shadow

Tal der Krähen

 

Der Himmel trug die Farbe von geronnenem Blut. Es sah aus, als habe eine Rostschicht das
friedliche Blau verdeckt. Wolken gab es an diesem Abend keine und die Sonne warf ihre
letzten Strahlen auf einen Mann, dessen Welt sich für immer verändert hatte.
Viele Menschen fürchten die Nacht denn die Dunkelheit vermag alles in sich zu verbergen.
Doch an diesem Ort war sie ein Segen und als die Sonne verschwand wurden auch die
letzten Schrecken des Tages zu Schatten.

 

Gleißendes Licht weckte mich. Die Sonne stand hoch über mir und ich schwitzte.
Das erste was ich bemerkte, waren die Schmerzen. Hätte man mich tagelang gefoltert, hätte
ich mich wohl besser gefühlt als in jenem Moment.
Das Zweite was mir auffiel, erschreckte mich jedoch weitaus mehr… Ich konnte nicht richtig
sehen! Panisch tastete ich nach meinem linken Auge. Mein Magen zog sich zusammen, als
ich verstand, was ich dort fühlte. Ein tiefer Schnitt zog sich von meiner Stirn zu meiner
Wange hinunter und dort wo sich mein Auge befunden hatte, konnte ich nur noch ein
glitschiges Loch ausmachen.
Auch der Rest meines Körpers war übel zugerichtet. Ich schien mir das rechte Bein und
einige Rippen gebrochen zu haben und durch die tiefen Schnittwunden an meinen Armen
hatte ich viel Blut verloren. Mich plagten Übelkeit, Schwindel und ein unerträglicher Durst.
Als ich mich umsah, entdeckte ich links neben mir meinen Bruder. Er starrte mich aus leeren
Augen an und bleckte die Zähne. Jemand hatte ihm den Bauch aufgeschlitzt und seine
Därme quollen aus der Wunde. Angewidert wandte ich mich ab. Rechts grinste der Kopf
meines alten Freundes Ragnar grimmig in die Gegend, während sich wenige Schritt weiter
einige Krähen an seinem schlaffen Körper gütlich taten. Überall wo ich hinsah, stapelten sich
die gefallenen Männer der vergangenen Schlacht. Ihre Waffen und Helme, Arme, Beine und
Köpfe lagen über den Boden verteilt soweit mein Auge reichte. Auch der Gestank drang mir
nun in die Nase. Der Tod riecht nach Schweiß, Blut, Kot und faulendem Fleisch. Jeder Mann
der sich je in den Schildwall gestellt hat, weiß das. Doch roch er selten so penetrant wie in
diesem Tal. Ich musste würgen.
Schlagartig wurde mir das Ausmaß meiner Situation bewusst. Ich würde hier elendig
verrecken und dann hätten die Krähen ihren Spaß an meiner Leiche. So fein ich die
Vorstellung diesen Vögeln vergnügen zu bereiten auch fand, das ließ schon allein meine Ehre
nicht zu!
Als ich versuchte mich aufzurichten, wurde mir schwarz vor Augen. Die Verletzungen
schienen schlimmer als befürchtet. Trotz allem wollte ich nicht aufgeben und nach einigen
weiteren Versuchen schaffte ich es dann auch. Ich biss die Zähne zusammen und begann
durch den klebrigen, roten Schlamm zu kriechen. Ich weiß nicht wie lange ich durchhielt,
doch es kam mir wie eine Ewigkeit vor als ich zusammenbrach.

Ein harter Schlag mit der flachen Hand riss mich aus dem Schlaf. Die Sonne hing über den
Bergen und kündigte mir einen weiteren qualvollen Tag an. Vor mir saß ein Kämpfer der
ähnlich schwer verwundet wirkte. Er trug Pelz und Kette, einen verfilzten Vollbart und eine
lange blonde Mähne. Kleine grüne Augen beobachteten mich forschend aus einem runden,
pockennarbigen Gesicht. Ich war diesem Mann schon einmal begegnet.
„Gut geschlafen?“, knurrte er.
„Was willst du?“, entgegnete ich.
Er kniff die Augen zusammen und knirschte mit den Zähnen. Dann sagte er: „Du hast mir den
Arm genommen.“
Mein Blick fiel auf den blutigen Stumpf an seiner rechten Schulter.
„Und du mir das Auge.“, gab ich zurück.
Wir starrten uns grimmig an. Nach einer Weile drehte er den Kopf weg. Als er weiter
schwieg, riss mir der Geduldsfaden.
„Ich frage dich nochmal, was willst du von mir?“
Er zögerte noch kurz und seufzte dann: „ Wir sind dem Tod geweiht. Unsere Wunden
werden faulen und das Fieber wird uns plagen. Alleine können wir das nicht überleben. Aber
zusammen vielleicht.“
Ungläubig starrte ich ihn an: „ Zusammen? Warum sollte ich einem Hundesohn wie dir
helfen?“
Der Einarmige lachte trocken, zuckte jedoch vor Schmerzen zusammen.
„Weil du keine Wahl hast wenn du nach Walhalla willst. Du weißt wie unehrenhaft es ist zu
verdursten.“, sagte er mit einem gequälten Lächeln.
Ich schwieg. Er hatte Recht, ich war zwar in der Schlacht gefallen aber ich lebte noch. Nun zu
verdursten, hätte wie eine Beleidigung für die Götter gewirkt. Also nickte ich nur und
brummte: „Wir brauchen Wasser“
Sein lächeln wurde breiter: „Ich weiß wo es Wasser gibt“

Wir krochen gemeinsam durch das verwüstete Tal. Unzählige Male mussten wir uns
gegenseitig wachrütteln, da uns die Schmerzen das Bewusstsein raubten. Die Klingen auf
dem Boden schnitten uns in Hände und Beine, doch wir besaßen nicht die Kraft sie aus dem
Weg zu räumen. Das wir den Ort am Ende noch erreichten glich einem Wunder.

Am Nördlichen Rand des Schlachtfelds konnte ich nur noch wenige Leichen entdecken. Vor
uns thronten die Berge, die uns im Tal gefangen hielten und ein Bach mit klarem Wasser
mündete hier in einen kleinen See. Kurzerhand steckte ich meinen Kopf hinein und begann
gierig zu trinken. Mein Gefährte tat es mir gleich. Danach wuschen wir unsere Wunden aus
und legten uns schlafen.

Am nächsten Morgen konnte ich den Einarmigen nirgends ausmachen. Die Schmerzen
hatten zwar ein wenig nachgelassen, doch genesen fühlte ich mich bei weitem nicht. Nach
einiger Überlegung entschied ich mich die Leichen zu durchsuchen. Wenn ich Glück hatte
trugen sie etwas Nützliches bei sich.

Kurze Zeit später kniete ich neben zwei toten Männern. Den einen kannte ich. Er gehörte zu
meiner Armee. Nun ragten einige Pfeile aus seiner Brust. Der Schütze lag vor ihm,
anscheinend hatte der Kämpfer ihn noch mit in den Tod gerissen. Aus Augen und
Nasenlöchern der beiden Krochen Maden und andere Insekten. Obwohl sie bestialisch
stanken, begann ich sie zu plündern. Mit ihren Habseligkeiten konnte ich leider kaum etwas
anfangen. Doch ich nahm die Bogensehne des Schützen und den abgebrochenen Axt Stiel
meines ehemaligen Kameraden an mich. Ich hatte einen Plan wie ich mein Bein auskurieren
konnte und das gab mir Kraft. Mit dem langen Holzgriff in der Hand kroch ich zurück zum
See.

Der einarmige wartete bereits auf mich. Als ich näher kam, sah er auf und grinste.
„Ich hab uns was nettes mitgebracht.“, sagte er aufgeregt und deutete auf ein kleines Bündel
neben ihm: „Das ist alles was wir brauchen um unsere Wunden zu versorgen und ich habe
sogar noch einen Kanten Brot gefunden, der von den Maden verschont wurde.“
Ich zog die Brauen hoch: „Das sind ja gute Neuigkeiten. Wo hast du all das her?“
„Ich hab das Zelt von unserem Heiler gefunden. Die Schmerzen hatten mir den Schlaf
geraubt und da wollte ich wenigstens versuchen etwas dagegen zu tun. Unser Lager ist nicht
weit von hier, daher wusste ich auch von dem See.“, seine Miene verdüsterte sich: „Von den
Zelten ist kaum noch etwas übrig. Auch das vom Heiler ist total zerstört. Ich glaube die
Überlebenden, wenn es überhaupt welche gab, sind einfach abgehauen. Wir sind wirklich
allein in diesem verfluchten Tal.“
Ich nickte nur. Es interessierte mich nicht, ob seine Kameraden überlebt hatten.
Er sah mich stirnrunzelnd an und fuhr fort: „Du musst meine Wunden nähen. Ich kann das
unmöglich selbst erledigen. Ich hab nur noch meine linke Hand und die taugt zu nichts.“
Ich zögerte. In gewisser Hinsicht hatte mir dieser Mann bereits das Leben gerettet. Ohne ihn
wäre ich vermutlich in der vergangenen Nacht verdurstet. Dennoch, konnte ich einem
ehemaligen Feind trauen?
Er beobachtete mich aufmerksam und sagte dann ernst: „Ich trachte dir nicht nach dem
Leben. Ich werde mein Essen und das Verbandszeug mit dir teilen. Ich kann verstehen wie du
dich fühlst, aber wenn du leben willst wirst du mir vertrauen müssen.“
Ich sagte nichts dazu. Stattdessen griff ich nach dem Bündel und breitete den Inhalt vor mir
aus. Es kamen einige Lumpen, eine Nadel und ein dicker Knäuel aus Fäden zum Vorschein.
Ich wollte gerade die Nadel zur Hand nehmen, als er mir seine verbliebene Hand auf den
Arm legte: „Danke“
Ich musste lächeln: „Keine Ursache, Kamerad.“
Seine Augen weiteten sich und er sah mich erstaunt an, dann lachte er leise. Ich schnappte
mir die Nadel und begann mit der Arbeit.
Am Abend entfachten wir ein Feuer aus Stöcken, die wir mühsam vom Boden aufgelesen
hatten. Der kleine See schuf eine ungewohnt friedliche Atmosphäre. All die Schrecken der
Schlacht schienen Meilen entfernt. Das Gras war hier noch nicht zur Gänze
niedergetrampelt und ich konnte sogar vereinzelt kleine Blumen entdecken. Mein Gefährte
legte sich schlafen und auch ich war müde. Doch ich hatte noch etwas vor. Ich legte mir den
Axt Stiel und die Sehne bereit und tat dann etwas längst überfälliges. Ich rückte den Knochen
meines Beines zurecht. Hätte ich meine Zähne nicht so fest zusammengebissen, hätte man
meinen Schrei vermutlich noch auf der anderen Seite des Schlachtfelds gehört. Danach
schnürte ich den Holzgriff fest auf die Bruchstelle. Ich hoffte das dies helfen würde und so
schlief ich an diesem Abend beinahe zufrieden ein.

Der nächste Morgen hielt eine unangenehme Überraschung für uns bereit. Mein neuer
Freund lag im Fieber. Er schwitzte und stöhnte im Schlaf und ich flößte ihm Wasser ein, dass
ich mit einem Helm geschöpft hatte. Auch am folgenden Tag besserte sich seine Verfassung
nicht und ich zog los, um etwas Essbares zu besorgen. Ich kam nur sehr langsam voran und
so dauerte es ewig, bis ich fand wonach ich suchte.

Der Kanten Brot den ich gefunden hatte, schimmelte bereits. Maden krochen daraus hervor
und eine Kruste aus Schmutz und Blut überzog das ganze Stück. Dennoch verschlang ich
meinen Anteil gierig und gab dem Einarmigen den seinen als er erwachte. Er verzog das
Gesicht, doch auch er zwang sich zu essen.
„Wie heißt du Eigentlich?“, fragte er mich.
„Bjorn“
„Du bist ein guter Mann Bjorn. Wenn ich sterbe, bin ich froh das du es vielleicht noch nach
Hause schaffst“
Ich schwieg. Er lag auf der anderen Seite der Feuerstelle und starrte abwesend in den
Himmel.
Als ich die stille nicht mehr ertrug, fragte ich dann doch: „Und du? Wie ist dein Name?“
„Ygvar“
„Du packst das schon Ygvar. Du bist ein zäher Kerl.“
Er lachte schwach und drehte sich mit dem Rücken zu mir.

Ich hatte den Mann ins Herz geschlossen. Er strahlte Hoffnung aus und das half mir
durchzuhalten. Daher erschütterte mich der nächste Morgen. Er lag dort als würde er
schlafen, die Augen geschlossen und das Gesicht frei von Schmerz. Doch sein Körper war kalt
und schlaff und er atmete nicht mehr. Ich drückte ihm sein Schwert in die Hand und hoffte
die Götter würden ihm Einlass in ihre Hallen gewähren.

Der Krieg verwandelt den Tod in etwas Allgegenwärtiges. Ich weinte nicht um meinen
Bruder, als man ihn ausgeweidet hatte. Nicht um meinen Freund Ragnar, als man ihm den
Kopf abtrennte, aber eine einzelne Träne ran mir die Wange herab, als ich Ygvars Leiche
verbrannte. Ohne ihn, hätte ich auf jenem Schlachtfeld meinen Tod gefunden. Nachdem ich
wieder laufen konnte, verließ ich das Tal. Ich kehrte Heim, doch ich griff nie wieder zu einer
Waffe.