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Schwarze Spuren

von Laura Lobermeyer

Schweißgebadet wachte ich an diesem Morgen auf, langsam stieg ich aus meinem Bett und ging, ohne auf meine Umgebung zu achten, ins Badezimmer und duschte. Automatisch stellte ich das Wasser heiß und nach einigen Minuten unter dem warmen Wasserstrahl entspannten sich meine verkrampften Muskeln. Ich hatte mal wieder diesen schrecklichen Alptraum gehabt.

Es war dunkel und ich ging geradewegs durch den dunklen Wald, der sich vor mir erstreckte, rechts von mir war ein See, Nebelschwaden hingen über dem Wasser und ließen ihn unheimlich wirken. Ich wusste, es war etwas falsch, doch mein Körper reagierte, egal wie laut ich innerlich protestierte, einfach nicht auf meine Hilferufe.

Es ist immer wieder derselbe Traum.

Ich stellte das Wasser noch wärmer, damit ich mich nur noch auf die heißen Wassertropfen auf meinem Körper konzentrierte. Auf nichts anderes. Als ich fertig war, stieg ich aus der warmen Dusche in die frostige Kälte unseres kleinen, gekachelten Badezimmers und hüllte mich in ein flauschiges, weißes Handtuch ein. Ich blickte auf und sah direkt in den großen goldumrandeten Spiegel. Für mich war er schon immer der Mittelpunkt unseres Badezimmers gewesen. Unweigerlich musste ich lächeln. Meine langen braunen Haare sahen vom Wasser aus, als hätte ich in eine Steckdose gegriffen. Ich strich mir eine Strähne aus dem Gesicht und betrachtete es. Mandelförmige grüne Augen, hohe Wangenknochen und schmale, zierliche Lippen, die perfekt zu meinem schmalen Körper passten.

Plötzlich bemerkte ich die Stille. Warum war es so still? Eigentlich müssten meine Geschwister doch schon wach sein, oder? Langsam öffnete ich die Badezimmertür und kalte Luft schlug mir entgegen. Trotz der Kälte ging ich zum Zimmer meiner Geschwister. Ich lauschte an der Tür, doch ich konnte nichts hören. Ohne zu überlegen, öffnete ich sie und schaute vorsichtig rein. Niemand war da. Ein kurzer Schauder überrollte mich.

„Okay Cassy, mach dich nicht verrückt. Es kommt doch öfter vor, dass sie schon früher aus dem Haus gehen“, sagte ich zu mir selbst. Doch irgendwas sagte mir, dass das nicht stimmte. Noch einmal schaute ich unsicher ins leere Zimmer. Es blieb leer. Was hatte ich denn erwartet? Ich machte auf dem Absatz kehrt und ging so selbstsicher wie nur möglich in Richtung Wohnzimmer.

Der Flur war lang und kalt, und irgendwie konnte ich das Gefühl nicht abschütteln, dass etwas nicht stimmte. Plötzlich sah ich etwas aus dem Augenwinkel heraus. Erschrocken machte ich einen Schritt zur Seite und stellte zu meiner Erleichterung fest, dass es nur ein zusammen gefalteter Zettel war, der auf dem Boden lag.

„Wirst du jetzt schon so paranoid, dass du dich vor einem kleinem Stück Papier erschrickst? Sei nicht albern“, schimpfte ich mit mir selbst.

Ich hob ihn auf und sah auf den ersten Blick, dass es nicht Mamas Handschrift war. Ich faltete den Zettel vollständig auseinander und las.

Das, was du mir angetan hast, werde ich dir nie verzeihen. Du hast mir alles genommen, nun wird dir dasselbe passieren.

Tränen rannen über mein Gesicht. Und obwohl ich noch nicht wusste, was passiert war, gaben meine Beine nach. Mein Körper fühlte sich schlapp und kraftlos an und ich sank in mich zusammen. Eine ganze Weile saß ich so auf dem Boden, wie gelähmt, doch ein Stich in den Finger holte mich in die Realität zurück. Ich schaute nach unten und sah, dass ich den Zettel in der Faust zerdrückt hatte. Doch was war das? Verwirrt schaute ich das kleine grüne Ding in meiner Hand an. Ich betrachtete es näher und kam zu dem Schluss dass es eine Kiefernnadel war, doch ich kannte mich mit solchen Dingen nicht sonderlich aus. Vorsichtig tat ich sie in das Medaillon um meinen Hals. Dort würde sie sicher sein, bis ich wusste, was ich damit anfangen konnte.

Ich stand auf und ging ins Wohnzimmer, um dort noch einmal zu schauen, ob nicht alles nur ein böser Traum war. Normalerweise schlief meine Mutter auf dem Sofa. Es war leer. Da kam mir ein Gedanke. Ich musste jemanden davon erzählen, aber wem? Alle sagten mir immer, wie stark ich sei, doch in diesem Moment fühlte ich mich einfach nur klein und zerbrechlich. Sofort dachte ich an Elias. Schnell lief ich zu meinem Handy und wählte mit zittrigen Fingern seine Nummer. Mir kam in den Sinn, dass ich gar nicht wusste, was ich ihm sagen sollte. Aber da nahm er auch schon ab.

„Ja?“

„Kannst du bitte vorbei kommen? Es ist wichtig.“ Ich bat ihn nicht oft um Hilfe oder deutete auch nur im Geringsten an, dass es mir nicht gut ging. Ich versuchte immer, bei allem die Fassung zu bewahren, so auch bei Elias. Genau aus diesem Grund stellte er wohl keine Fragen und sagte einfach nur, er sei in zwanzig Minuten da. Gut, ich hatte also noch Zeit, mir etwas überzuziehen und mich zu sammeln.

Auf einmal wirkten zwanzig Minuten so fürchterlich lang. Von Sekunde zu Sekunde wurde ich immer nervöser und unruhiger, lief von einer Ecke in die andere. Fast wie ein aufgescheuchtes Tier. Als es endlich an der Tür klingelte, rannte ich förmlich hin. Ich öffnete sie und wäre Elias am liebsten direkt in die Arme gefallen, aber etwas tief in mir sagte mir, dass ich die Fassung bewahren musste. Er war den Weg von der Auffahrt zu unserer Wohnung wohl gerannt, denn seine dunkelbraunen Haare sahen zerzaust aus. Ich sah in seine dunklen tiefen Augen und entdeckte die Sorge darin. Ohne zu zögern nahm er mich in den Arm. Und da war es um meine Fassung geschehen. Tränen rannen über meine Wangen und ich begann zu schluchzen.

„Sie sind weg. Jemand hat sie mitgenommen.“

Verwirrt schaute er mich an „Wer ist weg?“

Ich hatte keine Kraft zu antworten und schaute zum Zimmer meiner Geschwister. Er folgte meinem Blick.

„Cassy, was ist passiert?“

Ich schaute zu Elias auf und begann zu erzählen.

Als ich fertig war, sah er mir noch einmal in die Augen.

„Zeig sie mir!“

„Was?“ Ich war verwirrt.

„Na die Kiefernnadel.“

Inzwischen hatte ich mich etwas beruhigt. Ich holte sie aus meinem Medaillon und gab sie ihm. „Was willst…“

„Mein Vater ist doch Förster.“

Klar, warum war ich da nicht früher drauf gekommen? Das Forsthaus von Elias‘ Vater lag etwa fünf Stunden von hier entfernt.

Zwei Stunden später saßen wir in seinem Auto. Elias hatte herausgefunden, dass die Nadel zu einer Kiefernart gehörte, die es nur in einem ganz bestimmten Waldgebiet zu finden gab, und in genau diesem Gebiet hatte sein Vater ein Forsthaus und nun waren wir auf dem Weg dorthin. Die ganze Fahrt über konnte ich keinen klaren Gedanken fassen. Die Zeit lief uns davon. Was wenn wir es nicht schaffen würden, meine Familie zu finden? Ich konnte mir nicht vorstellen, meine kleinen zickigen Schwestern nie wieder zu sehen. Immer wieder schaute ich aus dem Fenster und sah die vorbei rauschenden Bäume und Straßen, bis ich irgendwann einschlief.

Es war gerade 16 Uhr, als wir bei dem kleinen Haus von Elias‘ Vater ankamen. Er schüttelte ganz leicht meine Schulter und ich öffnete verschlafen die Augen. Einen Moment lang sah ich in die fast schwarzen unendlich tiefen Augen eines jüngeren Elias. Ein merkwürdiges Gefühl durchfuhr meinen Körper, es war, als wollte er mir etwas sagen.

„Laura lass uns reingehen. Es ist kalt hier draußen und du solltest dich vielleicht noch ein bisschen hinlegen.“

„Ähm ja okay.“ Ich stieg aus. War das eben ein Déjà-vu gewesen? Ich dachte noch kurz darüber nach, doch dann packte Elias auch schon meine Hand und zog mich mit in die Dunkelheit der Hütte. Ein kurzer Schauer lief mir über den Rücken, doch da schaltete er auch schon das Licht an. Ich musste geblendet vom hellen Licht ein paar Mal blinzeln, ehe ich alles erkennen konnte. Draußen war es, obwohl es erst Nachmittag war, erstaunlich dunkel gewesen. Ich schaute mich um. Der Wohnraum der Hütte war klein und beschaulich. Es gab ein Bett, ein altes abgenutztes Ledersofa und einen großen Steinkamin. Sofort ging Elias auf den Kamin zu und machte ein Feuer. Alles wirkte so beruhigend, dass es sich fast anfühlte, als ob nichts passiert wäre. Aber man konnte sich nicht vor der Realität verstecken. Ich ging zum Ledersofa und setzte mich langsam hin. Es war so weich, dass ich förmlich darin versank. Wie hypnotisiert starrte ich in die Flammen des Feuers. Sie züngelten an den Mauern des Kamins und hinterließen an den Stellen, die sie berührten schwarze Abrücke. Sie hinterließen eine Spur und selbst, wenn sie irgendwann erlöschen würden, würde jeder, der den Kamin anschaute, wissen, dass sie mal da gewesen waren. Ein Windhauch zog durch den Raum und der Geruch von Rauch stieg mir in die Nase. Ich schaute mich nach Elias um und sah ihn. Doch plötzlich waren wir nicht mehr in der kleinen Hütte, sondern in einem Auto. Es war drückend heiß und ich hatte das Gefühl, mein Kopf würde jeden Moment explodieren. Um uns herum war Feuer, das, wie eben noch am Kamin, nun an der Außenseite des Wagens leckte. Wir saßen auf der Rückbank des kleinen Golfs und konnten direkt durch die nicht mehr vorhandene Frontscheibe schauen. Unnatürlich verdreht hing eine Frau auf dem Fahrersitz. Elias‘ Mutter! Ich konnte den Anblick nicht ertragen und kniff die Augen zu. Als ich auf einmal die panische Stimme meines besten Freundes hörte: „Cassy, Cassy! Mach die Augen auf, was ist los?“

Ich zögerte einen Moment, öffnete sie aber dann und sah das Sofa, den Kamin und einen panisch wirkenden Elias.

„Ähmm“ Ich fand nicht die richtigen Worte.

„Cassy, du hast plötzlich angefangen zu schreien!“

„Ich glaube, ich hab geträumt.“ Ich schaute ihm in die Augen. „Alles okay, mir geht’s gut.“

Aber nichts war okay, auf einmal war mir alles wieder klar geworden, ich konnte mich wieder an alles erinnern. Elias‘ Mutter war bei einem Autounfall gestorben, und ich war schuld. Wir waren damals gerade sieben Jahre alt und auf dem Weg zum Vergnügungspark. Ich hatte meine Trinkflasche umgekippt. Sie fiel direkt unter den Beifahrersitz und da ich von hinten nicht ran kam und ein riesiges Theater machte, versuchte seine Mutter, sie aufzuheben. Sie war so lieb. Sie hatte wirklich nur einen Moment nach unten geschaut, als es auch schon geschah. Wir kamen von der Fahrbahn ab und fuhren direkt in das Auto auf der Gegenseite. Elias‘ Mutter war sofort tot, doch er und ich hatten mehr Glück gehabt. Wir hatten nie wieder über diese Sache gesprochen, dadurch hatte ich wohl die Möglichkeit, das Ganze zu verdrängen. Doch nun konnte ich mich wieder daran erinnern. An alles. Elias! Niemals könnte er meine Familie entführen, dachte ich. Aber so sehr ich es auch versuchte, ich konnte es nicht leugnen. Es passte einfach alles. Die Kiefernnadel, das Forsthaus seines Vaters, und die Tatsache, dass ich ihm blind vertraut hatte und ihm auf Schritt und Tritt folgen würde. Nun hatte er mich da, wo er mich haben wollte. An einem Ort, an dem mich nie jemand finden würde. Ich würde verschwinden und niemand würde ihn verdächtigen. Aber ich musste die Ruhe bewahren. Wenn ich nun panisch wurde, dann würde er merken, dass ich Bescheid wusste und ich hätte keine Chance mehr, irgendwie heil heraus zu kommen. Ich brauchte einen Plan.

„Elias, ich habe auf einmal Hunger bekommen. Würdest du mir vielleicht etwas zu essen machen?“ Ich lächelte ihn kurz an. Er zögerte einen Moment, und ich dachte schon, dass er etwas ahnen würde. Aber dann drehte er sich schnell und entschlossen um und ging in die Küche. Im Weggehen hörte ich noch sein leises okay.

Eine kalte Angst füllte nach und nach meinen Körper. Das Schlimmste war, dass ich dieser Angst nicht entkommen konnte. Ich musste mich verhalten wie sonst auch. Ich musste Elias und auch mich anlügen. Ich schaute den Kamin an. Das Knistern der Flammen, welches ich eben noch beruhigend fand, sorgte nun dafür, dass mir ein kalter Schauer über den Rücken lief. Komisch wie schnell Erinnerungen Gefühle verändern können. Noch in meinen Gedanken versunken hörte ich ein Knacken. Ich versuchte zu erahnen, woher dieses Geräusch kam, da ging urplötzlich das Licht aus. Es war stockdunkel. Ich hörte Elias‘ Stimme und wusste, dass er in wenigen Momenten bei mir sein konnte und ich keine Chance mehr hätte. Und ehe ich es begriffen hatte, rannte ich um mein Leben. Ich stolperte aus dem Haus und warf dabei etwas um, das wie eine Vase klang. Die Panik hatte mich gepackt. Jetzt gab es kein Zurück mehr. Ich hörte Elias nach mir rufen und lief noch schneller. Äste peitschten mir ins Gesicht, und ich spürte, wie Dornen lange Kratzer an meinen Armen und Beinen hinterließen. Doch all das war mir egal, ich wollte einfach nur noch weg. Ich lief immer weiter, denn ich war mir schmerzhaft bewusst, dass er dicht hinter mir sein musste. Meine Beine begannen zu schmerzen. Der Weg war steil, und ich hielt mich an allem fest, wonach ich greifen konnte. Ich wusste, lange würde ich nicht mehr aushalten, doch ich kämpfte mich immer weiter voran. Auf einmal spürte ich ein Ziehen an meinem Fuß und fiel. Mit einem Knall, der mir die Luft aus der Lunge presste, schlug ich auf dem Boden auf. Einen Moment lang war mir schwarz vor Augen, bis ich sie hörte. Schritte. Sie kamen immer näher und schließlich verstummten sie. Er musste direkt hinter mir stehen. Es war vorbei.

Doch ein letztes Mal nahm ich all meine Kraft zusammen. Ich würde nicht einfach so aufgeben. Das war ich meiner Familie schuldig. So schnell es mit meinem geschundenen Körper möglich war, drehte ich mich um. Und der Schock traf mich wie ein Blitzschlag. Es war nicht mein bester Freund, der hinter mir stand. Ich richtete mich auf. Nach so vielen Jahren sah ich ihn wieder. Doch die Erinnerung an diese eiskalten Augen hatte sich für den Rest meines Lebens in meinen Kopf eingebrannt. Ein übelerregender Schmerz traf mich, und ich sackte wieder zusammen. Mein Vater schaute mich weiter, ohne eine Spur des Mitleids an.

Den Schmerz, den sein Blick verursachte, kannte ich nur zu gut. Als kleines Mädchen durfte ich ihn allzu oft spüren. Noch nie hatte er Mitleid mit mir gehabt, auch nicht als ich noch sehr klein war. Meine Stimme zitterte als ich ihn fragte: „Wieso?“

Er lächelte. „Das weißt du doch zu gut, mein kleines Mädchen. Du hast dafür gesorgt, dass Mama und Papa sich getrennt haben. “ Sein Lächeln verschwand. „Du hast mein Leben zerstört!“

Eine weitere Welle des Schmerzes überrollte mich und etwas Warmes lief mir übers Gesicht. Der Mann, der sich mein Vater nannte, beugte sich über mich, sein Gesicht war vor Hass verzerrt. Und mein letzter Gedanke galt Elias, den ich zu Unrecht beschuldigt hatte. Bitte vergib mir, dachte ich, dann sah ich seine warmen, tiefen Augen, spürte ein Brennen und wurde bewusstlos.

War ich tot? Nein der Tod durfte nicht wehtun, und das, was ich gerade spürte, war schlimmer als alles, was ich bisher erlebt hatte. Einen kurzen Moment lang hatte ich Angst, mein Vater könnte mich verschleppt haben. Doch dann spürte ich, dass jemand meine Hand hielt. Ohne mich umzusehen, wusste ich, wer es war. Eine innere Ruhe erfüllte mich.

„Was ist passiert, wie…?“

„Pscht.“

Elias lächelte kurz, beugte sich dann langsam über mich und gab mir einen flüchtigen Kuss auf die Stirn. Ich drückte seine Hand und schaute ihm in die Augen, die schon immer zu meinem Leben gehört hatten. Mit leiser Stimme begann er zu erzählen.

Nachdem ich weggerannt war, hatte er versucht, mir noch eine Weile zu folgen. Verlor aber schnell meine Spur. So schnell wollte er aber nicht aufgeben und irrte weiter durch den stockdusteren Wald. Es herrschte eine Stille, als wäre alles tot gewesen, sagte er. Eine Angst durchfuhr ihn. Irgendetwas war falsch, das wusste er. Während seiner Erzählung bekam ich eine Gänsehaut, denn plötzlich war alles wieder da. Der Geruch von verfaultem Moos, die kalte Nebelluft und selbst das Knacken der Äste. Langsam ging er weiter und hörte in unmittelbarer Nähe ein furchtbares Keuchen. Von einem Moment auf den anderen versteifte sich sein ganzer Körper. Flach atmend und sehr langsam ging er in die Richtung aus der das Geräusch kam. Das Keuchen wurde lauter, und er stellte sich hinter einen mit Pilzen überwachsenen Baum. Vorsichtig schaute er daran vorbei und sah mich. Komisch verdreht lag ich da, mit einer übel aussehenden Platzwunde am Kopf. Erst wollte Elias auf mich zugehen, doch dann sah er ihn, den Mann, der mir das angetan hatte. Ein Hass, den er noch nie zuvor gespürt hatte, trieb Elias an, doch er musste vernünftig denken, sonst hätte er keine Chance gehabt. Er blieb noch einen Moment in seinem Versteck und kam dann zu dem Schluss die Polizei anzurufen. Der Anruf bei der Polizei endete mit dem vollkommen unnützen Satz. „Bleiben Sie stehen, wo Sie sind und versuchen Sie auf keinen Fall einzugreifen.“ Aber das konnte er nicht, denn er wusste, würde er jetzt nichts tun, dann würde der Mann mich gleich töten. In diesem entscheidenden Moment überwiegten Hoffnung und Hass die Angst. Langsam und sehr vorsichtig schlich er sich von hinten an meinen „Vater“ heran. Der Mann war größer, kräftiger und deutlich stärker als er. Und doch wollte Elias versuchen, mich zu beschützen, auch wenn es vielleicht das letzte Mal wäre. Er nahm sich einen Stock und sprang mit einem Satz auf seinen Gegner zu.

Elias stockte einen Moment und ließ eine Lücke in seiner Erzählung. „Und nun bist du hier“, schloss er.

„Warum erzählst du mir nicht, was passiert ist, als du ihn angegriffen hast?“

Ernst schaute er mir in die Augen. „Weil du eindeutig genug erlebt hast. Ich muss dir jetzt nicht auch noch erzählen, wie ich mich mit einem Mann geprügelt habe, der dich um ein Haar umgebracht hätte!“

„Entschuldige.“ Verlegen versuchte ich meinen Blick von ihm abzuwenden.

Vorsichtig drehte Elias meinen Kopf wieder in seine Richtung. Ich hatte gar nicht daran gedacht, dass ihn das Ganze auch mitnehmen musste.

Später habe ich von einem Polizisten erfahren, dass es noch einen weiteren Grund gab. Elias war selbst in keiner besonders guten Lage gewesen als die Polizei eintraf. Ob er mir dieses Detail verschwiegen hatte weil er mich nicht weiter beunruhigen wollte oder weil er zu Stolz war, weiß ich bis heute nicht. Ich habe ihn nie wieder drauf angesprochen.

Nach zwei Wochen wurde ich aus dem Krankenhaus entlassen, und Elias ist übergangsweise bei mir eingezogen. Ich hatte versucht alleine zu wohnen, aber ich hatte die leeren Zimmer nicht ertragen.

Mein Erzeuger saß in Untersuchungshaft und vier Wochen nach seiner Tat war auch schon die Gerichtsverhandlung. Tagelang konnte ich kaum schlafen, und wenn dann sah ich immer ihn. Eine hässliche, verzogene Fratze, die mir entgegen schrie, dass ich an allem Schuld war, an der Scheidung und auch an seiner Alkoholsucht.

Am Tag der Urteilsverkündung war ich vollkommen am Ende. Man sitzt in einem kalten, grauen Flur und wartet darauf, in einen Raum gerufen zu werden, in dem man dem ganzen Schrecken wieder in die Augen schauen muss. Es gibt keine Gewissheit, was als nächstes passiert. Diese Angst füllt einen von Minute zu Minute immer mehr und macht einen unfähig, auch nur einen klaren Gedanken zu fassen. Sobald ich den Gerichtssaal aber betreten hatte, war ich vollkommen entschlossen, entschlossen, dass dieser Mann, der sich mein Vater nannte, seine gerechte Strafe bekam.

Als ich ihm ein letztes Mal in die Augen sah, spürte ich nichts als Verachtung und Hass. Eine Psychologin hatte mir erklärt, dass er durch den Alkohol nicht realisieren konnte, was er tat, er wäre ein ganz anderer Mensch gewesen. Aber das war für mich keine Entschuldigung. Egal, was dazu geführt hatte, dass er sich wie ein Monster aufführte, eine Rechtfertigung gab es dafür nicht. Endlich verkündete der Richter, dass er zehn Jahre mit anschließender Sicherheitsverwahrung bekam. Ich würde ihn nie wieder sehen.

Außerdem erfuhr ich im Gericht, die Suche nach meiner Mutter und meinen Schwestern sei eingestellt. Schon an dem Tag, an dem ich aus dem Krankenhaus kam, hatte ich das Gefühl, dass die Polizei die Hoffnung, meine Familie lebendig wieder zu finden aufgegeben hatte.

Ich werde das nicht akzeptieren. Die Angst, die ich durchstehen musste, hat mich stärker gemacht. Irgendwo da draußen sind meine Mutter und meine Geschwister, und ich werde nicht aufgeben, ehe ich sie gefunden habe. Egal, wie lange es dauern wird und welche Auswirkungen es auf mich hat. Ich weiß, dieser Weg wird schwer werden, doch ich gehe ihn nicht alleine. Ich habe Elias, er wird mir immer zur Seite stehen, egal was passiert, und gemeinsam nehmen wir auch noch diese Hürde. Denn was uns nicht umbringt, macht uns nur stärker und schweißt uns nur noch mehr zusammen.