shadow

So perfekt unperfekt (Marie Lumeau, 13)

Leer, das ist das einzige Wort, das meinen Gefühlszustand am besten beschreiben kann.
Ich stehe im Flur. Links von mir steht das Schuhregal, welches nur so von Schuhen erdrückt wird. Sein Lieblingspaar, die blauen, liegen ganz oben auf dem Berg. Es sieht so aus, als würden sie auf ihn warten, als würde er sie gleich nehmen und mit ihnen ins Freie gehen.
Im Flur hängen hunderte Bilder. Von uns beiden. Es gibt Bilder wo wir lachen, Grimassen schneiden, oder uns einfach in die Augen schauen. Wir haben es geliebt, Fotos zu machen, egal ob wir im Urlaub, auf irgendeiner Party oder einfach zu Hause auf der Couch waren. Fast jeden Tag haben wir eins gemacht. Insgesamt habe ich 963 Bilder auf meinem Handy. Ich gehe weiter in die Küche. Der Vollmond lässt die Küche in einem sanften weißen Licht schimmern. Der Kühlschrank gibt nur ein leises Brummen von sich. Seine leere Lieblingstasse steht noch am Wasserkocher.
Der Esstisch ist noch immer gedeckt. Zwei Tassen, ein Teller und eine Müslischüssel. Der Geschirrspüler wurde noch nicht ausgeräumt, sodass das saubere Geschirr noch immer darin liegt. Ich gehe weiter ins Wohnzimmer. Der Fernseher ist aus, Konzertplakate hängen an der Wand. Auf dem kleinen Tisch steht eine Vase mit einer roten Rose, sie ist verwelkt.

„Ich liebe dich, Mila“, hatte er gesagt. Er stand mit dieser Rose im Wohnzimmer, sein Blick sanft, voller Ehrlichkeit und Hingabe. „Jeden Tag ein bisschen mehr, wenn das überhaupt noch möglich ist.“
In meinem Hals bildete sich ein großer Kloß, mein Herz wurde wohlig warm. Völlig überwältigt von seinen Worten legte ich meine Arme um seinen Hals. Ganz langsam berührten seine Lippen meine. Sie waren sanft und vertraut, hatten einen leichten Geschmack nach Kirschen. Er legte seine Hände ruckartig an meine Hüfte und zog mich an sich heran. Vor Schreck verlor ich das Gleichgewicht und Yuma versuchte mich noch aufzufangen. Sein Versuch scheiterte kläglich. Er flog mit dem Rücken aufs Parkett, ich auf ihn.
„ Aua!“
Er verzog sein Gesicht so, dass er mich zum Lachen brachte.
„Ey, lach nicht, dass ist nicht lustig, es tut verdammt weh, jetzt geh runter von mir, du Hexe.“
Das brachte mich noch mehr zum Lachen, und ich rollte von ihm runter.
Die Wand hinter dem Sofa wurde von einem Zitat geschmückt. „Sind so perfekt unperfekt.“ Das war unser Zitat, der Spruch, der mir immer ein kleines Lächeln ins Gesicht zauberte. Er sagte diese Worte immer nach einem Streit, dann nahm er mich auch in den Arm und legte seinen Kopf an meinen. Wenn er das tat, fühlte ich mich geborgen und sicher, so, als wäre er mein Schutzschild, als könnte mir nichts wehtun.

Ich gehe ins Schlafzimmer. Direkt links neben der Tür steht das leuchtende Regal. Blau, lila, pink grün. Alle 48 Sekunden strahlt es in einem neuen Licht. Es hat schon immer eine besondere, magische Wirkung auf mich.
„Es macht so ein harmonisches Gefühl. Alle 48 Sekunden eine neue Farbe, ist das nicht perfekt?“
„Ja, ist es. Kommst du jetzt ins Bett?“
Fünf Minuten später lagen wir gemeinsam im Bett. Sein Kopf auf meinem Bauch. Ich hatte ihn mal gefragt, warum er das tat. Er antwortete:„ Ich möchte sicher gehen, dass du noch atmest.“
Darauf wollte ich nichts erwidern, denn sonst hätten wir uns vielleicht gestritten, was ich nicht wollte.
„Ich bin froh, dass wir jetzt eine eigene Wohnung gefunden haben“, sagte er. „Jetzt sind wir ungestört und haben keinen Mitbewohner, der uns ständig auf die Nerven geht.“
„Danke“, konnte ich nur flüstern.

Ich bin müde. Schlafen kann ich im Moment nicht. Ich versuche es trotzdem. Wie in Trance liege ich im Bett. Meine Gedanken wuseln im Kopf herum, sie sind chaotisch und keinen Gedanken kann ich richtig zu Ende führen. Langsam fühle ich die Schwere auf meinen Lidern. Ich erahne, was auf mich zukommt. Ich will es nicht.

Wir wollten doch nur ins Kino.
„Was willst du gucken?“, fragte Yuma.
„Du führst mich aus, oder? Ich lass mich überraschen.“
Er schaute mich planlos an. Ich war gespannt, was er aussuchen würde.
Zehn Minuten, eine Riesen-Popcorntüte und zwei Fantas später saßen wir in der hintersten Ecke. Das Kino war, bis auf 3 Kinder und eine Mutter leer. Wir schauten Spongebob.
Ich gab ein kleines Schnaufen von mir. Yuma schaute mich an und grinste zuckersüß.
War ja irgendwie klar. Er ist meistens wie ein kleiner fünfjähriger Junge, der auf alte Kinderserien steht und Kung-Fu-Panda-Figuren sammelt. Ist ja auch süß von ihm, denn was soll ich mit einem Freund, der durchgehend ernst bleibt und das Leben nicht in vollen Zügen genießt?
Ja, noch einmal Kind sein wäre ein Traum, dachte ich. Keine Regeln, man kann sich die Klamotten vollsauen und muss nicht an die Zukunft denken.
Die Werbung endete und der Film fing an. Yuma fing an, über das ganze Gesicht zu strahlen, nahm meine Hand und richtete seinen Blick auf die Leinwand. Seine dunkelbraunen, fast schwarzen Harre standen in alle möglichen Richtungen ab, wurden nur von einem Bandana hochgehalten. Mich weckte das Verlangen, meine freie Hand durch seine weichen Haare zu wuscheln, mich auf seine Beine zu setzen, den Kopf auf seine Brust zu legen und dort für immer zu verweilen. Er ertappte mich beim Träumen, nahm seine Hand aus unserem Griff, legte beide Hände an meine Wange, gab mir einen kurzen Kuss auf die Nasenspitze und lächelte mich mit seinen waldgrünen Augen an. In ihnen sah ich seine Zukunft mit mir.
„Alles gut?“, fragte er mich leise.
Ich nickte nur. Er wendete seinen Blick wieder der Leinwand zu, seine Hand mit meiner im festen Griff.
Ein Schatten schlich durch die Tür des Kinosaals und setzte sich neben mich. Ich konnte die Person im ersten Moment nicht erkennen, jedoch, nach einem zweiten, genaueren Blick kroch ein Schauer meinen Rücken herauf. Dieser Jemand drehte seinen Kopf so, dass sein eiserner Blick meinen traf. Pascal!
Vor zwei Jahren hatte ich ihn das erste Mal gesehen. Ich war mit meiner damals besten Freundin in einer Disko.
„Lass uns als erstes zur Bar, ich will mich munter trinken!“, sagte sie.
Anastasia hatte mich in die Disko geschleppt. Ihr Freund Julius hatte sie betrogen. Mehr weiß ich auch nicht, denn sie hat mich bestürzt angerufen und gesagt, dass ich gezwungen sei, mit ihr feiern zu gehen. Sie fühlt sich dreckig, und ich bin ihr Ersatz, dachte ich.
Sie bestellte 6 Shots. Drei für mich, drei für sie.
‚Will sie uns ins Koma saufen? ‘, dachte ich.
„Ich will tanzen“, sagte sie.
Anastasia zog mich mitten auf die Tanzfläche. Überall roch es widerlich nach Schweiß und Alkohol.
Meine beste Freundin tanzte bald eng umschlungen mit einem Jungen. Er sah aus wie ein typisches Unterwäsche-Model.
‚Geht bestimmt sechs Mal in der Woche zum Fitnessstudio‘, dachte ich.
Mir wurde übel. Panisch suchte ich den Weg zur Toilette. Es stank nach Kotze. Ich stolperte über eine Schüssel und ergab mich dem Drang, alles aus meinem Körper zu verbannen. Mein Hals brannte wie ein loderndes Feuer und mein Körper schrie nach Sauerstoff. Draußen lehnte ich mich gegen eine Hauswand, schloss die Augen und genoss den vergehenden Schmerz in meiner Lunge.
„Geht´s dir auch nicht gerade berauschend?“
Ich öffnete die Augen und sah einen blonden Jungen in meinem Alter, der mich fragend ansah. Ich konnte nur lachen.
„Berauschend? Nee. Meine beste Freundin knuspert gerade mit einem Typen und interessiert sich kein Stück für mich, und dann musste ich einfach raus.“
Ich beließ es dabei, denn er musste nicht unbedingt wissen, dass ich Alkohol nicht gut verkraftete. Er sah auch nicht sonderlich nüchtern aus.
Ich musterte ihn. Blonde, hoch gegelte Haare, klare graue Augen, die fast schon einen eisigen Stich hatten. Schwarzes T-Shirt, darüber eine ebenfalls schwarze Lederjacke mit einer blauen Jeanshose. Schlecht sah er nicht aus.
„Wie heißt du überhaupt?“, fragte ich.
„Pascal. Kein besonderer Name. Du?“
„Mila. Ebenfalls nichts Besonderes.“
„Er passt zu dir.“
Es war irgendwie süß, so wie er da stand und mich interessiert ansah. Er reichte mir seine Hand, die ich misstrauisch betrachtete.
„Ich will dir was zeigen. Kommst du mit?“
„Ist das deine Art, Frauen mit nach Hause zu schleppen?“
Er lachte. „Finde es doch selbst heraus.“
Mit meiner Hand in seiner wanderten wir durch die Nacht. Der eisige Wind zerzauste meine Haare und ließ mein Kleid durch die Luft flattern. Mir war kalt, trotz meiner Jacke, die ich noch vor unserer “Wanderung“ von der Garderobe geholt hatte. Anastasia war mir egal, denn sie lag bestimmt mit dem Fitnessboy in der Kiste. Hoffentlich bei ihm, denn ich hatte keine Lust, ihn morgen früh halbnackt in der Küche anzutreffen. Vertieft in Gedanken bemerkte ich gar nicht, dass wir vor einem alten Hochhaus standen, das einer Ruine glich.
„Hier lebst du? Ist das überhaupt bewohnbar?“
„Es sieht von außen gefährlich kaputt aus, ist aber von innen noch ganz okay. Aber ich will dir nicht die Chaos-WG zeigen, sondern was viel Besseres.“
Er packte mich am Handgelenk und zog mich das Treppenhaus empor. Oben öffnete er eine schwere Stahltür und ließ uns den kalten Nachtwind ins Gesicht wehen. Wir waren auf dem Dach des Hauses und hatten eine echt fantastische Übersicht über München. Noch lange standen wir da und sahen uns die Stadt an. Langsam wurde ich müde und fragte Pascal nach einer Übernachtungsmöglichkeit.
„Na klar, kannst in der WG übernachten.“
„Danke.“
Wir gingen runter in die Wohnung. Sie war groß und sehr durcheinander. Überall lagen leere Pfandflaschen und dreckige Klamotten auf dem Boden. Pascal fegte sie zur Seite um mir Durchgang zu gewähren.
„Mensch, hier muss mal dringend jemand aufräumen.“
Der Flur war lang. An ihm grenzten etliche Türen, aus dem kein einziges Geräusch kam. Am Ende lag eine schwarze Tür in den Angeln. Pascal ging direkt auf sie zu und öffnete sie. Sein Zimmer war viel ordentlicher als der Flur. Gegenüber von mir war ein großes Fenster, rechts davon der etwas mickrig aussehende Schrank und links sein großes Bett.
„Ich zeig dir das Badezimmer, da kannst du dich fertig machen.“
„Ja, danke. Ich hab keine Schlafsachen, könnte ich vielleicht welche von dir haben?“
„Ja klar, bediene dich einfach an meinem Schrank.“ Mit diesen Worten verließ er das Zimmer.
Ich öffnete seinen Schrank, eine graue Jogginghose und ein Schwarzer Pullover fielen mir zum Opfer. Mit ihnen ging ich ins Badezimmer und bekam einen Einblick in sein WG-Leben. Sämtliche Parfüms, Body Lotions und Schminke erstreckten sich über die Regale. Ich suchte mir Feuchttücher, um mich abzuschminken und zog mich um. Ich stapfte zurück in sein Zimmer, wo jetzt ein weiteres Paar Kissen und Decke lag.
„Du kannst auch bei uns auf dem Sofa schlafen, ich dachte mir halt nur, dass du lieber in einem sauberen Zimmer schläfst. Ich kann natürlich auch ins Wohnzimmer rüber und dir das Bett überlassen.“
„Nein, Nein. Brauchst du nicht.“
Ich legte mein Kopfkissen auf die Fuß Seite und machte es mir bequem. Er schaute mich von der Kopfseite an und grinste. Da spürte ich auch schon Fingerkuppen an meinen Füßen, die mich kitzelten. Ich hatte Pech, denn ich war sehr kitzlig. Pascal kitzelte mich, obwohl ich ihn mehrfach anflehte, einfach weiter. Das endete mit einer Rauferei und zuletzt mit einer Kissenschlacht. Schließlich lagen wir beide außer Atem in seinem Bett. Die Füße des anderen umklammert, schliefen wir ein.
Von da an sahen wir uns regelmäßig. Ich lernte seine Mitbewohner kennen und kam echt gut mit ihnen aus. Zwischen Pascal und mir herrschte eine besondere Harmonie, was die anderen leider auch mitbekamen. Sie sagten immer, wie süß wir wären, und dass wir endlich zu unserer angeblichen Beziehung stehen sollten. Doch wir waren eher beste Freunde und eigneten uns, meiner Meinung nach, nicht als Paar.
Pascal und ich saßen jeden Abend bei ihm im Zimmer, aßen irgendein Fast Food wie Pizza, Pasta oder Döner und schauten einen Film. Manchmal lagen wir nach dem Film auf dem Bett und quatschten über Gott und die Welt. Man konnte sagen, dass ich schon fast bei ihm wohnte. Ich sah nur alle zwei bis drei Tage meine Wohnung mit Anastasia. Sie hatte wieder ´nen Neuen an ihrer Seite. Es war der Typ aus der Disko. Sie klebten förmlich aneinander. Er war immer bei ihr, wenn ich nach Hause ging, um mir neue Sachen zu holen.
Als ich an einem Abend wie immer bei Pascal im Zimmer hockte und mich über die neue Flamme von Anastasia aufregte, kam Pascal auf eine komische Idee, die jedoch nach längerem Nachdenken gar nicht so komisch schien.
„Zieh doch hier ein. Du bist doch eh meistens hier, und die WG würde sich auch drüber freuen, und du könntest doch mit zu mir ins Zimmer.“
Er hatte Recht. Schon zwei Wochen später hatten wir sein Zimmer so umsortiert, dass auch meine Sachen mit reinpassten. Zum späten Abend gingen wir alle aufs Dach, um meinen Einzug zu feiern. Wir waren jetzt acht Leute in dieser Wohnung. Zum Glück hatte ich mich in den letzten Wochen schon an das Chaos in dieser WG gewöhnt.
Die fünf anderen Jungs kamen mit drei Bierkisten und einer großen Tüte voller pink farbenen Kekse nach oben. Alle stürzten sich auf die Bierkästen und die Tüte. Einer der Jungs stellte Kerzen auf, die er gleich anzündete. Ein Mädchen legte Decken aus. Alle setzten sich hin und sahen mich erwartungsvoll an. Mir war es unangenehm, so angestarrt zu werden, und ich setzte mich neben Pascal auf eine Decke. Er gab mir ein Bier und einen Keks.
„Ich will nichts trinken.“
Alle lachten.
Ich runzelte die Stirn, riss ihm den Keks aus der Hand und nahm einen großen Bissen. Ich wurde von den anderen auf eine komische Art angegrinst.
„Äh Leute, irgendwas stimmt mit diesen Keksen nicht.“ Ich starrte das kleine pinke Ding an. „Meine Zunge ist taub.“
Wieder lachten alle. Pascal schaute mich an, legte einen Arm um meine Schulter und zog mich zu ihm.
„Das vergeht wieder, versprochen. Prost, auf Mila`s Einzug!“
Alle hoben ihr Bier in die Höhe und nahmen auch einen dieser Kekse. Ich bekam nichts mehr mit, hatte Angst und keinen Plan wieso, da sah ich auch schon Tiger mit Schlangenköpfen, Flügeln und Mäusefüßen auf mich zu rennen.

Jemand rüttelte mich aus meiner Erinnerung.
„Mila, alles gut?“, fragte Yuma.
„Ja. Ja, alles gut.“
Yuma nahm sanft meine Hand und drückte sie ganz vorsichtig.
„Es scheint so, als würdest du mich erkennen, kleines Mädchen.“
Pascal warf seine Worte einfach rücksichtslos in den Raum. Ich war völlig genervt von seiner Anwesenheit.
„Nee, weißt du, ich bin nur dank dir durch die Hölle gelaufen. Yuma war derjenige, der mich gerettet hat.“
„Er hat dich mir also weggenommen. Verstehe.“
Seine Hände knetend und mit knirschenden Zähnen saß er da, total sauer. Er sah aus wie eine tickende Zeitbombe.
Yuma hatte dagegen eine Sorgenfalte auf seiner Stirn und legte besitzergreifend seine Hand um meine Hüfte.
„Und wie hast du ihn denn kennengelernt?“, fragte Pascal.

Ja, das war eine besondere Geschichte. Ich denke inzwischen immer wieder an sie, so wie jetzt, während ich wach in meinem Bett liege und immer noch nicht schlafen kann.
„Ich gebe dir nochmal fünf Päckchen Gras und zwei Crack Kekse. Vertickst du die bis morgen früh, gebe ich dir deinen eigenen Stoff ok?“, hatte Pascal gesagt.
„Kann ich die nicht jetzt schon haben? Ich halte das nicht mehr aus, bitte Pascal ich brauch das Zeug“, bettelte ich.
Er schaute sich um, gerade ging keiner an der Gasse vorbei. Ich sah eine zerkrümelte Masse in seiner Hand. Ich nahm sie und aß sie auf. Kaum hatte ich sie runter geschluckt, da spürte ich schon die erlösende Taubheit auf meiner Zunge, die mir zeigte, dass bald die Wirkung des Cracks einsetzte. Mein bester Freund sah mich mit einem strengen Blick an.
„Mach einfach schnell, dann kannst du wieder nach Hause. Du weißt, wie die anderen sind, kommst du nicht mit genügend Geld nach Hause, musst du gucken, wo du die Nacht unterkommst. Ich warte zu Hause auf dich.“
Er gab mir einen Kuss auf meinen Haaransatz und verschwand. Ich konnte nicht mehr, war fertig mit der Welt. Wie sollte ich innerhalb von fünf Stunden sieben Päckchen loswerden? Das war unmöglich. Ich wartete sehnlichst auf das erlösende Gefühl, das die Droge in mir hervorrufen sollte. Ich konnte nicht mehr stehen und sackte an der Mauer gelehnt zusammen. Heulend saß ich da und ließ alle Tränen aus mir heraus fließen. Ich wollte nicht mehr und überlegte, wie ich mich von dieser Welt trennen konnte. In meinem Kopf bildete sich ein schwammiges Gefühl, das mich dazu bewegte, meine Augen zu schließen. Vielleicht saß ich so Minuten oder Stunden da.
„Meinst du, sie ist tot?“
„Spinnst du?“
„Woher willst du das wissen? Sie sieht ja nicht sonderlich gesund aus, ich meine, sie ist nur noch Haut und Knochen, dazu noch blass und ihre Haare sehen kaputt aus.“
„Bestimmt ist das einfach nur ein Mädchen, das zu viel Alkohol getrunken hat.“
Ich traute mich nicht, die Augen zu öffnen. „Was ist, wenn das irgendwelche Verrückten sind, die mir an die Wäsche wollten“, dachte ich.
Eine warme Hand fasste mir leicht an den Hals, dann spürte ich zwei Finger, die auf meinen Puls drückten. Ich hob meinen Kopf leicht, um dem Menschen in die Augen zu sehen. Sie waren grün. Nicht so ein stechendes Giftgrün, sondern ein leichtes Dunkelgrün mit hellen Akzenten am Rand. Der junge Mann schaute mich an und sein Gesicht zierte ein sanftmütiges Lächeln.
„Geht´s dir gut?“
Ich schaute ihn an und versuchte durch Blicke klar zu machen, dass es mir einigermaßen gut ging. Mein Hals brannte, sodass es nicht möglich war zu reden.
„Kannst du nicht reden?“
Kopfschütteln
„Zu viel Alkohol?“
Kopfschütteln
„Wurdest du zusammengeschlagen?“
Kopfschütteln
„Als ob du Drogen genommen hast!“
Nicken
„Wollen wir sie mit nach Hause nehmen? Nachher wird sie noch verschleppt oder so.“
Erst jetzt bemerkte ich den zweiten. Er hatte braune Haare und Augen, dazu einen neugierigen und besorgten Blick. Ich war überfordert, was zur Folge hatte, dass ich mich der Dunkelheit ergab und mir schlussendlich alles egal war. Das letzte, was ich spürte, waren zwei Arme, die mich sachte von der Straße hoben.

Yuma tippte mir wieder auf die Schulter. Besorgt sah er mich an.
„Du bist heute so abwesend, was ist mit dir los?“
„Mir geht’s gut Yuma, keine Sorgen, bin nur etwas müde.“
Pascal lehnte sich etwas über die Lehne des Kinositzes. Seine Pupillen waren geweitet, was bedeutete, dass er Drogen genommen hatte, typisch für ihn.
„Ich will dich wiederhaben, Mila, du gehörst mir und keinem anderen.“
Vor Schreck rutschte ich weiter zu Yuma, in der Hoffnung, er würde mich beschützen.
„Was ist los, wer ist das?“, fragte Yuma.
„Pascal“, sagte ich.
„Mila gehört mir“, sagte Pascal.
„Verstehe“, sagte Yuma. „Du hast deine Chance nicht ergriffen. Man muss Mila vom ersten Tag an schätzen und beschützen. Du hast sie anscheinend vernachlässigt oder ausgenutzt. Du hast sie verloren, komm damit klar.“
Yuma´s Stimme war so kräftig und laut, dass die Kinder und die Frau sich umdrehten und nach uns schauten. Wahrscheinlich dachten sie, dass wir nur irgendeinen Quatsch machten, und wendeten sich wieder dem Film zu. Pascals Hand zitterte. Seine Miene verzog sich so, dass sie an das Gesicht eines Teufels erinnerte. Er führte seine Hand zur Jackentasche, zückte etwas Silbernes und schoss mit diesem blitzschnell auf Yuma zu.
Yuma fasste sich an seinen Bauch. Sein T-Shirt war um die Klinge in seinem Bauch rot verfärbt.
Alles bewegte sich in Zeitlupe. Pascal, wie er aus dem Saal rannte, Yuma, der seine Augen schloss und nach hinten kippte und zuletzt die Sanitäter, die versuchten Yuma in irgendeiner Weise zu retten. Ich konnte mich nicht bewegen, nichts fühlen, außer den Schock. Was hatte Pascal getan? Warum nahm er mir das Wichtigste aus meinem Leben?
Die Kälte der frischen Nachtluft ließ meine Glieder erfrieren, ich wurde auf eine Bank gesetzt. Ein Polizist fuchtelte vor meinen Augen herum. Ich saß vor dem Kino, die Straße war ein einziges Chaos. Kranken- und Polizeiwagen standen kreuz und quer. Die Mutter mit ihren Kindern wurde auch von einem Polizisten befragt. Mein Blick wurde langsam klar, sodass ich den Polizisten besser ansehen konnte.
„Wie heißen Sie?“
„Mila.“
„Hatten sie eine Beziehung zu dem Opfer?“
„Ja.“
„Kannten Sie den Täter?“
Ich wollte ihn nicht kennen, Pascal war ein Monster, kein Mensch. Wie kommt man auf die Idee, ein Menschenleben zu beenden? Wie kann jemand so grässlich sein? Und was, wenn ich sage, dass ich ihn kannte? Dann würde alles auffliegen. Die Geschichte mit den Drogen, meine Beziehung zur Chaos WG? Wenn die alle ihre Strafe abgesessen haben und mich danach suchen würden? Die würden mich umbringen, da war ich mir sicher.
Was würde Yuma tun? Er würde sie trotzdem anzeigen. Das werde ich auch tun, dachte ich.
Als Entschuldigung für das, was Yuma gerade passiert war, egal wie viel Angst ich vor den Folgen hatte.
„Ja. Ja, ich kenne ihn.“

Das Klingeln des Telefons reißt mich aus dem Schlaf. Müde und leicht verwirrt schleppe ich mich zur Ladestation, die im Wohnzimmer steht. Ich nehme das Telefon und setze mich auf das Sofa, die Rose direkt in meinem Blick.
„Hallo, Herr Doktor Schmidt hier, wir haben Ihren Freund operiert.“
Mein Herz steht still. Was ist, wenn es Yuma nicht überstanden hat, wenn er nicht mehr am Leben ist? Was soll ich mit meinem Leben anfangen, wenn er nicht mehr da ist? Wer soll mich beschützen, nachts auf meinem Bauch liegen und sagen, dass er mich liebt? Wer soll mir dieses Kribbeln im Bauch geben und mich fühlen lassen, dass das Leben Höhen und Tiefen hat, trotzdem aber perfekt ist, dass wir einfach perfekt unperfekt sind? Wie soll ich ohne ihn weiterleben?
„Es gab einige Komplikationen, doch haben wir es geschafft, die Operation bis zum Ende durchzuziehen. Sie können ihn ab morgen besuchen.“