shadow

Thanatos

von Tom Danzmann

Knirschend sanken die schweren Stiefel in den frischen Schnee und hinterließen eine tiefe Spur. Die Wärme des Pubs kam Ian schon entgegen, als er in die kleine Seitenstraße einbog.

Der Pub war der Mittelpunkt des kleinen Dorfes in Südwales. Vor allem im Winter, wenn der beißende Nordwind den Schnee meterhoch ins Dorf blies, konnte man dort abends beinahe die gesamte männliche Bevölkerung von Pentrefelin antreffen.

Als Ian die Tür öffnete, schlugen ihm das Lachen und der Lärm der überfüllten Kneipe förmlich ins Gesicht. Er beugte sich ein bisschen nieder, um durch den niedrigen Türrahmen in den verrauchten Raum zu treten.

Noch bevor er seine Mütze und den eng gebundenen Schal abgelegt hatte, wurde er schon freudig begrüßt.

„Ian verdammt, wir dachten schon, du lässt uns im Stich.“ Die brummige, tiefe Stimme des Wirtes riss ihn aus seinen Gedanken. Bevor Ian antworten konnte, fuhr ihm eine Hand durch die kurzen roten Haare, und eine Frauenstimme begrüßte ihn lachend: „Ian, du Sack, ich war kurz davor, dich als vermisst zu melden, setz dich zu mir und trink ’n paar mit mir.“

„Hi Madoc, hi Gwen“, antwortete er geistesabwesend, den Blick ohne Ziel in den Raum gerichtet.

„Ian alles okay?“, fragte die schlanke schwarzhaarige Frau, die Ians leeren Blick bemerkte.

„Was? Ja, ja alles okay.“ Aus seinen Gedanken gerissen nahm er sich einen Stuhl und schob seinen großen, drahtigen Körper an den kleinen rustikalen Holztisch.

Er spürte die wuchtige Pranke des Wirtes auf seiner Schulter. Der stellte ihm einen großen Krug Bier auf den Tisch. „Die Runde geht auf mich, schön dass du wieder da bist“, sagte er und wandte sich dann zu einem anderen Gast.

„Danke“, murmelte Ian leise und wurde sogleich wieder von Gwen in ein Gespräch verwickelt.

„So, jetzt sag doch mal, wie ist es so in Cardiff, ist es ganz anders als hier? Und wie waren die letzten Monate, was ist denn alles passiert?“

Wie ein Wasserfall prasselten die Fragen der jungen Frau auf ihn nieder und fast schon erdrückt klingend brachte er ein: „Naja…“ heraus. Er wollte noch etwas anhängen, aber Gwen ließ ihn nicht zu Wort kommen.

„Was ist denn los mit dir, Ian? Du bist so anders als sonst. So…“, sie machte eine längere Pause und schien zu überlegen, „…schweigsam.“

„Ich weiß doch auch nicht.“ Ian starrte abwesend in seinen Krug. „Es läuft einfach alles nicht so, wie es sollte.“ Er wich Gwens fragendem Blick aus und fügte seinem letzten Satz noch ein wenig überzeugend klingendes „Aber ist auch egal, mir geht es gut“ hinzu.

„Das glaub ich dir jetzt nicht“, sagte sie, während sie ihm tief in die Augen schaute. „Ist was mit Lynn?“

Ians Gesichtszüge entgleisten für einen Moment und wurden zu einer traurigen Grimmasse, doch er fing sich und starrte wieder in seinen Krug. „Ja“, antwortete er gepresst, um den Tränen keinen Platz zu lassen. „Aber lass uns bitte über was anderes reden.“

„Wenn du meinst“,  sagte sie mit bedrückter, fast trauriger Stimme.
„Ja, ich bin sicher. Es ist einfach vorbei, mehr gibt’s da nicht zu sagen. Verlorenes bleibt verloren.“ Er nahm einen langen Schluck und genoss das kühle Bier in seiner Kehle. „Alles auf dieser scheiß Welt erinnert mich an sie“, platzte es förmlich aus ihm heraus. „Selbst wenn ich nur ein verficktes Lied höre, kriege ich sie nicht aus dem Kopf.“

Gwen schob ihren Stuhl zu ihm rüber und legte einen Arm um seine Schulter. „Hey. Das wird schon wieder“, sagte sie beruhigend.
„Nein, es wird verdammt noch mal nicht wieder“, schrie er. „Ich kann es nicht mehr hören. Jeder sagt, es wird schon wieder, es wird schon wieder, alles wird wieder gut. Am Arsch. Vielleicht will ich ja gar nicht, dass alles wieder gut wird!“ Er stand auf, zog seinen Mantel zu und schob den Stuhl mit Wucht an den Tisch zurück.

„Ian!“ Gwen streckte eine Hand nach ihm aus.

„Du kannst da nichts für“, presste er heraus, während Tränen über seine Wange liefen. Er blickte nicht mehr zurück, verschloss sich, auch wenn er wusste, dass Gwen ihm etwas hinterher rief. Er knallte die Tür des Pubs hinter sich zu und spürte den beißenden Wind in seinem Gesicht. Er genoss die Schneeflocken, die ihm ins Gesicht peitschten und zusammen mit den Tränen sein Gesicht bedeckten.

Er schob sich seine Kopfhörer in die Ohren und stellte seinen I-Pod an. Die melancholischen Gitarren von Alcest klangen in seinem Kopf. Ein weiterer Schwall Tränen brach aus ihm heraus. Souvenirs d’un autre Monde, bei diesem Lied hatte er Lynn das erste Mal geküsst. Seine Knie gaben nach, und er sank in den Schnee.

Als er durch den Schleier vor seinen Augen aufblickte, merkte er, dass seine Schritte ihn zur alten Ruine auf dem Dorfhügel getragen hatten.
Er wischte sich den Schnee und die Tränen aus dem Gesicht und schaute an dem uralten Turm hinauf. Seit Jahren war er nicht mehr hier gewesen, an dem Ort, an dem alles begonnen hatte.

An seinen Händen, die sich im Schnee abstützten, kroch die Kälte herauf.

Er versuchte die Gedanken an die Vergangenheit zu verdrängen, schob das wunderschöne Gesicht Lynns zur Seite und konzentrierte sich nur noch auf den Turm vor ihm. Mühsam brachte er sich auf seine wackeligen Beine und trat durch den enormen Torbogen, durch den er schon so oft geschritten war. Selbst hier lag der Schnee knöchelhoch, hereingeweht durch den Eingang und die Schießscharten.

Erneut fielen die Erinnerungen wie Raubtiere über ihn her, wühlten im Aas der Vergangenheit. Ohne wirklich zu realisieren, was er tat, schritt Ian langsam die gewaltige Wendeltreppe zur Turmspitze hinauf. Stufe um Stufe kam er dem Ort näher, an dem er Lynn für ewig an sich gebunden hatte. Zumindest hatte er daran geglaubt. Als er durch die schwere Tür auf die Plattform des Turmes trat, schlug ihm der eiskalte Wind ins Gesicht. Schneeflocken setzten sich in seinen Haaren und auf seinem Mantel fest. Mit leerem Blick in die schneebedeckte Ferne ging er auf die Zinnen zu und stellte sich an den Rand des Turms.
Mit einem lauten Seufzer stützte er sich auf einer Zinne ab und blickte hinunter.

Die Tiefe zog ihn förmlich an. Fast schon einladend lächelten ihm die spitzen Felsen vom verschneiten Boden aus zu und schienen zu rufen: „Komm zu uns! Befrei dich!“

Wieder schoss ihm ein Bild von Lynn in den Kopf. Wie er hier vor ihr auf die Knie gefallen war, den Ring in der Hand.
Die Tränen rannen seine Wange hinunter als er, mit dem Rücken an die Zinne gelehnt, zu Boden sackte. Vielleicht war es wirklich das Beste nachzugeben, dieses ganze Elend einfach hinter sich zu lassen, zu springen.
Er stieß sich vom Boden ab und zog sich an der Burgmauer hoch.
Langsam und darauf bedacht, keinen falschen Schritt zu machen, stieg er auf die Balustrade. Er schloss die Augen, dachte daran, dass alles nur noch besser werden könnte, dass selbst das pure Nichts besser war als sein Leben, und machte einen Schritt nach vorne.
Doch immer noch war Boden unter seinen Füßen. Irgendetwas in ihm weigerte sich, diesen Schritt zu tun, sein Leben hinter sich zu lassen.  Ein Rabe, der die ganze Zeit auf einer Zinne am anderen Ende des Turmes gesessen hatte, hob mit einem Krächzen ab und flog an ihm vorbei.
Seine von Tränen geröteten Augen folgten ihm, bis sein Blick an etwas anderem hängen blieb. Dort unten, am Waldrand stand eine Frau. In einen schwarzen Trenchcoat gehüllt, die langen, schwarzen Haare voller Schnee. Ihm schien es, als sei sie nur eine Illusion, ein Wunschtraum, den ihm sein Geist vorgaukelte. Doch dann drehte sie ihren Kopf in seine Richtung. Ihre Blicke trafen sich, und obwohl sie so weit voneinander entfernt waren, raubte ihre Schönheit ihm den Atem. Sie lächelte ihn an.
Eine unglaubliche Wärme stieg in Ian auf, vertrieb Kälte und Gedanken aus ihm, und auf einmal musste auch er lächeln.
Es war, als wären all die kalten Erinnerungen und Gedanken von einem einzigen Lächeln hinfort gefegt worden, und doch hatte dieses Lächeln etwas Bekanntes, das ihn an etwas anderes erinnern wollte, doch er wusste nicht, woran. Er wollte sich nicht von ihrem Blick lösen, wollte nur noch sie sehen, doch eine Stimme in ihm zwang ihn, erneut nach unten zu schauen. Die Tiefen des Turmes, die ihn eben noch so einladend anzogen, jagten ihm nun einen Schauder über den Rücken. Mit einem leichten Schwindelgefühl trat er von der Zinne und fing sich wieder.
Dann schaute er wieder zum Waldrand, doch seine Augen fanden keinen Halt.
Dort war niemand mehr, nicht einmal Spuren im Schnee.
Ohne wirklich zu wissen warum, rannte er die Treppen des Turmes hinunter und stürmte aus dem Torbogen. Wieder blies ihm der Schneesturm mit Gewalt ins Gesicht. In der kurzen Zeit, die er nach unten gerannt war, war der Sturm zu einem fast undurchdringbaren Chaos geworden.
Doch Ian hatte sein Ziel fest im Kopf, er musste zu diesem Waldrand. Er musste sie wieder sehen. Und kam kaum einen Schritt voran, Verzweiflung keimte in ihm auf. Was, wenn er sie nicht finden würde? Was, wenn sie nicht einmal existierte, wenn sie wirklich nur eine Einbildung war?
Ohne Ziel irrte er im Schneesturm umher, bis er schließlich nach langer Suche  erschöpft den Wald erreichte. Seine Kraft reichte nicht mehr aus, um nach Spuren oder anderen Hinweisen Ausschau zu halten. Erschöpft brach er zusammen und sackte in eine windgeschützte Kuhle unter einem Baum.

Er versuchte, seine Augen offen zu halten, doch die Erschöpfung und die Müdigkeit obsiegten. Es wurde dunkel um ihn.
„Ian! Ian, bist du hier irgendwo?“ Eine bekannte Stimme riss ihn aus dem Schlaf. Seine Glieder waren wie eingefroren, er konnte sich kaum mehr regen.
Und trotzdem zwang er sich aufzustehen, um der Stimme zu folgen.
„Ian, verdammte Scheiße noch mal.“ Jetzt wusste er, wessen Stimme es war.
„Was machst du denn für Sachen? Ich hab mir verdammte Sorgen gemacht.“ Gwen lief auf ihn zu und schloss ihn in die Arme.
Er wollte etwas sagen, doch sie ließ ihn nicht zu Wort kommen. „Verdammt, du siehst ja aus wie eine Eisskulptur! Komm, ich bring dich in den Pub, da kannst du dich aufwärmen.“

„Ich…“ Ian versuchte zu reden. „Wo ist sie?“

Gwen schaute ihn verwundert an, als würde er in einer anderen Sprache sprechen. „Wo ist wer? Ian, was hast du hier gestern gemacht?“ Sorgen lagen in ihrer Stimme.
„Ich..“ Er wollte es ihr nicht sagen, aber er musste herausfinden, wer die Fremde war. „Ich habe jemanden gesucht.“

„Stundenlang, in diesem Schneesturm? Ian, das glaubst du doch selber nicht.“ Vorwurfsvoll fuhr Gwen fort. „Ian, Mann, was zur Hölle hast du gestern gemacht?“

„Ich sag doch, ich habe jemanden gesucht.“ Er wurde lauter, er hatte keine Lust, darüber zu reden, ihr das alles zu erklären.

„Na gut. Lass uns bitte rein gehen“, sagte Gwen. „Du siehst wirklich aus wie eine Leiche.“

Sie streichelte ihm zärtlich über den Arm.

„Von mir aus“, brummte er.

In der Wärme des Pubs angekommen, kehrte allmählich wieder das Leben in seinen Körper zurück.
Auch seine Gedanken tauten langsam wieder auf, doch wanderten sie sofort zurück in die Kälte der Burgruine, zurück zu der Frau, die er dort gesehen hatte.
„Ich muss sie wieder sehen“, platzte es auf einmal aus ihm heraus.
„Sie?“ Er sah die Überraschung in Gwens Gesicht „Wen meinst du?“
„Ach, niemanden“, tat Ian die Frage ab.

„Ian, wen musst du wieder sehen? Was hast du gestern gemacht?“

Ein leichtes Zittern lag in Gwens Stimme.

„Ich war gestern in der Burgruine, mehr nicht. Ich brauchte halt etwas Auszeit.“ „Na gut.. Aber ich mach mir immer noch Sorgen um dich.“ Sie nahm seine Hand und hielt sie fest.

„Das brauchst du nicht, ich kann gut auf mich selbst aufpassen.“ Er zog seine Hand wieder weg und wandte den Blick von ihr ab.

„Ian.. ich“, Gwen versuchte verzweifelt, etwas zu sagen, aber sie fand die Worte nicht.

„Du kannst nichts für mich tun, schon okay. Ich glaub, ich sollte mich mal hinlegen.“

Ohne auf eine Antwort zu warten, stand Ian auf und verließ die Kneipe. Er bemerkte nicht, dass Gwen ihm mit Tränen in den Augen nachblickte.
Der Himmel war wieder wolkenfrei, und eine warme Wintersonne schien auf ihn herab, als er durch den tiefen Schnee zurück in seine Herberge stapfte.
Obwohl er die Nacht über geschlafen hatte und die Mittagssonne hoch stand, fiel er todmüde in sein Bett und schlief ein. Er träumte.

In seinem Traum stand er wieder auf den Zinnen der Ruine und schaute hinunter. Doch er konnte niemanden entdecken, er sah nur schneebedeckte Weiten.
Mit einem Mal zerfiel die Burg und Ian stürzte in eine schwarze Tiefe. Als er die Augen öffnete, lag er auf einer grünen Wiese. Es war Frühling, die Blumen blühten, und er hörte Vögel zwitschern. Er blickte auf und sah am Ende der Wiese jemanden stehen. Er konnte nicht erkennen, wer es war, also rannte er auf sie zu. Bäume und Büsche rasten an ihm vorbei, doch er kam nicht näher.
Plötzlich änderte sich die Landschaft, er rannte durch tiefen Schnee, und immer noch war die Person unerreichbar für ihn.
Sein Weg führte ihn durch ein kleines Waldstück, das ihm seltsam bekannt vorkam. Als er den Wald verließ, sah er die alte Burgruine wieder. Sie stand einige hundert Meter von ihm entfernt am Ende eines schneebedeckten Feldes.

Er schaute an dem Turm hinauf und sah dort, wo er gestern noch stand, jemanden stehen. Die langen schwarzen Haare wehten im Wind, und da wurde ihm klar, es war die Frau, die gestern genau dort stand, wo er jetzt stand.
Er schlug die Augen auf.
Sein Traum war vorbei, er lag in seinem Bett in der Herberge, die letzten Strahlen der Sonne schienen durch sein Fenster.
„Ich muss sie wieder sehen.“ In seinem Kopf gab es nur noch diesen einzigen Gedanken.
Zitternd stand er auf und zog sich langsam an. Ohne wirklich zu wissen, wohin er wollte, verließ er die Herberge.

Er trat aus der Tür, setzte seine Kopfhörer auf und schob sich durch den Schnee.
Die Musik dröhnte in seinen Ohren und verschluckte die Welt um ihn herum, während er in Gedanken versunken auf den Pub zusteuerte.
Er hatte keine Ahnung, wie spät es war, doch die Sonne schickte grade ihre letzten Strahlen auf das schneebedeckte Dorf, also sollte es früher Abend sein.
Die Uhr im Pub gab ihm Recht, es war halb sechs. Er grüßte ein paar bekannte Leute mit einem Nicken und setzte sich dann in eine schummrige Ecke.
Außer einer Kerze und dem dämmrigen Schimmern der Deckenlampe am anderen Ende des Raumes gab es hier kein Licht, genau das, was Ian gerade brauchte. Der Wirt brachte ihm einen Krug Bier und setzte sich ihm gegenüber.

„Mensch Ian, was machste denn für Sachen?“, warf ihm der kräftige Mann an den Kopf, freundlich und vorwurfsvoll zugleich.
„Hab wen gesucht“, murmelte Ian in sein Glas hinein.

„Ich weiß, hat mir Gwen schon erzählt“, brummte der Wirt. „Aber bist du sicher, dass irgend so eine Tusse es wert ist, für sie zu erfrieren?“

Mit einem Zwinkern schob er Ian einen Kurzen zu.

„Das ist es ja, da war irgendwas. Ich muss sie einfach wieder sehen, aber ich hab keine Ahnung, wer sie ist.“ Ians Stimme zitterte leicht.

„Dann schieß mal los, hier im Pub war eigentlich das ganze Dorf schon mal, also kenn ich sie bestimmt.“

„Na ja, viel konnte ich nicht erkennen“, fing Ian an und schob sich eine Strähne aus dem Gesicht. „Sie hat lange schwarze Haare und eine sehr blasse Haut.“

„Hmm.“ Der Wirt überlegte. „Na ja, das könnte Gwen sein, aber die war hier.“ Mit einem Lachen fuhr er fort: „Vielleicht war es ja Niam, die dich mit nach Avalon nehmen will?“ Er lachte über seine eigene Anspielung an die berühmte Sage. Ian war nicht nach Lachen zumute.

„Madoc, ich meine es ernst. Ich will wissen, wer sie ist.“

„Dann tut es mir leid, da kann ich dir auch nicht weiter helfen. Mir fällt niemand ein, der da gestern gewesen sein könnte und so aussieht.“ Der Wirt legte ihm eine Hand auf die Schulter und stand auf, um wieder hinter dem Tresen zu verschwinden.

Ian kippte das Glas Gin hinunter und erschauerte kurz wegen des bitteren Geschmackes.

Als er das Bier geleert hatte, stand er auf. Darauf bedacht, nicht zu schwanken, durchquerte er die Kneipe und verließ das Gebäude.

Nach ein paar Minuten Wanderung bog er in eine kleine Seitenstraße ab, die zum Burghügel führte.

Eine plötzliche Bewegung erhaschte seine Aufmerksamkeit, aus einem Hauseingang trat eine Frau. Die langen schwarzen Haare und der dunkle Trenchcoat waren unverwechselbar. Sie war es. Langsam ging er ihr nach, darauf bedacht, nicht aufzufallen.

„Was machst du hier eigentlich?“, fragte er sich selbst. „Du läufst irgendeiner fremden Frau nach, nur weil sie dich angelächelt hat. Bist du wirklich so verzweifelt?“ Er versuchte seine Gedankenstimme zu ignorieren und ging weiter gerade aus. Ein paar ereignislose Minuten vergingen, als die Frau plötzlich nach rechts abbog, in eine weitere Seitenstraße.

Ian folgte ihr, doch als er die Straße betrat, war niemand mehr dort.

Nur eine Krähe saß auf einem Baum und starrte ihn an.

Ihr Krächzen riss ihn aus seinen Gedanken und ließ ihn wieder suchen Er sah sich um. Doch nirgendwo war auch nur die Spur einer Frau im Laternenlicht zu sehen. Frischer Schnee bedeckte die Straße glatt und unberührt.

„Hast du sie dir nur eingebildet?“ Ian war verunsichert.

Als er zur anderen Straße zurückging, waren auch dort keine Spuren zu sehen, außer seinen eigenen. Verwirrt folgte er der Straße zum Burghügel. Bald endete die Reihe der Laternen und nur noch das kalte Licht des Mondes beleuchtete ihn und die Burg.

Ihre finsteren Umrisse schienen Ian förmlich anzuziehen, luden ihn ein, erneut auf den Turm zu steigen. Dort, wo alles begann. Wieder sah er Lynns Gesicht, ihr Lächeln. Und den Ring.

„Nein.“ Ian rief es laut aus, doch es war zu spät. Die Wellen der Erinnerung brachen wieder über ihn herein. Bilder von Lynn, Bilder von glücklichen Tagen. Sie zwangen ihn in die Knie, wieder einmal.
„Nein!“ Ian schrie. Tränen liefen seine Wangen hinunter, als er wieder auf die zitternden Beine kam. Schritt für Schritt näherte er sich der Ruine, und Schritt für Schritt entfernte er sich von der Realität. Auf einmal war es wieder Frühling, der Schnee war verschwunden und Blütenduft lag in der Luft.

Mit tränenverschleierten Augen stieg er den Turm hinauf und sah sie dort oben stehen. Mit ihrem wunderschönen Lächeln blickte Lynn ihn an. Ihre Lippen formten ein: „Ich liebe dich.“ Doch er konnte es nicht hören.

Er trat auf sie zu und schloss sie in die Arme. Doch anstatt der glücklichen Wärme, an die er sich erinnerte, war sie kalt. Wie Eis.

Sie schaute ihm in die Augen, und er erschrak. Keine Farbe war mehr in ihnen, sie waren schwarz. Lynn legte ihm die Hände auf die Schultern und starrte ihn gefühllos an. „Es ist aus Ian, akzeptiere es. Ich werde nie mehr bei dir sein.“ Mit diesen Worten stieß sie ihn vom Turm. Er fiel. Zurück in die Realität.

Als er die Augen aufschlug stand er noch immer auf dem Turm, schneebedeckt, mit gefrorenem Gesicht und tränenblind. Und immer noch mehr Tränen flossen aus seinen Augen. Langsam schritt er auf die Zinnen zu.

Er blickte sich um. Der Mond schien hell und beleuchtete den Wald vor ihm. Rechts von ihm lag das Dorf, außer den Straßenlaternen brannten nur noch wenige Lichter dort.

Und mit einem Mal wurde die Welt ganz hell. Der Schleier aus Tränen riss, und Ian sah alles klar und deutlich. Er blickte nach unten, und da war sie wieder.

Am Fuß der Burg stand sie und blickte ihn an.

Diesmal lächelte sie nicht, sie schrie. Aber er verstand sie nicht.

Eine Zeile aus einem Lied kam ihm in den Kopf.

„Manchmal muss man einfach nach der Tür greifen, um zu sehen, dass sie schon lange offen stand.“ Und mit diesen Worten im Kopf machte er den Schritt.

Und diesmal fiel er. Und im Fallen verstand er, was die Frau schrie.

„Ian, NEIN!“

Als er aufschlug verspürte er keinen Schmerz.

Nur ein befreiendes Gefühl der Schwerelosigkeit. Ein letztes Mal öffnete er die Augen und blickte in ein vertrautes Gesicht.
Die langen schwarzen Haare, die schneeblasse Haut, das alles kam ihm so unglaublich bekannt vor. Seine Sicht verschwamm und das Leben wich aus ihm.
Er flüsterte „Danke, Gwen“ und schloss die Augen.