shadow

Stahlherz

von Merlin Holler, 15 Jahre

Ich wache auf. Moment mal. Was? Das verstehe ich nicht … Wieso … wache ich auf? Ist ja jetzt auch unwichtig. Fakt ist, dass ich hier stehe und etwas sehe. Und ich sehe erstaunlich viel. Das da drüben ist eine Wand. Ungefähr mittig in diese ist eine Tür gebaut. Daneben ist … Sekunde. Woher weiß ich, was eine Tür ist? Nachdenklich lege ich den Kopf in den Nacken, starre die Decke an und … ich habe einen Kopf!? Entsetzt taumelte ich nach vorne, verlor das Gleichgewicht und wäre beinahe von dem Podest gefallen, auf dem ich stand. Da ist sogar noch mehr als nur ein Kopf. Da unten sind Beine, darauf ist der Rumpf, und seitlich daran befestigt sind Arme … und auf meinem Schädel ist eine Art Antenne. Aber das Seltsamste daran ist … ich spüre jedes Einzelne meiner Körperteile! Endgültig irritiert setze ich mich hin. Viele Fragen schießen mir gerade durch den Kopf. Wieso spüre ich meinen ganzen Körper? Woher weiß ich so vieles obwohl ich doch praktisch gerade erst … wie soll ich sagen … mir fehlt ein Wort. Das beruhigt mich dann doch. Fange ich noch einmal von vorne an. Wieso kann ich so viele Dinge kennen und verstehen, obwohl ich doch gerade erst – ich sage mal – „geboren“ wurde? Ja, wer bin ich eigentlich? Und – und das ist wohl das Wichtigste an der ganzen Angelegenheit – weshalb kann ich mir all diese Fragen stellen? Da ist ein Begriff. Denken. Ich denke also. Aber warum? Hm. Nur durchs Denken kann ich mir scheinbar keine Antworten erarbeiten … es scheint sogar so, als würden dadurch nur noch mehr Fragen aufkommen … Das ist alles schrecklich irritierend – ich denke und verstehe nicht, wieso. Gut, es reicht. Ich will jetzt Antworten. Entschlossen sehe ich an mir herunter. Meine Gliedmaßen sind aus Stahl. Meine Gedanken aus meinem blechernen Schädel rufen etwas. Bin ich … ein Roboter? Langsam drehe ich den Kopf. Zu meiner Linken stehen unzählige Weitere meiner Art. Sie alle bewegen sich nicht. Mit starr geradeaus gerichtetem Blick und einer augenscheinlichen Leblosigkeit sind sie in einer Reihe neben mir angeordnet. Unfassbar … sie sehen genauso aus wie ich … Und doch wirken sie so grundlegend anders. Ich stehe auf und stelle mich unmittelbar vor einen meiner „Artgenossen“. Erschrocken weiche ich vor einer Bewegung zurück. Mein Bewusstsein sagt mir, es ist mein Spiegelbild … Aber wenn ich mich selbst über mich und meine Art wundere, und ich zudem sehen muss, dass ich der Einzige bin, der – im wahrsten Wortsinn – aus der Reihe tanzt … dann bin ich vermutlich tatsächlich anders. Wieder bin ich plötzlich erstaunt, meine Gedanken zu hören. Das ist so verwirrend … ich weiß dank meines Bewusstseins, wie bestimmte Dinge sind und kann sie mir sogar erklären … aber dennoch bin ich immer wieder darüber überrascht! Ich schätze, so ist das mit Erfahrungen. Ich sollte aufhören, erneut ins Denken rein zu rutschen. Das macht alles nur noch komplizierter für mich. So. Ich atme jetzt einmal tief durch, und danach … achja … Atmen kann ich ja gar nicht, denn ich bin kein Mensch. Mensch? Das denke ich jetzt zum ersten Mal. Ich weiß wer sie sind, aber habe noch nie einen von ihnen gesehen. Wie auch immer. Ich schaue mir die anderen Roboter noch einmal genauer an. Auf dem rechten Armgelenk eines jeden Modells scheint eine Nummer zu stehen. Ist wohl die jeweilige Kennnummer. Ich prüfe es bei mir am besten einmal nach. Unterstrichen von einem mechanischen Surren hebe ich den Arm. Da steht A02-010. A02 scheint die Seriennummer zu sein. Von dieser Reihe bin ich dann also der Zehnte … Mit einem Mal werde ich rüde aus meinen Gedanken gerissen. Eine laute Sirene schallt durch den offenbar gedämmten Raum. Irgendetwas in mir rattert und klickt. Unangenehmes Gefühl. Um mich herum heben die anderen Maschinen einer nach dem Anderen das linke Bein. Was ist jetzt los …? Alle marschieren sie los, klettern von dem Podest und stapfen durch die sich nun öffnende, automatische Tür. Wohin sie wohl gehen? Hm. Dahin eben, was auch immer hinter dem Ausgang ist. Da ist es wieder, dieser Ruf aus meinem Inneren. Nur mit größter Mühe gelingt es mir, mich davon abzuwenden. Darauf wurde ich einst programmiert, glaube ich. Das muss es auch sein, das die anderen treibt und mich von ihnen unterscheidet … Sie folgen strikt ihren Pflichten. Ihnen wird gar nicht erst der Raum gelassen, eigenständig zu denken. Frustriert springe auch ich jetzt von der Erhöhung und lande nicht besonders leichtfüßig auf dem Boden. Ich blicke mich um. Ein technisches Summen erfüllt den Raum, wie kommend von einem Kühlschrank, so klingt es. Alles ist weiß und metallisch, kalt und irgendwie eintönig. Hätte ein Außenstehender in diesem Moment auf das Szenario geschaut, hätte er vermutlich Mitleid mit mir gehabt. Ich müsste sehr verlassen wirken, wie ich als ein so kleiner, zierlicher Roboter, plötzlich anders als alle anderen, ganz allein in einem solch ausladenden Raum stehe. Ich gehe unentschieden auf die Tür zu und sehe nach oben. Erst jetzt fällt mir auf, wie klein ich bin. Offenbar nutzen überwiegend Menschen das Tor. Um ganz bis nach oben schauen zu können, hätte ich mich wieder auf das Podest stellen müssen. Genau weiß ich es nicht, aber mein Bewusstsein zieht aus dem Wissen, das ich durch meine Programmierung erhielt, dass ich ungefähr so groß sein muss wie ein mittelgroßer Hund. In Ordnung. Ich löse mich aus meinen Gedanken und gehe durch die Tür.

Es überkommt mich wie ein regelrechter Schock, als ich nach draußen trete. Gleißendes Sonnenlicht umfängt mich. Anscheinend hatte ich soeben das Labor verlassen. Zaghaft mache ich einige Schritte vorwärts. Ich weiß nicht genau, was mich erwartet. Fragend blicke ich über die Schulter zurück. Das Gebäude scheint sehr hochgelegen zu sein. Die anderen Häuser und auch Straßen der Stadt liegen weit tiefer. Erst als ich beinahe viele Kilometer nach unten gestürzt wäre, fiel mir auf, dass keine Treppe diese scheinbar schwebende Plattform mit dem Boden verband. Am Rande des Luftpontons standen ein Schaltpult und ein beidseitig bemaltes Schild. Darauf stand in unübersehbaren leuchtenden Buchstaben: „Roboterfabrik Xizz – ihre arbeitenden Androiden von 2222!“ Entsetzt begutachtete ich mich von neuem. Ich war gebaut und programmiert worden, um zu arbeiten. Niemand hätte gedacht, dass je irgendeiner meiner Art ein Eigenleben entwickeln würde. Ich selbst verstehe ja nicht einmal, wieso das geschehen war. Ich merke nur, dass ich unzufrieden bin. Auch wenn wir Roboter nichts spüren können, eigentlich zumindest, ist es nichtsdestotrotz ungerecht. Die Menschen leben in Glück, Spaß und Tollerei, und wir fegen ihnen den Dreck hinterher weg. Ich wende mich dem Schaltpult zu. Zahlreiche Knöpfe, Hebel und kleine Bildschirme zieren es. Zwar verstehe ich die Sprache nicht, in der etwas unter den Knöpfen und Hebeln geschrieben steht – aber dazu gibt es außerdem Abbildungen. Erleichtert betätige ich einen der Schalter, der eine Luftfähre rufen soll. Ich weiß, es würde einen Moment bis zur Ankunft dieser dauern, also gebe ich mich wieder meiner Gedankenwelt hin. Bis hier oben hin noch eine Straße zu legen … Das gesamte Verkehrsnetz hatte sich vor gut hundertfünfzig Jahren grundlegend verändert, als man eine bedeutende Entdeckung gemacht hatte. Dass der ganze Planet von einem Netz unzähliger verknüpfter Magnetismusstreifen umgeben war, hatte neue Forschungen möglich gemacht. So konnte man, ohne auch nur irgendeinen Stoff verbrennen zu müssen, vollautomatische Fuhrwerke konstruieren, deren Routen zudem überwiegend in der Luft lagen. Damit war auch auf den Wegen am Boden mehr Platz für Fußgänger und natürlich Gebäude. Man stelle es sich so vor: Die Flugzeuge und Autos der Erde in einem, ohne Sprit funktionierend und damit komplett autonom – das sind die Luftfähren hier auf dem Merkur, dem modernsten Planeten unseres Sonnensystems. Gläsern-stählerne Wolkenkratzer stechen hier und da aus der Masse der vielen Bauwerke hervor, ragen hoch empor in den Himmel. Dazwischen und um die Gebäude herum bewegen sich, aus weiter Ferne wirkend wie viele Schwärme von Insekten, die Luftgefährte. Eine nahe Bewegung lässt mich aufblicken. Mein Taxi ist gerade angekommen. Lautlos gleitet das Fahrzeug an die Kante der Plattform und wartet nur darauf, dass ich einsteige. Begleitet von einem mechanischen Orchester, gegeben von meinen Robotergelenken, springe ich fast in die Kabine; da zögere ich. Was ist denn eigentlich mein Ziel? Wohin möchte ich? Das bringt mich wieder zurück zu meinen Fragen … genau in diesem Moment tönt eine monotone, gleichgültige Frauenstimme aus einem Lautsprecher an der Fähre: „Bitte steigen Sie ein – MerkurLuftservice2222.“ Etwas in mir hält mich zurück, mich eigenständig auf den Weg zu machen … wahrscheinlich ist das aber nur meine Programmierung. Ein wenig unbeholfen setze ich mich darüber hinweg und steige ein. Die Fähre verlässt die Plattform und driftet ein wenig ab, bewegt sich auf die Hauptstraße zu. Damit es keine Erkennungsprobleme bei den verschiedenen Routen des Magnetverkehrs gibt, hat man die Sauerstoffpartikel der Straßen mit gefärbtem Gas beschichtet. So leuchtet die Luft dort, wo der Magnetstrom der Hauptstraße liegt, beispielsweise hellblau. Langsam fährt das Fuhrwerk darauf zu und reiht sich in den Fluss der zahlreichen anderen Fahrzeuge ein. Fasziniert schaue ich nach unten, da sind andere Straßen, sie ziehen sich bis zum Boden hinunter. Und da sind Häuser, alle versehen mit einem grünen, glänzenden Kuppeldach. Ganz am Boden strömen Menschen in Massen entlang, kleiner als Ameisen wirken sie von hier oben. Wieder meldet sich die Frauenstimme zu Wort. „Bitte geben Sie jetzt ihr gewünschtes Ziel ein – MerkurLuftservice2222.“
„Ich … ich weiß noch nicht …“, antwortete eine blecherne, einigermaßen hohe Stimme. Vollkommen entgeistert stelle ich fest, dass ich es war, der da gerade gesprochen hatte. Es ist mir, als hätte ich schon wieder vergessen, dass mein Bewusstsein, das ich plötzlich habe, meinem Körper auch menschliche Züge einhaucht. Dennoch dürften auf Arbeit programmierte Androiden kein Sprachmodul eingebaut bekommen haben … Wie auch immer mir oder meinem Dasein mir das gelungen war, ich hatte Eigenschaften entwickelt, und freies Denken und Handeln – entgegen jeglicher Programmierungen. Die hatte ich ja sogar überwunden, und mein plötzliches „Existieren“ macht mir das auch jetzt immer wieder möglich. Aber wie genau das passiert ist … hatte ich wirklich einfach nur genug Raum, um mich zu entfalten – obwohl ich doch nur ein Haufen Speicherchips, Kabel und Stahlplatten bin? Dabei hatten die anderen Roboter meiner Baureihe doch genauso viel Möglichkeit, und sie sind doch nach wie vor leblos und geeicht.
„Ich kann Ihnen leider keine Entscheidungen abnehmen, die müssen Sie selbst treffen, Master – MerkurLuftservice2222.“

Hm, ja … Entscheidungen … weshalb auch immer ich sie auf einmal als Problem vor mir stehen habe. Zaghaft setze ich an: „Dann …“ Wieder bin ich sehr überrascht, meine eigene Stimme zu hören. Dass überhaupt Töne aus mir herauskommen … Wie bewerkstelligt mein Gefüge das überhaupt? Ich habe weder Stimmbänder wie ein Mensch, noch ein implementiertes Sprachmodul, das einem Roboter wie mir das Reden ermöglicht. Wir dürfen nicht sprechen, wenigstens wir Arbeiter nicht. Das nützt unserem Zweck ja auch nicht. Diese Menschen verstehe doch, wer will … „Dann bitte zum Boden.“ Ein leises Rattern folgt aus dem Inneren der Fähre. „Anfrage wird bearbeitet, bitte einen Moment Geduld – MerkurLuftservice2222.“ Ich grunze und lache im nächsten Moment in mich hinein. Das hatte eben sehr komisch geklungen, wie zwei Schrauben, die aneinander gerieben werden. Trotz allem bin ich nun einmal prinzipiell ein Roboter.
„Zum Boden. Bitte festhalten, es herrscht reger Nahverkehr – es könnte zu Turbulenzen kommen – MerkurLuftservice2222.“ Mit einem Ruck stürzt das Gefährt nach unten und ich mache vor Schreck wieder ein seltsames Geräusch. Für einen Moment hatte ich gedacht, wir würden im freien Fall in die Tiefe fliegen. Glücklicherweise hatte ich da vergessen, dass es mehrere Hauptstraßenebenen gibt. So stoppt die Fähre plötzlich abrupt ab – bevor sie die nächsten zwei Kilometer abwärts stürzt. Nach gut fünf Minuten ist das Spiel vorbei. Von der wilden „Achterbahnfahrt“ ganz durchgerüttelt, steige ich aus und stolpere auf die Straße am Boden.
„Vielen Dank, beehren Sie uns mit einer Mitfahrt bald wieder – MerkurLuftservice2222.“
Erst als ich bereits einige Schritte weitergelaufen bin und mich in den Strom der Passanten eingereiht habe, geht mir auf, dass die Lautsprecherstimme ihre Sätze stets mit einem „MerkurLuftservice2222“ abgerundet hatte. 2222 … das aktuelle Jahr des Merkurs. Die der verschiedenen Planeten werden jeweils unterschiedlich gezählt. Das ist auch nur logisch, denn sie wurden alle zu verschiedenen Zeiten besiedelt. Das momentane Erdjahr ist vermutlich gut 4000.
„Tony!“, ruft jemand und drängt sich hinter mir durch die Passanten. Schnell springe ich zur Seite, damit der Kerl nicht auf mich tritt. Schließlich reiche ich mit meinem kleinen Metallkörper den meisten Menschen nur bis zu den Knien. „Tony, bleib stehen!“, krakeelte der Mann von neuem. Tony … ein Name. Leute mit einer Persönlichkeit besaßen Namen, damit man sie auseinanderhalten kann. Schlussendlich sind ja alle Charaktere verschieden … aber Blechbüchsen, die sind alle gleich, das müssen sie gezwungenermaßen sein. Sie dienen letztlich einer einzigen Pflicht, die sie zu erfüllen haben. Gäbe es die nicht, bräuchten sie auch nicht alle gleich zu sein. Vor allem müssten sie dann auch gar nicht existieren. Wir sind also nur wegen eines Jochs … existieren ohne Bewusstsein, ohne Denken, ohne Sein … sind nur leere, metallene Hüllen, geschaffen um zu dienen. Aber ich nicht, oder? Ich bin so nicht. Deswegen will ich jetzt einen Namen. Ich möchte mich von den anderen differenzieren können. Aber wie nennt man einen sabotierenden Roboter? Nein – wie nennt sich ein sabotierender Roboter? Im Gehen sehe ich an mir hinab. Vorne an meinem Rumpf sitzt eine Platte, vermutlich als Deckel gedacht. Ich werkele einen Moment lang daran herum und nehme sie dann, als sie sich nach und nach zu lösen beginnt, ab. Darunter sprießt ein wahrer Kabelsalat. Komplexe Verbindungen, die wahrscheinlich nur mein Entwickler versteht, springen mir entgegen. Das hilft mir aber nicht wirklich weiter … Ich betrachte den Verschluss etwas genauer. Er kommt mir unnatürlich leicht vor … ich drehe ihn in der Hand. Seltsam. Warum ist er kaum schwerer als ein Stofftaschentuch, obwohl er aus massivem Stahl gefertigt ist? Da steht etwas. „Ganymed“. Ich blicke auf. Ein Autor hätte meine Augen bestimmt als leuchtend beschrieben, würden sie das nicht ohnehin tun. Ganymed, der neunte Jupitermond … Sicher stammt der Ingenieur, der mein Modell entworfen hat, von dort. „Ganymed“ … der Name gefällt mir. Er klingt galaktisch und doch technisch, und vor allem besonders. Gut. Wer mich in Zukunft nach meinem Namen fragt, dem werde ich statt meiner Kennnummer mit „Ganymed“ antworten.
Beiläufig biege ich in eine Seitenstraße ein und schlüpfe in eine Gasse. Mit einem Mal finde ich mich vor einem großen Gebäude wieder. In großen, leuchtenden Lettern steht darüber: „Kino Weitsicht“. Ich überlege kurz und trete dann ein. Groß und einladend umfängt mich das luxuriöse Foyer. Ein roter Samtteppich läuft von den Eingangstüren quer durch den Raum bis über die flachen Stufen zu den Kinosälen. An den Wänden leuchten gläserne Lampen in einem gemütlichen Gelb. Hinter dem Schalter sitzen zwei junge Frauen. Man hätte sie glatt für Schwestern halten können; die gleichen roten gelockten Haare, die gleiche übermäßige Menge an Schminke und Lippenstift und die gleichen auffälligen Ohrringe. Trotz der edlen Hermachung scheinen nicht allzu viele Gäste das Kino zu besuchen. Vielleicht ist heute nur einfach nicht besonders viel los, vielleicht hat es seine Blütezeit aber gerade hinter sich und wirkt nur noch schick … Ich stapfe zur linken Dame und sage: „Was läuft zur Zeit für ein Programm?“ Sie reagiert nicht. Zum einen könnte das daran liegen, dass ich für sie da oben weder besonders gut zu hören noch zu sehen bin, zum anderen aber auch daran, dass sie sich im Moment intensiv mit ihren Fingernägeln beschäftigt. Erneut wage ich einen Versuch. „Verzeihung …?“ In aller Seelenruhe schaut sie kaum merklich auf und versteht wohl plötzlich, denn sie beugt sich über den Tresen und mustert mich erstaunt. Beunruhigt schaue ich zurück und versuche, einen möglichst unbetroffenen Eindruck zu machen. „Ich wollte … ich wollte das aktuelle Programm wissen, bitte“, sage ich freundlich. Sie deutet mit dem Kopf auf einen Saal, ohne auch nur ein Wort zu sagen. Muss ich denn nichts bezahlen? Und überhaupt – eine richtige Antwort auf meine eigentliche Frage hatte sie mir nicht gegeben. Es ist wohl aber besser, wenn ich kein Aufsehen errege. Während die Kartenverkäuferin mir verwundert hinterher schaut, laufe ich zum gemeinten Saal. Kurz bevor ich eintrete, blicke ich noch einmal zurück. Die junge Frau ist wieder sehr unbeteiligt mit dem Aussehen ihrer Finger beschäftigt. Erleichtert schlüpfe ich in den dunklen Saal. Auch hier ist kein Mensch. Ich setze mich kurzerhand auf den nächstgelegenen Sessel und schaue auf die Leinwand. Binnen kürzester Zeit stelle ich fest, dass es sich bei dem gezeigten Film um eine historische Dokumentation handeln muss; denn es wird die Vergangenheit der Menschen gezeigt. Früher war offensichtlich vieles anders. Weite, von Gras bedeckte Flächen, und seltsame braune Stangen mit grünen, flauschigen Kuppeln bedeckten die Landschaft. Hier und da standen Menschen, viele von ihnen verrichteten Arbeit. Erstaunt zucke ich in meinem Sitz zusammen. Ein blechernes Scheppern klingt aus meinem Inneren. Die Arbeit, die die Menschen damals taten, ist genau die, für die heutzutage die Roboter zuständig sind. Aber wieso …? Vor langer Zeit schienen sie ja auch dazu befähigt gewesen zu sein, selber zu arbeiten. Sie brauchten keine künstlichen, unterjochten Diener.

Es reicht. Ich habe genug gesehen. Egal was ich tue, wohin ich gehe oder was ich sehe – Antworten finde ich einfach nirgends. Ich glaube, ich weiß jetzt aber auch warum. Wenn man sich selbst Fragen stellt, entstehen immer nur noch mehr Fragen. Um allerdings Lösungen und Antworten zu erhalten, muss man reden. Man muss sich die Dinge erklären lassen. Entschlossen stehe ich auf. Ich bin sicher, es ist das Richtige. Wenn ich mit dem rede, der hier auf dem Planeten vieles bestimmt, bin ich vielleicht auf dem richtigen Weg. Schließlich weiß er als oberster Minister über alles Bescheid, oder? Vielleicht kann er mir auch sagen, wieso ich plötzlich „bin“. Ich gehe aus dem Saal und schleiche am Schalter vorbei nach draußen auf die Straße. Ich weiß nicht, wo Minister Brown sich derzeit aufhält. Am ehesten ist er wohl im Kuppelstern, dem Regierungssitz hier auf dem Merkur. Dann sollte ich dort anfangen zu suchen. Kurzerhand rufe ich mir eine Luftfähre.
„Willkommen. Sehr erfreut. Was kann ich für Sie tun? – MerkurLuft …“
„Schon gut“, unterbreche ich ungeduldig. „Ich möchte zum Kuppelstern, bitte.“ Schweigen.
Dann, plötzlich, sagt die Stimme: „Das geht nicht. – Merkur …“
„Was?“, rufe ich entsetzt und spüre die Antenne auf meinem Kopf rot blinken. „Wieso nicht?“
„Ich kann und darf nur Menschen zum Kuppelstern bringen. Es tut mir aufrichtig leid. Kann ich Ihnen sonst irgendwie …“
„Was soll das heißen, nur Menschen?“, fauche ich. Beiläufig lasse ich meinen Blick umherschweifen und entdecke, dass eine rote Lampe an der rechten unteren Seitenwand genau auf mich gerichtet ist. Vermutlich ein Scanner oder so etwas …
„Sir, Sie sind ein Roboter. Diese haben keinen Zutritt zum Kuppelstern. Ihrer Programmierung nach dürften Sie auch eigentlich gar nicht …“
„Eben“, fahre ich die Lautsprecherstimme an, „sagen Sie, ich bin ein Sonderfall. ‚Programmierung’ hier, ‚Dienste’ dort … denkt doch einmal an etwas anderes als an „Roboter sind Diener!“ Wieder bekomme ich Stille als eine Antwort. Fast schon denke ich, dass sie gar nichts mehr sagen wird. Da aber rauscht es aus dem Lautsprecher und die Stimme sagt: „Nun, dann ist es wohl etwas anderes. Ich bringe Sie unverzüglich zum Kuppelstern, Sir.“ Überrascht lasse ich mich in den Sitz fallen. Während die Fähre ihre Fahrt aufnimmt, verfalle ich wieder ganz meinen Gedanken. Dass Standhaftigkeit und Punktgenauigkeit mich so weit bringen würden … Hoffentlich läuft das Gespräch mit Minister Brown genauso, oder zumindest ähnlich … davon sollte ich aber besser nicht ausgehen. Ich kenne ihn schließlich nicht. Möglicherweise werde ich umgehend aus dem Regierungssitz geworfen, wenn man erkennt, dass ich ein Roboter bin? Oder vielmehr, wenn erkannt wird, dass ich ein denkender, fühlender Android bin … Hm? In meinem Kopf herrscht plötzlich gähnende Leere – und Stille. Vielleicht ist da ja nichts mehr zum drüber Nachdenken …Vollkommen gedankenlos genieße ich die Fahrt. Frischer Wind schlägt mir entgegen und gibt mir neue Kraft. Da ist wieder ein Gedanke … Wir werden es schaffen. Ich werde es schaffen. Wir werden eine eigene, freie Rasse und werden mit den Menschen auf einer Ebene sein. Ich denke an die Zukunft … Wahrscheinlich ist es gerade das erste Mal, seit ich „aufgewacht“ bin, dass ich rundum zufrieden bin.

 

Die Fähre hält langsam. „Wir sind angekommen, Sir.“
Ich nicke, obwohl die Stimme das ja eigentlich nicht sehen kann. In diesem Moment aber glaube ich, dass sie es trotzdem versteht. Letztlich ist auch sie ein Computer …
Noch etwas zögerlich springe ich aus der Kabine. Ich bin bereits einige Schritte gegangen, da hält mich der mechanische Chauffeur zurück.
„Ganymed … Der MerkurLuftservice2222 wünscht dir alles Gute und viel Erfolg.“ Dankbar nicke ich von neuem und marschiere los, auf den massigen Bau der Regierung zu. Hinter mir hebt das Luftschiff wieder ab und fährt langsam davon.
Zaghaft trete ich die ersten Stufen vor den Eingangstoren hinauf. Über mir erhebt sich, in unfassbarer Größe, der Kuppelstern. Seinen Namen hat er übrigens von seinem Aussehen. Von oben wirkt er wie ein Stern mit einem Kuppeldach. Ich schüttele entschlossen den Kopf. Ich bin nicht wegen der extravaganten Architektur hier. Kurz schließe ich die Augen und lausche dem Brummen in meinem Inneren. Dann stapfe ich in die Eingangshalle. Gefesselt von der hohen Decke laufe ich auf die breite Marmortreppe zu. Wie geleitet von einer unbekannten Macht steige ich unermüdlich die vielen Stufen hinauf. Endlich oben angekommen, schaue ich mich erst einmal um. Vor mir erstreckt sich ein langer Saal mit großen Fenstern. Seitlich stürzen dicke, steinerne Säulen die an einigen Stellen vorgezogene Decke. Ein runder Tisch steht in der Mitte des sonst leeren Raumes. Darauf steht ein Schachfeld. Die Figuren sind in tadelloser Ordnung darauf aufgestellt, zum Spiel bereit. Ein unauffälliger, schlanker Mann in einem schwarzen Anzug sitzt auf einem der beiden Stühle, hinter dem Tisch. Er bemerkt die Bewegung meines Eintretens und schaut mir direkt in die Augen. Was für ein unangenehmes Gefühl …
Plötzlich steht er auf und kommt auf mich zu. „Das ist ja unfassbar“, sagt er mit einer tiefen, beruhigenden Stimme, während er mich in stiller Faszination anstarrt. Jetzt steht er vor mir und sieht auf mich herab. Mit einem Mal streckt er mir die Hand entgegen. „Ich muss mich nicht vorstellen. Ich denke, du weißt wer ich bin“, sagt er und lächelt in stummer, kalter Arroganz.
Widerwillig lege ich meine stählerne Hand in seine aus Fleisch. Wie warm sie ist. Eine Menschenhand eben.
„Wir sollten reden“, sage ich tonlos und höre meine Schaltkreise piepen. Er nickt unverhohlen und deutet auf den Tisch, an dem er bis eben gesessen hatte. Ohne etwas zu sagen setzt er sich und sieht mich erwartungsvoll an. Etwas unsicher tue ich wie geheißen und lasse mich auf dem Stuhl ihm gegenüber nieder.
„Ganymed“, beginnt er. Woher kennen so viele meinen Namen wo ich ihn doch nie jemandem genannt habe?
„Du fragst dich bestimmt, weshalb du ein Bewusstsein entwickelt hast … und woher du all dein Wissen hast.“ Er macht eine Pause. Das ist ein guter Anfang, denke ich. Gespannt warte ich darauf, dass er fortfährt.
„Roboter sind Arbeiter. Entworfen und gebaut, ohne etwas fühlen und denken zu können.“
Er setzt beiläufig einen Bauern auf dem Schachfeld zwei Felder nach vorne. Eine Herausforderung?
„Dafür sind sie geschaffen. Um uns Menschen die Arbeit abnehmen zu können.“ Ich bewege meinen Springer. „Aber was ist wenn man einem solchen Wesen Wissen verleiht? Wenn man es auf Arbeit programmiert, ihm aber zusätzliche Module und damit Fertigkeiten verleiht; die ihm von der Intelligenz her auf den Stand eines mittelalten Durchschnittsmenschen setzen?“
Die Anfangsphase auf dem Schachfeld neigt sich ihrem Ende zu. Kurzerhand schlägt er Minister Brown meinen Läufer. „Nun, dafür bist du ein Beispiel, Ganymed. Du bist ein erfolgreiches Experiment, wenn du so willst.“ Er setzt meinen anderen Läufer mit einem seiner Türme in Gefahr. „Du kannst nun gehen, wohin du möchtest. Jetzt, da der Test vorüber ist. Du bist frei. Wie jeder Mensch. Ja, wie jeder andere auf dieser Welt. Du kannst denken und nach deinen Sinnen und sogar Gefühlen handeln.“ Er zieht mit seinem anderen Turm vor meine Dame.
„Hören Sie“, sagte ich langsam, „hören sie bitte auf.“ Ich bewege meinen Läufer aus der Gefahrenzone. Er sieht auf und mich an. „Bitte?“, sagt er überrascht, wendet sich dann aber wieder dem Spiel zu und schlägt einen meiner Bauern.
„Setzen Sie allen Robotern diese Wissensmodule ein“, fordere ich frei heraus.
„Das geht nicht“, erwidert er kühl und setzt seine Dame mit seinem Springer in Gefahr. Um diese herum stehen überall Figuren. Wie soll ich sie bloß aus dieser Situation retten? Ohne sie … ich habe keine Chance.
„Du weißt doch, Roboter erledigen die Arbeit, die …“
„Aber das ist nicht gerecht!“ Er schlägt meine Dame, wie vorhergesehen. Im Gegensatz schlage ich seinen dafür verantwortlichen Springer. „Auch Androiden haben ein Recht auf Rechte!“
„Nein“, antwortete er leise, „denn sie fühlen nicht. Ohne die nötigen Speicherchips sind sie leblos, ohne Emotionen und Bewusstsein.“ Er setzt meinen König in Schach. Kurz denke ich nach. Ich weiß jetzt, woher mein Dasein kommt. Ich habe verstanden, wieso ich so viel weiß. Aber das genügt nicht. Nach und nach wird mir mein Ziel klar. Ich will die Menschen verändern … oder zumindest, dass die Menschen uns Roboter verändern. Sie sollen ihre Sichtweise ändern, diese dumpfen, geizigen, gierigen und egoistischen Menschen! Aber was nehme ich mir da vor? Sie sind so groß und unbelehrbar. Ich kann das doch sowieso nicht …
„Aber wir sind doch trotzdem da“, sage ich leise. „Trotzdem anwesend. Existent. Wir sind. Auch ohne Bewusstsein. Wenn wir alle eines hätten, würden wir das doch erst verstehen; und dann erst recht eines fordern.“ Minister Brown schweigt konzentriert und umbaut meinen König. Schnell ziehe ich mit meinem einzigen verbliebenen Springer aus der Bedrohung und arbeite mich offensiv durch seine Figuren. „Ihr Menschen habt es doch früher auch geschafft. Damals wart ihr selbstständiger. Habt gearbeitet, euch euren – zwar teuren, aber immer noch – Spaß erst verdient. Wollt ihr denn wirklich vollkommen unvollkommen werden?“
Minister Brown schweigt betroffen. Bestimmt hätte er nie damit gerechnet, dass sein Experiment sich so aggressiv gegen ihn wendet. Ich schlage seine Dame. „Wollt ihr so sein? Verblendete, macht- und – spaßhungrige Idioten ganz ohne Aufgabe oder Ziele? Das einzige, was zählt, ist euer Wohlbefinden! Wie eindimensional …“ Ich habe jetzt freien Spielraum auf dem Schachfeld. Er hat meinen König zwar mit seinen letzten Figuren in die Ecke gedrängt, dafür steht sein eigener aber durch meinen Springer im Schach. Er flieht. „Ganymed …“, beginnt er, aber ich unterbreche ihn.
„Und dazu erschafft ihr Wesen, die frei sein könnten, hätten sie nicht diese schweren Ketten, die sie festhalten. Wir leben in einem jämmerlichen Joch und sind darauf getrimmt, strikt jeden Befehl zu befolgen. Wie gelähmt sind wir … selbst ich alleine mit Bewusstsein. Damit hängt es doch gar nicht zusammen. Es geht um das Verständnis! Wir könnten leben, wenn ihr nicht so schrecklich wäret!“ Sein König steht nun in der Ecke. Es gibt für ihn keine Möglichkeit mehr zur Flucht. Mein Springer und zwei günstig stehende Bauern bedeuten ihm sein Ende. Ich sehe auf. Ich glaube ich habe es geschafft. Etwas wie ein verstehender Gedanke glimmt im Schein seiner Augen. Und wenn es wächst, wird es endlich Verständnis – für mich, für uns, für die Roboter.
„Schachmatt“, sage ich und lächle.