habe ich ihn noch nie gesehen. Ohne das fette Grinsen, ohne diese Freude, die auf seine Mitmenschen ausstrahlt, wie eine wärmende Decke, die jeden um ihn herum in seine Obhut nimmt. Auf einmal ist er ganz ernst.

Er nimmt einen Schluck von seinem Bier, stellt es sachte auf den Tisch, guckt mich an. Und sagt: „Sag mal, was ist eigentlich los in letzter Zeit? Irgendwas stimmt nicht mit dir.“

Meine Gedanken spielen verrückt: Ach du Scheiße. Er weiß es. Er kennt mein Geheimnis. War klar, dass es irgendwann auffliegt. Oder doch nicht? Hat er nur gemerkt, dass irgendetwas nicht mehr so ist wie früher? „Es ist alles gut bei mir. Was meinst du?“ Er erwidert: „Du brauchst vor mir nichts zu leugnen, ich weiß doch genau, dass etwas nicht stimmt.“

Nico, die einzige Person, der ich vertrauen kann. Und die einzige Person, abgesehen von Emily, die mir ab und zu ein Lächeln ins Gesicht zaubert. Ich könnte es ihm jetzt erzählen. Jetzt wäre der richtige Zeitpunkt. Ich öffne meinen Mund. Schließe ihn aber sofort wieder. Er könnte mir sowieso nicht helfen. Was könnte er schon machen?

Nico guckt mich erwartungsvoll an. Ich versuche fröhlich zu klingen: „Nein wirklich. Alles gut. Du brauchst die keine Sorgen zu machen.“ Er guckt mich schräg an, als würde er sagen wollen: Komm schon, wir beide wissen, dass du lügst. „Falls du irgendwann mit jemanden drüber reden willst – ich bin immer für dich da. Egal, worum es geht.“

Ich stehe auf und bedanke mich. Es wird Zeit aufzubrechen. Nico bringt mich noch zur Tür und klopft mir zum Abschied sanft auf den Rücken.

Ich gehe zu Fuß nach Hause, mache ich immer, wenn ich getrunken habe. Ich habe es nicht weit, nur ungefähr zehn Minuten. Es ist schon dunkel, und die kühle Nachtluft lässt meine Gedanken frei. Ich denke. Ich denke darüber nach, ob ich es Nico hätte erzählen sollen. Egal, der Zug ist jetzt abgefahren. Ich nähere mich meinem Haus. Und denke weiter. An meine Ehe. So kann es nicht weitergehen. Diese Situation halte ich nicht länger aus. Mit jedem Schritt, den ich mache, nähere ich mich meinem Haus. Schritt für Schritt für Schritt. Was, wenn ich die Ehe einfach beende? Wie würde meine Frau darauf reagieren? Wo soll ich leben? Was passiert mit Emily? Könnte ich sie mitnehmen? Aber wohin würden wir gehen? Emily ist der einzige Grund, warum ich noch da bin. So viele Gedanken und keine Antwort. Schritt für Schritt. Auf einmal bin ich leer, ohne Gedanken. Nun vor meiner Haustür.

Ich greife in meine Hosentasche, hole den Schlüssel raus. Senke meinen Kopf. Nicht nur um das Schlüsselloch zu finden, sondern weil ich erschöpft bin. Ich kann einfach nicht mehr. Ich schließe die Tür auf und rufe: „Schatz, ich bin wieder da!“