shadow

Schneekugeln

Dieser Wind, er wird kalt. Wie lange liege ich schon hier? Eine Stunde? Vielleicht auch zwei. Langsam wird es dunkel und ein paar hellgraue Wolken streifen den mit sternenbedeckten Himmel und lassen die Wiese im kühlen Wind noch dunkler erscheinen, solange, bis auch der letzte warme Sonnenstrahl von der ewig wirkenden Dunkelheit verschluckt worden ist und die Umgebung in weitreichender Stille und Finsternis umhüllt ist. Ich bekomme Gänsehaut und nach und nach wird auch mein, nur von einem hauchdünnen Sommerkleid bedeckter Körper ebenfalls kalt, sodass ich mich vorsichtig aufsetze, bis ich schließlich ganz aufstehe.

„Wie lange ist es nun schon her?“, flüstere ich leise vor mich hin.

„Viel zu lang“, höre ich plötzlich eine tiefe Stimme antworten. Ich erschrecke und drehe mich mit einer schwungvollen Bewegung um.

„Ach, du bist es“

Ich wusste, dass es mein Bruder sein würde, da sonst niemand auf mich wartet.

„Du bist wieder da, hmm?“, sag ich nur in einem kühlen Ton, als ob ich es nicht schon vorher gewusst hätte.

“Lass uns heimgehen, ich erzähl dir dann, was auf der Reise alles vorgefallen ist.“

Wir gingen einen dunklen, einsamen Waldweg lang, den wir früher als Kinder immer gegangen sind. Damals spielten wir hier immer mit unseren Freunden und Nachbarn Verstecken, Räuber und Gendarm, Ticken und all die anderen Kinderspiele, die man sich im Entwicklungsalter ausgedacht hat, damit man sich draußen bis zur Dunkelheit gemeinsam beschäftigen konnte, um dann abends erschöpft schlafen zu gehen und am nächsten Tag neue Abenteuer erleben zu können. Doch über die Jahre hinweg zogen die Kinder aus unserer Nachbarschaft aus, suchten sich Arbeit oder gingen in andere Schulen. Der Wald vereinsamte und noch kaum jemand besuchte die idyllischen Wälder voller verlorener Schätze und hinterlassener Erinnerungen, als wären sie allesamt mit der hölzernen Baukunst ausgestorben, die wir als Kinder hier hinterlassen hatten.

Als wir zu Hause angekommen sind, gehe ich ohne ein Wort in die Küche und wärme das bereits vorgekochte Essen auf, das ich zuvor am Vormittag für die Ankunft meines Bruder gekocht hatte. Nach einer Weile kommt mein Bruder zu mir in die Küche,   er nimmt den Geruch wahr und springt wie ein kleiner Junge vor Freude in die Luft

„DAS IST JA MEIN LEIBGERICHT!“, schreit er durch das ganze Apartment. „Och, riecht das gut, hast du das extra für mich gekocht? Du scheinst ja wunderbar zurecht zu kommen und eine tolle Köchin zu sein. Ich kann das Abendessen kaum erwarten“, fügt er noch schnell hinzu.

Doch ich ignoriere seine Aussage und sage in kühnem, trockenen Ton, er möge bitte den Tisch decken. Wir, bzw. eigentlich eher ich, wohnen in einem großen Apartment im  obersten Stock, zu dem eine gigantische Dachterrasse gehört.

„Scheint, als hätte sich hier nichts verändert, kleines Schwesterchen, ebenso wenig wie du“, versucht er in einem belustigtem Ton rüber zu bringen, der jedoch kläglich scheitert.

„Wie war die Arbeit, wo warst du dieses Mal?“, wechsle ich das Thema und frage mit einem gewissen Desinteresse nach, das er schon gewohnt sein müsste, da er total gelassen anfängt von seinem Arbeitsleben zu erzählen. „In London, musste ich einen Klienten vertreten, der wegen eines Staatsverbrechens angeklagt wurde, das er gar nicht begangen habe soll.“

„Wie ging es aus?“

„Naja, es stellte sich heraus, er hatte es doch begangen und bekam Lebenslänglich, blöd nur, dass er kurz darauf erschossen wurde. Wie dem auch sei, Fall abgeschlossen“, erzählt er, und fügt anschließend, wie jedes Mal, hinzu: „Ich habe dir etwas Schönes mitgebracht, es liegt hinten in meiner Tasche, in einer kleinen vergoldeten Tüte.“

Mein Bruder bringt mir immer eine Kleinigkeit aus den Ländern, in denen er arbeitet, mit, meistens eine Schneekugel,  Er reist ziemlich viel, weshalb ich die meiste Zeit alleine bin und daher passiert es auch des Öfteren, dass er ein Land mehrere Male besucht. Dennoch bringt er mir bei jeder Ankunft eine andere Schneekugel mit, aus einer anderen Stadt, mit einem anderen Motiv, welches die tief bedeutende Symbolik der Stadt wieder geben soll. Wenn ich ehrlich bin, mag ich gar keine Schneekugeln, doch er freut sich jedes Mal mir eine zu schenken und freut sich noch mehr, wenn er denkt, dass ich mich unheimlich über sie freue. Doch in Wahrheit freue ich mich nur für ihn, weshalb ich ebenso ein Regal für diese geld- und platzverschwenderische Dekoration einbauen ließ. Ich spiele ungern die liebevolle, dankende kleine Schwester, die ich noch war, als er mich verließ. Und dennoch tut es mir im Herzen weh, ihn leiden sehen zu müssen, selbst wenn ich weiß, dass ich die Verursacherin all seiner Sorgen bin.

Ich gebe mir mittlerweile nicht einmal mehr die Mühe so zu tun, als wäre ich voller Freude und Lebensenergie. Trotzdem ist er niemals wütend auf mich, schreit mich nie an. Im Gegenteil sogar, er ist stets freundlich und hat immer ein breites Lächeln auf seinem Gesicht, das er mir jeden Augenblick, den wir zusammen verbringen, schenkt.

„Wie läuft die Schule?“, ruft er lautstark aus dem Essbereich in die Küche hinein, wo ich grade den Nachtisch vorbereite. Von mir jedoch kommt nur ein nichts sagendes „Gut“ über die Lippen. In Wahrheit gehe ich selten in die Schule. Ich komme meistens nur zu den Abschlussprüfungen, die ich dann, Gott weiß warum, meistens mit einem A+ bestehe. Ich lerne nicht viel. Im Gegenteil, ich gehe den ganzen Tag spazieren und vertreibe mir die Zeit. Ich lege nun mal nicht viel Wert auf die institutionellen Vorgaben der gesellschaftlichen Norm. Mag sein, dass ich daher so alleine bin, ich wurde von allen, die ich je kannte verlassen und jene, die hier geblieben sind, habe ich verlassen. Ich habe kein besonders großes Interesse an zwischenmenschlichen Interaktionen, sodass ich ebenso wenig Wert darauf lege, humane Bindungen einzugehen und diese fest zu halten. Verlass ist nur auf jene, die mit dir gebunden sind. Daher lebst du allein und du stirbst allein.

„Alicia, sag mal…“, fängt er schon im ernsten Ton an, mit mir zu reden, sodass ich mir denken kann, was folgen wird, „ich weiß, ich bin grade erst gekommen, und ich wünschte, ich könnte länger bleiben, denn du weißt, ich würde alles dafür tun, um mehr Zeit mit dir zu haben…“

„Aber du musst schon wieder gehen“, unterbreche ich ihn und füge hastig hinzu, damit er kein schlechtes Gewissen bekommt und denkt, ich trauere: „Alles gut, Bruder. Ich schaff das schon, es freut mich, dass du die Welt sehen kannst. Wo geht es denn dieses Mal hin?“

Ich schenke ihm ein Lächeln, worauf er noch strahlender zurück lächelt, da dies mittlerweile wie ein Geschenk wirken muss.

Doch trotz seines Lächelns sagt er nur im betrübten Ton: „Ich versuche mich zu beeilen, versprochen!“

Irgendwie habe ich keine Schwierigkeiten mehr damit, alleine zu sein, für mich selbst verantwortlich zu sein. Ich bin einfach daran gewöhnt und wahrscheinlich fällt es mir daher auch so leicht, mich auf mich selbst zu verlassen und mich darauf zu konzentrieren, was ich gerne im Leben machen oder erreichen möchte. Das mache ich mir jedoch nur selten zunutze. Ich lese gerne, setze mich irgendwo in einen verlassenen Park auf eine einsame, düstere Bank und schreibe Texte, Gedichte oder sonst jegliche Art von lyrischer Symbolik, auf die ich meine Werte lege.

Den Rest des Abends verbringen wir in einer leichten, trostlosen Stille, bei der mein Bruder mir versucht, die Wichtigkeit der schulischen Laufbahn nahe zu bringen, sowie andere moralische Ratschläge für das Leben, die Jugendliche meist sowieso lieber ignorieren, statt sie zu befolgen. Zwischendurch wechselt er jedoch das Gespräch auf unwichtige Nebenthemen, wie den Kauf eines neuen Autos, Liebesgeschichten seiner Freunde, sowie Trennung, Schwangerschaft und andere Neuigkeiten. Es fühlt sich jedes Mal aufs Neue ungewohnt an, für eine weitere Person das Bett vorzubereiten. Ich gehe aus der offenen Küche über eine kleine Stufe im dunkelfarbigen Holzlaminatboden in den Flur und dann in das rechte Zimmer, das ich meist als das Gästezimmer meines Bruders verwende.

Dort steht nicht viel, abgesehen von einer ebenfalls dunkelfarbigen Holzkommode, einer Stehlampe, einem Kleiderschrank und einem riesengroßen King-Size Bett. Ich beziehe das Bett ganz frisch, lege ein sauberes Handtuch und einen Bademantel darauf und bewege mich leicht träge zu Tür, wo ich einen Blick auf ein Foto werfe, das auf der dunkelbraunen Holzkommode steht. Es zeigt meinen Bruder und mich in der Kindheit, wo ich gerade versuche, meinen Bruder zu schlagen, da er mir versehentlich meinen Lolli aus der Hand geschlagen hatte. Mein damals beinahe zwei Köpfe größerer Bruder wehrte den Schlag jedoch ab, indem er mich in den Arm nahm und seine Hand auf meinen Kopf legte. Ich schaute erschrocken auf, hörte auf zu weinen und fing sogar wieder an zu lächeln.

Diesen Tag werde ich niemals im Leben vergessen. Es fühlte sich an wie ein unbeschwertes Leben, das von Liebe und einer schützenden, stärkenden Hand  begleitet wurde. So schaue ich eine Weile auf das Bild und bleibe einfach inmitten der Tür stehen, bis ich die Tür hinter mir schließe.

Ich gehe zu meinem Bruder zurück ins Wohnzimmer. „Wenn du möchtest, kannst du jetzt ein Bad nehmen, ich habe dir bereits eines eingelassen“, gebe ich diesmal in einem fürsorglichen Ton von mir. „Das Bett habe ich dir auch bereits gemacht, du musst bestimmt müde und kaputt sein.“

Er schenkt mir ein Lächeln und haucht ein glückliches „Danke“ von sich, welches sich nur auf den Lippen ablesen lässt. Als mein Bruder im Bad ist, wasche ich seine schmutzige Wäsche, die er von der Reise mitgebracht hat. Ich schaffe jedoch nur eine Waschmaschine, denn grade als ich dabei bin, die erste Waschmaschine zusammen zu legen, werde ich so unglaublich müde, dass ich mich auf die Couch neben dem Wäschekorb fallen lasse und eine Pause einlege. Diese Pause zieht sich jedoch so lang, dass ich mit der Wäsche in der Hand einschlafe, ohne es zu bemerken.

Als mein Bruder aus dem Bad kommt, gibt er wohlerholt den Anfang eines Satzes von sich, den er jedoch nicht beendet indem er sagt: „Ach Alicia, das Bad hat so unglaublich gut getan, ich weiß nicht, wann ich das letzte Mal etwas so sehr genossen habe, ich bin dir unwahrscheinlich dank…..“ Er kommt um die Ecke des Flures und sieht mich total erschöpft auf der Couch liegen, inmitten der Wäsche. Es muss wie in Kinderzeiten aussehen, als mein Bruder mich sanft auf seine Arme nimmt und mich dann in mein Bett trägt, wo er mich zudeckt und mir anschließend einen Kuss auf die Stirn gibt, bis ich friedlich weiter schlafe.

Das ist das letzte Mal, dass ich ihn gesehen habe, denn als ich am Morgen aufwache, ist alles wie immer. Ich bin alleine, einsam und verlassen.

Ich stehe auf und gehe zunächst in das Gästezimmer meines Bruders, wo ich alles ordentlich hinterlassen vorfinde. Daraufhin mache ich mich auf den Weg in die Küche, wo ich bemerke, dass die Wäsche des vorherigen Abends zusammengelegt ist und alles ordentlich zurückgelassenen wurde. Plötzlich bemerke ich diesen Duft in der Nase und drehe mich um, so dass ich Richtung Küche blicke. Es ist, wie sonst überall auch, alles sauber. Ich steige die Stufe hoch und sehe ein fertiges Frühstück, neben dem ein Zettel liegt.

 

Liebes kleines Schwesterchen,

ich wäre gerne länger geblieben. Ich fühle mich wirklich wohl bei dir, und es freut mich zu sehen, wie du zu einer wunderschönen, großartigen und selbstständigen Frau heran gewachsen bist. Es tut mir unglaublich leid, nie für dich da sein zu können. Ich vermisse dich sehr. Außerdem bin ich so unglaublich stolz auf dich. Ich weiß ich bin nicht die Familie, die du eigentlich verdienst. Ich weiß, dass ich viele Fehler mache und nicht so für dich da bin, wie du es brauchst, aber es wird sich bald alles ändern. Vielleicht schaffe ich es eines Tages, zu dir zu fahren und zu bleiben. Ich wünsche mir so sehr, bleiben zu können, doch ich muss leider wieder los. Ich bin bald zurück. Versprochen.

 

In aller Liebe und Zuneigung

 

Dein großer Bruder

 

Ps. Ich habe dir Frühstück gemacht, ich hoffe es wird dir schmecken.  Danke nochmal für gestern und bei meiner nächsten Ankunft, bringe ich dir wieder eine Schneekugel mit.