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So wie ein Engel

Lisa Schnitzler, 15 Jahre

Ich kam auf eine neue Schule in Köln, in die 7b. Vorher wohnte ich in Berlin und ging dort auf eine Schule. Meine Mutter hatte in Berlin vor kurzem noch einen Job. Jetzt hat sie einen neuen Job in Köln. Ich fand es sehr schade, Berlin zu verlassen und damit auch alle meine Freunde und meinen Freund, mit dem ich jetzt schon fast ein Jahr zusammen war. Meine Freunde waren genauso wenig begeistert, dass ich nach Köln zog und auf eine völlig fremde Schule ging. Der Gedanke, dass ich vielleicht nicht wieder so tolle Freunde finde wie in Berlin, betrübte mich sehr.

Ich war ziemlich nervös, als ich meine neue Klasse betrat, ich setzte mich an einen leeren Tisch, wo noch niemand saß. Die Klasse hatte sich einmal reihum vorgestellt, ich stellte mich als erstes vor. In der Pause setzte ich mich auf eine Bank, Tanja und Anna kamen auf mich auf zu und fragten mich, was ich so in meiner Freizeit mache.

Ich antwortete, dass ich gerne Hockey spiele.

Die Pause war dann auch wieder zu Ende, und ich ging in die Klasse.

Als Schulschluss war, kam Tanja auf mich zu und fragte, ob ich Lust hätte, mal bei ihr am Wochenende zu schlafen? Ich nahm das Angebot an.

Am Wochenende ging ich dann rüber zu Tanja, sie wohnte nicht weit von der Schule entfernt, also war es leicht, ihre Wohnung zu finden. Als ich ankam, begrüßten wir uns. Wir verstanden uns auf Anhieb. Ich ahnte ja nicht, dass hinter diesem Mädchen das Böse steckte. Tanja erzählte mir unendlich viel von sich, was sie so in der

Freizeit macht, wie die Schule so ist. Dann fragte sie mich tausend Sachen. Ich kam gar nicht so schnell hinterher, dass ich alles beantworten konnte.

Es wurde immer später, und sie fragte, ob sie mir vertrauen könne. Ich sagte, ja, na klar, warum fragst du? Tanja fragte: „Kann ich dir was anvertrauen?“

Ich ahnte auch da noch nicht, dass sie mich hinterging. Sie erzählte mir ihr Geheimnis.

Also ich habe es noch nie jemanden erzählt, aber ich bin in Joshua verliebt.

Sie fragte, ob ich auch eins hätte.

Ich antwortete stotternd und war etwas nervös: „Hm ja, warum genau fragst du das jetzt?“

Ich war mir nicht so sicher, ob ich ihr mein größtes Geheimnis anvertraue oder ob ich nichts sage und sie erst besser kennenlerne. Leider hab ich nicht nachgedacht und vertraute ihr gleich mein größtes Geheimnis an. Ich verriet ihr, dass mein Freund versucht hat, mit mir zu schlafen und mit mir übel rum gemacht hat. Tanja guckte mich an und fragte, ob ich es zugelassen hätte? Ich wurde gleich daraufhin etwas nervös. „Nein“, sagte ich. „Ich hab versucht mich zu wehren.“

Tanja sagte: „Zum Glück“ Ich sagte: „Ja na, dann lass uns mal schlafen okay?“ Tanja antworte: „Okay, gute Nacht“. Am Sonntag-Morgen frühstückte ich noch bei Tanja und ging dann aber auch nach Hause.

Am Montag hatte ich verschlafen und kam zu spät. Ich ahnte nichts Schlimmes und hatte ein recht gutes Gefühl. Ich betrat die Klasse, ich klopfte an und ging rein und alle Jungs starrten mich an und sagten komische Sachen. „Na, hast du auch an die Verhütung gedacht?“ oder „Jaja, wir wissen warum du so spät bist.“

Ich lächelte daraufhin, weil ich dachte, die machen hier nur Spaß und setzte mich neben Tanja und sagte:“ Hej“. Sie guckte mich sehr verstört an und sagte: „Na, hast du heute wieder rumgemacht? War es gut?“

Ich fragte, was sie jetzt plötzlich gegen mich hat. Da begann aber schon die Stunde.

Ich dachte die ganze Stunde nach, traute mich aber auch nicht wirklich, das so richtig zu klären und sagte einfach nichts.

Das Geheimnis, das ich Tanja erzählt hatte, verbreitete sich an der ganzen Schule, und alle wussten Bescheid und machten mich fertig.

Als ich nachhause kam, hatte ich Tränen in den Augen. Ich unterdrückte das Weinen, denn meine Mutter interessierte sich nicht für mich. Seit sie den neuen Job hat, ist sie überfordert. Aber wir hatten noch nie ein gutes Verhältnis zueinander, sie hat sich nie für mich interessiert. Ich erzählte nicht, was mir heute in der Schule geschah. Den ganzen Abend dachte ich nach. Alles war ein Fehler, mein Leben begann den Bach runter zu gehen, dachte ich.

Nun kamen mir doch die Tränen und ich weinte gerade, als meine Mutter, ohne anzuklopfen, ins Zimmer platzte. Ich wischte mir noch schnell die Tränen aus dem Gesicht und tat so, als würde ich mir die Nase putzen, und fragte meine Mutter dann, was sie denn will?

Sie sagte: „Ich arbeite morgen länger, das heißt, du musst selbst zurecht kommen. also dann: Gute Nacht.“

Sie schloss die Tür und ging.

Kurz darauf klingelte es an der Tür. Ich traute mich nicht so wirklich an die Tür, also schloss ich meine Zimmertür ab und lauschte, wer das sein könnte und so spät, noch um 20 Uhr hier vorbei kam. Meine Mutter unterhielt sich, ich kannte die Stimmen und bekam Panik, ich hörte Tanja und Anna, wie sie sich mit meiner Mutter unterhielten und wie Tanja fragte, ob sie mit mir sprechen dürfte? Meine Mutter rief mit einer gelangweilten Stimme: „Sofia? Hier ist Besuch für dich, kein Plan, was sie von dir wollen.“

Ich sagte nichts und legte mich in mein Bett und tat so, als ob ich schlafen würde und hoffte, dass sie die Mädchen nachhause schickte. Meine Mutter kam dann an meine Zimmertür und sagte: „Hallo Sofia? Hier ist Besuch für dich. Zum zweiten Mal – jetzt komm.“

Ich sagte nichts und schloss die Augen, eine Träne lief mir übers Gesicht. Ich hörte noch, wie meine Mutter Tanja und Anna rausschickte und sie bat, bis morgen in der Schule zu warten. In dem Moment klappten meine Augen zu und ich schlief ein.

Am nächsten Schultag ging ich zur Schule, ich hatte megagroße Angst zur Schule zu gehen, aber schwänzen konnte ich auch nicht, das macht doch ein schlechtes Bild oder nicht?

Als ich dann in der Schule ankam, wurde ich die ersten zwei Stunden in Ruhe gelassen, in der Pause hatte ich dann die Hoffnung, dass ich für immer in Ruhe gelassen werde, aber irgendwie war das nicht der Fall.

In der ersten großen Pause setzte ich mich auf eine Bank. Ich hatte sehr viele Gedanken, dachte sehr viel nach und dann sah ich Tanja und Anna auf mich zukommen. Ich bekam Bauchschmerzen, ich wusste ja nicht, was die mit mir vorhaben. Sollte ich sitzen bleiben und sie einfach ignorieren oder einfach gehen, wenn sie kommen. Aber die Möglichkeit, dass sie mir hinterhergingen, war sehr groß. Und da kamen dann auch schon Tanja und Anna, ich hab einfach in die Luft geschaut, denn ich hatte schon Angst vor den Mädchen und ich hab einfach nichts gesagt, als dann Tanja sagte: „Na? Hat dein Freund wieder mit dir rumgemacht? Seit ihr diesmal gekommen?“

Ich ignorierte sie einfach und sagte nichts. Ich war kurz vorm Weinen, aber ich unterdrückte es, wie immer. Sie warteten auf eine Antwort, als sie merkten, dass ich nichts sagte und sie einfach ignorierte, guckten sie mich an und sagten: „Schlampe“. Ich ignorierte es, stand auf und ging Richtung Klasse.

Die dritte Stunde begann, ich ging in die Klasse, keiner beachtete mich, niemand sprach mit mir, alle tuschelten über was. Das einzige, was ich verstand war: „Ja, sie ist voll hässlich.“

Ich versuchte, es zu ignorieren. Nach der Schule ging ich langsam nachhause und hörte dabei von One Direction „Story of my life“. Ich summte das Lied ein bisschen mit.

Als ich dann nachhause kam, saß meine Mutter am Esstisch und aß ein Käsebrötchen. Ich nickte ihr nur zu und fragte: „Warum schon zuhause? Ich dachte, du arbeitest heute länger?“

Meine Mutter antwortete: „Nein, doch nicht. Ich durfte doch früher gehen. Ich lächelte daraufhin und ging in mein Zimmer. Ich schmiss meinen Rucksack in die Ecke und legte mich in mein Bett und dachte über alles nach. Mir schwirrte so viel durch den Kopf, genau in dem Moment klopfte es meiner Tür, ich sagte „Ja?“

Meine Mutter war es nicht, sie klopft nie, also bin ich von jemand anderem ausgegangen musste es jemand anderes sein.

Ich hoffte nur, dass es nicht Tanja und Anna waren. Dann öffnete sich die Tür und es war meine Tante, die mir ein Stück von ihrem selbst gemachten Zitronenkuchen gab, den ich über alles liebe. Sie fragte mich noch, ob alles in Ordnung ist.

Ich sagte: „Ja, ist alles okay“

Meine Tante lächelte und nickte mir zu, bevor sie aus meinem Zimmer ging.

Als es dann schon 19 Uhr war und ich zu Abend gegessen hatte und wieder in mein Zimmer ging, machte ich mir meinen Laptop an.

Ich schaute auf Facebook nach, was ich so Neues habe und machte dabei auf Youtube Musik an. Ich hörte mir von One Direction wieder mein Lieblingslied „Story of my life“ an. Als ich meine Benachrichtigungen durchsah, das meiste waren nur Spielanfragen, die ich so oder so nicht spiele, sah ich weiter unten, dass Tanja mir was an die Pinnwand gepostet hatte und vier weitere es kommentiert haben.

Ich hatte megagroße Angst, ich zitterte, dass ich Tränen in den Augen hatte, und da wurde es dann schon aufgerufen, ein fieses Bild erschien, wo eine Stripperin zu sehen war. Als Überschrift stand da: „Das ist unsere neue Klassenkameradin, Mann, was für eine Schlampe. Haha, so wird sie mal enden, so wie sie es heute schon ist.“

Ich sah mir das Bild genau zwei Minuten an, eine Träne lief mir übers Gesicht. Ich klappte meinen Laptop wütend und sehr traurig zu und legte mich ins Bett. Ich weinte, nur niemand wusste, wie Scheiße es mir geht, keinen hat es interessiert. Meine Freunde in Berlin hatte ich zwar noch, aber wie sollten sie mir in meiner Situation helfen? Ich dachte noch ewig nach, ich hab kein Auge zu bekommen all die fiesen Sprüche und Kommentare gingen mir endlos durch den Kopf. Ich weinte nur noch. Mein Selbstvertrauen war ziemlich kaputt.

Am nächsten Tag kam meine Mutter ins Zimmer, und ich war noch halb am Schlafen, weil ich bis halb vier durch geweint und nachgedacht hatte. Meine Mutter kam rein und rief: „Aufstehen, es ist Schule.“

Ich gab zuerst keine Antwort. Dann sagte ich: „Mama? Ich habe große Bauchschmerzen und mir ist übel.“

Meine Mutter schaute mich an und sagte: „Ja, dann bleib liegen. Ich geh jetzt los, bin später zurück.“

Ich drehte mich auf die Seite, ich hatte heute zu nichts Lust, einfach zu gar nichts.

Ich lag noch weitere zwei Stunden im Bett, ich nahm mir ein Buch, was ich schon angefangen hatte und las noch eine Hälfte.

Als meine Mutter völlig überarbeitet nachhause kam mit zwei vollen Einkaufstüten und ich ihr im Pyjama entgegen kam und ihr eine Tüte abnahm.

Sie fragte mich, ob es mir besser ginge. Ich war sehr erstaunt, dass sie mich das mal fragte und antwortete mit einem lockerem: „Ja.“

Sie lächelte mich an und verschwand in der Küche und machte Mittagessen.

Ich ging wieder in mein Zimmer zurück.

Am nächsten Tag in der Schule starrten mich alle an, ich senkte den Kopf und hörte meine Musik und ging zu meiner Klasse, mit Übelkeit und sehr ängstlich. Als ich in der Klasse ankam, war noch keine Lehrerin da. Es war auch erst 7 Uhr 55 Uhr. Fünf Minuten hat sie noch, dachte ich, und lachte.

Ich setzte mich auf meinen Platzt. Neben mir saß jetzt niemand. Tanja hatte sich zu ihrer allerbesten Freundin Anna gesetzt.

Ich machte meine Musik aus und packte mein Handy weg.

Nach der ersten großen Pause schaute ich in meinen Rucksack, um mein Englischheft rauszuholen und meine Federtasche, da fiel mir auf, dass mein Handy weg ist. Ich bekam einen Schock, da mein Handy keinen Entsperrmodus hatte und die meine privaten Bilder sehen konnten. Also lustig fand ich das nicht.

Ich überlegte meiner Englisch-Lehrerin, die gerade die Klasse betrat, alles zu erzählen, aber ich wusste, dass sie sich dafür nicht interessierte, denn sie ist eine sehr desinteressierte Lehrerin und konzentriert sich nur auf ihren Unterricht.

Als ich dann nach der Schule nachhause ging und meine Mutter auch schon zuhause war, versuchte ich ihr zu erklären, dass mein Handy geklaut wurde. Als ich das sehr nervös schilderte, guckte meine Mutter mich nur an und trank ihren Kaffee weiter.

Ich sagte darauf einfach gar nichts mehr und ging aus der Küche. Da sagte meine Mutter: „Pass besser auf dein Handy auf, ich kaufe dir nicht ständig ein neues.“

Ich nickte ihr zu und verschwand.

Am Abend, wir hatten gerade gegessen, und ich war richtig müde, schaute ich noch etwas fern. Um 20 Uhr bin ich eingeschlafen. Ich träumte, dass ich mit der Klasse für eine Woche auf eine Insel gefahren bin und die Mädchen mich Abends gefragt haben, ob ich nicht Lust hätte, eine Runde um den Wald, der dort war, zu laufen.

Ich machte mit. Mitten im Wald, ich kannte mich da gar nicht aus, meinte Laura zu mir: „Warte kurz hier, wir kommen gleich wieder.“ Darauf hörte ich und hab mich dort auf einen Stein gesetzt und gewartet. Als dann schon fast eine halbe Stunde vergangen war, und es schon langsam dunkler wurde, bekam ich Angst. Mir saß ein riesiger Kloß im Hals, der mich zum Weinen brachte. Ich versuchte mich durch den Wald zu kämpfen und habe bemerkt, dass ich mich komplett verlaufen habe. Ich bekam einen Schock und bin plötzlich aufgewacht mit Tränen im Gesicht.

Als ich dann morgens aufwachte, hörte ich, wie meine Mutter schon das Frühstück vorbereitete. Ich schrieb mir den Traum noch schnell auf, bevor ich Frühstücken ging und dachte viel darüber nach.

Ich habe nicht viel gegessen, weil ich Bauchschmerzen hatte.

Meine Mutter fragte, wie es mir so geht.

Ich antwortete: „Ganz gut und dir so?“

Meine Mutter antwortete: „Etwas überarbeitet von der Arbeit.“

Ich sagte:„Ach so, dann mach doch mal eine Pause. Mach mal eine Woche Urlaub.“

Meine Mutter antwortete: „Nein, das kann ich nicht machen.“

Ich fragte: „Warum nicht?“

Meine Mutter sagte: „Egal, kann ich einfach nicht.“

Ich hatte so das Gefühl, dass sie einfach keine Lust auf Urlaub hatte, aber ich war mir nicht sicher. Ich versuchte mit meiner Mutter über die Sache, die in der Schule geschah, zu reden. Ich war sehr nervös, meine Geschichte zu erzählen, was die mir alles so in der Schule antun, ich fing so ganz langsam an. Ich fragte: „Mama? Hast du mal ein Ohr für mich?“ Ich hatte einen fetten Kloß im Hals, fing schon fast an zu weinen und unterdrückte es.

Meine Mutter schaute mich an und sagte: „Ja?“

Ich versuchte es, in Stücken zu erzählen und bekam den Satz aber nicht ganz raus und sagte: „Also, auf meiner neuen Schule…“

Meine Mutter unterbrach mich sofort und sagte: „Oh ja, wie ist sie so, gefällt dir die Schule? Dein Klassenlehrer ist ja richtig nett.“

Ich schaute sie an, versuchte mich in dem Moment zusammen zu reißen, um nicht zu weinen und sagte: „Jaja, der ist ganz gut.“

Meine Mutter lächelte mich an und aß ihr Brötchen weiter. Ich fragte sie, warum sie nie Zeit für mich hätte.

Meine Mutter schaute ganz wütend und sagte: „Wie?“

Ich sagte: „Ach egal, nicht so wichtig!“

Meine Mutter schwieg einen Moment, sah mich dann an und sagte: „Wie meinst du das, dass ich nie Zeit für dich hätte?“

Ich schaute sie an und versuchte mir alles zu verkneifen und konnte einfach nichts raus bringen, meine Mutter wurde langsam etwas sauer.

Ich schaute einen Moment lang nur auf meinen Teller und hoffte, dass sie alles vergisst. Aber sie hackte weiter drauf rum und fragte immer wieder, wie ich das gemeint hätte, bis ich irgendwann vorm Platzen stand und los schrie: „JA, DU HAST EINFACH NIE ZEIT FÜR MICH, DU HAST NUR DEINE ARBEIT IM KOPF!“

Ich weinte los, meine Mutter schaute mich ganz wütend an und schrie: „WIE, ICH HAB NIE ZEIT FÜR DICH? ICH MUSS IMMER FÜR DICH KOCHEN ICH MACH DOCH HIER ALLES IM HAUSHALT! WAS GENAU UNTERSTELLST DU MIR DENN HIER EIGENTLICH?“

War klar, dass meine Mutter das ganz anders sieht und auch eine ganz andere Meinung hat als ich. Ich sah sie an, sie schaute aber nur aus dem Fenster, ich wusste nicht genau, ob sie jetzt sauer oder traurig war. Ich glaube, sie konnte das selbst nicht richtig einschätzen. Ich sagte nichts mehr und ging einfach in mein Zimmer und schloss die Tür. Den ganzen Tag haben ich und meine Mutter nicht miteinander geredet.

Da es schon spät wurde, legte ich mich ins Bett und schlief auch sofort ein.

Am nächsten Tag, ich musste zur Schule, meine Mutter war schon arbeiten, ging ich los, ich schlenderte über die Straße. Ich fragte mich, warum sich mein Leben so schlagartig verändert hatte, auf eine sehr schlechte Weise?

Ich überquerte die Straße vor der Schule und blieb kurz stehen, als ich dann sah, dass sich alle aus meiner Klasse Tanja und Anna angeschlossen hatten, sich in Gruppen aufgeteilt und einen Kreis gebildet hatten, um auf mich los zu gehen, mir näher und näher rückten. Mir wurde immer schlechter und ich hätte am liebsten nur geweint. Alle kamen auf mich zu, zuerst starrten mich alle nur an. Plötzlich fing Tanja an, mich zu schubsen und die anderen machten alle mit. Anna hielt mein Handy hoch und schrie: „WER MÖCHTE AUCH MAL SOFIAS BILDER SEHEN?“

Sie lachte fies, während sich dann manche um Anna versammelten und meine Bilder und Videos von mir sahen. Ich sah, wie sich alle darüber kaputt lachten und fiese Sprüche machten wie: „Mann, du siehst ja aus wie mein Arsch.“

In der Zeit stand Tanja mit ein paar anderen Mädchen um mich herum und schauten mich an, ich sagte gar nichts.

Tanja sagte: „Sie hat bestimmt wieder mit ihrem Freund rum gemacht, hat ihn so richtig verführt so wie alle Schlampen es tun.“

Alle lachten sich darüber kaputt. Ein anderes Mädchen sagte: „Schäm dich, schon mit 13, eine Schlampe, sagt deine Mutter nichts dazu?“ Alle brüllten im Chor: „SCHLAMPE, SCHLAMPE, SCHLAMPE!“

Ich fing an zu weinen und war total nervös, wusste nicht, was ich machen sollte. Alle beleidigten mich gerade.

Da sah ich plötzlich eine Zehntklässlerin, die hatte das Ganze schon beobachtet, wie mich die Klassenkameraden runter machten und mich schlimm beleidigten. Sie sah sehr nett aus. Ich sah, wie sie die ganze Situation beobachtete, aufmerksam zuhörte.

Blond, braune Haare, ungefähr Schulterlang, sie hatte ein T-Shirt und darüber so eine Lederjacke mit Fell und dazu ganz normale Sportschuhe. Den Namen wusste ich nicht. Ich sah, wie sie sich von ihren Freunden verabschiedete und über die Straße kam, direkt auf mich zu. Ich dachte mir, sie geht bestimmt nur kurz zum Kiosk, aber sie kam dann direkt auf mich zu, und sie packte mich am Arm, schaute meine Klassenkameraden an, schaute dann wieder zu mir runter, sie war ein Kopf größer als ich, sie sah, wie ich kurz vorm Heulen war und schaute dann wieder meine Klassenkameraden an und sagte: „Wie könnt ihr nur das Mädchen fertig machen, ihr bemerkt gar nicht, wie schlecht es ihr geht, wie sie leidet und sich immer ängstlicher verhält.“ Ich merkte, dass meine Klasse nichts sagte und sie gespannt anschaute. Sie schaute noch mal zu mir runter und legte ihren Arm um mich, nahm mich ganz sanft in den Arm und sagte zu meinen Klassenkameraden: „Lasst sie gefälligst in Ruhe!“

Sie schleifte mich weg, setzte sich mit mir auf eine Bank. Total verheult und zitternd setzte ich mich neben ihr hin. Ich fragte sie: „Was willst du von mir? Warum hilfst du mir? Ich bin in deinen Augen doch auch bestimmt nur eine Schlampe?“

Die Zehntklässlerin schaute mich an und sagte: „Jetzt mal ganz ruhig, ich heiße Bella, ich bin 17 Jahre alt. Und wie heißt du?“

Ganz nervös antwortete ich: „Ich bin Sofia.“

Bella schaute zu mir runter und sagte: „Oh, schöner Name“, und lächelte mich an. Für einen Moment war einfach nur Stille. Dann fragte Bella, was denn genau passiert ist.

Ich antwortete nichts und starrte nur weiter auf den Boden. Bella machte es nichts aus, dass ich nichts gesagt habe. Was genau passiert ist?

Ich bemerkte gerade erst, dass wir alleine auf einer Bank am Ende des Schulhofes saßen, hinter einem Gebäude, wo sich niemand aufhält. Bella drängte mich zu nichts und ließ alles auf sich beruhen. Sie holte ein Blatt raus und schrieb ihre Nummer auf, gab mir den Zettel und sagte: „Ruf an, wenn du reden willst, ich werde dir hier nichts vorspielen.“ Sie lächelte mir sehr vertrauensvoll zu.

Soll ich dich zur Klasse bringen?“

Ich nickte ihr zu. Auf dem Weg zur Klasse erzählte ich Bella, was passierte in den letzten Wochen. Bella konnte es nicht fassen, was ich ihr da so erzählte. Und wie schlecht das Verhältnis zur meiner Mutter ist, dass sie kein Interesse an mir hat, völlig überarbeitet ist und nur auf sich achtet, und wir vor kurzem einen heftigen Streit hatten und wir uns noch nicht vertragen hatten.

Als ich mit Bella in die Klasse kam, schrien alle wieder: „SEHT MAL, DAS IST SOFIAS MAMI, DIE SIE WIEDER BRINGT.“ Alle lachten los.

Der Lehrer schrie: „RUHE HIER!“

Der Lehrer fragte: „Warum bist du denn so spät?“

Ich schaute Bella an, die dann für mich sagte: „ Es gibt hier ein Problem.“

Der Lehrer sagte: „Ach, Was für ein Problem denn?“

Bella erzählte, was in den letzten Tagen hier so in der Klasse passierte und wie schlecht es mir geht.

Der Lehrer schaute ganz traurig zu mir runter und fragte, ob es stimmen würde.

Ich nickte dem Lehrer zu. Der Lehrer konnte es einfach nicht fassen, hat es von seiner Klasse gar nicht glauben können, was Bella da alles erzählte und war ganz wütend auf seine Klasse, fragte, ob das alles stimmen würde.

Die sagten, dass ich lügen und mir alles ausdenken würde, weil ich doch keine Freunde hätte.

So langsam wurde ich sauer, das wurde mir langsam alles zu viel.

Warum fällt mir das hier alles nur so schwer? Warum musste ich überhaupt der Tanja das Geheimnis erzählen? Warum war ich nicht einfach in Berlin und hatte Freunde.

Ich rannte aus der Klasse, Bella kam hinterher.

Ich setzte mich vor dem Klassenraum auf eine Bank und fing an zu weinen, Bella tröstete mich. Ich hörte, wie der Lehrer einfach den Unterricht führte, das machte mich so sauer, dass ich in die Klasse platzte und folgendes schrie:

OK, ES REICHT! LASST MICH DOCH EINFACH IN RUHE: IHR SEIT DOCH ALLE VOLL HINTERHÄLTIG DENKT GAR NICHT RICHTIG NACH UND MOBBT JEDEN DER NICHT IN EURER LIGA LIEGT. ICH HABE TANJA ZU SCHNELL VERTRAUT UND DIESES MISTSTÜCK ERZÄHLT ES WEITER, ABER HAT ALLES VERDREHT, UM MICH ZU ÄRGERN!“

Bella schaute mich ganz erschrocken an, lächelte dann aber und war richtig stolz, dass ich es mal geschafft habe, den Mund aufzubekommen.

Alle schauten mich mit offenem Mund an.

Ich nahm Bella an die Hand und ging raus aus der Klasse.

Der Lehrer gab den Schülern eine Aufgabe und meinte, dass er das alles später mit denen bespricht. Er kam auf mich zu und sagte: „Ich bring dich erstmal ins Lehrerzimmer und wir rufen deine Mutter an.“

Der Lehrer machte mit mir darauf noch ein Einzelgespräch und schaute ganz wütend, als ich ihm erzählte, dass ein Bild auf Facebook war. Der Lehrer fragte mich, ob ich ihm das zeigen könnte, er würde sofort die Polizei rufen und Tanja anzeigen lassen. In dem Moment klopfte meine Mutter an der Tür, sah wie blass ich war und wie ich zitterte. Sie kam ganz geschockt auf mich zu und fragte: „Was ist denn passiert?“

Der Lehrer fragte mich, ob meine Mutter wüsste, was alles hier in den letzten Wochen geschah. Meine Mutter sagte sofort geschockt: „Was? Wie seit Wochen?“

Ich weinte so los, dass es nicht mehr zu stoppen war, brachte es dann so langsam raus, dass ich in den letzten Wochen ziemlich fies beleidigt und gemobbt worden war. Meine Mutter fragte: „Warum sagst du denn nichts?“

Ich stotterte und sagte: „Weil… weil.. du…“, doch weiter brachte ich es dann auch nicht. Meine Mutter fragte: „Was?“

Dann sagte ich es einfach: „Weil du doch nie Zeit hast und immer überarbeitet bist.“

Meine Mutter nahm mich erstmal in den Arm und klärte dieses Problem lieber mit mir, wenn wir zuhause sind.

Der Lehrer schaute mich an und sagte: „Sofia? Du brauchst dir keine Sorgen zu machen, es wird alles gut, ich hab bereits die Polizei eingeschaltet.“

Ich sagte: „Okay“

Meine Mutter drückte mich ganz fest und hat sich für die ganzen zwei Wochen erstmal Urlaub genommen.

Ich habe diese Schule verlassen und wechselte auf eine andere Schule in Köln, in der ich sehr glücklich wurde und richtig gute Freunde gefunden habe.

Meine Mutter fragte, ob es mir jetzt besser geht?

Ich sagte: „Ja, sogar richtig gut“ und lächelte dabei. Meine Mutter lächelte zurück. Meine Mutter hatte ziemliche Schuldgefühle und drückte mich immer, wenn ich nur in ihrer Nähe war, was mir sehr gut tat. Meine Mutter fragte, warum ich nicht versucht habe, ihr zu schildern, dass sie mich vernachlässigt hat.

Ich sagte: „Ich habe es versucht, hatte aber auch immer Panik.“

Meine Mutter sagte: „Ich hätte schon was geändert, wenn du was gesagt hättest.“

Ich sagte: „Ich traute mich nicht so wirklich.“

Meine Mutter schaute mich an und drückte mich noch mal und sagte: „Jetzt bin ich aber immer für dich da und werde dich nicht wieder so vernachlässigen.“

Ich lächelte!

Es klingelte an der Haustür, ich ging hin, öffnete die Tür und sah Tanja, die mein Handy in der Hand hielt, mit einer Karte wo drauf stand: „Entschuldigung.“

Ich nahm es in die Hand und sagte: „ Danke“, und schloss die Tür.

Am nächsten Tag nach der Schule besuchte ich Bella, um mich für alles zu bedanken, für ihre Rettung und Hilfe. Mit einem riesigen Blumenstrauß und Schokolade kam ich zu ihr.

Sie öffnete die Tür, sagte: „Sofia?“

Ich sagte: „ Ja, ich wollte mich bei dir bedanken.“

Bella freute sich und sagte: „Komm doch rein.“

Ich bedankte mich so oft, dass sie irgendwann das Wort Danke nicht mehr hören konnte. Ich drückte sie fest und wir sind sehr gute Freunde geworden. Ich sagte ihr, dass sie für mich wie ein Engel war, der so ganz plötzlich kam und mich rettete und mir wieder Kraft gab.