shadow

SMS mit Folgen

von Soleicha Majeed, 15 Jahre

Ich komme langsam zu mir und fühle mich noch leicht benommen. Was war geschehen? Ich öffne meine Augen und sehe auf meine schmalen Hände, die wehtun. Meine hellblonden Haare, die bis zu meiner Schulter gehen, sehen verwuschelt aus. Ich höre eine nette zärtliche Stimme sagen: „Sie ist aufgewacht, ruf den Arzt!“
Den Arzt? Ich liege im Krankenhaus. Ich kann mich plötzlich wieder an gestern Abend erinnnern. „Guten Morgen! Bist du Kira Brandt?“ Ich habe keine Kraft zu reden und sage „ja“. „Ich bin Marleen, die Krankenschwester, na Liebes, wie geht es dir?“ Welche Frage. Wenn ich im Krankenhaus liege, geht es mir doch schlecht oder nicht? „Gut!“ sage ich etwas sarkastisch.
Ich versuch mich genau zu erinnern, was gestern geschah.
Jamal mein bester Freund und ich waren gestern auf dem Weg zu ihm nach Hause mit meinem Auto. Er wollte seine Sportsachen holen, weil wir für den Marathon am Veringkanal trainieren wollten. Ich musste eine SMS an meine Mutter schreiben. Jamal warnte mich und sagte: „Leg lieber dein Handy weg, das kannst du später machen!“ Ich hörte nicht auf ihn und im nächsten Moment geschah es. Wir krachten mit voller Wucht gegen einen Baum. Ich weiß noch, wie Jamal mich ansah, in diesem Augenblick. Enttäuscht. Entsetzt. Danach fielen wir in Ohnmacht. „Jamal!“ schreie ich, als meine Erinnerungen im Krankenhaus real wird. Alles ist meine Schuld. „Guten Tag Kira Brandt. Ich bin Doktor Thur, aber du kannst mich auch gerne Michael nennen. Deine Werte sind gut, dein Freund Jamal ist in einer speziellen Klinik in Bergedorf.“
Michael erinnert mich an meinen Mathelehrer, den ich nicht leiden kann. „Weshalb ist Jamal da? Geht es ihm gut?“, frage ich. „Er hat eine Lähmung, die aber zu sechzig Prozent heilbar ist. Du kannst von mir aus gerne nach Hause. Deine Mutter wartet draußen auf dich.“
Ich bin zu geschockt um etwas zu sagen. Ich versuche auf zu stehen, aber mir ist schwindelig.
„Kira Liebes, soll ich dir helfen?“, fragt Marleen die Krankenschwester. Ich bin kein Kleinkind, das schaffe ich selber. Ich bin 19. Ich nehme meine ganze Kraft zusammen, um allein aufstehen zu können. Dieses Krankenzimmer ist sehr liebevoll eingerichtet. Die Wand strahlt in einem sonnigen Gelb. Mir kommt es etwa so vor, wie mein Kinderzimmer früher.
Ich mache die Tür auf und: „Kira! Mein Schatz „, ruft meine Mutter. „Geht es dir gut? Schatz, ich durfte nicht rein. Ich bin so froh, dass nichts Schlimmes passiert ist!“.
„Diesen Satz hättest du dir ersparen können, Mama! Jamal geht es nicht gut! Und du tust mal wieder so, als wenn alles perfekt wäre.“ Genervt gehe ich weg von ihr, sie folgt mir und sagt mit ernster Stimme: „Kira, es tut mir leid, soll ich dich zu Jamal in die Klinik fahren?“.
Wir stiegen ins Auto. Während der Fahrt versinke ich in meine Gedanken und bekomme ein stechendes Gefühl in meinem Herzen. Dieses Gefühl ist mein Schuldgefühl.
„Wir sind da, Kira!“ Sagt meine Mutter mit einem Lächeln.
„Ich gehe alleine hinein!“ Ich wusste noch nicht, was ich zu Jamal sagen sollte. Ich bleibe vor seinem Krankenzimmer stehen. Langsam öffne ich die Tür. Ich sehe Jamal hilflos da liegen. „Jamal es ist alles meine Schuld; es tut mir unendlich leid. Du sollst wissen, dass ich lieber sterben würde, als dich hier liegen zu sehen. Ich hoffe es wird alles wieder gut für dich.“
„Hör auf Kira, es ist nicht deine Schuld. Ich habe keine Kraft, um mit dir darüber zu diskutieren!“
Jamal hält die Augen geschlossen. Sein Körper zeigt keine Reaktion, wenn ich ihn berührte. Ich bleibe lange bei ihm, bis mir einfiel, dass meine Mutter im Auto wartet. „Alles wird wieder gut“, sagt er zu Abschied. Ich versuche es zu glauben, aber es klappt nicht. „Viel Spaß in der Schule! Und bitte Kira, halte dich von Jonny fern.“ Gibt mir Jamal noch auf den Weg.
Wie immer redet meine Mutter während der Autofahrt mit mir, ich höre nicht zu.
Am nästen Tag wache ich durch einen Schrei auf, ich hatte vom Unfall geträumt. In der Schule tue ich so als sei alles normal.
„Na Kira, wo ist denn dein Freund Jamal?“
„Geht dich gar nichts an Jonny!“
Jonny war früher mit Jamal sehr gut befreundet. Jamal geriet durch Jonny auf die schiefe Bahn. Jonny ist 20 und immer noch ein Idiot. Jamal ist 19 und weiß inzwischen, was er tut. Ich wünschte, Jamal wäre jetzt hier. Jonny sieht mich lange an und behauptet, er hätte sich verändert. Ich sage:“ Wer´s glaubt, wird selig!“ Jonny wirkt traurig, ich habe etwas Mitleid mit ihm.
Im Unterricht bin ich in meinen Gedanken nur bei Jamal. Meine Lehrerin ermahnt mich mehrmals. Nach der Schule begegne ich Jonny wieder, er fragt mich nach meinem Verband am Arm. Ich wich aus. Ich lächle, damit er denkt, alles sei in Ordnung. Ich suche Mostafa, Jamals Freund. Ich treffe ihn am Parkplatz. „Hallo, Herr Nawabzada!“
Ich habe Angst, dass er nach dem Vorfall nicht mit mir reden möchte.
„Hallo Kira, wie geht es dir?“, sagt er freundlich als sei nichts geschehen. „Ich soll Sie grüßen, von Jamal.“ Mostafas Augen bekommen einen traurigen Ausdruck. Ich sag schnell, ich müsse weiter, ich müsse Jamal besuchen. Auf dem Weg zu Jamal tut mein Herz weh. Ich habe das Gefühl, dass in meinen Herzen ein Loch ist. Jamal liegt in Zimmer 216.
„Hallo Jamal, wie gehts es dir heute? Es tut mir so leid, hätte ich die sms nicht geschrieben, wäre das alles nicht passiert.“
Jamal sagt: „Hey Kira, guck mal, ich kann meinen Hals jetzt langsam nach links und rechts drehen.“ Er tut es, und ich sehe ihm die Schmerzen an. Jamal und ich reden den ganzen Nachmittag lang, ich erzähle ihm auch von Jonny, auch wie nett er geworden ist. „Kira, halt dich fern von Jonny! Du kennst ihn nicht wirklilch, hinter seinem Lächeln steckt etwas sehr böses.“ Ich bin nicht sicher, aber ich finde Jonny könnte sich wirklich verändert haben. Früher hat er mich nur angemacht. Als ich gehe, sage ich zum Abschied wieder leise: „Es tut mir leid“.
Am nächsten Morgen nach der Schule kommt Jonny aufgeregt zu. „Kira, ich weiß was passiert ist. Deine Mutter war heute in der Schule und sprach mit Frau Sandler. Bleibt Jamal gelähmt und das alles, weil du eine sms geschickt hast!“
Diesen Satz werde nicht mehr los. Ich fange an zu weinen: „Ja, Jonny es ist alles meine Schuld! Ich will das alles wieder rückgängig machen. Jede Nacht habe ich Albträume von diesem Autounfall.“
„Hey Kira, nicht weinen. Du hast es ja nicht mit Absicht gemacht. Möchtest du heute mit mir auf eine Party gehen? Ablenkung wird dir gut tun.“
„Nein, Jamal geht es schlecht und ich soll auf eine Party!“ Ich besuche Jamal.
Jeden Tag nach der Schule fahre ich zu ihm. Ich versuche, Jonny zu ignorieren. Doch meine Schuldgefühle werden immer größer. Ich kann nicht mehr schlafen, essen und trinken. Als Jonny mich eines Tages wieder anspricht, weiß ich nicht, was ich tue und frage, ob sein Angebot gemeinsam auf eine Party zu gehen, noch steht.
„Ja klar, ich bringe noch ein paar Freunde mit. Komm zu mir, und wir fahren gemeinsam hin.“
Ich fahre lieber mit dem Auto meiner Mutter. Wir feiern die ganze Nacht. Ich habe etwas Alkohol getrunken, obwohl ich es sonst nie tue. An diesem Abend hoffe ich, auf andere Gedanken zu kommen. Danach gehe ich immer selterner zu Jamal. Weshalb? Weil Jonny und ich immer etwas unternehmen und weil wir zusammen sind. Ich mache Schluss mit Jonny – am Telefon. Er wird wütend, es ist mir egal. Ich bin eine schlechte Freundin! Als mir das bewusst wird, nehme ich nachts heimlich das Auto meiner Mutter und fahre zu Jamal. Ich schleiche mich in Zimmer 216 und öffne die Tür. Wo ist Jamal? Er ist nicht da? Ich stürze aus dem Krankenhaus. Ich rufe bei ihnen Zuhause an. Keiner nimmt ab.
Am nächsten Morgen fahre ich so schnell wie ich kann, zu Jamals Wohnung. Sie steht leer. Es ist alles meine Schuld!
In der Schule treffe ich Jonny. „Hallo Kira, ich habe eine schlechte Nachricht für dich“, sagt er lächelnd. „Jamals Familie ist weggezogen.“
In der Zeit, die wir zusammen waren, ist er leider im Krankenhaus gestorben. Das Loch in meinem Herzen reißt auf. Wenn Jamal tot ist, meinetwegen; will ich auch nicht mehr leben. Ich hasse mich und ich werde mich umbringen. Dieser Gedanke fühlt sich gut an. Ich renne zum Veringkanal. Im Veringkanal habe ich meine schönste Zeit mit Jamal erlebt. Ich will dort sterben.
Sterben, das hört sich gut an. Ich nehme die Schlaftabletten, die ich nach dem Unfall vom Arzt verschrieben und auf gehoben habe. 24 Stück müssen reichen, um mich umzubringen. Auf ein Papier schreibe ich meine letzten Worte: Ich weiß keinen anderen Weg, als mich umzubringen. Mama, wenn du das liest, dann bitte verzeih mir. Ich liebe dich… Dein Schatz Kira.
Ich nehme die 24 Schlaftabletten auf einmal. Nach etwa zehn Minuten spüre ich einen Schmerz. Ich schließe meine Augen und hoffe, dass ich bald bei Jamal im Himmel bin. Ich bekomme keine Luft mehr. Ich sehe nichts mehr. Der Tod kommt näher. Mein allerletzter Gedanke ist Jamal. „Verzeih mir“, flüsterte ich mit letzter Kraft. Ich öffne meine Augen und glaube im Himmel zu sein. Es ist Jamal, der nach mir ruft. „Kira, Kira, hörst du mich?“ Ich spüre Schmerz. Ich sehe Jamal in die Augen.
„Rufen Sie einen Arzt!“ Den Arzt? Ich bin im Krankenhaus. Ich bin nicht tot.
„Jamal, du lebst?“
„Ja, Jonny hat dich angelogen!“
Ich beginne zu weinen. Jamal legt seine Hand auf mein Gesicht. „Bitte tu dir nie wieder etwas an. Du würdest mir so fehlen.“
Ich flüsterte: „Aber ich habe dir so viel angetan. Und ich war nicht da, als du mich brauchtest.“
Jamal dreht sich in seinem Rollstuhl. „Bald werde ich wieder laufen können, der Arzt hat es versprochen. Alles wird wie früher, Kira, alles!“