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Schief gelaufen

Okay, gucken wir uns die letzten dreißig Minuten an. Malia, Jean, Vitali und ich waren wie immer draußen spazieren, als etwas unglaublich Schreckliches passiert ist. Aber dazu gleich. Ich bin Irene, eine 26-jährige Studentin für Pädagogische Fachwissenschaft. Meine Familie, bei der ich immer noch lebe, ist ökonomisch einigermaßen gut dran. Mit 16 hatte ich zwar Probleme damit, in der Schule zu bleiben, jedoch habe ich es, wie ihr sehen könnt, trotzdem geschafft.

Jean und ich sind seit 3 Monaten zusammen. Auch wenn ich ihn liebe, muss ich zugeben, dass er echt Probleme beim Jobfinden hat. Solange ich und Jean zusammen sind, solange kennen sich Malia, Vitali und ich. Ich liebe Malia unglaublich. Zwar hatten wir in letzter Zeit auch einige Missverständnisse, jedoch ist sie mir echt wichtig. Aber ich glaube, sie weiß es nicht. Sie ist leicht zu verletzen, und ihr Charakter ist auch sehr kompliziert. Ich versuche sie nicht zu verletzen, was mir in letzter Zeit nicht sehr gelungen ist.

Woow, so viel Gerede gleich am Anfang. Aber gut, kommen wir zurück zu dem, was wir vor dreißig Minuten zusammen erlebt hatten. Wie schon gesagt, wir vier waren wie immer abends spazieren. Mittlerweile war es 11 Uhr. Malia blieb auf einmal stehen. Ich wusste zuerst nicht, was los war, weil wir vorgegangen sind. Wir waren so in unser Gespräch vertieft, dass wir gar nicht gemerkt haben, dass sie zurück geblieben ist, weil sie sich von Anfang an nicht am Gespräch beteiligt hatte. Am Ende war ich diejenige, die gemerkt hat, dass jemand fehlte. Ich habe mich umgedreht und mich nach ihr umgesehen. Scheinbar sind wir einiges weiter gelaufen, denn ich sah sie nicht sofort, weil es schon ziemlich dunkel war. Als erstes dachte ich, ich würde sie nicht finden, aber dann sah ich ihre weißblonden Haare, die sie in einem Pferdeschwanz zusammen gebunden hat. In dem Augenblick, als ich sie erblickte, rannte ich auch schon zu ihr. Als ich bei ihr ankam, stand sie nur da. Sie hat sich gar nicht bewegt, sie stand nur da und starrte in die Dunkelheit links von mir. Ich war mir erst nicht sicher, was ich tun sollte. Aber dann bin ich näher gekommen und hab mich vor sie gestellt. Damit die Stimmung nicht so deprimierend war, hab ich sie fröhlich gefragt, was denn los sei, jedoch hat sie mich keines Blickes gewürdigt und einfach an mir vorbei gesehen. Klar, es ist seltsam das zu behaupten, wenn ich doch vor ihr stand. Aber sie hat mich nicht angeguckt. Es war, als ob sie durch mich hindurch geguckt hätte. Ich hab einige Minuten gewartet, unwissend was ich tun sollte. Ich hab mich umgesehen und sah die Jungs weiter vorne stehen und reden. Ich dachte daran, sie hierher zu holen, verscheuchte diesen Gedanken jedoch. Die Jungs waren in letzter Zeit nicht gerne in ihrer Nähe. Sie haben es nur wegen mir ausgehalten. Das ist etwas, das ich ihr niemals hätte sagen können. Vielleicht fühlt sie es ja auch selbst, aber es ist ihr mittlerweile total egal. Wie gesagt, ich habe diesen Gedanken verscheucht und mich gleich wieder Malia gewidmet. Als ich sie wieder anblickte, standen ihr Tränen in den Augen. Ich habe Panik bekommen, ich wusste jetzt noch weniger, was ich tun sollte. Sie stand einfach da, hatte Tränen in den Augen und hat nichts gemacht. Ich fragte, jetzt weniger fröhlich sondern eher besorgt, was los sei. Wieder keine Antwort und ich bekam immer mehr Panik. Ich versuchte im Wald etwas zu erspähen, sah jedoch gar nichts. Dann hat mich eine Idee gepackt. Ich stellte mich jetzt einfach hinter sie. Ich legte meinen Kopf auf ihre Schulter.

Sie zuckte kurz zusammen, entspannte sich dann aber ganz schnell. Ich wusste schon seit einiger Zeit, dass sie körperliche Nähe liebt, aber scheinbar entspannte sie sich wirklich drastisch. Ich hab meinen Kopf gemütlich auf ihrer Schulter hingelegt, etwas gewartet und sie dann ganz ruhig und mit sanfter Stimme gefragt, was sie denn erschreckt hätte.  Es hat nur etwa 5 oder vielleicht auch 15 Sekunden gedauert, mein Zeitgefühl ist schrecklich, bis sie ihre Hand hob.  Wie in einem Psychothriller-Klischee hob sie ihre Hand und zeigte mit dem Zeigefinger in Richtung Wald.

Ich dachte mir, na toll wie erwartet, genau dort, wo ich nichts sehe. Ich hab einige Minuten versucht, dort etwas heraus zu gucken, was jedoch vergeblich gescheitert ist. Ich gab auf und fragte sie, was denn dort im Wald so Schreckliches sei, dass sie stehen blieb und sich vor Angst nicht bewegen konnte.  Das erste Mal konnte ich nicht sehr gut hören, was sie gesagt hatte, weswegen ich sie bitten musste, es zu wiederholen. Aber als sie es wiederholte, wollte ich es als erstes nicht glauben. Ich meine, es war zu verrückt, um es zu glauben, und ich wusste nicht, ob ich etwas überhört hatte. Ich wollte sicher gehen. Ich forderte sie noch einmal auf, es laut und deutlich zu sagen, so dass ich es hören konnte. Aber noch bevor ich hätte erwarten können, von ihr diesen unglaublichen Satz zu hören, bekam sie Panik, sie fing an merklich zu zittern. Sie hielt ihre Hände über ihren Kopf, und fing lauthals und in Panik, mit ihren Händen über dem Kopf, zu schreien an. Und wie der Zufall es so wollte, brach genau vor uns aus dem Wald, wo davor nur Schwarz herrschte, ein weißes helles Licht herab. Es war schrecklich hell. In dem Moment, als es so hell war, dass ich nichts sehen konnte, hörte Malia auf zu schreien. Das Licht war jedoch immer noch da. Ich konnte gar nichts außer Weiß sehen, jedoch hat es mir nicht in den Augen wehgetan, dort hinein zu sehen. Was seltsam war, wenn man an die Physik von Licht denkt. Ich bin mir nicht sicher, wie lange ich dort stand, und ich weiß nicht, was in dem Moment mit den anderen war, ich weiß nur, dass es für einige Augenblicke extrem still war. Diese Stille war unheimlich. Das letzte, woran ich mich erinnere, war dieses schreckliche Piepen, und dann bin ich scheinbar in Ohnmacht gefallen. Jetzt sitze ich hier und erzähle euch die Geschichte, die mich auf diesen Planeten gebracht hat. Naja jedenfalls den Teil der Geschichte, an den ich mich noch erinnere. Ich glaub immer noch nicht, dass es erst eine halbe Stunde her ist.