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Sturmflut in Träumen und Abenteuern

von Gesa Lenuck, 20 Jahre

Es war wohl doch eine dumme Idee gewesen, wie immer hatte Mia recht gehabt, aber ich hatte auch eine Verantwortung gegenüber meiner Mutter. Die Bäume am Straßenrand beugten sich so weit, dass ihre Spitzen den Asphalt berührten. Wir kamen kaum weiter, unterhalten konnten wir uns auch nicht, die Wörter flogen mit dem Wind davon. Eigentlich wollten wir uns einen gemütlichen Abend am Kamin machen und Musik hören, aber meine Mutter hatte vergessen, ihr Insulin von der Apotheke abzuholen. Sie bat mich, noch einmal loszugehen. Ich hatte Mia überredet mitzukommen. Die Apotheke war ganz am anderen Ende der Stadt, eigentlich fuhr auch ein Bus, aber bei diesem Wetter hatte die Busgesellschaft ihren Betrieb eingestellt. Der Apotheker wollte gerade sein Geschäft schließen, doch er gab uns auf unser Drängen hin noch die nötigen Fläschchen Insulin. Auf dem Rückweg war es dunkel, stockfinster, keine Autoscheinwerfer, keine Straßenlaterne und keine beleuchteten Schaufenster spendeten Licht. Mia fürchtete sich, das spürte ich, als sie sich an meinen Arm klammerte. Sie war ein Angsthase, aber in diesem Fall konnte ich es ihr nicht übelnehmen, der Sturm, die Dunkelheit und die Kälte machten mir auch zu schaffen. Mia begann, an meinem Arm zu ziehen, und zeigte auf die Seite. In einem Fenster konnte man den Schein von Kerzen erkennen. Als ich genauer hinsah, bemerkte ich, dass wir vor einem Café standen. Aber wir mussten doch nach Hause, meine Mutter brauchte ihr Insulin. Aber Mia hörte nicht auf zu ziehen, hinein in das Café, das wunderlicherweise noch geöffnet hatte. An den Tischen saß niemand, was auch nicht verwunderlich war, kein Mensch mit Verstand befand sich bei diesem Wetter freiwillig auf der Straße.
»Mia wir müssen nach Hause, Mama braucht ihr Insulin«, flehte ich Mia an.
»Keine zehn Pferde bringen mich bei diesem Wetter noch mal raus.«
»Aber Mia …«
»Deine Freundin hat recht, ihr könnt bei diesem Wetter nicht noch mal rausgehen, das ist zu gefährlich, das kann ich gar nicht zulassen.« Die Besitzerin war hinter dem Tresen hervorgekommen. »Setzt euch erst mal hin, ich mache euch einen Kakao und ihr könnt ein Stück Kuchen essen, damit ihr wieder zu Kräften kommt, ihr seht durchgefroren aus.«
Gegen ein Stück Kuchen und einen warmen Kakao hatte ich natürlich nichts.

Wo bleibt sie? Sie hätte doch schon längst wieder hier sein müssen! Lisa lief auf und ab in ihrer Wohnung. Was würde Vater sagen, wenn er wiederkommt und erfährt, dass ich Mia und Laura bei diesem Wetter noch so spät losgeschickt habe? Meine eigene Tochter, das ist schon schlimm genug, aber die Freundin von ihr, eine Tochter von einer anderen Familie in Gefahr zu bringen – was würden Mias Eltern sagen, wenn sie das wüssten … Lisa griff zu ihrem Telefon, doch es kam kein Tuten, kein Rauschen, es kam gar kein Geräusch aus der Hörermuschel, die Leitung war tot, mausetot. Verzweifelt durchsuchte sie die Schränke nach einer Insulinspritze, aber sie fand nur noch die Notreserve in ihrer Handtasche.

»Jetzt müssen wir wirklich los Mia, Mama braucht das Insulin, sie hat nichts mehr zu Hause«, drängelte ich wieder, als wir aufgegessen hatten.
»Aber Laura, es ist kalt, und es ist wahnsinnig windig, guck dir doch mal die Bäume an …«
Letztlich standen wir doch auf und bedankten uns bei der netten Bäckerin. »Hast du mitbekommen, wie es geregnet hat?«, fragte Mia, als wir wieder draußen auf der Straße waren.
»Nein, es hat nicht geregnet.«
»Aber ich habe nasse Füße bekommen.«
»Das kann nicht sein, dann hätte ich doch auch welche.«
Dann dachte ich an die dünnen Stoffschuhe, in denen Mia immer herumlief, aber nein, geregnet hatte es nicht, da war ich mir sicher. »Bestimmt ist dir einfach nur kalt.«
Irgendwie fiel das Laufen noch schwerer als vorher, wir klammerten uns aneinander, um nicht von dem Wind weggerissen zu werden. Hier war es so dunkel, dass wir uns an einer Hausmauer entlangtasteten.
»Laura, glaub mir, da ist Wasser, meine Hose ist doch auch schon ganz nass am Hosenbein.«
»Ach, die ist bestimmt einfach nur ganz kalt, es regnet doch gar nicht, woher soll denn das Wasser kommen?«
Doch ich merkte, dass ich es mir nur versuchte einzureden, dass alles gut ist, denn auch ich spürte langsam Feuchtigkeit an meinem Hosenbein hochkriechen.
Mia stolperte und stürzte neben mir. Schnell zog ich sie wieder hoch, sie war nass, sie triefte. Nein, jetzt konnte ich mir die Situation nicht mehr schönreden. Mit jedem Anstieg des Wassers wuchs auch die Macht, die Stärke, die Strömung des Wassers. Wir klammerten uns aneinander, wir kamen nicht mehr voran, nein, nach Hause kämen wir nicht mehr. Das Wasser stieg und stieg ohne Unterlass. Mein Kopf war leer, ich konnte nichts mehr denken und fühlen. Angst, es gab nur noch Angst. Das Wasser reichte uns unterdessen bis zum Bauch, wir kämpften uns weiter, bis wir auf einen Baum stießen, und klammerten uns fest, der Baum war der Anker für uns.
Für einen Augenblick rissen die Wolken auf, und ich sah, wie ein großer Kleiderschrank an uns vorbeitrieb. Der Sturm hatte weiter zugenommen, ich wollte auf den Schrank zeigen, aber als ich meinen Arm löste, rissen mich die Wassermassen mit. Der Schrank, ich dachte nur an den Schrank, den musste ich erreichen. Ich paddelte hin und klammerte mich fest. Mia wurde kleiner, immer
kleiner, irgendwann konnte ich nur noch ihre Umrisse sehen, die mit dem Baum verschmolzen. Ich wollte ihr noch zurufen: Mia lass los, komm zu mir. Aber es ging nicht, meine Worten würden sie nicht erreichen. Ich war zu schwach, es war kalt, es war nass, aber ich wusste, ich durfte nicht schlafen, ich durfte meine Augen nicht schließen. Meine Blicke wanderten durch die dunklen Straßen, an den Umrissen der Häuser versuchte ich mich zu orientieren, aber es gab nur Wasser, überall einfach nur Wasser. Durch den Wind hörte ich Wortfetzen, es gab Hände, die nach mir greifen wollten, doch die Strömung war zu stark. Das Wasser trug mich immer weiter ins Unbekannte fort, weg von meinem eigentlichen Ziel, weg von Mia, weg von meiner Familie.

»Lisa? Du musst aufstehen, du musst raus hier. Mach die Augen auf!« Aus der Ferne nahm Lisa Stimmen war, die wollten etwas, irgendetwas wollten sie, aber was nur? Vielleicht war es ja Laura, war sie zurück mit ihrem Insulin? Hatte sie es geschafft? Mit ihren Lippen versuchte sie den Namen ihrer Tochter zu formen, doch sie war zu schwach zum Sprechen, es fiel ihr zu schwer. Zwei kräftige Arme umfassten sie und hoben sie hoch, doch mehr bekam sie nicht mehr mit. Ihr wurde wieder schwarz vor Augen.

»Laura! Laura? Hi Laura! Du darfst nicht schlafen!«
Ganz vorsichtig öffnete ich meine Augen, das besorgte Gesicht von Mia konnte ich kaum erkennen, die Sonne am blauen Himmel blendete zu sehr.
»Mia? Bist du das? Wie bist du denn hergekommen?«
Als es hell wurde, habe ich mich auf ein herantreibendes Brett gelegt und bin zu dir gepaddelt, die Strömung hat abgenommen, und der Schrank hat sich in einem Baum verfangen, so konnte ich dich einholen.«
Erst da merkte ich, dass es zwar noch schaukelte, aber ich mich nicht mehr fortbewegte.
»Ich hatte solche Angst ohne dich. Das Wasser zerrte die ganze Zeit so an mir. Ich dachte schon, ich würde dich nie wieder sehen.«
»Ich hatte auch Angst.« Zum ersten Mal gestand ich mir selber und Mia meine Angst ein. Zusammengekuschelt auf dem Schrank warteten wir, auf was, wussten wir selber nicht, trotzdem warteten wir.
»Irgendwie erinnert mich das Ganze an den Film im Kino, den wir gesehen haben. Wo dieser Komiker, wie heißt er noch mal, versucht hat, mit einer Zimmertür auf dem Meer zu schwimmen und zu surfen«, sagte Mia nach einer Weile.
Wir mussten lachen, den Film hatten wir, bevor der Sturm kam, im Kino gesehen. Da ging auf einmal ein Ruck durch den Schrank, der Baum, der uns festhielt, hatte uns wieder freigegeben, wir trieben weiter durch die Straßen, die unsere Heimat waren, die wir aber jetzt kaum wiedererkannten.
»Mich erinnert das aber auch ein bisschen an Huckleberry Finn, der mit einem selbstgebauten Floß versuchte zu flüchten.«
»Oder an Robinson Crusoe und Freitag«, erwiderte Mia.
»Aber der war doch auf einer Insel gestrandet«, erwiderte ich.
»Schon, aber unser Schrank ist unsere Insel, auf der wir gestrandet sind.«
Wir mussten wieder lachen.
»Stell dir einmal vor, wir treiben mit unserem Schrank auf eine schöne Insel zu, mitten ins Paradies, der Schrank verwandelt sich langsam in ein Ruderboot, und wir rudern direkt auf einen Sandstrand zu, Delfine begleiten uns. An den Palmen der Insel klettern Affen, und bunte Vögel schweben über unseren Köpfen und singen uns etwas vor.«
Wenn ich die Augen schloss, konnte ich mir alles wunderbar vorstellen. Mia hatte eine lebhafte Fantasie, die hatte sie schon immer.
»He, ihr da, versucht mal, hier her zu paddeln«, die Stimme einer jungen Frau riss uns aus unseren Träumen, »dann können wir euch rausziehen!«
Froh, endlich wieder einen Menschen zu sehen, paddelten wir gemeinsam auf die Frau zu. Sie war nicht allein. Zwei kräftige Männer hoben uns von unserem Floß, in ein Zimmer im ersten Stock eines Hauses. Dort saßen schon zwanzig Leute um einen Kamin herum. Sie gaben uns trockene Sachen und einen Tee. Nachdem wir uns aufgewärmt hatten, spielten wir mit den andern Kindern Verstecken. Das Haus hatte einen riesigen Dachboden, mit vielen Ecken und Winkeln und verschiedenen Ebenen. Es war wie ein natürlicher Abenteuerspielplatz. Der Tag verging schnell, viel zu schnell. Nachts saßen wir in eine dicke Decke eingewickelt auf dem Dachboden und guckten durch das Fenster den Mond an. Mia hatte recht, wir waren mit unserem Floß im Paradies gelandet, es war warm, es war trocken und man konnte den Mond sehen.

Es war hell, ich sah meinen Mann, wie er auf mich zu gelaufen kam, und Mia, Mia war auch da, aber sie war weit weg, ich wollte zu ihr, ich lief an meinem Mann vorbei, ich wollte Mia in die Arme nehmen, mich bei ihr entschuldigen, aber sie schien unerreichbar, ich wollte meinen Mann fragen warum, aber als ich mich umdrehte, war auch er weg. Ich war wieder alleine. Dann war es dunkel, kein Lichtschein mehr, keine Hoffnung.

Jeden Tag spielten wir oben auf dem Dachboden, erfanden unsere eigenen Geschichten und Spiele und vergaßen alles, was um uns herum war. Nach drei Tagen lief das Wasser ab. Die junge Frau kam zu uns und fragte uns, ob sie uns nach Hause bringen könnte. Sie erzählte, dass ihr Bruder das Auto vor der Flut schnell auf eine Anhöhe gerettet hatte. Als wir durch die Tür traten, waren wir wieder in der Realität. Zum ersten Mal seit der ganzen Zeit dachte ich wieder an meine Mutter, die ihr Insulin brauchte. Ich konnte mich nicht mehr halten, als das Auto bei mir in die Straße einbog. Ich riss die Tür auf, bevor das Auto ganz zum Stehen kam, und lief die Treppen hoch. Ein Nachbar, der ganz oben wohnte, rief mir zu, als ich an ihm vorbeilief, dass meine Mutter bei ihnen sei. Ich lief so schnell, wie ich noch nie gelaufen war, und vergaß mich zu bedanken bei der jungen Frau, aber meine Mutter war erst einmal das Wichtigste. Sie lag weiß und mit blauen Lippen im Bett. Das Insulin, das die ganze Zeit in meiner Tasche gewesen war, wurde von einer Nachbarin, die Krankenschwester war, meiner Muster gespritzt. Langsam, ganz Langsam kam die Farbe zurück, und meine Mutter öffnete die Augen.
Mia, die mit der jungen Frau hochgekommen war, stand hinter mir. Ich drehte mich um und umarmte Mia und die junge Frau und bedankte mich bei ihnen. Denn ich wusste, ohne sie hätte ich diese Abenteuer nicht überstanden, und meine Mutter auch nicht.