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Schicksalsschwestern (Katharina Schöttke, 16)

Wer auch immer diese Geschichte liest, ich hoffe, du kannst sie glauben, denn ich sage dir jetzt schon, das wird nicht ganz einfach.
Ich bin Melinda. Ich lebe zusammen mit meinem Vater und meinen zwei Drillings-Schwestern in einem großen Haus, in einem kleinen Dorf namens Heringsdorf. Eigentlich kommen wir aus Hamburg. Wir sind hierher gezogen, nachdem meine Mutter gestorben ist. Damals waren wir gerade einmal zehn Jahre alt. Oh Mann, das tut ganz schön weh, darüber zu sprechen, immer noch, obwohl es jetzt inzwischen schon sechs Jahre her ist. Danach wollte mein Vater nur noch weg. Für uns war das ziemlich schwer, zuhause in Hamburg hatten wir zumindest noch unsere Freunde, Nachbarn, Menschen, die wir kannten, die uns kannten, die uns etwas Halt geben konnten, die mit uns trauerten und uns zu mindestens versuchten, etwas aufzufangen. Aber für meinen Vater war es einfach zu viel.
Unsere Situation zuhause ist ohnehin schon nicht ganz einfach. Meine Schwester Marina ist schon seit ihrer Geburt blind. Aber dafür kann sie unglaublich gut hören. Verstecken spielen hat mit ihr früher nie Spaß gemacht. Sie hat jedes Rascheln der Blätter und manchmal sogar unseren Atem gehört und uns dann sofort gefunden.
Und dann ist meine zweite Schwester auch noch taub. Sie musste, da wir sehr früh geboren wurden wie viele Drillinge, nach der Geburt sehr lange künstlich beatmet werden. Das hat sich so sehr auf ihr Gehör ausgewirkt, dass sie heute gar nichts mehr hört und daher auch fast nicht spricht. Etwas sprechen kann sie aber, da sie nicht von Anfang an komplett gehörlos war. Die ersten Jahre konnte sie mit einem speziellen Hörgerät noch einige Geräusche wahrnehmen. Mit der Zeit hat sich das aber so verschlechtert, dass nun auch das beste Hörgerät nichts mehr hilft.
Marina, Mona und ich waren ein eingespieltes Team und unsere Tage verliefen alle gleich. Bis zu jenem Tag, der erst einmal wie ein ganz normaler Tag begann.
Wie immer klingelte der Wecker um sechs Uhr. Ich streckte meine Hand in Richtung Nachttisch und wutsch…. na super, das war mein Wasserglas… jetzt war ich nass. Ich fröstelte, als mich ein kalter Luftzug vom offenen Fenster her traf.
Vor mich hin grummelnd setzte ich mich auf. Marina hatte sich ebenfalls aufgesetzt und begann zu kichern. Sie hatte natürlich sofort begriffen, was los war, auch ohne es zu sehen. Keine Ahnung, wie sie das immer macht, aber sie kann es halt einfach.
„Das ist nicht witzig!“, sagte ich, doch noch während ich das sagte, musste ich selbst lachen. In diesem Moment setzte sich auch Mona auf. Sie musste wohl irgendwie die Stimmung im Raum gespürt haben. Als sie dann mein nasses T-Shirt sah, musste auch sie anfangen zu lachen. Einen Augenblick später begann ich dann wirklich zu frieren, das nasse T-Shirt klebte an meinem Oberkörper. Immer noch lachend stand ich auf und sagte: „Okay Leute, ich muss mich jetzt umziehen.“ Gleichzeitig formte ich die Worte mit den Händen in Gebärdensprache.
Bevor ich ins Bad verschwand, legte ich noch Marinas Klamotten auf‘s Bett, sodass sie da ran kam und sich ebenfalls fertig machen konnte.
Unser Frühstück war eigentlich ein Sonntags-Frühstück, mit Brötchen, Schinken, Orangensaft…. Das hatte Papa schon vorbereitet, so wie jeden Morgen, vielleicht eine Geste, mit der er gutmachen wollte, dass er so viel unterwegs war, und wir so unseren Tag selbst organisieren mussten. Ich dachte jeden Morgen darüber nach und kam jeden Morgen zum selben Schluss: Ich war ihm nicht böse, obwohl es sehr schwierig war, den ganzen Tag ohne ihn klarzukommen, aber er tat sein Bestes!
Aus diesem Grund war ich eigentlich diejenige, die den Tag managte. Mona und Marina waren auch immer gut dabei, mit zu organisieren, aber in manchen Dingen sind sie nun einmal eingeschränkt.
Die erste Schwierigkeit des Tages lag im Weg zum Bus. Wir mussten nach Aidelsted fahren, das war die nächstgrößere Stadt, in Heringsdorf gab es keine Schule. An jenem Tag nahm ich also Marina und Mona je an eine Hand. Wie immer hatte ich ein mulmiges Gefühl im Bauch. Ich hatte immer Angst, dass irgendetwas passieren könnte. Was, wenn ich aus irgendeinem Grund abgelenkt würde, da bräuchte ja nur ein hübscher Junge um die Ecke kommen. Was, wenn ich meine Schwestern dann aus Versehen los ließe und Marina auf die Straße liefe? Was, wenn Mona dann nicht mitbekommen würde, dass ein Auto kommt? Okay, Melinda, du darfst so etwas jetzt nicht denken, ermahnte ich mich still. Du musst dich konzentrieren!
Sowohl Marina als auch Mona spürten meine innere Unruhe. Mit einem leichten Handdruck signalisierten sie mir, dass sie bereit waren, und dass alle Sinne, die sie zur Verfügung hatten, bis aufs Äußerste gespitzt waren.
Eine einzelne Träne lief mir über die Wange, manchmal war es einfach zu viel Verantwortung, die ich da übernehmen musste. Verärgert wischte ich sie weg, atmete noch einmal tief ein, packte die Hände meiner Schwestern wieder, diesmal fester, und wir gingen los. Bei jeder Ampel, immer wenn wir die Straße überqueren mussten, machte mein Herz einen kleinen Angstsprung. Ich kannte das Gefühl nur allzu gut, aber trotzdem konnte ich mich nie daran gewöhnen.
Wir waren fast an der Bushaltestelle angelangt, nur noch einmal über die Straße, doch dann spürte ich einen Stoß von hinten. Es war so unerwartet, dass ich stolperte und hart auf den Asphalt fiel, dabei riss ich Mona und Marina mit. Marina schrie leise auf, und auch von Mona kam ein erschreckter Laut, doch bei ihr klang dieser eher erstickt.
Ohne auch nur zu bemerken, dass ich mir bei dem Sturz das Knie aufgeschlagen hatte, rappelte ich mich auf und zerrte meine beiden Schwestern zurück auf den Bürgersteig. Dort erwartete mich das hämische Grinsen eines Jungen, dessen Gesicht ich nur zu gut kannte. Groß, kräftig, breite Schultern, dunkle Haare, das war Thomas, der fieseste Junge der ganzen Schule. Die meisten anderen waren ganz okay, aber der…
Als ich in das Gesicht von Thomas blickte, kochte die Wut in mir hoch. Ich schrie ihn an, obwohl ich, bevor ich zu sprechen begann, wusste, dass das keine gute Idee war. Schließlich war er der Sohn unseres Direktors, was es auch so schwer machte, gegen seine verdammten Aktionen vorzugehen. Aber diesmal konnte ich mich nicht zurückhalten: „Sag mal, geht’s noch? Bist du total bescheuert. Ist dir klar, was passiert wäre, wenn jetzt der Bus gekommen wäre? Wie kann man nur so dumm sein? Du…“
Ich suchte nach weiteren Worten, doch anstatt, dass mir mehr Beschimpfungen oder andere Dinge einfielen, die ich ihm an den Kopf werfen konnte, liefen mir Tränen über die Wangen. Ich konnte nichts dagegen tun.
Also führte Marina meine Worte zu Ende. Das ist, was ich am meisten an ihr bewundere. Trotz des Nachteils, den sie durch ihre Blindheit hat, hat sie in solchen Situationen ein unglaubliches Selbstvertrauen!
Alles was mir in diesem Moment nur in Wortfetzen einfiel, konnte sie in Sätze fassen und dabei klang sie auch noch einigermaßen ruhig.
„Als ich eben aufstand, hab ich noch überlegt von wem wohl eine solche Aktion kommt“, sagte sie. „Hätte ich mir ja gleich denken können, dass du das warst, Thomas! Du verstehst es einfach nicht, oder? Das ist nicht lustig, das ist scheiße gefährlich! Sag mal, eins würde ich gerne wissen: Bist du eigentlich so blöd oder tust du nur so?“
Doch noch nicht einmal das ließ das fiese Grinsen von Thomas‘ Gesicht verschwinden. Stattdessen antwortete er mit einem drohenden Unterton und mit unverkennbarer Anspielung auf die Position seines Vaters: „Ich würde mir an eurer Stelle gut überlegen, wie ihr mich bezeichnet. Was kann ich denn dafür, wenn ihr schon bei einem Anticken auf die Nase fallt?“
Wie immer in solchen Situationen hatte Mona bis dahin nur unruhig daneben gestanden. Sie fühlte sich sichtlich unwohl und versuchte die Diskussion, so gut es ihr möglich war, zu verfolgen, indem sie sie sich bemühte, unsere Emotionen an unserer Körpersprache zu erkennen und an unseren Lippen abzulesen, was wir sagten. Nun griff sie nach Marinas und meiner Hand drehte sich um und zog uns mit.
Mona wusste immer, wann es Zeit war zu gehen, wann es nichts mehr brachte, sich weiter zu streiten. Eine Fähigkeit, die unglaublich war, im Hinblick darauf, dass sie ja den Wortwechsel nur bedingt verfolgen konnte.
Als wir uns umgedreht hatten, holte ich zitternd Luft, hatte mich dann aber wieder so weit gefasst, dass ich die anderen beiden wieder führen konnte.
Ohne uns noch einmal umzudrehen überquerten wir die Straße und stellten uns zu den anderen paar Jugendlichen, die von unserem kleinen Dorf nach Aidelsted zur Schule mussten. Es waren nicht viele, denn die meisten unserer Mitschüler wohnten direkt in der Stadt. Sie sahen auf mein Knie. Ich folgte ihrem Blick und erst da sah ich das Blut, das inzwischen an meinem Bein herunter lief, und jetzt begann es auch wehzutun.
Schon wieder spürte ich, wie sich meine Augen mit Tränen füllten. Ich wischte sie verärgert weg. Ein Mädchen kam zögerlich und zugleich auf Thomas schielend auf uns zu und fragte leise, ob wir okay wären.
Na toll, hatte sie das nicht eben machen können, als wir mit Thomas gestritten haben? Da hätten wir Hilfe gebrauchen können! Aber das sagte ich nicht, ich konnte verstehen, dass sie Angst hatte. Mit dem Typen war echt nicht zu spaßen, und wenn er mit seinem Vater sprach, hatte der einen mindestens das gesamte nächste Jahr auf dem Kieker! Also war es ihr schon hoch anzurechnen, dass sie überhaupt fragte.
Ich zwang mich zu einem Lächeln, das wahrscheinlich nicht wirklich echt aussah. Zusammen mit einem knappen „Ja, geht schon“ ließ ich es darauf beruhen.
Es war auch gar keine Zeit mehr, weiter zu fragen, denn inzwischen war der Bus gekommen.

In der Schule angekommen begleitete ich, etwas hinkend, zuerst Mona und dann Marina zu ihrem Klassenraum und dann machte ich mich selbst auf den Weg zu meinem. Zum Glück ist unsere Schule so aufgebaut, dass eben auch Blinde und Taube unterrichtet werden können. Es gibt Klassen für blinde und taube Schüler und Klassen für die, die ganz normalen Unterricht brauchen.
Bevor ich in meinen Klassenraum eintrat, schloss ich kurz die Augen, atmete dreimal tief ein und aus, öffnete die Augen wieder und straffte die Schultern. Denn, was ich vorhin in alldem Kuddelmuddel nicht erzählt habe, ist, dass Thomas ausgerechnet in meine Klasse geht.
Als ich dann schließlich eintrat, erwartete mich auch gleich wieder dieses so bekannte Grinsen. Thomas saß ganz vorne in der ersten Reihe. Wie ich es hasste! In der Schule spielte er immer den braven Schüler!
Meine Kiefermuskeln spannten sich an. Zum Glück bemerkte meine Freundin Sue meine Anspannung und mein von Blut inzwischen verkrustetes Knie. Sie stand auf, kam zu mir nach vorne, stützte mich ein wenig und geleitete mich zu meinem Platz, ohne auch nur eine Frage zu stellen, wofür ich ihr in diesem Moment sehr dankbar war.
Ich ließ mich auf meinen Stuhl sinken, als auch schon unser Mathelehrer hereinkam. Als er sich vorne hinstellte, standen alle mit leisem Stöhnen auf, um ihn zu begrüßen. „Gu-ten mor-gen Herr Me-yer“, sagte die Klasse gedehnt, es klang zwar noch etwas verschlafen, aber immerhin sprachen wir im Chor.
„Setzt euch. Wir ihr vielleicht wisst, bin ich nicht nur Mathematik- sondern auch Englischlehrer, daher möchte ich, bevor ich mit dem Unterricht beginne, auf ein Angebot der Schule aufmerksam machen: Es gibt die Möglichkeit eines Auslandsjahres in Amerika. Dort könnt ihr als Aupair arbeiten und damit auch etwas Geld verdienen. Ich möchte euch dies sehr ans Herz legen, denn es ist eine unglaublich gute Erfahrung, für euer Englisch sehr förderlich, und für spätere Bewerbungen ist ein solches Auslandsjahr auch sehr gut. Ich werde die Zettel im Laufe der Stunde austeilen, und dann könnt ihr ja mal darüber nachdenken und mit euren Eltern sprechen.“
Diese Worte unseres Lehrers hörte ich in diesem Moment zwar, aber den Inhalt verstand ich erst viel später.
Ich war gedanklich immer noch bei dem, was heute Morgen passiert war. Und auch in den folgenden neunzig Minuten Unterricht konnte ich mich nicht wirklich auf Zahlen mit natürlichen und rationalen Exponenten konzentrieren. Mein Knie pochte und vor meinem inneren Auge lief immer und immer wieder die Szene von heute Morgen ab.
Ab und zu warf ich einen verstohlen Blick auf die Uhr an der Wand.
Die Stunde zog sich wie eine Ewigkeit hin. Wenn ich das Gefühl hatte, eine halbe Stunde sei vergangen, waren es gerade einmal fünf Minuten.

Am Ende der Stunde hatte ich, soweit ich mich erinnern kann, nicht eine einzige Aufgabe aufgeschrieben, geschweige denn ausgerechnet.
Als es dann endlich klingelte, packte ich meine Sachen und wollte schon aus dem Raum verschwinden, doch da sprach mich mein Mathelehrer noch einmal an: „Melinda, wäre das mit dem Auslandsjahr nicht was für dich? Du könntest deinen Horizont etwas erweitern?“
Ich war kurz verwirrt, das hatte ich schon wieder ausgeblendet, für mich kam es ohnehin nicht infrage.
„Das geht nicht, ich hab hier meine Aufgaben zu erledigen und außerdem brauchen meine Schwestern mich!“ Die Antwort kam etwas patziger als beabsichtigt, aber um meine Wortwahl und meinen Ton konnte ich mich heute nicht auch noch kümmern. Also verließ ich den Raum, ohne weiter darauf einzugehen.
Nach der Pause hatten wir Biologie, eigentlich mein Lieblingsfach, aber heute war es auch nur ein ellenlanger Monolog unseres Lehrers, bis etwa zur Hälfte der Stunde. Dann klopfte es an der Tür. Es war die Sekretärin. Sie sagte nur ein Wort: „Melinda?“
Der Ton sagte mir, dass irgendetwas nicht stimmte. So sprach sie immer, wenn irgendwas ganz und gar schief gelaufen war. Mit einem Kopfnicken bedeutete sie mir, ihr zu folgen. Aus der Klasse kamen einige Rufe: „Oh Melinda! Was hast du denn jetzt angestellt?“ Sue, meine Freundin, schaute mich besorgt an.
Langsam stand ich auf. Erst als ich der Sekretärin durch das Schulgebäude in Richtung Verwaltungstrakt folgte, verknüpfte mein Gehirn den Zusammenhang: Thomas – Sohn des Direktors – das was heute Morgen passiert war – Scheiße!
Mein Knie begann wieder heftiger zu pochen.
Wir waren vor dem Büro des Direktors angekommen. Auf den Stühlen davor saßen schon Marina und Mona.
Mit den knappen Worten: „Setz dich! Herr Lipke wird euch gleich hinein bitten“, ließ uns die Sekretärin allein.
Wir warteten mindestens eine halbe Stunde. Immer wieder schaute ich unruhig auf die Uhr und versuchte nicht durchzudrehen, obwohl ich wusste, dass genau das das Ziel unseres Direktors war. Uns erst mal schön auf die Folter spannen, bevor er uns dann fertig machte…
Nach weiteren zehn Minuten, die sich aber eher anfühlten wie zehn Stunden, kam er dann endlich aus seinem Büro. Er hatte ohnehin schon dieses gewisse unangenehme Etwas an sich, was einen immer etwas erschaudern ließ, wenn man an ihm vorbei ging. Aber als er nun vor uns stand, rutschte mir fast das Herz in die Hose, denn sein Gesichtsausdruck verhieß nichts Gutes.
Auf seinen Wink hin standen wir auf. Ich musste Marina nicht einmal anticken, sie hatte schon gehört, wie die Tür aufgegangen war.
Wir setzten uns zögerlich und Herr Lipke begann sofort zu sprechen: „Übersetzt du bitte für Mona? Ihr habt meinen Sohn also beleidigt und als dumm bezeichnet.“ Das war keine Frage sondern eine Feststellung, in der kein bisschen Zweifel lag. „Er kam heute völlig aufgelöst vor Unterrichtsbeginn zu mir und hat mir erzählt, dass ihr ihn total fertig gemacht habt.“
Damit hatten sich meine schlimmsten Befürchtungen bewahrheitet. Thomas hatte die ganze Geschichte umgedreht, und nun waren wir Schuld und ist ja klar, dass Herr Lipke ihm sofort geglaubt hat. Sein kleiner „Engel“ hat sicher nichts gemacht. An ihm kann es nicht liegen. Nur die anderen sind schuld.
Meine Kiefermuskeln spannten sich an. Ich hob meine Hände, um für Mona zu übersetzen.
Ich sah in ihren Augen, dass sie genauso wütend war wie ich, aber wir wussten alle drei, dass es keinen Zweck hatte, zu erklären, was wirklich passiert war. Wir würden es nur noch schlimmer machen. Also starrten wir auf den Boden und bemühten uns, diesem schleimigen Typen nicht all unsere Wut an den Kopf zuwerfen.
„Wollt ihr dazu irgendetwas sagen?“
Alle Fasern in meinem Körper sträubten sich dagegen, aber ich schüttelte langsam den Kopf. Meine Schwestern taten dasselbe, doch auch ihnen sah ich an, was sie dabei wirklich fühlten. Da war Wut und ein bisschen Verzweiflung darüber, dass wir einfach nichts gegen diesen, Tschuldigung, Scheißkerl tun konnten!
„Okay “, er stand auf, „dann erwarte ich, dass ihr euch bis morgen früh bei Thomas entschuldigt habt, und wenn so etwas noch mal vor kommt, dann könnt ihr euch auf was gefasst machen!“ Er nahm einen Briefumschlag von seinem Schreibtisch und knallte ihn vor mich hin. „Das ist führ euern Vater. Unterschreiben lassen, Montag mitbringen! Und jetzt ab, zurück in den Unterricht!“ Er zeigte auf die Tür.
Der Rest des Tages verlief genau so zäh, wie er begonnen hatte. Geschichte, Mittagessen, Französisch und Physik.
Ich war überglücklich, als zum letzten Mal für diesen Tag die Schulglocke läutete.
Der Weg nach Hause verlief zum Glück reibungslos, doch dort erwartete uns schon die nächste böse Überraschung.
Wir kamen rein, zogen die Schuhe aus und gingen in die Küche, und dort saß mein Vater. Um diese Zeit war er sonst nie zu Hause. Meistens kam er erst zwischen acht und neun Uhr von der Arbeit. Er hatte den Kopf in die Hände gestützt. Als wir in die Küche traten, schaute er auf. Er sah aus, als hätte er geweint.
Mona und ich waren total erschrocken über seinen Anblick, Marina konnte ja nicht sehen was los war, aber sie schien zu merken, dass etwas nicht stimmte. Und die Anwesenheit unseres Vaters hatte sie ohnehin schon längst bemerkt.
Ich ließ meine Tasche fallen.
„Dad, was ist passiert?“
Er versuchte, sich wieder etwas unter Kontrolle zu bringen.
„Setzt euch erst mal.“
Wir setzten uns um den großen, runden Küchentisch. Und dann begann Papa zu erzählen.
(Nur damit ihr es nochmal versteht: Papa sprach gleichzeitig in Gebärdensprache. So machten wir es immer.)
„Also… bei uns in der Firma….. also wisst ihr, manchmal ist das ja so, dass aus verschiedensten Gründen einige Mittarbeiter entlassen werden…“
Wie jetzt, will er uns sagen, dass er seinen Job verloren hat? …Nein, das kann ich mir nicht vorstellen! Er hat doch immer so viel gearbeitet und sich in alles hinein gekniet!
„Wir haben einen neuen Chef, und der ist der festen Überzeugung, dass die Firma nicht mehr alle bezahlen kann. Einen präzisen Grund gab es nicht. Jedenfalls hat er einfach mal so hundert Mitarbeiter entlassen…… und “, er schluckte, „darunter auch mich…“
Ihm kullerte eine Träne über die Wange. Keiner von uns konnte irgendetwas sagen. Wir waren fassungslos, wie sollte es denn jetzt weiter gehen?
Neben dieser Fassungslosigkeit baute sich aber auch eine gewisse Wut in meinem Bauch auf. Warum eigentlich immer wir? Unsere Mutter ist tot, Mona ist taub, Marina blind, heute das mit Thomas und jetzt hatte Papa auch noch seinen Job verloren!
Mona begann nun wild mit den Händen Zeichen zu formen: „Was fällt denen ein, das können die doch nicht einfach machen, kann man sich da nicht irgendwo beschweren?“
„Nein Süße, leider nicht. Ich werde mir wohl oder übel etwas Neues suchen müssen.“ Wieder lief ihm eine Träne über die Wange. „Entschuldigt Kinder, das ist gerade ein bisschen viel für mich. Aber macht euch mal nicht zu viele Sorgen, ich bekomme das schon hin! Ach ja. Heute Vormittag hat auch noch eurer Direktor angerufen“ , wechselte er das Thema. „Da war irgendwas mit seinem Sohn und euch. Also, ich würde ja schon ganz gerne mal wissen, was da los war.“
Wir stöhnten auf, schilderten dann aber kurz, was passiert war.
Wie ich erwartet hatte, war Papas Reaktion so, wie sie wohl bei jedem Vater gewesen wäre, Er wollte sofort anrufen, alles richtig stellen und dafür sorgen, dass wir wieder eine weiße Weste bei Herrn Lipke hatten. Mit Mühe konnten wir ihn davon überzeugen, dass der ohnehin nicht mehr zu erreichen war!
„Na gut, dann lasst uns doch erst einmal zu Abend essen. Und dann will ich nochmal was mit dir besprechen, Melinda, nicht Schlimmes!“, fügte er hinzu, als ich ihn verwirrt anschaute.
Nachdem wir gegessen hatten, zogen sich Mona und Marina in unser Zimmer zurück, um noch Hausaufgaben zu machen und für die nächste Klausuren zu lernen. Ich half Papa beim Aufräumen und fragte ihn dann, was er noch mit mir besprechen wollte.
„Mich hat heute Vormittag auch noch Herr Meyer angerufen. Ich muss sagen, erst war ich etwas erschrocken, als ich heute schon zum zweiten Mal einen deiner Lehrer am Telefon hatte. Aber es stellte sich heraus, dass er sich nicht beschweren wollte, das hätte mich aber auch gewundert!“
„Papa komm zum Punkt. Geht es um das Auslandsjahr in Amerika?“
„Ja genau, er sagte, du wärst ziemlich ablehnend gewesen, aber er bat mich, dir das vielleicht nochmal ans Herz zu legen. Er glaubt, das wäre eine gute Erfahrung für dich. Und ich glaube das auch. Ich habe lange mit ihm gesprochen…“
Ich fiel ihm ins Wort: „Kann ja sein, dass ihr das alle für eine ganz tolle Idee haltet, aber erstens brauchen Mona und Marina mich und zweitens kann ich, glaub ich, gar nicht ohne sie. Wir sind einfach so eng, ein ganzes Jahr ohne sie, das halte ich nicht aus!
„Jetzt hör doch erst mal zu! Klar ist das nicht einfach für dich, und du würdest uns sicher vermissen, und klar wäre das auch für Marina und Mona nicht einfach, aber du musst auch mal an dein Leben denken, Maus. Du musst auch mal weiter schauen, als von hier bis zur Schule und zurück! Das ist eine….“
„Aber das geht nicht! Ich kann nicht einfach weg! Und außerdem, wie sollen wir das denn jetzt bezahlen? Wir müssen doch erst mal sparen, bis du einen neuen Job hat!“, sagte ich, froh darüber, dass mir noch ein weiteres Gegenargument eingefallen war. Doch auch das machte Papa gleich wieder zunichte.
„Das hab ich Herrn Meyer auch gesagt, aber er meinte, dass wäre kein Problem. Man könne den Schulverein bei so etwas ansprechen!“
So langsam wurde ich sauer: „Papa, ich hab doch gesagt, ich will das nicht! Und außerdem, was ist denn mit Marina und Mona, wenn du wieder arbeitest?“
„Ich habe überlegt, dass ich mir einen Job suchen werde, bei dem ich von zuhause arbeiten kann. Und überleg doch mal, Häschen…..“
„Hast du das schon entschieden, oder was… ich…“ Meine Augen füllten sich mit Tränen. Eigentlich wollte ich Papa nicht anschreien, aber das war jetzt der berüchtigte Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte! Ich konnte einfach nicht mehr!
Ich drehte mich um, rannte aus der Küche, durch die Haustür nach draußen. Die kalte Abendluft schlug mir entgegen, aber das war mir egal.
Ich begann zu rennen, ich wusste nicht wohin, ich wollte nur weg! Die Welt um mich herum nahm ich nur verschwommen wahr. Ich konnte vor lauter Tränen nichts mehr sehen. Sie liefen über meine Wangen, meinen Hals hinunter. Ich rannte, spürte den Wind auf meinem Gesicht. Ich wusste noch nicht einmal genau, was mit mir los war oder was der Grund für diese unglaubliche Traurigkeit und Wut war. Tausend Gedanken wirbelten durch meinen Kopf: „Hab ich etwas falsch gemacht? Oder hab ich mich nicht genug um Marina und Mona gekümmert? Oder was war sonst der Grund, warum Papa jetzt wollte, dass ich nach Amerika ging? Solche Angebote gab es doch schon oft genug von unserer Schule, und nie war das für uns ein Thema gewesen. Und wie sollen die beiden denn überhaupt ohne mich klar kommen? Was wenn Thomas sie wieder einmal auf die Straße schupsen würde, und ich wäre nicht da? Und ich war doch noch nie mehr als ein paar Stunden von ihnen getrennt! Wieso soll ich jetzt ein ganzes Jahr weg?“
Von da machten meine Gedanken einen Sprung. Ich dachte an Mum, ich sah sie vor mir, wie wir zusammen auf dem Spielplatz waren. Ich saß auf einer Schaukel, und sie stieß mich immer wieder von hinten an, sodass ich immer höher und höher schaukelte.
Auch wenn es schon so lange her war und manche Erinnerungen verblasst waren, kamen sie immer, wenn ich traurig war, zurück, und dann umso stärker. Das gab mir dann immer noch einen zusätzlichen Stich. So auch jetzt. Noch mehr Tränen kullerten meine Wangen hinunter und mein Magen krampfte sich zusammen, trotzdem lief ich weiter, bis ich irgendwann erschöpft zusammenbrach. Ich ließ mich mitten auf dem Weg auf die Knie sinken. Schluchzend und zitternd versuchte ich, wieder etwas zu Atem zu kommen.
Als ich wieder einigermaßen Luft bekam, umschlang ich die Beine mit meinen Armen, ließ den Kopf zwischen die Knie sinken und weinte leise vor mich hin. Da hörte ich die Stimme meines Vaters nach mir rufen, er suchte mich.
Leise rief ich: „Hier Papa, hier bin ich.“
Er kam auf mich zugelaufen, nahm mich in den Arm und zog mich vorsichtig hoch. Ich lehnte mich an seine Schulter und weinte weiter. Es tat gut, sich halten zu lassen, sich anlehnen zu dürfen.
So standen wir dann auch noch eine ganze Weile einfach nur da.
„Mir ist kalt“, flüsterte ich in sein Ohr
Er zog seine Jacke aus und legte sie mir sanft über die Schultern.
„Lass uns nach Hause gehen. Dann schläfst du erst mal und morgen sieht die Welt schon wieder ganz anders aus. Für die Schule schreibe ich euch morgen eine Entschuldigung, dann macht ihr einen Tag Pause, ok?“
Ich nickte kaum merklich. Und wir gingen langsam wieder in Richtung unseres Hauses.
Als ich am nächsten Morgen aufwachte, sah die Welt wirklich schon anders aus. Ich hörte die Vögel zwitschern, und die Sonne schien durch die Gardinen in unser Zimmer. Und seltsamerweise dachte ich gerade tatsächlich noch einmal über das Auslandsjahr nach.
Jedenfalls fiel mir ein Satz wieder ein, den Papa gesagt hatte: „Du musst auch mal an dein Leben denken, Maus. Weiter schauen als von hier bis zur Schule und zurück.“ Langsam aber sicher wurde mir bewusst, dass er vielleicht Recht hatte, auch wenn ich es noch nicht so ganz wahrhaben wollte.

So kam es denn auch, dass ich drei Monate später mit meinem Vater, Mona und Marina zusammen am Flughafen stand.
Die beiden waren auch dafür gewesen, dass ich fliege, sie waren derselben Ansicht wie unser Vater. Dennoch mussten wir irgendwie einen Weg finden, wie sie ihren Alltag auch ohne mich wuppen konnten. Also haben wir uns zusammengesetzt und geplant:
Erst einmal brauchte Papa einen neuen Job. Es war gar nicht so einfach, etwas zu finden, bei dem er überwiegend von zuhause arbeiten konnte. Doch schließlich fanden wir eine Werbeagentur, bei der er nun hauptsächlich für Internetseiten, Logos und so etwas zuständig ist. Dort muss er nur hin und wieder zu Besprechungen mit Kollegen und Kunden, und arbeitet ansonsten von zuhause aus.
So kann er Mona und Marina zur Schule fahren und wieder abholen, so dass sie zumindest dabei Thomas aus dem Weg gehen können. Wegen dieser Sache hatte sich Papa auch nicht davon abbringen lassen, mit Herrn Lipke zu telefonieren.
Dieser hatte, wie erwartet, ziemlich ungehalten reagiert. Aber Papa hat dann noch mit den Eltern unserer Freunde gesprochen, die auch schon solche Situationen mit Thomas erlebt hatten. Sie sind noch einmal zusammen auf Herrn Lipke zugegangen, und die Berichte von mehreren Eltern konnte er dann wohl doch nicht mehr komplett ignorieren. Jedenfalls gab es ab da keine großen Vorfälle mehr. Also hin und wieder kleinere Sticheleien, die von Thomas ausgingen, aber es war nicht mehr so schlimm wie vorher.
Wir hatten auch noch einmal zusammen mit den Lehren von Marina und Mona gesprochen. Sie waren der Ansicht, dass es gut wäre, wenn die beiden lernten, ihren Alltag ohne mich zu bewältigen, auch wenn es zu Beginn sicher nicht leicht sein würde. Und wenn noch Hilfe notwendig war, dann ließe sich die auch organisieren.

Aber dennoch, am Flughafen zu stehen, war schon ganz schön hart für mich. Ich war noch nie ohne meine Schwestern verreist, und jetzt sollte ich gleich für ein ganzes Jahr weg!
Ich hörte den letzten Aufruf für meinen Flug. Ich umarmte meinen Vater und meine Schwestern ein letztes Mal, ein letzter Kuss, und dann machte ich mich auf in Richtung Sicherheitsschleuse. Ich drehte mich noch einmal um und winkte, mit Tränen in den Augen, bevor sich die Schiebetür schloss.
Tausend Gedanken wirbelten in meinem Kopf herum. Da war der Zweifel, würden meine Schwestern wirklich ohne mich klar kommen, aber mehr noch, wie sollte ich ohne sie klarkommen….
Ich vermisse sie jetzt schon, dachte ich und fühlte mich alleine und einsam, irgendwie wie nackt.
Ich schüttelte den Kopf, um die Ängste und die Sorgen zu vertreiben und suchte das, was ganz tief doch schon in mir war: Das Wissen, dass es die richtige Entscheidung war. Und ich stellte fest, dass da auch die Vorfreude auf das Neue war, auf das was jetzt kam. Darauf konzentrierte ich mich nun.