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Sein Held, ihre Angst

von Kristin Semelka, 18 Jahre

Es war kalt! Gefroren hatte es zwar nicht, aber es war typisches Februarwetter. Es war elf Uhr nachts und dunkel. Stürmisch war es auch, windig wäre zu harmlos ausgedrückt. Der Sturm tobte so sehr, dass Sand und Steine mir entgegenflogen. Ich musste mich gegen den Wind stemmen, ich wollte nach Hause zu meiner Tochter.

Wo blieb er nur? Es war dunkel, kalt und der Wind war so stark, dass er die Bäume weg knicken ließ. Dieses stürmische Wetter tobte nun schon seit einer Woche über Wilhelmsburg, doch aufhören wollte es nicht. Mein Vater war noch da draußen. Ich sorgte mich um ihn. Was wäre, wenn er es nicht nach Hause schaffte? Wenn er vom Wind mitgerissen wurde? Wenn ich ihn nie wieder sähe?

Nun kämpfte ich mich schon seit zwei Stunden durch die Straßen und kam nicht voran. Der Wind war einfach zu stark. Mein Rücken schmerzte, ich ging geduckt. An jeder einzelnen Stelle meines Körpers spürte ich Kälte. Für meine restliche Strecke bräuchte ich eigentlich nur eine halbe Stunde, doch ich kam nicht vom Fleck. Links und rechts waren Häuser, überall waren die Lichter aus. Bei so einem Wetter verständlich, um 1 Uhr Nachts liegt man im Bett und schläft. Die schlecht beleuchtete Straße schien ewig lang zu sein. Mir wurde schwarz vor Augen. Ich verlor mein Gleichgewicht und sackte zu Boden. Der Wind zog über meinen Körper und ich hatte das Gefühl, von ihm mitgetragen zu werden. Mir wurde noch kälter, als mir ohnehin schon war, es wurde nass. Mein Mantel sog Wasser auf. Plötzlich spürte ich wie jemand an mir rüttelte.

Oh nein, was war das? Unten war auf einmal ein merkwürdiges Gurgeln zu hören. Ich schaute zum Fenster. Der Sturm drückte feinen Sprühnebel an die Scheiben. Aber es regnete doch gar nicht. Ich schaute hinunter, und bevor die Laternen verlöschten, konnte ich gerade noch sehen, wie sich das Haus in der Straße spiegelte. Die Straße war zu einem Fluss geworden. Flut! Ich rannte aus der Wohnung. Die ersten zwei Stufen im Treppenhaus waren bereits vollgelaufen. Das musste das Gurgeln gewesen sein. Wo blieb nur mein Vater? Wo war er? Noch auf der Straße? Brauchte er Hilfe? Nein, er war stark. Er schaffte es, ich glaubte ganz fest daran. Oder ich versuchte es zumindest. Meine Angst stieg mit dem Wasserspiegel. Die Nachbarn waren in Panik und baten mich zu sich, damit ich sicher war. Sie machten sich Sorgen um mich, so ganz allein, wie ich war. Ohne Mutter, nur mit einem Vater, der sehr viel arbeitete. Doch wo war er? Ich stand mittlerweile wie angewurzelt unten auf der Treppe, aber ich musste Stufe für Stufe zurückweichen. Die Nachbarin rief jetzt energisch: »Antonia, komm! Die Wassermassen werden dich sonst begraben!« Was aber war, wenn Vater nach Hause kam und mich nicht fand?
Ich ging hoch zu den Nachbarn, die sich inzwischen auf dem Dachboden zusammengefunden hatten, und setzte mich auf eine der warmen Decken. Man nahm mich in Arm und tröstete mich.

Starke Arme versuchten mich auf die Beine zu ziehen. Doch ich war so kraftlos, dass es kaum zu schaffen war. Ich hätte so gern meinen Helfer unterstützt, doch es ging nicht. Ich kämpfte gegen die Kraftlosigkeit, die mein Körper in Besitz nahm, an. Mein Retter schaffte es, mich mitzuziehen. Von ihm gestützt torkelten wir in eins der Wohnhäuser. Ich musste nur noch die Treppen hochsteigen, dann wäre ich in Sicherheit. Mein nasser Mantel schien mich ins Wasser zurückziehen zu wollen, aber ich klammerte mich am Geländer fest und nahm Stufe für Stufe. Geschafft. Da saß ich nun, auf dem Dachboden eines Wohnhauses, mit Menschen, die ich nicht kannte. Erschöpft ließ ich mich auf eine Decke nieder und atmete schwer. Mein Körper schmerzte. Ich sah mich um und guckte mir die Leute genauer an. Mehrere Familien waren hier. Die Mütter machten sich Sorgen, während die Kinder spielten und in den Dachkammern herumliefen. Wir froren und wussten nicht, was los war. Der Kontakt zur Außenwelt was abgebrochen. Hoffentlich ging es meiner Antonia gut. Sie war allein wie immer. Wir lebten im Erdgeschoss. Die Flut müsste schon in der Wohnung stehen. Ich hoffte, sie war auf den Dachboden geflohen. Ich hatte Angst um sie. Sie war das Einzige, was ich noch hatte, und ich war das Einzige, was sie hatte.
Minuten fühlten sich wie Stunden an. Ich sah aus dem Fenster, und das Wasser stieg immer höher. Es riss Bäume und Autos mit sich mit. Die Kellergeschosse waren voll gelaufen. Im Erdgeschoss stand längst auch Wasser. Wenn das bei uns zu Hause auch so war, könnte meine kleine Antonia bald nicht mehr darin stehen. Mich ließ dieser Gedanke nicht los. Ich flüsterte immer wieder ihren Namen. »Antonia, meine Antonia, wie geht es dir?« Ich kam langsam wieder zu Kräften, rappelte mich auf und bedankte mich bei meinem Retter. Er war ein wahrer Held. Er war hinausgegangen, um mich vor dem Wasser zu retten. Ohne ihn wäre ich tot.

Zwei Tage waren vergangen. Das Wasser lief langsam, aber sicher ab. In meiner Wohnstraße waren nur noch große Pfützen. Schmutzige, große Pfützen. Doch wie es meinem Vater ging, wusste ich immer noch nicht. Wir hörten von Bundeswehrsoldaten, dass einige Menschen gestorben waren. Die Flut hinterließ viele Schäden. Die Wohnungen im Erdgeschoss waren nicht mehr bewohnbar. Ich wusste nicht, wo mein Vater war, ob er lebte oder nicht. Ich wusste nur, dass die Flut vorbei war und es Tote gab.

Nachdem ich zwei Tage bei meinem Retter wohnte, machte ich mich auf den Weg nach Hause zu meiner Tochter. Ich beeilte mich. Ich wollte sie nur noch in die Arme schließen und sie bei mir haben. Wenn ihr etwas zugestoßen war, würde ich es mir nicht verzeihen. Ich rannte durch die Straßen, nur noch hundert Meter, und ich war da. Meine Spannung wuchs. Die Geschäfte waren zerstört, über einem Stacheldrahtzaun hingen Gummifetzen. Vielleicht bildete ich es mir nur ein, aber ich dachte, dort Blut gesehen zu haben.
Vorsichtig öffnete ich die Haustür. Wasser schwappte mir entgegen. Ich hoffte dass sie nicht, wie andere Kinder, evakuiert worden war. Sie wusste doch nicht, wo ich abgeblieben war.
Ich riss die Wohnungstür auf. Nichts! Nur Schlamm und Modergeruch. Antonias Eisenbett umgekippt. Sie war nicht hier. »Antonia!«, rief ich, doch ich erhielt keine Antwort. Ich rannte zu den Nachbarn. Niemand war zu sehen. Ich lief hoch zum Dachboden, denn dorthin hatten sich auch meine Retter in Sicherheit gebracht. Ich riss die Tür auf, und da saßen sie: alle Bewohner des Hauses. »Papa«, erklang es aus einer Ecke. Sie lief mir in die Arme. Meine Antonia. Ich flüsterte ihr zu: »Ich werde dich nie wieder allein lassen.«