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Schritte im Schnee

von Lisa Baumgarten

Ungeduldig blickte ich zur Uhr. Sie zeigte halb sieben an. „Sie hätten schon seit einer halben Stunde hier sein sollen“, dachte ich und nahm meinen Rundgang durchs Haus wieder auf. Ich kontrollierte zum fünftem Mal den festlich, mit roten Kerzen und Tannengrün geschmückten Tisch, sah nach der Ente im Ofen, die langsam vor sich hin brutzelte und stellte mich schließlich wieder seufzend vor das Küchenfenster, um die Einfahrt zu beobachten. So weit war es doch gar nicht von Hamburg bis nach Elmshorn, mit dem Auto etwa zwanzig Minuten. Sollte er etwa seine Mutter vergessen haben?

Frustriert betrachtete ich mein Spiegelbild in der Scheibe. Das Alter hatte auch vor mir nicht halt gemacht. Mein ehemals blondes Haar war nun grau, um die Augen zogen sich tiefe Falten und dunkle Schatten. Meine ehemals blitzenden blauen Augen schauten mich müde und gramerfüllt an.

Während ich nach draußen sah, verloren sich meine Gedanken in vergangene Zeiten, zu den ersten Tagen im Waisenhaus, wo ich zusammen mit anderen Mädchen in einem Saal schlief. Ich gab nie einen Ton von mir, nur in der Nacht weckten mich meine eigenen Schreie. So sehr sich die Erzieherinnen auch bemühten, niemals erzählte ich ihnen von dem Entsetzen, das mich jede Nacht plagte. Ich blieb einsam und in mich verschlossen, auch später noch, als ich von einer Pflegefamilie an die nächste weitergereicht wurde. Keiner von ihnen durchdrang die Mauer, die ich um mich herum errichtet hatte. Mit der Zeit jedoch ließen die Alpträume nach. Immer tiefer und tiefer vergrub ich jenes Ereignis, bis ich es beinah vergessen hatte.

Endlich fuhr Charlies Auto auf den Hof. Erfreut lief ich zur Tür.

„Da seid ihr ja endlich, ich hab mir schon Sorgen gemacht“, rief ich.

„Dir auch ein frohes Fest Mama“, antwortete mein Sohn Charlie lachend.

Wie jedes Jahr feierte ich mit ihm Weinachten. Diesmal jedoch brachte er seine neue Freundin und deren Sohn mit.

„Mama, darf ich dir Nora vorstellen? Und das ist ihr bezaubernder Sohn Thomas.“

„Ich heiße nicht Thomas, sondern Tom“, brummte der Junge erbost. Er hatte eine schulterlange, braune, lockige Mähne, die schon lange keine Schere mehr gesehen hatte. Unter dem tief ins Gesicht fallenden Pony sahen mich zwei dunkle Augen verdrossen an. Er hatte Kopfhörer im Ohr und die Musik so laut gedreht, dass es mich wunderte, wie er trotz allem noch etwas hören konnte. Nora war das genaue Gegenteil von ihrem Sohn, groß und schlank, mit blauen Augen und langen blonden Haaren.

„Und nun Nora, Tom, das ist meine Mutter, Jette“, nahm Charlie seine Vorstellungsrunde wieder auf. „Aber ich glaube, du Tom kannst sie bald Oma nennen“, fügte Charlie noch hinzu. Überrascht sah ich ihn an.

„Wir werden im Januar heiraten“, sagte Charlie und legte den Arm zärtlich um Nora. Sie streckte mir die Hand entgegen: „Freut mich, dich kennen zu lernen“, sagte sie. Etwas betäubt schüttelte ich ihr die Hand. „Was für eine Überraschung“, murmelte ich etwas geschockt.

„Das verblüfft dich etwas, nicht wahr? Wer hätte gedacht, dass ich doch noch die Richtige finde“, schmunzelte Charlie, „aber glaub mir Mama, du wirst feststellen, dass sie ganz in Ordnung sind“, fügte er hinzu. „Nun lasst uns aber essen. Ich habe ihnen auf der Herfahrt von deinen tollen Kochkünsten erzählt.“

Alle setzten sich an den Tisch und ich holte die Ente.

„Das kann ich nicht essen. Ich bin Vegetarier!“, beschwerte sich Thomas, kaum dass er den Vogel erblickt hatte.

Nora lächelte mir entschuldigend zu und wandte sich dann an Thomas: „Sei doch bitte etwas freundlicher, und seit wann bist du Vegetarier?“

„Ist doch egal, aber das da esse ich auf keinen Fall“, sagte Thomas missgelaunt.

Also holte ich noch etwas Brot und Butter für Thomas, während sich der Rest schon an der Ente zu schaffen machte. Nach dem Essen kamen wir zur Bescherung. Ich schenkte Charlie ein Buch und Nora einen Gutschein. Für Thomas hatte ich einen Fußball besorgt.

„Was soll ich damit? Ich spiele doch in keinem Verein“, beschwerte sich Thomas.

„Thomas“, fuhr ihn seine Mutter an, „bedank dich gefälligst.“

Doch Thomas funkelte seine Mutter nur wütend an und schwieg beleidigt.

„Ich dachte, du könntest zusammen mit deinen Freunden spielen“, versuchte ich die Situation zu entschärfen. Thomas rührte sich nicht.

Charlie räusperte sich: „Wie dem auch sei, für dich haben wir etwas Besonderes Mama, einen Urlaub“, sagte er.

„Ja, wir haben uns gedacht ein Wellnessurlaub in deiner Heimat wäre genau das Richtige für dich. Im Januar soll es dort sehr schön sein“, fügte Nora hinzu. Erinnerungsfetzen blitzten vor meinen Augen auf.

Eine dunkle sternenklare Nacht. Ich kann den Vollmond erkennen, er steht hoch am Himmel, halb verdeckt von Wolken. Ich liege im Schnee, die kahlen Bäume beugen sich wie krumme Riesen über mich, strecken ihre langen Äste nach mir aus. Der Schnee knirscht leise, als die Schritte immer näher kommen.

Entschieden schüttelte ich den Kopf und die Erinnerung verschwand.

 

Ich konzentrierte mich auf das Hier und Jetzt. „Im Januar, aber da ist doch eure Hochzeit?“, fragte ich verwirrt.

„Ähm, genauer gesagt ist dein Urlaub während unsere Flitterwochen und außerdem haben wir gehofft, dass du Thomas mitnimmst, um ihn besser kennen zu lernen“, sagte Charlie schnell.

Erschüttert starrte ich ihn an. „Ich kann aber nicht zurück, das geht nicht“, flüsterte ich.

Panik steigt in mir hoch. Die Schritte sind nun sehr nahe. Ich drehe den Kopf und sehe IHN. Seine dunkle Gestalt zeichnet sich schwach von der Umgebung ab. Unten am Strand höre ich die Wellen gegen die Felsen schlagen.

Ich blinzelte und sah nun wieder klar, sah den verblüfften und enttäuschten Blick meines Sohnes und gab nach. Mit zusammengebissenen Zähnen lächelte ich und stimmte dem Urlaub zu. „Also Gut, wenn ich wirklich nur im Hotel bin und nicht noch lange Spaziergänge machen muss, fahre ich dahin.“

Charlie lächelte erleichtert. „Du wirst sehn, die Tage vergehen wie im Flug.“

Ich nickte und wandte mich dann an Thomas. „Was meinst du, wir beide müssten das doch hinkriegen, oder?“ Thomas sah mich hasserfüllt an. „Ich fahre nicht mit dir weg, ich bleibe hier!“

 

Der Zug ratterte unaufhörlich nach Norden. Am Fenster zogen Wälder, Wiesen und Felder vorbei, hin und wieder unterbrochen von kleinen Dörfern mit Backsteinbauten. Die Sonne stand tief am Himmel und tauchte die Landschaft in ein rot, goldenes Licht. Ich wandte mich vom Fenster ab und sah wieder den Jungen an. Er lümmelte in seinem Sitz und hatte die Füße auf den gegenüberliegenden Platz gelegt.

„Thomas“, wies ich ihn zurecht, „nimm die Füße runter!“

Er sah mich finster an, stand auf und verließ das Abteil. Seufzend schloss ich die Augen. Es war so schwer. Seit der Hochzeit hatte er kein Wort mehr mit mir gesprochen. Ein paar Mal hatte ich versucht ein Gespräch zu beginnen, was aber mit mürrischen Schweigen und einem griesgrämigen Gesicht bestraft wurde. Ich drang einfach nicht zu ihm durch. Müde schloss ich wieder die Augen und erinnerte mich mit einem zufriedenen Lächeln an die Hochzeit. Es war ein rauschendes Fest gewesen. Charlie und Nora strahlten um die Wette und tauschten liebevolle Blicke. Sie trug ein schulterfreies weißes Kleid und Charlie einen Smoking mit Fliege und Blume im Knopfloch. Alle waren guter Laune, nur Thomas saß häufig allein und blickte finster und traurig zu seiner Mutter. Meine Vermutung, dass sich Charlie und Thomas nicht besonders gut verstanden, bestätigte sich als mich Charlie nach der Trauung zur Seite nahm.

„Dir ist sicher schon aufgefallen, dass Thomas nicht mit mir spricht. Er nimmt es Nora übel, dass sie wieder heiratet“, sagte er. „Ich weiß nicht, was zwischen ihm und seinem Vater vorgefallen ist, Nora spricht nicht darüber, aber was es auch sein mag, ich bitte dich, versuche dich während des Urlaubs mit ihm anzufreunden. Vielleicht wird er dann auch mir gegenüber etwas offener“, bat Charlie.

Ich versprach mein Bestes zu geben und mich gut um Thomas zu kümmern, doch inzwischen bereute ich dieses Versprechen. Meine Gedanken wurden langsamer, verloren sich in der Vergangenheit.

Wieso hatte er das getan? Ich war doch sein Mäuschen, sein Kleines gewesen. Bisher hatte er uns nie etwas getan, weder mir noch meiner Mutter. Ich wusste, dass sie sich stritten, abends wenn mich ihre Stimmen wach hielten und ich mich unter der Bettdecke verkroch. Mamas wütendes Schreien, gefolgt von Papas gebrüllter Antwort, dann das Schlagen der Haustür und Mamas verzweifeltes Schluchzen.

Die Lautsprecherdurchsage riss mich aus meinen Gedanken. Ich schaute auf die Uhr. Noch eine viertel Stunde bis zur Ankunft. Thomas war noch nicht wieder aufgetaucht. Ich machte mich auf die Suche nach ihm. Er saß im Speisewagen, hatte den Kopf auf die Hand gestützt und sah aus dem Fenster. Ich setzte mich zu ihm.

„Wir sind gleich da. Wusstest du, dass ich hier geboren wurde“, erzählte ich ihm. „Woher kommt ihr eigentlich?“, fragte ich weiter. Thomas sah mich misstrauisch an. „Ich dachte nur, jetzt, wo wir gemeinsam in den Urlaub fahren, sollten wir die Möglichkeit nutzen und uns besser kennen lernen“, versuchte ich es weiter. Er sah mich kurz an und antwortete zögernd: „Aus Berlin, aber dann haben sich meine Eltern getrennt und Mama ist mit mir nach Hamburg umgezogen“.

„Das muss eine schwere Zeit für dich gewesen sein. Siehst du deinen Vater noch?“, fragte ich.

„Papa hat seinen Job gekündigt und ist nach Jenfeld gezogen. Er hat mich jeden Mittwoch von der Schule abgeholt und dann gingen wir ins Kino oder Eis essen“, berichtete Thomas. Von seinen Antworten ermutigt, wagte ich mich weiter vor. „Was sagt denn deine Mutter dazu, sehen sich deine Eltern häufig?“

„Wieso willst du das wissen?“, blockte Thomas ab.

„Meine Eltern haben sich dauernd gestritten. Darunter habe ich sehr gelitten“, versuchte ich zu erklären.

Nach einigem Zögern fuhr Thomas mit seiner Geschichte fort. „Mama wusste nicht, dass mich Papa abgeholt hat. Jeden Mittwoch muss sie lange arbeiten und kommt erst um sechs nach Hause. Sie dachte, dass ich allein nach Hause gegangen bin. Papa sagte, das ist unser Geheimnis und Mama darf davon nichts wissen“, fügte er geheimnisvoll hinzu.

Etwas verwirrt runzelte ich die Stirn. „Warum will deine Mutter nicht, dass dein Vater dich abholt?“, fragte ich.

„Das weiß ich nicht“, sagte Thomas. „Aber dann“, fuhr er mit wütender Stimme fort, „kam Charlie. Nun holt er mich jeden Mittwoch von der Schule ab und Papa sehe ich nicht mehr.“

Mitfühlend legte ich meinen Arm um seine Schulter. Er sah mich skeptisch an, doch er ließ meinen Arm liegen und rückte nicht von mir weg. Ich lächelte leicht. Thomas taute langsam auf. Vielleicht würde ich doch noch mein Versprechen halten können.

„Weißt du“, erzählte ich ihm, „meine Eltern haben sich auch dauernd gestritten. Ich weiß, wie du dich fühlst. Du verspürst gleichzeitig Wut und Hoffnung. Du bist wütend auf deine Eltern, weil sie sich getrennt haben, einfach über deinen Kopf entschieden haben, die Familie auseinander zu reißen. Nach deinen Gefühlen und Wünschen hat keiner gefragt.“

Er schaute mich erstaunt an und nickte dann kurz.

„Gleichzeitig“, fuhr ich fort, „hoffst du aber immer noch, dass sie wieder zusammen kommen, dass ihr die gleiche glückliche Familie werdet wie früher. Doch nachdem deine Mutter Charlie geheiratet hat, ist das nicht mehr möglich und deshalb hasst du Charlie und bist wütend auf deine Mutter.“

Thomas nickte wieder. „Stimmt genau“, flüsterte er. Mit der Hand fuhr er sich über die Augen, in denen sich ein paar Tränen gebildet hatten, zog die Nase hoch und lächelte mich dann schwach an. Ich fuhr ihm kurz durchs Haar.

„Aber dein Vater ist doch nicht für immer weg“, tröstete ich ihn, „wenn du deine Mutter darum bittest, darfst du ihn bestimmt wiedersehen.“

Er lächelte dankbar und legte den Kopf vorsichtig an meine Schulter. „Meinst du wirklich?“, fragte er zaghaft. Ich drückte ihn kurz an mich. „Bestimmt! Nun komm wieder zurück. Wir sind gleich da.“

Der Zug fuhr langsam in den Bahnhof ein und kam schließlich mit quietschenden Bremsen zum Stehen. Die Sonne stand nun tief am Horizont und tauchte den Bahnhof und die umliegenden Häuser in ein weiches Licht. Der Bahnhof hatte sich nicht verändert. Dort stand noch immer dieselbe schmutzig weiße Bahnhofshalle wie damals. Die große Uhr über der Tür zeigte sechs. Durch die Tür kam ein älterer Mann auf uns zu. Ich schätzte ihn auf etwa sechzig. Er hatte graue Haare und trug eine blaue Latzhose mit weißem Hemd. Er lächelte freundlich und streckte mir die Hand entgegen. „Guten Abend. Sie müssen Frau Müller sein. Mein Name ist Heinrich. Ich bin ihr Chauffeur zum Hotel.“

Erfreut ergriff ich seine Hand und schüttelte sie. „Freut mich sie kennen zu lernen. Darf ich ihnen Thomas, meinen Enkel vorstellen?“

Heinrich schüttelte auch Thomas die Hand, hob dann unsere Koffer auf und bat uns, ihm zu folgen. Vor dem Bahnhof stand ein weißes Auto. An der Seitentür prangte der Name des Hotels. Heinrich öffnete die Tür und ließ Thomas auf den Rücksitz krabbeln, während ich vorne Platz nahm. Er ließ den Motor an und wir fuhren aus dem Ort hinaus. Langsam zogen weite Felder an uns vorbei. Es lag kein Schnee, dennoch wirkte die Gegend trostlos und verlassen.

Thomas’ Verhalten hatte sich komplett verändert. Anstatt missmutig vor sich hinzustarren, fing er eine lebhafte Unterhaltung mit Heinrich an. Gedankenverloren blickte ich aus dem Fenster. Die Straße führte in ein kleines Waldstück, schlanke Kiefernstämme huschten an mir vorbei.

„Das ist ja cool“, Thomas’ Stimme riss mich aus meinen Gedanken, „hast du das gehört, Oma? Hier ganz in der Nähe soll ein Mord passiert sein.“

„Ja, damals wurde eine Frau erschlagen aufgefunden. Den Mörder hat man nie gefunden“, erzählte Heinrich.

Ich lächelte nervös. „Hört sich ja spannend an“, presste ich zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor. Meine Hände zitterten und mir wurde plötzlich ganz kalt.

Es ist Nacht. Durch den Spalt der Vorhänge grinst mich der Vollmond spöttisch an. Unten höre ich, wie sich Mama und Papa streiten. Ich ziehe den Kopf unter die Decke, aber immer noch höre ich ihre wütenden Stimmen. Sie sind lauter als üblich. Ich rolle mich zusammen, mache mich ganz klein und wünsche mir nichts sehnlicher, als wieder einzuschlafen. Von unten ertönt plötzlich ein lautes Poltern, meine Mutter schreit laut auf, dann ist alles still. Vorsichtig ziehe ich den Kopf unter der Decke hervor und lausche. Von unten kommt kein Laut. Langsam steige ich aus dem Bett und schleiche behutsam zur Treppe. Ich lausche noch mal. Nun höre ich Papa unten leise weinen. Ich spähe durch die Streben des Geländers. Unten steht Papa. Er zittert am ganzen Körper. Tränen tropfen von seinem Gesicht zu Boden. In der Hand hält er eine bronzene Kaminfigur. Der Rand ist mit Blut verschmiert.

„Oma, he Oma, stimmt was nicht.“ Thomas’ ängstliche Stimme holte mich in die Gegenwart zurück. Ich atmete tief durch und öffnete dann die geballten Fäuste. „Nein, alles in Ordnung. Mir war nur etwas schwindlig“, beruhigte ich ihn. Heinrich blickte mich kurz an. „Sie sind ja ganz blass! Am besten gehen sie sofort ins Bett, wenn wir angekommen sind“, verordnete er. Der Wagen bog von der Hauptstraße ab und fuhr einen schmalen asphaltierten Zufahrtsweg entlang, der links und rechts von Buchen flankiert war. Der Weg endete an einem verschnörkelten, eisernen Tor. Heinrich öffnete das Tor. Der Wagen rollte auf das Gelände und hielt vor einem imposanten Herrenhaus aus weißem Stein. Es war geschmackvoll mit Balkonen, Türmchen und Ornamenten versehen. Zwei steinerne Löwen bewachten die weitgeschwungene Treppe zum Eingangsportal. Heinrich stieg aus und holte unser Gepäck aus dem Kofferraum. „Kommen Sie, ich bringe sie zur Anmeldung“, rief er. Wir stiegen aus und folgten ihm die Treppe hinauf. Thomas betrachtete ehrfürchtig die Löwen. „Die sehen beinahe lebendig aus“, murmelte er. Ich lächelte ihn an und legte den Arm um seine Schulter. Die Eingangshalle war riesig. An der Stirnseite führte eine breite Holztreppe ins Obergeschoss. Auf der rechten Seite war die Rezeption. Ansonsten war die Halle mit Sesseln, kleinen Tischchen, altertümlichen Bildern und einer Ritterrüstung dekoriert. Die Frau an der Rezeption wies uns lächelnd ein Zimmer zu und unterrichtete uns über die Essenszeiten. Heinrich war schon mit unserem Gepäck verschwunden und so stiegen wir die Treppe zu unserem Zimmer hinauf. Das Zimmer lag direkt unterm Dach. Ein breites Doppelbett mit geblümter Tagesdecke stand an einer Seite. Für Thomas war eine Schlafcouch auf der anderen Seite des Zimmers hergerichtet. Der Boden war mit Holzdielen bedeckt. In einer anderen Ecke stand eine hohe Standuhr. Durch die zwei Bogenfenster fiel das Licht der untergehenden Sonne auf ein Foto an der Wand und ließ die Figuren in hellem Licht erstrahlen. Es war das Bild einer Familie vor einem Kamin. Die Mutter saß in einem Sessel. Neben ihr stand der Vater und hatte eine Hand vertrauensvoll auf ihre Schulter gelegt. Zu ihren Füßen saß ein kleines, blondes Mädchen. Alle lächelten in die Kamera. Ich schluckte schwer und wandte mich schnell von dem Bild ab.

Mit lautem Gähnen ließ sich Thomas auf sein Bett fallen. „Ich finde es hier echt klasse. Hast du die Ritterrüstung unten gesehen? Ob es hier wohl auch einen Kerker gibt?“, fragte er.

„Komm jetzt, gleich gibt es Abendessen. Du hast bestimmt schon Hunger“, sagte ich.

Das Esszimmer befand sich im Erdgeschoss. Durch ein großes Sprossenfenster sah man den liebevoll gestalteten Garten. Jetzt im Winter waren die Bäume kahl und die Beete mit Laub bedeckt, dennoch konnte man erahnen, welch eine Pracht der Garten im Sommer bieten musste. An der Stirnseite des Esszimmers befand sich ein kleiner Kamin, in dem ein Feuer prasselte. In der Mitte stand eine festlich gedeckte Tafel, an der schon andere Gäste saßen. Thomas und ich nahmen am Ende des Tisches Platz. Langsam füllte sich ich das Zimmer. Uns gegenüber setzte sich ein junges Pärchen. Ein lauter Gong ertönte und Heinrich trat ins Zimmer. Ihm folgten mehrere Küchenhilfen mit Speisewagen.

„Guten Abend“, begann Heinrich, „ich möchte nun auch unsere neuen Gäste begrüßen und hoffe, dass sie sich schon eingerichtet haben. Hier nur noch eine kurze Information: Die Wellness – Behandlungen starten morgen um zwölf Uhr. Außerdem bieten wir eine Strandwanderung an. Nun wünsche ich ihnen aber erst mal guten Appetit.“

Daraufhin wurden die Speisewagen herangerollt und die Schüsseln auf dem Tisch verteilt. Zufriedenes Gemurmel kam auf.

„Könntest du mir mal die Kartoffeln reichen“, bat die Frau gegenüber und lächelte Thomas freundlich an. Thomas reichte ihr die Schüssel und wandte sich dann zu mir. „Du, ich glaube Wellness mag ich nicht. Können wir nicht lieber den Ausflug machen?“, bat er.

„Gern, weißt du, ich bin auch nicht so für Wellness“, lachte ich.

„Eine gute Entscheidung“, fügte die Frau gegenüber hinzu, „der Begleiter kennt die tollsten Geschichten aus der Gegend.“

„Ja, Heinrich hat erzählt, dass in der Nähe jemand umgebracht wurde. Wissen Sie was darüber?“, fragte Thomas neugierig.

„Nun, soviel ich weiß, lebte eine Familie in dem Haus, nicht weit entfernt von hier. Eines Tages fand man die Frau erschlagen im Wohnzimmer. Von ihrem Mann und der kleinen Tochter fehlt bis heute jede Spur“, erzählte die Frau. „Wow, hast du das gehört Oma?“ Thomas’ Stimme klang aufgeregt. Ich musste wohl einen Laut von mir gegeben haben denn …

…langsam dreht er sich zu mir um. Seine Augen weiten sich erschrocken, als er mich erblickt. „Was ist mit Mama?“, schluchze ich. Papa zittert am ganzen Körper und blickt starr zu Boden. Vorsichtig steige ich die Treppe herab, immer an der Wand entlang. Auf dem Boden, zu Papas Füßen, liegt sie. Um ihren Kopf breitet sich eine Blutlache aus. Voller Entsetzen blicke ich in ihre verlöschenden Augen. „Du hast sie getötet“, schreie ich und rutschte langsam an der Wand zu Boden. „Das wollte ich nicht“, flüstert er heiser. „Hast du gehört, das wollte ich nicht!“, schreit er und fällt schluchzend auf die Knie. „Mein Mäuschen, mein kleines Mädchen, mein Ein und Alles, bitte, du musst mir glauben, ich wollte das nicht, ich wollte das nicht.“ Langsam und flehend,kommt er mit ausgestreckten Händen auf mich zu. Voller Angst weiche ich vor ihm zurück. „Nein, bleib weg, bleib weg!“, kreische ich. Ich trete mit den Füßen nach ihm, will aufstehen, falle wieder hin, schaffe es dann doch und erreiche endlich die Tür.

Jemand rüttelte mich an der Schulter. „Hallo, können Sie mich hören?“ Langsam öffnete ich die Augen. Ich lag auf dem Boden. Über mir schwebten die besorgten Gesichter von Thomas und Heinrich.

„Wie geht es Ihnen?“, fragte Heinrich besorgt, „Sie sind einfach umgekippt.“ Langsam richtete ich mich auf.

„Es geht schon, danke. Mir ist nur etwas schwindelig geworden“, versuchte ich ihn zu beruhigen. Skeptisch sah er mich an. „Kommen Sie, ich helfe Ihnen. Am besten, Sie gehen ins Bett und schlafen sich richtig aus“, verordnete er.

Gestützt von Thomas und Heinrich erreichte ich mein Bett. Thomas deckte mich vorsichtig zu. „Alles in Ordnung? Brauchst du noch irgendwas?“, fragte er besorgt.

„Nein, mir geht’s gut. Du wirst sehen, morgen bin ich wieder topfit“, sagte ich.

Der Duft von frisch gebrühtem Kaffee(,) weckte mich am nächsten Morgen. Gähnend öffnete ich die Augen. Auf dem Nachttisch stand ein Tablett mit Kaffee, warmen Brötchen, Butter und Marmelade. Thomas stand am Bettende. „Ich habe dir Frühstück gebracht und soll dir von Heinrich sagen, dass die Wanderung um elf Uhr beginnt“, berichtete er.

„Das ist lieb von dir. Ich ziehe mich an, esse was und dann können wir los.“

Vor dem Haus hatte sich schon eine kleine Gruppe versammelt, als wir aus dem Eingangsportal traten. Die Sonne schien von einem wolkenlosen Himmel, es roch schon ein wenig nach Frühling. Heinrich wandte sich an die Gäste. „Prima, jetzt wo wir alle da sind, kann es ja losgehen. Wegen starken Windes und der Sturmflutgefahr nehmen wir aber nicht den geplanten Weg am Strand entlang. Wir werden stattdessen einmal den See umrunden. Dieser Weg ist windgeschützt. Auf der Hälfte der Strecke machen wir Rast. Folgen Sie mir bitte.“

Wie angewurzelt blieb ich stehen. Schauer liefen mir den Rücken hinab und nur mit viel Mühe konnte ich mich (zwingen loszugehen. Thomas, der schon vorgelaufen war, drehte sich nach mir um. „Na los, worauf wartest du?“, fragte er ungeduldig. „Das wird bestimmt total spannend“, rief er begeistert und schloss zur Gruppe auf.

Ich hatte keine Wahl. Ich konnte ihn ja nicht allein mit der Gruppe lassen und so folgte ich ihm. Heinrich führte uns die Auffahrt zurück und bog dann auf einen kleinen Waldweg ein. Im Schatten von mächtigen Kiefern und Eichen wanderten wir auf einem schmalen Pfad, während Heinrich von den Pflanzen und Tieren des Waldes berichtete. Nach einer Stunde wurde der Wald lichter und der Weg breiter. Er führte schließlich in eine Moorlandschaft. Auf einer kleinen Wiese, begrenzt von krummen Kiefern, legten wir eine Pause ein. Thomas und ich setzten uns etwas abseits von den anderen auf eine mitgebrachte Decke. Heinrich gesellte sich zu uns. „Und, wie mache ich mich? Ich hoffe, es langweilt Sie nicht“, fragte er.

Ich lächelte ihn an. „Ganz im Gegenteil. Sie machen das prima, oder Thomas?“

„Können Sie nicht noch was von dem Mord erzählen? Vorhin meinten Sie doch, dass wir ganz in der Nähe dran vorbeikommen“, bettelte Thomas.

Heinrich lachte. „Das Thema scheint dich ja brennend zu interessieren. Aber du hast Recht, das Haus steht keine fünfzig Meter weit von hier entfernt. Wenn du willst, kannst du es dir ansehen“, sagte er und wies in eine Richtung.

„Oh ja, komm Oma, das sehen wir uns an“, rief Thomas begeistert und stürmte los. Entsetzt blickte ich ihm hinterher.

„Nein, bleib hier, das ist zu gefährlich!“, rief ich, doch Thomas war schon verschwunden. Unentschlossen und ängstlich erhob ich mich.

„Thomas!“, rief ich, erhielt jedoch keine Antwort. Zitternd lief ich ihm hinterher. „Thomas, wo bist du?!“

Langsamer folgte ich nun einem schmalen Pfad, der sich eine Anhöhe hinaufwand. Der Pfad knickte scharf nach rechts ab und endete vor einem verfallenen Haus.

 

Das alte Fachwerkhaus steht noch. Die ehemals weiße Lehmwand ist nun schmutzig grau. Das Glas in den unteren Fenstern ist zerbrochen, und der Efeu überwuchert fast das gesamte Haus. Ein Teil des Daches ist eingestürzt und kleine Büsche sprießen aus der Ruine hervor.

Dennoch erkenne ich es wieder, ist es doch Ausgangspunkt meines Schreckens. Ich habe Angst. Grauenvolle Bilder ziehen an mir vorbei. Ich bin wie gelähmt und kann nicht näher heran. Da höre ich Thomas schreien. Ein lauter gellender Schrei, dann ist alles ruhig.

Zitternd stehe ich vor dem Haus, traue mich weder vor noch zurück. Da drinnen liegt Thomas. Ich weiß nicht, was ihm zugestoßen ist. Ich muss ihm helfen. Langsam, Schritt für Schritt nähere ich mich der Tür. Das Haus bleibt still, starrt mich durch zerbrochene, dunkle Fenster an. Ich erreiche die Tür und blicke vorsichtig ins Innere. „Thomas“, rufe ich ängstlich. Dann sehe ich ihn. Er liegt bewegungslos vor dem Kamin. Verstört laufe ich zu ihm, rüttele ihn wie verrückt an der Schulter. Ich fange an zu weinen.

„Thomas! Thomas!“, kreische ich. „Wach auf, oh verdammt, wach doch auf!“

Ich beuge mich über ihn und zucke zusammen, als ich seinen Herzschlag spüre. „Oh, Thomas, Thomas“, flüstere ich und streiche ihm über den Kopf. Er bewegt sich etwas, öffnet dann die Augen und setzt sich langsam auf.

„Oh, Mann, mein Kopf tut höllisch weh. Ich wollte mir die obere Etage ansehen und bin abgestürzt“, murmelt er.

„Du hast mich furchtbar erschreckt“, sage ich und streiche betäubt über seinen Kopf. Immer mehr Tränen fließen, ich kann sie nicht zurück halten. Thomas dreht sich zu mir um. „Hey, was hast du denn?“

Die Tür…, zitternd ziehe ich mich am Türgriff hoch, schaffe es sie zu öffnen und stürze in die alles verschlingende Dunkelheit.

„Jette, bleib hier! Bitte bleib hier!“, höre ich meinen Vater rufen. Schluchzend laufe ich weiter, weg, nur weg. Ich höre meinen Vater rufen. Er folgt mir. Immer weiter und weiter laufen, bloß nicht umdrehen. Unter meinen hastigen Schritten, knirscht der Schnee. Ein falscher Schritt, ich stolpere und liege zitternd am Boden. Ich höre ihn näher kommen. Panik steigt in mir hoch. Weit unten höre ich die Wellen gegen die Klippen schlagen. „Jette!“, höre ich ihn rufen. Er kommt nun direkt auf mich zu. Wimmernd rolle ich mich zusammen. „Kleine, ich tu dir nichts, ich tu niemanden mehr weh, nie mehr“. Langsam geht er an mir vorbei und erreicht den Rand der Klippe. Voller Trauer dreht er sich zu mir um. „Ich hoffe, irgendwann kannst du mir vergeben“. Dann breitet er die Arme aus und lässt sich fallen.

„Hey Oma, was hast du?“, in Thomas’ Stimme schwingt Panik mit. Ich schlucke schwer, reibe mir mit den Händen über die Augen und bringe ein zitterndes Lächeln zustande. „Schon gut, alles in Ordnung. Mir geht es gut.“

„Hör auf damit“, schimpft Thomas. „Ich bin doch nicht blöd. Seit wir hier sind, geht’s dir schlecht. Du bist dauernd abwesend und siehst todunglücklich aus. Immer wenn du glaubst, dass dich keiner sieht, fängst du an zu weinen. Bei Mama war es genauso, als wir von Papa weggezogen sind. Was stimmt nicht mit dir?“ „Es geht nicht. Ich kann es dir nicht erzählen“, weigere ich mich.

Thomas rückt enger an mich heran, legt den Arm um meine Schulter und schmiegt sein Gesicht an meinen Hals. „Du hast mir bei meinen Problemen geholfen, nun helfe ich dir bei deinen.“

Ich kann nicht mehr. All die Jahre habe ich mein Geheimnis bewahrt und nun bricht es wie eine Flut aus mir heraus. Ich erzähle Thomas alles: Von meiner Mutter und meinem Vater, von der Zeit, nachdem ich gefunden und ins Waisenhaus gebracht wurde, und davon, dass ich nie über das sprechen konnte, was mir passiert ist.

Zum ersten Mal kann ich meinen Gefühlen Luft machen, um meine Mutter trauern, meinen Vater verfluchen, ihn hassen und meine Selbstvorwürfe aussprechen. Thomas hält meine Hand und streicht mir vorsichtig über den Kopf. Irgendwann kommen keine Tränen mehr. Ich bin erschöpft und gleichzeitigt habe ich das Gefühl, eine riesige Last verloren zu haben. Ich atme tief durch und hebe den Kopf.

„Es tut mir leid, ich hätte dir das nicht erzählen dürfen, du bist doch noch ein Kind“, versuche ich mich zu entschuldigen.

„Ist schon okay“, sagt Thomas. Er sagt nur diese drei Worte und dennoch bin ich mir sicher, dass ich keinen besseren Zuhörer hätte finden können.

„Ich glaube, du solltest deine Geschichte der Polizei erzählen, dann können sie aufhören nach dem Mörder zu suchen“, sagt er.

Sanft streiche ich mit dem Finger über seine Wange. „Ich danke dir.“

Er errötet und nimmt vorsichtig meine Hand. „Komm, lass uns zurück gehen.“