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Strong

Ja, ja! Wir können gewinnen! Ich muss das hier nur noch schaffen. Der Typ ist müde, er wird es nicht schaffen, mich zu schlagen. Nur noch ein paar Minuten, dann wird mein Team gewinnen. Ich werde als Gewinner des Tages von diesem Gelände gehen und mich bis in den nächsten Tag feiern lassen.“

So dachte ich. Es war  mir egal, dass ich übermorgen eine wichtige Prüfung hatte und ich nicht mehr dafür lernen würde. Ich wollte das einfach nur packen.

Im Hintergrund hörte ich die lauten Stimmen immer und immer wieder brüllen. Sie feuerten uns an. Vorsichtig ließ ich meinen Blick durch die alte Lagerhalle schweifen. Mein Gegner und ich standen ziemlich in der Mitte der großen Halle. Der Ring hatte ungefähr einen Durchmesser von zehn Metern. Zur Abgrenzung des Publikums wurde einfach eine Linie mit Kreide auf dem Boden gemalt.

Noch nie hatte ich miterlebt, dass ein Zuschauer diese Linie während eines Kampfes überschritten hatte. Das verwunderte mich jedes Mal.

Leider hatten wir keine Tribüne. Es wäre cool eine zu haben, aber es würde uns nur auffliegen lassen, also ließen wir von dem Gedanken ab. Es ist schließlich nicht unser Problem, ob die Leute was sehen, Hauptsache wir bekommen nach getaner Arbeit Geld. Das war schon immer das Wichtigste.

Ich lenkte meine komplette Aufmerksamkeit wieder auf meinen Gegner, der seit gefühlten Stunden einfach nur hin und her hüpfte. Ich verließ mich darauf, dass der Typ vor mir gleich zusammen brechen würde, und begann ihn nur noch mit einem Auge zu beachten. Mit dem anderen suchte ich nach meinem Team, das in der Masse stand. Ich blickte sie an, und sie sahen ziemlich fertig aus. Der durchschnittliche Kampf machte ihnen also auch zu schaffen. Sie wollten das Ding gewinnen.

Ich wollte den letzten Kampf einfach nur zu Ende bringen und sah wieder mit beiden Augen zu meinem Gegner. Gerade als ich auf ihn zulaufen wollte, um ihm den Rest zu geben, sah ich eine Faust auf meinen Kopf zuschießen. Der Aufprall war hart, und es tat furchtbar weh. Ich merkte, wie sich die Halle mit dem nun brüllenden Publikum anfing zu drehen, wie der Typ mich schubste als ich taumelte. Kawumm, und ich lag auf dem harten Boden. Ehe ich mich zur Seite rollen konnte, spürte ich ein Gewicht auf meinem Bauch und dann kamen schon wieder Fäuste auf mich zu.

Kurze Zeit später schmeckte ich Blut und sah nichts mehr. Ich spürte nur noch den stechenden Schmerz in meinem Gesicht.

Dann war es schwarz….

Als ich meine Augen öffnete, wusste ich nicht, ob Wochen, Tage, Stunden, Minuten oder nur Sekunden vergangen waren.

Ich schüttelte meinen Kopf, da ich etwas verschwommen sah. Einige Sekunden später wurde alles um mich herum scharf. Ich sah mein Team.

Ich blickte mich um. Ich lag auf dem harten Betonboden in dem Raum, den wir, mein Team und ich als Umkleide benutzen. Wir hatten uns vor kurzem ein paar Bänke in diesen Raum gestellt und Zeugs besorgt, mit dem wir Verletzungen behandeln können.

Ich sah nun die Gesichter meiner Teamkollegen.

Max, der vor ein paar Monaten zu uns gekommen ist. Er war nie schwach, aber er hatte eine unglaubliche Entwicklung durchgemacht. Max kann ohne Probleme, die meisten Gegner in unserer derzeitigen Klasse besiegen.

Als nächstes erblickte ich die Augen von Dan. Dan war mir immer noch ein Rätsel, obwohl ich ihn schon seit Ewigkeiten kannte. Er hat das Team gegründet. Außerdem organisiert er vieles von dem hier. Trotzdem schaffte er es, sein Berufsleben bzw. die Uni nicht zu vernachlässigen. Dan hatte noch mehr als zwei Semester zu studieren, und ich war mir zu hundert Prozent sicher, dass Dan nicht lange brauchen würde, um auf der Karriereleiter ganz oben zu stehen.

Ich sah weiter in den Halbkreis, welcher sich vor mir gebildet hatte und erkannte Thomas, meinen besten Freund. Er ist von oben bis unten durchtrainiert und sieht gut aus. Er bekam bis jetzt alles, was er wollte, auch in Bezug auf Frauen. Problemlos. Eigentlich muss er nur seinen Oberkörper entblößen und jedes Mädchen wird schwach. Es gibt nur selten Ausnahmen.

Plötzlich schlug mich jemand ins Gesicht, nicht so hart wie vorher, aber meine Haut brannte an der Stelle, an der mich der Jemand getroffen hatte ein wenig, und ich merkte wie meine Wange rot wurde.

„Kannst du mich hören, Mike?“ Ich war verwirrt, da sich die Stimme komisch anhörte. „Eyy setz dich hin.“

Thomas. Sofort versuchte ich mich aufrecht hin zu setzen. Nach einigen Versuchen saß ich und blickte ihn an. Ich bemerkte, dass seine Augen nicht so glänzten wie sonst. Erst nach einigen Sekunden fiel mir ein, was Thomas gerade empfand. Er war traurig. Ich blickte mich um. Dan und Max sahen genauso traurig aus. Erst als ich ihre Körper genauer musterte und den Schweiß und das Blut, das sich auf der nackten Haut vermischte, sah, wurde mir klar, was gerade passiert war. Wir hatten verloren.

Ein Gesicht, das unerwartet vor meiner Nase auftauchte, riss mich aus meinen Gedanken. Ich erblickte wunderschöne blaue Augen. Sie begutachteten mein Gesicht. Finger berührten mich, und ich zuckte zusammen, da ein Schmerz durch meinen ganzen Körper ging.

„Oh, sorry. Ich wollte dir nicht wehtun, Mike.“

Ich sah die junge Frau, die vor mir stand mit großen Augen an. „ Dann mach es auch nicht. Lass mich in Ruhe, Laura!“

Erst als die Worte meinen Mund verließen, realisierte ich, was ich gesagt hatte und vor allem wie. Ich hatte es viel zu unfreundlich gesagt. Sie sah mich ängstlich an, mit tat das leid, doch ich musste mich jetzt auf was anderes konzentrieren.

Sie versuchte mich an der Schulter zu berühren, da sie höchstwahrscheinlich bemerkt hatte, dass meine Worte nicht so gemeint waren. Wie von alleine hob sich mein Arm, um ihr zu zeigen, dass sie mich in Ruhe lassen soll.

„Lass. Mich. In. Ruhe!“, knurrte ich sie an und betonte jedes einzelne Wort. Ich sah ihre glasigen Augen und schüttelte ruckartig meinen Kopf. Ich Idiot hatte mal wieder was total Unüberlegtes gesagt.

Ich wollte ihre Hand greifen, aber sie lief schon zur Tür. Als sie diese öffnete, sah ich draußen viele Menschen und hörte sie rufen, nein, sie schrien den Gewinnern zu.

Wie gern würde ich der Gewinner sein, wie gern würde ich an diesem Tag gefeiert werden. Leider saß ich auf dem Boden, umringt von meinen Teamkollegen.

„Das hättest du nicht machen sollen. Du magst sie doch. Heute verhaust du echt alles, Mike!“

Max war sauer, was ich nur allzu gut verstand. Laura ist seine kleine Schwester, das ist immer kompliziert, und außerdem war das zwischen uns beiden, zwischen Laura und mir, auch sehr kompliziert. Dazu kam, dass wir wegen mir verloren hatten, und ich hatte echt keine Lust auf die nächsten Wochen.

Die Saison war zu Ende, das heißt, die die ganz oben standen, also das Team, gegen das wir heute verloren hatten, durfte mit den anderen Teams machen, was es wollte, bis zum Start in die neue Saison.

Plötzlich schrie mich Max an: „Wenn du uns nicht zuhörst, dann geh! Ich kann verstehen, dass man verlieren kann. Das passiert jedem mal, aber so wie du verloren hast, kann man NICHT verlieren! Mike, was hast du da gemacht? Was war das?“ Max baute sich auf. Jetzt war er richtig sauer.

„Max, beruhige dich mal! Wir sind alle sauer und enttäuscht, aber vielleicht kommen wir da noch irgendwie raus.“

Ich sah Thomas an, dabei bemerkte ich, dass ich immer noch auf dem kalten und harten Betonboden saß. Ich versuchte mich aufzurichten und aufzustehen. Dabei dachte ich über Thomas´ Worte nach. Was meinte er damit? Wie sollen wir denn noch hier raus kommen?

Ich taumelte ein wenig und mir war so, als würde sich der Raum leicht drehen. Ich spürte die Blicke der Jungs auf mir.

„Was? Wie sollen wir da denn raus kommen?“ Alex sprach aus, was ich dachte.

„Jungs, denkt doch mal nach! Wir gehörten immer zu den Besten. Es kann nicht sein, dass Michael uns fallen lässt. Immerhin hat er auch mit uns sein Geld verdient.“ Dan war sehr direkt. Sonst hielt er sich bei solchen Sachen lieber raus. Aber er hatte Recht damit, dass wir zu den besten Teams gehörten, immer! Trotzdem glaubte ich nicht, dass Michael, der Boss der ganzen Veranstaltung, uns noch eine Chance gab. Er würde uns fallen lassen. Michael interessiert es nicht, was mit den Teams und deren  Mitgliedern passiert, er will nur Geld. Er organisiert die ganzen Kämpfe, ohne ihn würde hier gar nichts klappen.

„Dan, du hast zwar Recht, aber nur mit dem ersten Teil. Wir WAREN eins der besten Teams! Es wird keine zweite Chance geben. Wir, nein, ich habe es verkackt! Ihr könnt alles auf mich schieben, da habt ihr nur Recht!“

Ich steigerte mich da rein, was erstens nicht üblich und zweitens nicht gut für mich war.

Thomas versuchte mich zu beruhigen: „Es ist nicht deine Schuld, ok, irgendwo schon, ab -“

„Thomas lass es, es hat keinen Sinn. Lass mich einfach in Ruhe! Ich gehe jetzt!“

Ich drehte mich um und ging mit entschlossenen Schritten auf die Tür zu. Hinter mir hörte ich Thomas rufen, doch das war mir egal.

Ich öffnete die Tür. Als ich meinen Blick nach vorne richtete, starrten mich hunderte Augenpaare an.

Warum glotzten die denn so? Die Regel besagt, dass die Sache erst am nächsten Tag starten darf. Erst ab morgen durften die Gewinner mit den Verlierern machen, wozu sie Lust hatten.

Ich sah in einige Augenpaare. Immer wieder musterte ich die Gesichter.

Sie waren alle jung. Niemand war älter als dreißig. Allen, allen, die mich jetzt ansahen, machte es Spaß junge Männer so wie mich zu sehen. Sie wollen Kämpfe sehen, sie feuern uns an. Wir sind nur Unterhaltung für sie, eine Attraktion.

Meine Aufmerksamkeit lenkte ich wieder auf die Augen der Menschen, die vor mir standen und mich anstarrten. In ihren Augen sah ich immer wieder einen Schimmer von Blutdurst. Verdutzt zuckte ich zusammen. Hatte ich das wirklich gerade gedacht und gesehen? Vorsichtig blickte ich wieder in einige Augen und tatsächlich sah ich diesen Durst wieder.

Mir wurde klar, dass die ganzen Leute vor mir nichts anderes als Vampire waren. Innerlich nickte ich heftig. Dieses Wort beschrieb sie perfekt.  Das war schon ganz schön widerlich und auch armselig, aber widerlich fand ich treffender.

Aus dem Augenwinkel sah ich eine dunkle Gestalt auf mich zukommen. Als sie näher kam, bemerkte ich erst, wer es war.

Ein junger Mann, ungefähr in meinem Alter, circa 1,80 m groß und breit gebaut.

Jack! Gerade als ich ihm meinen gesamten Körper zuwenden wollte, packte er mich an meinen Schultern und drückte mich in Richtung Wand.  Total verwirrt und überrumpelt sah ich in seine aggressiven Augen. Er erwiderte meinen Blick, und ich wollte ihm standhalten. Doch als ich schmerzhaft mit meinen Schultern gegen die harten Backsteine knallte, schloss ich meine Augen, um die Tränen zu unterdrücken, und biss meine Zähne fest zusammen.

Ich formte meine Augenlider zu Schlitzen und schielte durch sie hindurch. Jack lächelte mich leicht an, und ich erkannte in seinen Augen den Schimmer des Durstes, des Blutdurstes. Er leckte sich die Lippen und lachte leicht auf. Er mochte mein derzeitiges Auftreten nur zu gern, ich konnte es ihm ansehen! Ich wirkte auf ihn auch nicht gerade selbstbewusst in diesem Moment. Er presste mich mit seinen starken großen Händen gegen die Wand, ich verzog ängstlich mein Gesicht und hielt meine Arme schützend vor meinen Körper. Ich sah an mir herab, und es stimmte, meine ganze Haltung war alles anders als selbstbewusst und selbstlos. Ich versuchte meine Schultern, so gut es unter seinem Griff ging, aufzurichten, meine Arme an meinen Seiten herunter hängen zu lassen und meine Augen richtig aufzumachen. Ich sah ihm in seine Augen und meine Hände formten sich zu Fäusten. Was fällt ihm eigentlich ein, mich einfach zu schubsen und gegen eine Wand zu drücken? Mein Blick wanderte zu der Gruppe hinter ihm.

Komplette Stille war in der Halle eingetreten, gefühlte tausend Augenpaare lagen auf dem Typen und mir. Viele bemerkten, dass ich sie beachtete, doch keiner wagte es meinen Blick zu erwidern.

Und schon wieder machte sich in mir das Gefühl von Abscheu breit. Ich wollte nicht mehr zu diesen Leuten, zu dieser Gruppe gehören.

Verwirrt über meine Gedanken und den Wunsch, nicht mehr an den illegalen Kämpfen teilzunehmen, legte sich meine Stirn in Falten. Ich dachte, ich würde nie aus diesem Geschäft raus kommen.  Es machte mir ja eigentlich Spaß, ich verdiente leicht Geld und lernte immer wieder neue Leute kennen.

Der Druck an meinen Schultern verstärkte sich, und ich schüttelte meinen Kopf, damit ich wieder in die Realität zurückkam.

Ich widmete meine Aufmerksamkeit wieder den dunkelbraunen Augen vor mir. Sie funkelten mich an. Keine Sekunde später verspürte ich einen beißenden Schmerz in meiner Magengrube. Ich rollte mich zusammen und würgte.

Hatte der Typ mich gerade wirklich in den Magen geboxt? Das komische Gefühl von Abscheu hatte sich in meiner Brust breitgemacht und wurde schlagartig zu Wut.

Ich ballte meine Hände zu Fäusten. Langsam richtete ich mich auf und merkte, wie meine Augen anfingen zu kritzeln.

Meine Blicke trafen seine, die verloren ihren Schimmer von Aggressivität und strahlten plötzlich vor Angst.

Stolz darüber, genau das erreicht zu haben, was ich wollte, legte ich meine Handflächen auf seine Brust und drückte ihn kraftvoll von mir weg. Ich verspürte den Drang, ihn zu verprügeln, ihm Schmerzen zuzufügen, genauso wie er es bei mir getan hatte, doch das, schon in meiner Brust verankerte Gefühl, ließ das nicht zu. Das willst du nicht mehr, sagte eine Stimme zu mir. Trotzdem schob ich den Typen weiter weg. Schließlich drückte ich ihn zur Seite, damit ich vor der ganzen Masse stand, die starrte mich ungläubig an.

Ich war fest entschlossen, diesen Leuten meine Meinung über das alles hier zu sagen, doch als ich zum Sprechen ansetzte, stoppte mich die auffliegende Tür der Umkleide meines Teams. Heraus kamen Thomas, Dan und Max. Sie blickten in die Runde und fanden mich. Sie musterten mich.

Langsam, aber sicher verließ mich mein Mut. Konnte ich ihnen das antun? Ich wusste, dass sie manchmal keine Lust auf die Kämpfe hatten, aber es gehörte zu ihrem Leben. Sie lebten davon. Was würden sie sagen, wenn ich jetzt anfangen würde, meine Meinung zu äußern, sie sozusagen zu hintergehen?

Komm schon, Thomas wird es verstehen, er wird hinter dir stehen, er ist dein bester Freund! Los, rede jetzt! Die Stimme in meinem Kopf ließ meinen Mut zwar wieder aufflammen, aber er reichte noch nicht.

Meine Freunde standen währenddessen immer noch wie versteinert vor der Tür zur Umkleide und starrten mich an. Neben mir stand der Typ aus dem Gewinner-Team, der mich eben noch gegen die Wand gedrückt hatte. Ich sah ihn an, danach ließ ich meinen Blick erneut über die Menschenmenge gleiten.

Und dann drehte ich mich um, ich drehte mich nicht um, weil ich schwach war, ich drehte mich um, damit ich meine Entscheidung ohne den Blick auf viele Menschen treffen konnte. Ich stützte mich mit meinen Armen gegen die Wand, ließ den Kopf auf meine Brust fallen und schloss die Augen.

Ich wunderte mich, warum es in der Halle immer noch so still war. Die Leute starrten mich vermutlich immer noch an. Diese Leute regten mich so auf, ich hasste sie. Sie sind feige, sie wollen nur zur eigenen Belustigung andere Menschen leiden sehen, und sie trauen sich noch nicht mal selber in den Ring, feige, einfach nur feige.

Meine Hände ballte ich zu Fäusten und schlug sie kräftig gegen die Steine. Als meine Knöchel die harte Wand berührten, merkte ich, wie die Haut aufplatzte und warmes Blut über meine Hände strömte. Verwundert über dieses Resultat drehte ich mich um. Neben mir stand Thomas, er legte seine Hand auf meine Schulter und sah mich ermutigend an. Ich lächelte vorsichtig, denn ich wusste, dass er genau wusste, was ich dachte, und was ich machen wollte. Er erwiderte mein Lächeln. Doch einige Augenblicke später war es wie eingefroren. Sein Blick war auf etwas hinter mir fixiert. Ich drehte mich um und wich sofort einer angreifenden Person aus. Schnell realisierte ich, was passiert war. Der Typ aus dem Gewinner-Team war wieder zur Besinnung gekommen und wollte anscheinend seinen ursprünglichen Plan, mir oder uns Schmerzen zuzufügen, umsetzen.

Er lag auf Thomas, der noch nicht wieder in dieser Welt angekommen war, denn er verteidigte sich nicht, er ließ die Schläge, die vom Angreifer ausgingen, einfach auf sich nieder kommen, er drehte sich noch nicht mal weg!

Die Menge jubelte, was nicht anders zu erwarten war, und das gab mir den Rest.

Ich stürmte auf die zwei los und riss den Bekloppten von meinem besten Freund herunter. Ich nahm ihn und warf ihn in eine Ecke. Ich erschrak vor meiner Kraft und wollte ihm eigentlich helfen, da er sich am Boden krümmte, doch er hatte das verdient. Meine Aufmerksamkeit galt wieder meinem besten Freund, dem ich meine Hand hinhielt. Dankend nahm er sie an und zog sich an ihr hoch. Seine Lippe war geplatzt und sein ganzes Gesicht war voller Blut, doch ihm schien das nichts auszumachen.

Die nächsten Minuten liefen für mich wie in Zeitlupe ab. Thomas stand neben mir, und ich drehte mich langsam zur Menge. Aus dem Augenwinkel konnte ich erkennen, dass die anderen Mitglieder des Gewinner-Teams ebenfalls in die Halle gekommen waren und sich um ihren Freund, der am Boden lag, kümmerten.

Meine Augen suchten nach einem Punkt, an dem ich mich während der nächsten Worte festhalten konnte. Immer wieder blickte ich durch die Halle, doch ich fand nichts. Es wäre sowieso besser, immer wieder in die Augen der Leute zu schauen, sagte meine innere Stimme. Ich gab ihr Recht. Ich richtete mich auf und straffte meine Schultern. Mein ganzer Körper spannte sich an, und in mir machte sich Nervosität breit. Doch dieses Gefühl konnte dem Abscheu und dem Mut in meiner Brust nicht das Wasser reichen, und so begann ich mein neues Leben:

„Ehem“, räusperte ich mich. Gesichter, die vor wenigen Minuten noch dem am Boden liegenden Gewinner zugewandt waren, bewegten sich langsam in meine Richtung. Und wieder waren gefühlte hunderte Augenpaare auf mich gerichtet. Ich atmete tief durch und spürte die Wärme, die von meinen Teamkollegen, die hinter mir standen, ausging. Meine Brust öffnete sich und der Mut, der sich in meinem Herzen gesammelt hatte, konnte sich frei durch jede Faser meines Körpers bewegen. Vor meinem inneren Auge sah ich goldene Strahlen meine Haut entlang fliegen. Ich sah an mir herab und mein ganzer Körper leuchtete golden.

„Ich möchte, dass jetzt jeder in diesem Raum mir zuhört.“

Von einigen ging Tuscheln aus, ich hatte keine Lust auf so etwas. Sie sollten mir gefälligst alle zuhören.

„Eyy, ich meinte damit, dass ihr jetzt euren Mund halten sollt.“

Am liebsten hätte ich mich anders ausgedrückt, doch meine Lippen formten diese eher höflichen Worte wie von selbst.

„Ich kämpfe schon sehr, sehr lange. Ich weiß nur, dass ich am Ende meiner Schulzeit damit angefangen habe. Zusammen mit meinem besten Freund Thomas und Dan. Max, kam vor ein paar Monaten in unser Team und was soll ich sagen, wir sind wirklich gut. Mir macht es wirklich Spaß zu kämpfen, man kann alles ablassen und zugleich bekomme ich dafür noch Geld. Nicht zu vergessen sind die ganzen Kontakte, die ich mir durch das Kämpfen aufgebaut habe. Bei Problemen weiß ich immer, wen ich anrufen kann. Das habe ich auf gewisser Weise euch allen zu verdanken und auch Michael.“

Ich drehte mich um, da ich merkte dass Michael nicht anwesend war.

„Michael, wo bist du? Das hier sollst du auch hören!“

Ich schrie, damit mich jeder hören konnte, denn ich wusste, wenn ich ihn erwähne, werden die anderen bleiben, denn Michael ist wichtig und das wissen die meisten hier.

Aus einer dunklen Ecke trat ein großer und breit gebauter Mann mit goldenen Haaren und vielen Narben im Gesicht, er ging mit sicheren Schritten auf mich zu und blieb circa fünf Meter vor mir stehen. Er sagte nichts, er blieb einfach ruhig und sah mich erwartungsvoll an. Leicht verwirrt über sein Auftreten schüttelte ich meinen Kopf.

„Es hat mir immer Spaß gemacht, doch heute habe ich herausgefunden, dass das hier einfach nur widerlich ist, es ist menschenverachtend. Seht euch doch mal an. Ihr kommt in Massen, um zu sehen, wie sich zwei Menschen bis zur Bewusstlosigkeit schlagen. Ihr guckt zu, feuert sie, nein, uns an und werft eure Scheine in die Becher, aber habt ihr schon mal daran gedacht, selber in den Ring zu steigen, selber angegriffen zu werden, selber geschlagen zu werden, bis man nichts mehr außer Schwarz sieht, bis man blutüberströmt ist, bis man lieber tot sein möchte, als weiter zu leben? Nein, das habt ihr nicht, weil ihr einfach zu feige seid! Ja, ihr habt richtig gehört, ihr seid feige! Allesamt und das reicht mir. Ihr wollt uns einfach nur leiden sehen.“ Ich dachte kurz nach, da ich merkte, dass ich mir auf irgendeiner Weise selbst widersprach. „Ich habe noch vor wenigen Sekunden gesagt, dass es Spaß macht zu kämpfen, aber wenn man mal genau hinguckt, vergeht einem der Spaß. Ich weiß nicht, warum ich Menschen verletzt habe, ich weiß nicht, wie ich das tun konnte. Ich habe nicht selten miterlebt, wie Leute, gegen die ich gekämpft habe, tagelang im Krankenhaus lagen, und ich habe immer weiter gemacht.

Heute haben wir, mein Team und ich, verloren und das nur wegen mir, weil ich nicht mehr in der Lage war, jemanden anderen zu verletzen, ihm Schmerzen zuzufügen. Dafür wurden mir Schmerzen zugefügt. Seht mich an, meine Wunden sind frisch, und sie sind echt. Es tut weh. Ich werde heute Nacht nicht schlafen können, da jede Bewegung weh tut, ich habe übermorgen eine wichtige Prüfung in der Uni, und ich werde dafür nicht lernen können, da ich Schmerzen habe. Es ist echt, es ist real, und es ist kein fake! Begreift das endlich!

Eben, als ich raus zu euch gekommen bin, ist mir erst klar geworden, wer ihr seid, was ihr seid.“ Ich wollte es nicht sagen, doch ich musste. „Ihr seid Vampire!“ Ich vernahm Gelächter. „Der hat sie doch nicht mehr alle, redet hier was von Vampiren! Wach auf!“

Ungläubig über das Gehörte schüttelte ich meinen Kopf. „Ich bin aufgewacht, ihr müsst jetzt aufwachen. Ihr seid Vampire, weil ihr Blut sehen wollt, warum kommt ihr sonst hier her? Es würde doch langweilig sein, wenn ich jemanden auf die Nase haue und der gleich umfällt. Ihr wollt Action. Aber was bringt euch das? Seid ehrlich zu euch selbst. Warum wollt ihr so etwas sehen? Ihr seid doch die ersten, die schreien, wenn ihr in den Nachrichten oder Zeitungen liest, wo, wann und wie Menschen umgebracht werden oder misshandelt. Aber ihr seid nicht besser als die Täter, denn ihr amüsiert euch über Gewalt.

Ich habe keine Lust mehr auf das hier. Ich steige aus, und es ist mir scheißegal, was das für Konsequenzen hat. Ihr werdet mich hier niemals wieder sehen. Und ich rate euch allen, auch nicht mehr an solchen Dingen, an illegalen Kämpfen Gefallen zu finden. Was würden eure Familien sagen, wenn sie von dem hier wissen würden? Habt ihr über das schon mal nachgedacht? Oder eure Direktoren? Eure Freunde?

Geht nach Hause und denkt nach, denkt meinetwegen über Gott und die Welt nach, über alles, was euch in den Sinn kommt, aber kommt nicht mehr zu solchen Veranstaltungen, es bringt euch nichts.“

Ich fand meine Worte treffend, aber ich war mir nicht sicher, ob sie auch überzeugend waren. Du hast es geschafft, deinen Mund aufzumachen. Das ist doch schon mal etwas. Sei stolz auf dich! Meine innere Stimme hatte Recht. Ich sollte stolz auf mich und meinen Mut sein.

Ich sah auf meine Arme. Das Gold war verschwunden, doch ich verspürte immer noch den Druck auf meiner Brust, deshalb griffen meine Hände an meine Brust und drückten leicht dagegen. Mir fiel auf, dass ich nichts mehr zu sagen hatte, und dass ich sehr dumm aussehen musste, da ich vor einer Masse stand, die mich immer noch erwartungsvoll mit großen Augen anguckte und nichts sagte. Was sollte ich noch hier? Ich hatte keine Ahnung. Nichts hielt mich an diesen Ort.

Mein Körper drehte sich von der Masse weg, dabei fanden meine Augen Thomas‘ Augen. Sie strahlten vor Stolz. Ich lächelte leicht, doch mehr konnte ich an Emotionen nicht aufbringen, auch wenn er mein bester Freund war.

Aufrecht, mit sicheren und großen Schritten, verließ ich die Halle. Ich blickte nicht einmal zurück. Diese Halle war meine Vergangenheit.

Meine rechte Hand umfasste den Türgriff meines Autos und riss sie auf. Schnell fand meine Sporttasche den Weg auf die Rückbank. Ich selbst ließ mich in den Fahrersitz fallen und umklammerte mit den Fäusten das Lenkrad.

Ich startete meinen Wagen und fuhr los. Das war es mit diesem Kapitel meines Lebens. Ich bereute nichts. Nur das Geld werde ich vermissen. Notiz an mich selbst: Einen Job suchen!