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Strahlende Dekadenz

von Benjamin Porobic, 15 Jahre

Ich lag keuchend auf dem Boden, mitten im Herzen des Kanalsystems Hamburgs. Vergeblich versuchte ich mich mit all meiner Kraft zu erheben, doch der Schmerz ließ es nicht zu. Das Inferno durchströmte meinen Körper, das Feuer schnitzte sich durch meine Fasern. Ich wollte schreien, doch der Schmerz war so stark, dass ich kaum ein Stöhnen herausbringen konnte. Doch wenn das bloß die einzige Qual gewesen wäre. Ich sah dieses grelle Licht, welches in einer grünlichen Farbe strahlte. Es war zwar nicht so hell wie das Licht eines Scheinwerfers, doch die Pein, die ich durchlitt, ließ kaum eine Gelegenheit zu, mich auf etwas zu fokussieren. Ich flehte, dass es aufhören würde, dass ich diese Tortur beenden könnte. Meine Beine wurden träge, meine Arme wurden schlaff und meine Augen schlossen sich fast. Vielleicht war es Einbildung, aber ich hätte schwören können, dass das grelle, grüne Licht heller wurde, und ich auf dem direkten Weg zum „weißen Tunnel“ war, wie es ja immer genannt wird, wenn man eine Nahtoderfahrung erlebt, obwohl ich an so einen Nonsens nicht glaubte. Doch ich greife wohl zu weit vor. Ich sollte lieber ganz von vorne anfangen, an der Stelle, wo dieser ganze Mist begann.

 

Drei Tage zuvor. Es war Nacht und ich fuhr in meinem alten Hybrid-Porsche nach Hause. Es war stockfinster und die Straßen waren menschenleer, bis auf das Gesindel, das jetzt erst aus den Kneipen rauskam, um seinen Rausch an Vorbeigehenden auszutoben. Ich hielt bei meiner Wohnung in Stellingen an, parkte am Straßenrand und machte die Automatiktür auf. Ich wühlte in meiner Manteltasche nach dem Hausschlüssel, ergriff ihn und machte die Tür auf. Im dritten Stock befand sich meine Wohnung. In der Wohnung zog ich meinen braunen Mantel aus, warf ihn gegen den Kleiderständer und machte mich auf zu meinem Arbeitszimmer. Dort verbrachte ich die meiste Zeit, wenn ich zu Hause war. Dort befand sich mein Laptop, eine Schublade mit einer halbautomatischen Kanone und eine Schachtel mit Monte Christo Zigarren. Ich wollte mich nur noch hinlegen, doch dann musste ich ja aus purer Gewohnheit mein MacBook aufmachen und die Online-Zeitung lesen. Schlagzeile: „Jeder Fünfte Hamburger ist von Tumoren befallen. Verdacht liegt auf verseuchtem Wasser“. Ich griff mir an die Schläfe und blickte aus dem Fenster. Ich sah große Wolkenkratzer, wo einst schlichte Restaurants waren, das alte Rathaus ist jetzt auch nur ein Abklatsch eines gläsernen Hochhauses. Alles sieht futuristisch aus, gigantische Gebäude mit unzähligen Fenstern übersät. Dass es eine Skyline in einer Großstadt nicht gibt, undenkbar und die meisten Autos sind jetzt Hybride. Auf den ersten Blick zwar alles beeindruckend, doch in Wahrheit liegt Hamburg nur noch da wie ein altes Geschwür. Innerlich empfand ich ein Gefühl der Trauer, als ob dein bester Freund jetzt nur noch ein entfernter Bekannter ist und die Erinnerung an die gute Zeit nur noch ein Schatten der Vergangenheit. Für mich ist diese Stadt nicht mehr das, was sie einmal war. Man will es zwar nicht vor Augen haben, aber diese Stadt zerfällt. Sie leidet unter dem puren Kapitalismus, dem sie seit den letzten 20 Jahren unterlag. Die Reichen werden reicher, die Armen werden ärmer. Das hat dazu geführt, dass die Stadt nun von der Korruption befallen ist. Die Reichen haben genügend Geld, um sich Einfluss zu verschaffen, und somit ist auch die Regierung nicht frei von Fehl und Tadel. Wenn ich so aus dem Fenster schaue, denke ich immer daran, was damals im Jahre 2013 am selben Ort stand, und es fasziniert mich immer wieder, wie schnell sich die Welt wandelt. Was ich nicht wusste, war, dass bald noch ein viel größeres Unheil über Hamburg herein brechen würde. Doch es war spät, und ich ging ins Schlafzimmer und legte mich aufs Ohr.

 

Es war sechs Uhr morgens, die weibliche, metallische Weckstimme des Automatik-Weckers sprach: „Guten Morgen, es ist sechs Uhr, Weckzeit“, und das dreimal hintereinander. Ein deftiger Schlag auf den Ausschaltknopf und sie hielt inne. Ich wollte keine Zeit verschwenden, und den Tag so schnell wie möglich mit einem Lächeln beginnen, dann hätte ich’s hinter mir. Ich zog also die Decke zur Seite, stand auf und zog mir meine Pantoffeln an, die mir meine Schwester geschenkt hatte. Das Schlafzimmer war eine Sauerei, einige Klamotten waren auf dem Boden, die Decke lag wie eine Python, die gerade ein Tier umwickelt hat, auf dem Boden und die Tür des Kleiderschrankes stand zur Hälfte offen. Doch das hat mich nie weiter gestört. Ich ging in die Küche, machte mir einen schwarzen Kaffee und ging ins Arbeitszimmer, wo ich meine Email- Box überprüfte. Eine Stunde später zog ich mich um, zog Schuhe und Mantel an, stieg ins Auto und fuhr zur Wache. Als ich ankam, meldete ich mich erst einmal an. Der Chef, Bernd Brandt kam auf mich zu. Er war stämmig, hatte einen breiten Hals und dazu einen schwarzem Bart. Auf mich wirkte er immer wie eine Bulldogge, deswegen nannten wir ihn auf der Wache auch immer Bulldog. Doch er war nicht alleine, er hatte einen Burschen dabei. Er wirkte etwas eingeschüchtert, und die Statur eines Adonis hatte er auch nicht. Ich nannte ihn sofort Halbes Hemd. Bulldog bellte: „ Detektiv McCollin, das ist Klaus Klugmann. Er ist neu bei der Wache und wird fürs erste Ihr Partner sein.“ „Wieso wird er mein Partner sein, kann ihn Daniel nicht übernehmen?“ „Ich habe speziell Sie dafür ausgewählt, da Sie sonst nie im Team arbeiten. Und da wird nicht mehr drüber diskutiert!“, bellte er und ging mit eilenden Schritten davon. Ich weiß noch, dass der Frischling dann ziemlich verängstigt wirkte. „Keine Angst, halbes Hemd, der beißt nicht, und ich auch nicht“, munterte ich ihn auf, doch die Botschaft kam wohl nicht richtig an, denn er blickte mich immer noch mit Furcht an.

An dem Tag ging ich jedenfalls mit ihm auf Streife, wir saßen in meinem Wagen, er fragte mich: „Verzeihung, Herr McCollin, aber haben Sie schon von der Sache mit der Wasserverschmutzung gehört? Also, ich finde das inakzeptabel.“ Ich antwortete nur darauf, dass mich das in diesen Zeiten und bei dieser Regierung nicht wundert. Er fragte mich: „Aber das ist selbst bei der Führung noch nie passiert!“ „Solange es nicht unser Fall ist, hat uns das nichts anzugehen und außerdem sind die Wasserwerke dafür zuständig.“ Mann, dass ich das so einfach ignoriert habe!

 

Klaus und ich kehrten zurück von der Streife, und das Gespräch über die Tumore schien mich nicht zu interessieren. Wir gingen in mein Büro, ich setzte mich hinter meinen Schreibtisch und Klaus machte währenddessen die Fernsehkiste an. Er drückte den On-Button. Sofort erschienen Hologramme der Nachrichtensprecher. Der alte Knacker, Klaus Kleber sprach: “Guten Tag, meine Damen und Herren, es ist 16:00 Uhr, die Nachrichten der Tagesschau: Die Ursache der Tumore ist geklärt: Es liegt am Wasser. Wissenschaftler an der Hamburger Universität haben das Wasser auf eine Verseuchung untersucht, und es kam dabei raus, dass das Wasser radioaktiv verseucht war. Wie dies passieren konnte, darüber ist man sich noch unklar. Der Minister für das Gesundheitswesens, Jonathan Redmann, hatte dazu folgendes Statement:” – “Dem Gesundheitsministerium ist noch nicht bekannt, wie das Wasser mit radioaktiver Strahlung in Kontakt kam, und es gibt noch keine Anhaltspunkte. Willkürlichen Spekulationen möchten wir nicht nachgehen, aber seien Sie versichert, dass das Ministerium alles in seiner Macht stehende tun wird, um die Ursache zu klären.” – “Nun zu einem anderem Thema. Vom Regen in die Traufe heißt es, und so kommen wir von einem Problem ins nächste: Die Mafia verwendet immer noch Uran als Rohstoff für Energie. Das grüne, giftige Gold, wie man es heute nennt, wird laut Berechnungen in 2 Jahren nicht mehr existieren. Doch trotzdem experimentiert man weiter an diesem Element. Seit dem internationalem Verbot der UNO, die begrenzten fossilen Brennstoffe und das Uran als Energiequelle zu verwenden und dem obligatorischem Gebrauch eines Hybrides, falls man einen Wagen haben möchte, ist der Schutz der Umwelt nun bewahrt. Dennoch gefällt dies nicht allen Menschen auf der Erde. So zum Beispiel die Mafia, die sich diese Einschränkungen nicht gefallen lassen will…” – Weiter habe ich nicht zugehört. Ich setzte mich wieder an den neusten Auftrag, das übliche halt, ein Raubüberfall auf eine Tankstelle, Beweisaufnahme. Bis auf die Tatsache, die ich dummerweise übersah, dass wohl die größte Herausforderung meines Lebens im Abwasser der Stadt war, war fürs erste nichts Großes los. An solchen Tagen besuchte ich immer meine Schwester Emma. Sie war die einzige, die von meiner Familie übrig blieb. Meine Eltern sind schon gestorben, und eine Tante und einen Onkel hatte ich nicht. Ich fuhr also nach Farmsen zu meiner Schwester, drückte an die Türklingel, und sie ließ mich rein. Sie hatte nicht oft Besuch, nur von mir und von ihrer Freundin, die aber in Berlin wohnt und einmal pro Jahr hierher fährt. Ich ging die Stufen des Treppenhauses hoch, zum vierten Stock. Ich stand vor der Tür. Die Tür öffnete sich und ich erwartete die übliche Begrüßung meiner Schwester. Doch stattdessen erblickte ich das Gesicht einer jungen Frau, in einem hellgrünem Kittel. “Wer sind Sie, und wo ist Emma McCollin?” , fragte ich. Sie sagte: “Ich bin die Pflegerin von Frau McCollin.” “Wieso braucht meine Schwester eine Pflegerin? Was ist mit ihr?” , fragte ich. Sie schaute bedrückt aus und antwortete nicht. Sie führte mich stattdessen ins Schlafzimmer meiner Schwester. Ich war verwirrt, aber auch ein wenig besorgt auf das, was vielleicht folgen würde. Die Angst stieg in mir auf. Es war wie ein Gift, das den Körper lähmt und dann die Kontrolle über einen selbst ergreift. Schließlich waren wir im Schlafzimmer. Und es traf mich wie ein Blitz mitten ins Herz. Der Anblick ließ mich erschaudern. Sie lag im Bett mit unzähligen Kabeln angeschlossen, wie bei einem Fernseher. Neben dem Bett lag ein Ständer mit einem Beutel, gefüllt mit Salzlösung. “Was ist passiert?!” , rief ich mit lauter Stimme. Die Pflegerin stieß leise und verängstigt hervor: “Sie hat Krebs. Sie ist von Tumoren befallen, durch das verseuchte Wasser.” Ich blickte meine Schwester an. Sie schlief in aller Ruhe, obwohl es bei ihr wie im Innerem eines antiken Fernsehapparates aussah. Ich wandte mich wieder der Pflegerin zu. “Wie heißen Sie?”, fragte ich. Sie erwiderte: “…. Ich werde mich stets um sie kümmern, zu jeder Zeit.” Ich nickte ihr zu und verabschiedete mich. In mir brannte ein Feuer auf. Es brannte in mir der Wunsch herauszufinden, wer oder was verantwortlich für dieses verdreckte Wasser war. Ich verließ die Wohnung, stieg in mein Auto ein und fuhr zu den Wasserwerken. Dies war ebenfalls eines der Dinge, die mich am Menschen faszinieren. Wie ironisch, dass wir Menschen, immer nur nach Leid einsehen, dass wir selbst handeln müssen. Seit jenem Tag bereue ich bis heute, dass ich diese Sache so einfach ignoriert habe. Eines der größten Tabus eines Detektivs. Als ich bei den Wasserwerken ankam, schaute ich mich zunächst nach den zuständigen Arbeitern um. Ich sah einen etwas schmächtigen Mann mit einem gelben Helm, er trug einige Pläne unter den Armen. “Verzeihung, Polizei Hamburg, ich möchte Sie gerne zu den Umständen des Verseuchten Wassers fragen. Wären Sie so freundlich?” , fragte ich. Er seufzte und antwortete gelangweilt: “Es waren schon die Typen von der Polizei hier, und wir wissen nicht, was das Wasser verdreckt hat, also bitte, was gibt’s da noch zu fragen?” “Das Wasser ist also in der ganzen Kanalisation und somit auch im gesamten Kanalwasser? Gibt es denn irgendwo einen zentralen Punkt, wo sich die Quelle der Strahlung befindet?” , befragte ich ihn. “Nun der zentrale Knotenpunkt ist unter dem alten Jungfernstieg. Aber bis dorthin haben wir noch nicht gesucht. Wir werden erst morgen wieder weiter suchen.” “Dürfte ich selbst nach unten gehen?” “Nun Sie bräuchten einen Strahlungsanzug, den finden Sie dahinten in diesem Haus”, er zeigte auf ein kleines grünes Häuschen mit der Aufschrift: Strahlungsanzüge. Ich nahm mir einen dieser gelben Anzüge und zog mich um. Der Arbeiter zeigte mir den Eingang in die Kanalisation und ich schritt voran in das dunkle, müffelnde System. Ich holte meine Taschenlampen raus, und als ich bereits den ersten Schritt rein wagte, bewegte sich die Nadel des Strahlungsmessers hin und her. Durch die Pläne, die mir der Kanalarbeiter gegeben hatte, konnte ich innerhalb einer halben Stunde unter dem alten Jungfernstieg sein. Die Nadel schwenkte in einem hohen Tempo von der einen Seite zur nächsten. Ich konnte schon ein sehr schwaches grünes Leuchten wahrnehmen. Ich war also ganz nah dran, aber ich hatte nicht mehr viel Zeit. Der Anzug konnte bald nicht mehr die immense Strahlung aushalten. Ich ging auf das Licht zu. Die Nadel bewegte sich schneller. Am Ende des Kanals konnte ich gelbe Kanister erkennen, die in Blöcken aufeinander gestapelt waren. Offenbar handelt es sich um Atommüll, doch was macht der hier? Wieso ist der nicht unter der Erde? Plötzlich fielen mir die Nachrichten über die Verwendung von Uran von heute ein, die ich auf der Wache gehört hatte: “Dennoch gefällt dies nicht allen Menschen auf der Erde. So zum Beispiel die Mafia, die sich diese Einschränkungen nicht gefallen lassen will…” Also verwendet die Mafia das Uran und deponiert den radioaktiven Abfall hier unten. Aber wie kommt es dazu, dass sie es einfach so hier unten lagern können, ohne dass das Gesundheitsministerium etwas dagegen tut?

 

Ich verließ den Kanal so schnell, wie ich konnte, da der Anzug bei dieser Strahlung nicht mehr mithalten konnte. Draußen angelangt, musste ich mich zuallererst von der Strahlung reinigen lassen. Sobald dies fertig war fuhr ich zu mir nach Hause, um meinen Wagen dort abzustellen. Ich hatte nur noch ein Ziel vor Augen. Ich musste mit dem Gesundheitsminister darüber reden. In Berlin. Hätte ich dieses feurige Engagement doch bloß früher an den Tag gebracht, dann wäre die Situation jetzt auch sicherlich anders. Jedenfalls nahm ich vom Bahnhof aus den schwebenden ICE und machte mich auf den Weg nach Berlin. Der Fahrtweg dauerte 2 Stunden. Sobald ich ausstieg, traf mich wieder der Schlag der Nostalgie. Der Bahnhof, der früher ungefähr dreimal so groß wie ein Einkaufszentrum war, ist nun noch um ein Vielfaches größer, nur mit mehr Unrat gefüllt. Ich machte mich auf den Weg zum Bundestag und bat um ein persönliches Gespräch mit dem Gesundheitsminister Joachim Redmann. Die Wachmänner ließen mich durch und führten mich zum Minister. Er war etwas klein und trug einen edlen Anzug. Wir unterhielten uns in seinem Büro, wo wir ungestört waren. “Guten Tag, Herr Minister, mein Name ist Benjamin McCollin. Ich würde Sie gerne zu den Vorkommnissen bezüglich des verdreckten Wassers fragen. Sie sagten im öffentlichen Interview, dass sie keine Anhaltspunkte für eine richtige Spur haben, richtig?” “Das stimmt leider, wir haben nur Spekulationen”, antwortete er. “Ich habe die Kanalisation heute morgen selbst untersucht, und ich fand unter dem alten Jungferstieg ein ganzes Lager voller Atommüll. Ich vermute, dass die Mafia darin involviert ist.” “Das ist ja schrecklich, wir werden uns darum unverzüglich kümmern, vielen Dank für Ihre Mithilfe, Herr McCollin.” Dafür, dass er in einem besorgtem Ton sprach, wirkte er doch relativ gelassen. Er fragte mich noch darüber, ob ich noch etwas belastendes gegen die Mafia hätte. Das Gespräch hatte nicht lange gedauert. Sobald wir fertig waren fuhr ich wieder nach Hamburg und begab mich nach Hause. Es war bereits spät, 23:00 Uhr. Es war bedrückend. Meine Schwester hat Krebs, die Verursacher sind nocht nicht bekannt und die Stadt zerfällt vor meinen Augen. Alles scheint verloren und am Ende des Horizonts ist kein Lichtblick zu sehen. An Tagen wie diesen, wo kein Schimmer der Hoffnung am Ende des Tunnels scheint, rauche ich immer eine Monte Cristo. Das ist so eine Angewohnheit, eine Marotte von mir. Ich holte mir also eine Zigarre aus der Schublade in meinem Arbeitszimmer und setzte mich an den Laptop und las erneut die Online-Zeitung. Es verwunderte mich, dass in der Zeitung noch nichts über den Atommüll berichtet wurde. Wieso wird davon nichts erwähnt? Weiß die Presse im Moment, was so unter uns passiert? Und wenn ja, warum sollte sie die Story des Jahrzehnts noch nicht herausgeben? Dann heißt es abwarten, redete ich mir ein. Ich machte die Zigarre aus, legte mich ins Bett und wartete auf den nächsten Morgen. Mit schweren Schritten bewegte ich mich Richtung Schlafzimmer. So ganz wollte mein Körper nicht auf meinen Willen gehorchen. Ich empfand es so, als wären meine Füße aus Blei. Letzten Endes legte ich mich aufs Bett, und versuchte Schlaf zu finden. Doch es klappte nicht. Ich musste zu viel über den heutigen Tag nachdenken. Die Gedanken schwirrten durch meinen Kopf wie Ballons, denen man die Luft rausließ.

 

Es war 05:00 Uhr morgens. Ich wälzte mich mit meiner Decke hin und her, bei dem vergeblichem Versuch eine bequeme Haltung zum Einschlafen zu finden. Plötzlich hörte ich ein leises, dumpfes, metallisches Geräusch. Es ertönte immer und immer wieder. Es klang, als ob man etwas gegen das Schloss an der Tür stoßen würde. Ich spitzte meine Ohren und stand langsam auf. Ich begab mich zum Flur und tatsächlich: Der Ursprung des Geräuschs kam aus dem Treppenhaus hinter meiner Tür. Jemand versuchte wohl die Tür mit einer Klammer oder Ähnlichem aufzubekommen. Das Herz rutschte mir in die Hose. Mein Atem stockte. Wer würde zu dieser Zeit versuchen, hier einzubrechen? Ich schlich in das Arbeitszimmer und holte meine Kanone heraus. Für solche Fälle habe ich sie ja auch gekauft. Ich erhob die Waffe und zielte auf die Tür. Ein Schweißtropfen floss mir über die Stirn herab. Ich habe mich ganz auf die Tür fokussiert. Nach ein paar Sekunden kam ein Knacken hervor. Die Tür war auf. Wie wild stürmte ein Mann rein. Ich hatte mit einer etwas dezenteren Art des Einbruchs gerechnet. Auf diese Reaktion war ich nicht vorbereitet. Auf einmal bemerkte ich, dass er etwas in der Hand hielt. Er hatte ebenfalls eine Kanone. Er schoss sofort in alle Richtungen, Bilderrahmen, die an den Wänden hingen zersprangen, Vasen zerbarsten, Wände wurden durchlöchert und sahen aus wie Schweizer Käse. Ich suchte Deckung hinter einem Regal und wartete auf eine passende Gelegenheit. Doch der Irre ließ keine Möglichkeit offen. Ich wagte einen willkürlichen Schuss, erhob die Hand, entsicherte und drückte am Abzug. Der Schütze schoss weiter, suchte danach aber schnellstmöglich Deckung. Ich nutzte den freien Moment, kam aus der Deckung hervor und nun schoss ich wie wild durch die Gegend. Eins war und ist mir immer noch klar: Ich bin kein Profi- Schütze. Doch der Einbrecher wagte einen Versuch und büßte dafür. Ein präziser Glückstreffer und der Mann sank schreiend zu Boden. Er krümmte sich und griff sich ans Bein. Der Fall auf den Boden war sicher schmerzhaft, denn ein lautes Dumpfen war zu hören. Entweder war es das oder die Nachbarn waren verärgert über den ganzen Lärm, den wir veranstaltet haben. Der ganze Trubel hatte mir große Angst eingejagt. Ich versuchte das Keuchen zu kontrollieren und mich zu beruhigen. Ich wagte mich vorsichtig und mit erhobener Waffe an den Einbrecher heran und rief: “Was zum Teufel willst du hier, Einbrecher?!” Er keuchte: “Ich bin kein Einbrecher.” Er wälzte sich am Boden, und konnte vor Schmerz kaum sprechen “Das klärt die Frage nicht. Was hast du hier zu suchen?”, rief ich. “Ich bin eine Art “Problemlöser”. Ich wurde angeheuert, mich um dich, das Problem, zu kümmern”, stieß er heraus. “Wer hat dich angeheuert und noch wichtiger, warum?” – “Sorry, aber wir haben so unsere “Schweigepflicht”, wenn du verstehst.” Mir wurde es langsam zu lästig mit diesem Kerl “Wenn du mir nicht sagst, wer dich angeheuert hat und warum, dann buchte ich dich solange ein, dass du nie wieder das Tageslicht erblickst.” – “Drohungen sind mir egal, nur dass du es weißt.” Was ich dann tat, tat ich zwar nicht gerne, aber viele andere Optionen ließ er mir nicht. Ich schoss ihm ins Bein und er schrie laut auf und krümmte sich erneut. “Beantwortest du jetzt meine Frage, oder muss ich weiter machen?” – “Schon gut, schon gut. So ein Typ von der Mafia. War ein hohes Tier, ein kleines Kerlchen, erregte aber sehr viel Aufsehen. Ließ sich nie ohne einen 1.000,00€-Anzug blicken.” – “Und weswegen hat man dich angeheuert, verdammt?” “Es ging um diese Sache mit dem Uran, irgendwas mit einer Mülldeponie.”

Mir lief ein Schauer über den Rücken. Ich hatte da schon so eine Ahnung, wer der mysteriöse Mann sein könnte. Der Geistesblitz traf mich wie ein harter Schlag auf den Kopf. Es hatte seinen Grund gehabt, wieso man mit der Sache über die Mülldeponie nicht an die Öffentlichkeit gegangen ist. Ich hatte begriffen, wieso noch nichts davon in der Zeitung stand. Weil man es gar nicht weitergeben wollte. Joachim Redmann war das Gesicht hinter dem verseuchtem Wasser, der Verantwortliche für die Tumore, der Auftraggeber des Killers. Denn ich wusste, was los war und ich war ihm zu gefährlich geworden. Ich rief sofort die Polizei an und meldete den unerwünschten Gast in meiner Wohnung. Zwanzig Minuten später, die Polizei war aufgetaucht und hatte den Killer hinter Gitter gebracht. Ich erklärte kurz, was geschah und danach zog ich mich um, und fuhr zunächst zur Wache. Ich musste zunächst den nächsten Schritt planen, wie ich jetzt weiter vorgehe. Ich musste mich an die Presse wenden, und die Wahrheit ans Licht bringen. Doch solange ich keine Beweise hatte, stand meine Aussage gegen die des Ministers. Also war etwas Handfestes von Nöten, vielleicht Fotos. Doch um sicherzugehen, brauchte ich jemanden, der mir half, dem ich aber auch vertrauen konnte. Jemanden, der, falls ich versagte, das beendete, was ich aufgedeckt hatte. Und ich hatte da schon jemand spezielles im Sinn.

 

7:00 Uhr, ich war bei der Wache und suchte nach Klaus Klugmann, der Halben Portion. Doch vorerst suchte ich nach meiner Kamera, die ich in der Schublade meines Schreibtisches aufbewahrte. Als ich sie fand, suchte ich nach Klugmann. Er war bei der Kaffeemaschine und holte sich einen Espresso. “Halbes Hemd, ich brauch dich dringend”, rief ich. Da kam auch schon zum Bedauern meinerseits die Bulldogge. “Herr McCollin, Sie wissen genau, dass Sie den Fall mit dem Raubüberfall auf der Tankstelle zu erledigen haben!” , bellte er. Mit Klaus im Schlepptau erwiderte ich mit schnellen Schritten: “Das kann Daniel übernehmen, ich muss etwas erledigen.” Ich musste aufpassen, wem ich alles trauen konnte. Wir stiegen ins Auto und fuhren zu den Wasserwerken. Sicherlich versucht Redmann jetzt schon, den Müll zu verlagern. Ich erklärte Klaus auf der Fahrt währenddessen, was los ist und wofür ich ihn brauchte. “Hör zu: Redmann will den Müll jetzt wahrscheinlich so schnell wie möglich wegschaffen und hat bestimmt ein hohes Kopfgeld auf mich ausgesetzt. Du musst Fotos von den Atommüllfässern machen und sie der Presse geben. Ich werde mich um Redmann kümmern, und dir so viel Zeit wie möglich verschaffen.” An den Wasserwerken angekommen, zogen wir uns die Anzüge an, ich hielt meine Kanone in meiner Hand bereit. Wir betraten das Kanalsystem und liefen zum zentralen Punkt. Die Strahlung nahm kontinuierlich zu und der Geigerzähler ertönte auch immer lauter. Ich sah bereits die gelben Fässer von weitem, doch wir waren nicht alleine. Jemand stand am Ende des Kanals. Wir gingen behutsam vor, ich erhob die Pistole. Dort erkannte ich Redmann im gelben Anzug zur Abwechslung. Er sah mich an und begrüßte mich, als wenn wir uns zu einem Kaffeekränzchen treffen würden: “Ah, Detektiv Benjamin McCollin. Sie haben also das Begrüßungskomitee in Ihrer Wohnung heil überstanden, wie ich sehe. Und Sie haben Ihren Komplizen mitgebracht”, er zeigte auf Klaus und zog ein verschmitztes Lächeln und wandte sich von mir ab. “Wieso lagern Sie Ihren Müll hier unten, warum interessiert sie das Uran so sehr, dass sie es verarbeiten mussten?” “Ich mache damit gar nichts, aber man zahlt gutes Geld dafür, an diesem Metall zu arbeiten. Und ich verschaffe den Käufern diese Möglichkeit und mache es möglichst subtil und unbemerkt. Für eine extra Summe kümmere ich mich dann auch um den Müll. Und da man über die Jahrzehnte so viel Platz für diese Endlager schaffen musste, ging der Platz aus. Und in der Not wird man erfinderisch.” Er erörterte mir jedes Detail seines Plans. Er war sich wohl ziemlich sicher, dass er mit der Sache durchkommt. “Ich lasse Sie nicht damit durchgehen. Sie sollten jetzt lieber freiwillig mitkommen, oder es wird recht unangenehm für Sie. Er lachte nur, hob die Hand und aus dem Schatten tauchten plötzlich zwei bewaffnete Männer auf. “Unsere Anzüge halten die Strahlung nicht mehr länger aus. Wenn wir die Sache friedlich lösen, und alle wieder den üblichen Weg gehen, dann können wir hier sicher rausgehen, und keinem wird etwas geschehen.” Ich gab Klaus ein Zeichen, dass er die Fotos machen sollte. “Ich glaube eher nicht“, erwiderte ich und gab den ersten Schuss. Der erste Treffer hat gesessen, und ein Mann fiel stumm zu Boden. Da es hier nur wenig Deckungsmöglichkeiten gab, mussten wir uns möglichst oft von der Stelle bewegen, um nicht getroffen zu werden. Der zweite Mann schoss mir ins Bein und ich versuchte, zu stehen, doch ich konnte nicht. Ich kroch nur noch auf dem Boden. Klaus rannte zu mir, doch ich forderte ihn auf: “Geh mit den Fotos zur Wache!” Er blieb kurz besorgt stehen, rannte dann aber Richtung Ausgang. Ich versuchte noch einen Schuss abzugeben und traf den Mann mitten in den Kopf. Mein Anzug hatte ein Loch und die Strahlung konnte durch. Von da an spürte ich das Brennen. Redmann schnappte sich die Kanone von einem der gefallenen Männern. Er ging langsam mit erhobener Waffe auf mich zu “Ich lasse mich nicht einsperren”, sagte er und er drückte am Abzug. Nichts geschah. Ich dachte, dass ich jetzt Tod wäre, doch ich lebte noch, der Schmerz war noch da. Redmann war genauso verwirrt wie ich. Er drückte mehrmals am Abzug, doch nichts geschah. Ich erhob meine Pistole und der Schuss ging mitten durchs Herz. Seine Augen weiteten sich. Er taumelte kurz, fasste sich an die Brust und fiel rücklings um. Ich schaute auf den Geigerzähler. Ich hatte nicht mehr lange, nur noch einige Sekunden, bis die Strahlung durch den Anzug geht.

 

Und das ist der Punkt von dem ich angefangen habe zu erzählen. Das grüne Licht, das von den Fässern des Mülls ausstrahlte, blendet mich, dass ich nichts mehr sehen kann. Es wird alles weiß um mich herum. Meine Nerven halten die Folter nicht aus, mein Körper ist jetzt wahrscheinlich zu schwer von der Strahlung befallen, als dass ich normal weiterleben könnte. Was sollte ich anderes tun? Ich greife zur Pistole. Ich halte sie an meine Schläfe. So einfach würde es gehen. Beweg den Finger um ein paar Zentimeter und die Qualen sind beendet. Aber aus irgendeinem Grund, kann ich nicht. So groß die Verlockung des Todes auch ist, es ist zwar der einfache Weg, aber nicht der Richtige. Ich muss an meine Schwester denken, die dann alleine leben würde. Aber wie soll ich als wandelnde Leiche weiterleben? Sollte ich mein Leben auf meinen Knien fristen oder selbst Erlösung schaffen und den Rest hinter mir lassen? Gar nicht so leicht darüber nachzudenken, wenn man wie in einem Backofen gebraten wird. Ich bin kurz davor abzudrücken, doch dann sehe ich eine schemenhafte Gestalt am Ende des Kanals. Noch kann ich nichts erkennen, es ist nur eine Silhouette. Der Fleck nimmt mehr und mehr Gestalt an. Es ist Klaus, er rennt auf mich zu. Ich atmete tief durch, ein Funken Zuversicht machte sich in mir breit. Vielleicht gibt es doch noch Hoffnung für mich, heil aus dieser Sache herauszukommen. Er kniete neben mir und hält meinen Kopf mit seiner Hand. “Keine Angst, ich bringe Sie hier raus”, versichert er mir. Doch ich bin so müde. Meine Augen schließen sich langsam und ich sehe nur noch Schwärze.