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Tote Fische können nicht schwimmen

von Kilian Wolter

Es war in Kylapuu um sieben Uhr früh. Die Morgensonne glänzte auf den taubedeckten Wiesen, als Jonne aus dem Fenster schaute. Er freute sich auf einen schönen Sommertag. Als er sich abwendete, um sich umzuziehen, hatte er ein merkwürdiges Gefühl, wie eine Vorahnung, dass etwas Schlimmes geschehen würde.

In Gedanken versunken bemerkte der vierzehnjährige Junge nicht, wie sich im Nachbarhaus das Fenster öffnete. Erst als sein gleichaltriger Freund Jari rief: „Hey, Jonne“, wurde er aus seinen Gedanken gerissen. „Kommst du mit zur Höhle? Heute ist schönes Wetter, wir könnten den ganzen Tag da bleiben.“ rief Jari.

Gemeinsam mit Jaris Brüdern, Mika und Elias, hatten sie sich im Wald in einer Höhle ein Geheimversteck gebaut. Ohne zu zögern sagte Jonne „Ja!“ Nachdem er sich fertig angezogen hatte, rannte er hinüber zu Jari, der bereits mit seinen Brüdern vor der Tür stand. Sie packten noch einige Brötchen ein, ehe sie auf die Pferde stiegen und losritten.

Kylapuu ist eine kleine Insel im Süden von Finnland, die überwiegend aus Wald besteht. Autos gibt es nicht. Hier gibt es vieles nicht, beispielsweise Strom oder Internet. Die 50 Einwohner im Dorf leben beinahe wie in der Steinzeit. Zwar nicht mehr in Höhlen, sondern in den kleinen typischen roten Holzhäusern.

Jonne, Jari, Mika und Elias ritten gerade an den Feldern vorbei, auf denen die Bauern schon arbeiteten. Hier wurde alles angebaut, was die Inselbewohner benötigten.

Dann führte der Weg der Kinder sie weiter am Ufer und somit am Hafen von Kylapuu entlang.

Der Hafen war ein spannender Ort. Wenn man von der Ostsee kam, verzweigte sich die Bucht, in der der Hafen lag, in zwei Teile. Diese waren durch Holzpfähle voneinander getrennt.

In einem Teil lag das große Holzschiff, in dem alle Bewohner Kylapuus Platz hätten. Mit diesem Schiff fuhren jede Woche ungefähr 20 Leute an das Festland hinüber, um Waren zu verkaufen und von dem Erlös Trinkwasser zu kaufen. Dieses Trinkwasser ließen sie sich dann immer in Fässer abfüllen, um keinen Plastikmüll zu produzieren. Das Schiff hatte ein großes Segel, bei Windstille konnte man aber auch rudern. In der anderen Teilbucht befanden sich zehn kleine Boote, mit denen die Einwohner um die Insel herumfahren konnten.

An dieser Seite des Hafens befand sich noch ein kleiner Holzschuppen mit einem Flaschenzug. Der Flaschenzug war dazu da, dass man die Fässer mit Trinkwasser von Bord an Land hieven konnte. Der Schuppen ragte so weit über das Wasser, dass das Heck des Schiffes darunter passte. In diesem Schuppen saß meist auch der Hafenmeister. Die Kinder mochten ihn sehr, denn er erzählte ihnen oft Geschichten von der Ostsee.

„Morgens schimmert das Wasser immer so geheimnisvoll.“, sagte Elias.

„Ja“, antwortete Mika, „doch heute glänzt es richtig stark und das Wasser ist so schwarz! Was ist das?“ Niemand wusste eine Antwort darauf. Nachdem die vier Jungen eine Weile am Rand der Insel, an dem die Häuser standen, entlanggeritten waren, kamen sie zu einer Gabelung.

Nach links ging es weiter am Ufer entlang, nach rechts ins Innere der Insel, den Wald.

Sie bogen rechts auf einen engen Weg parallel zu einem Bach und waren schon bald von vielen Bäumen umgeben. Der Bach, an dem sie entlangritten, war ein Ausläufer der Ostsee, der nahezu durch die ganze Insel fließt. Auch hier war das Wasser schwarz und, obwohl kaum von der Sonne beschienen, glänzte es auch hier. Jari, Jonne, Elias und Mika banden ihre Pferde an einen Baum, überquerten das Wasser mittels eines Baumstamms, den sie quer darüber gelegt hatten, schoben den Stein, den sie als Tür benutzten, zur Seite und krochen in die Höhle. Sie war so groß, dass circa acht Personen reinpassten. Sie setzten sich auf den kalten Boden, nahmen sich Steinchen und schlugen damit noch mehr davon aus den Felswänden. Mit denen spielten sie normalerweise immer Weitwurf, doch das wurde ihnen heute schnell zu langweilig. Übermütig schlug Jari einen großen Felsbrocken ab, der zwischen den vier Jungen auf den Boden fiel und in weitere Teile zersprang. Mika hob einen der Steinsplitter auf. Nach näherer Betrachtung sagte er: „Der sieht aus wie ein Pferd!“ Auch die anderen drei hoben je einen Gesteinsbrocken auf und betrachteten sie. „Dieser sieht aus wie ein Fass“, stellte Elias fest, „seht ihr, wie rund er ist?“

Sie fanden sogar ein etwas größeres Teil in der Form eines Segelschiffes, an dem sie dann konzentriert herumhämmerten, bis man Details erkennen konnte. Sie vergaßen alles um sich herum und arbeiteten an ihrem Modell und Jari spielte auf seiner Mundharmonika. Irgendwann aber hatten Elias und Jonne Durst.

Jonne kroch aus der Höhle, um die Wasserflaschen von den Pferden zu holen.

Dabei kam er wieder am Bach vorbei. Das Wasser glänzte immer noch so schwarz. Er blieb stehen und blickte lange auf das geheimnisvolle Bild, das sich ihm darbot. Nach einer Weile kamen Jari, Mika und Elias aus der Höhle, um nachzusehen, wo Jonne blieb. „Was machst du hier die ganze Zeit? Du wolltest nur Wasser holen.“, fragte Jari. „Du bist den ganzen Tag schon so verträumt. Stimmt etwas nicht?“ Jonne zögerte. Er überlegte, ob er seinen Freunden von seinen Vorahnungen erzählen sollte. Allerdings wollte er seine Gedanken nicht länger zurückhalten. Deshalb platzte es aus ihm heraus:

„Also, hört zu! Ich habe heute Morgen aus dem Fenster geschaut und hatte so ein Gefühl im Bauch, so eine Art Hammer, der gegen meine Nerven klopft, dass irgendetwas passiert ist. Ich wusste nicht, was genau es war. Als wir heute durch den Hafen geritten sind und das Wasser so schwarz glänzte, da kam es mir schon komisch vor und da war wieder dieses Gefühl, diese Vorahnung. Das schwarze Wasser, vielleicht war es das. Und jetzt habe ich das eben wieder gesehen und es riecht auch nicht wie normales Wasser. Ich bin immer mehr der Meinung, dass es mit meiner Vorahnung in Verbindung steht und dass es gefährlich ist.“ Mika stand auf: „Wenn das so ist, sollten wir vielleicht einfach mal mit Eetu darüber sprechen. Am besten reiten wir sofort nach Hause und fragen ihn. Das Steinboot können wir mitnehmen.“

Jari und Elias, Jonne sowieso, waren damit einverstanden. Elias holte noch das Steinboot und schloss das Eingangsloch der Höhle.

Sie ritten wieder den Weg entlang, dem Bach folgend aus dem Wald heraus.

Dann aber lenkten sie die Pferde schon vor der Gabelung nach links und ritten hinter den Finnenhütten entlang, vorbei an den sonnigen Wiesen, auf denen die Kühe grasten. Es waren um die 30 Kühe, die hier tagsüber standen und lagen. Jeden Abend, wurden sie gemolken, bevor sie an den Waldrand getrieben wurden. Fast jedes Kind in Kylapuu kam, um mitzuhelfen, denn das Melken wurde hier mit Hand gemacht und dauerte lange. Direkt neben den Kuhweiden stand ein großer Stall für die Hühner. Sie legten so viele Eier, dass ganz Kylapuu davon satt wurde und sogar noch etwas zum Verkaufen übrig war.

Folgte man dem Pfad weiter, so kam man zu einer Höhle.

Sie war einfach da, am Waldrand. Sie war riesig. Deshalb hatten die Bewohner Kylapuus beschlossen, sie als ihren Treffpunkt zu deklarieren. Sehr häufig versammelte sich ganz Kylapuu hier, um gemeinsam zu essen und zu palavern. Man konnte auch auf das Dach der Höhle gehen.

Hier backten die Frauen Brot und Brötchen, denn bei gutem Wetter schien die Sonne so heiß auf die Steine, dass barfuß die Füße brannten.

Jari, Elias, Mika und Jonne ritten im Schritttempo, den Vögeln lauschend, immer weiter, bis sie sich den Schweinen näherten, die sich im sumpfigen Ufer des großen Sees laut grunzend wälzten.

Doch über dem See, in dem die Männer mit Speeren nach Fischen stachen, surrten auch viele Mücken. Sie flogen um Elias´ Kopf, erst leiser, dann bedrohlich laut, es juckte. Jari betrachtete entsetzt seinen linken Arm, der so rot war, wie ein blühendes Mohnfeld.

„Lasst uns mal bitte etwas schneller reiten, ehe wir den Mücken hier noch komplett zum Opfer fallen“, und sie galoppierten den restlichen Weg bis zur Hütte von Eetu.

Eetu war der Dorfälteste und hatte schon viel erlebt, sodass die Kinder hofften, dass er auch mit dem schwarzen Wasser Erfahrung hatte. Mika klopfte an die rote Holztür. Ein alter Mann, klein, trockene Haut, wenige graue Haare auf dem Kopf und Falten im Gesicht, öffnete ihnen die Tür und bat sie herein. Eetu setzte sich auf seinen Schaukelstuhl, die vier Jungen setzten sich gegenüber dem fünfundachtzigjährigen Mann auf eine Bank.

„Schön dass ihr hier seid, irgendwie seht ihr ein wenig erschrocken aus. Ist etwas passiert?“

Jonne berichtete, wie er morgens mit Vorahnungen aus dem Fenster geschaut hatte und von dem schwarzen, glänzenden Wasser. Als er fertig war, fügte Mika noch hinzu:

„Das kam uns alles sehr seltsam vor, deshalb wollten wir mit dir darüber reden.

Wir dachten, du hättest so etwas schon einmal erlebt und könntest uns erklären, ob das Wasser wirklich anders ist als sonst. Weißt du etwas?“

Eetu dachte eine Weile nach, ehe er antwortete:

„Ja, wir hatten so etwas schon mal, ich erinnere mich noch sehr genau. Da gab es euch noch nicht. Ich war damals selber knapp älter als ihr. Ich spielte mit meiner Schwester im Hafen Verstecken. Sie hatte sich hinter dem Schuppen des Hafenmeisters versteckt, ich habe sie gesucht. Doch ich fand sie nicht. Da fielen mir, genauso wie euch die schwarzen Flecken auf dem Wasser auf. Darin sah ich das Spiegelbild meiner Schwester, wie sie hinter dem Schuppen hockte. Ich ging zu ihr und sie fragte mich, wie ich sie denn gesehen hätte. Ich antwortete ihr, dass ich sie als Spiegelbild im Wasser gesehen hatte. An dem Tag schien die Sonne aber gar nicht. Beide starrten wir ungläubig auf das Wasser. Wenn man genauer hinschaute, sah man, dass sich das Wasser auch nur an einem Fleck spiegelte. Auch wir fanden das komisch und deshalb liefen wir zu unseren Eltern.

Die konnten uns auch nichts Genaueres darüber berichten. Am Abend sahen wir am Horizont ein Schiff auftauchen. Es war ein Schiff der finnischen Armee. Sie kamen mit einer wichtigen Mitteilung zu uns in den Hafen und sagten, dass weiter draußen auf dem Meer ein Schiff und ein Öltanker kollidiert waren und das Erdöl ausgelaufen sei. Wir hatten keine Nahrung mehr und waren ratlos, was wir dagegen unternehmen sollten. Ihr wisst, dass wir hauptsächlich vom Fischfang leben und die Fische waren verseucht. Wie sollten wir überleben? Die Soldaten sagten uns, dass man uns regelmäßig Essen bringen würde. Da waren wir ein bisschen erleichtert. Doch es war trotzdem eine Katastrophe und eine schlimme Zeit. Zum Glück war nicht sehr viel Erdöl ausgeflossen. Nach 28 Tagen war es wieder weg und wir konnten ganz normal weiterleben.

Es könnte diesmal auch wieder Erdöl sein.“

Man schrieb den 14. Juli 2008. Ein Tag vor dem Ereignis, was das Leben aller Bewohner rund um die Bohrinsel „Devil of Oil“ verändern sollte. In der Abendsonne schimmerte die Plattform rot und warf ihr Spiegelbild auf das Meer.

Samu Koskinen, 45 Jahre alt und leitender Techniker der Bohrinsel, überprüfte in seinem Büro auf dem Kontrollbildschirm die Daten der Bohrung, die auf dem Festland vom Auftraggeber überwacht und aufgezeichnet sowie in Notfällen an die Bohrinsel weitergegeben werden:

14.7.2008; 20.00 Uhr

Bohrtiefe: -1500m u.d.M.

Warnungen: 1 Kick unterhalb der Bohrtiefe

Mineralvorkommen: Erdöl, Erdgas

Alles lief nach Plan, bis auf diesen einen Kick. Kicks waren Erdgasvorkommen bei Tiefbohrungen.

Samu meldete den Erdgasausbruch seinem Chef im Büro nebenan.

Der nahm es gelassen und sagte, er solle die ausführenden Arbeiter informieren, die Sache aber nicht zu ernst nehmen. Samu, eine von Natur aus vorsichtige Person, war die Sache nicht geheuer, denn von seinem Vater wusste er, dass Kicks nicht ungefährlich waren.

Er lief die Treppen runter zum Bohransatz, wo die Arbeiter gerade dabei waren, eine neue Bohrstange einzusetzen und rief:

„Achtung! Unter dem Bohrkopf tritt Erdgas aus, angeblich unbeachtlich!“, bevor er wieder in sein Büro zurück ging.

Samu hasste Nachtschichten. Es war einfach nicht zu ertragen, jede Stunde die Bohrungen zu kontrollieren, während andere seines Alters schon schliefen. Müde schaute er aus dem Fenster.

Kleine Blubberbläschen waren auf dem Wasser zu erkennen. Wie ein Fischschwarm zappelten sie durchs Wasser. Träumte er? Nein, die sind echt! Das Erdgas?

Nachtschicht! Die ausführenden Bohrarbeiter befestigten den letzten Haltering um den Bohrstab, ehe die Maschinen stoppten und Ruhe einkehrte. Alle gingen in ihre Kojen. Nur Samu blieb mit einer Tasse Kaffee am Fenster sitzen und wachte. Nach einer Weile schaute er auf seinen Computer.

14.7.2008; 21.57Uhr

Bohrtiefe -1530m unter dem Meeresspiegel,

 2 Kicks direkt unter dem Bohrkopf!

Mineralvorkommen: Erdöl, Erdgas

Samu war geschockt. Jetzt sind es schon zwei Kicks und sie kamen immer höher. Er überlegte: Gas steigt nach oben, da es leichter als Wasser ist. Unter dem hohen Druck, mit dem das Gas aus der Tiefe nach oben kommt, dürfte es zumindest hohe Wellen auslösen. Und…“, ihm stockte der Atem, „es könnte sich entzünden!“

Er versuchte sich zu entspannen, doch er konnte einfach nicht ruhig bleiben.

Er schaut wieder auf den Bildschirm.

14.7.2008; 22.00 Uhr

Bohrtiefe: -1530m u.d.M., fixiert

Warnungen: 3 Kicks direkt unter dem Bohrkopf

Mineralvorkommen: Erdgas, Erdöl

Wasserdruck: 159,75 bar

Die Kicks wurden mehr, der Wasserdruck höher als der Richtwert. Samu hielt es für sinnvoll,

seinen Chef erneut zu benachrichtigen. Doch im Büro war niemand.

„Bestimmt ist er auch schon in seiner Koje.“ dachte er sich.

Er ging zurück in sein Büro und wählte die Nummer seines Chefs auf dem Bürotelefon.

+358 070 707-111. Seit Jahren rätselte Samu, warum sein Chef ausgerechnet dreimal die Eins

als Durchwahl gewählt hatte. Laut gähnend meldete sich der Chef am anderen Ende der Leitung:

„Haber hier! Es ist spät, was wollen Sie um diese Uhrzeit von mir, Koskinen?“

„Guten Abend, die Zustände des Bohrlochs weisen Probleme auf! Der Wasserdruck ist viel zu hoch,

er entspricht einer Tiefe, die um 100 Meter tiefer ist, als die, auf der sich der Bohrkopf befindet.

Außerdem zeigt der Bildschirm drei Erdgasausbrüche neben der Bohrung. Ich kann mir einen Blowout gut vorstellen.“

Haber, der Chef, lachte laut, als er das hörte.

„Sie Pessimist! Es wird schon nichts geschehen. Holen sie sich einen Kaffee und machen sie es sich in ihrem Büro bequem. Gute Nacht!“

Die Leitung wurde unterbrochen. Pessimist also. Nur weil er seinem Chef die Realität nahelegte.

Samu bekam Kopfschmerzen. Er beschloss, ein bisschen auf der Bohrinsel spazieren zu gehen. Vielleicht wurden seine Kopfschmerzen durch die frische Luft besser. Er ging langsam über die Treppe nach unten und durch die Kombüse nach draußen. Dann weiter über den oberen Rundgang, bis hin zum Bohrturm.

Er hörte leise und gedämpft den Hall seiner Schritte auf dem Stahlboden und spazierte bis zur Aussichtsplattform, die über den Rest der Bohrinsel hinausragte.

Das Rauschen der Ostsee beruhigte ihn, wirkte aber gleichzeitig bedrohlich. Für eine Weile stand Samu einfach nur da und schaute auf das Meer hinaus. Zehn Minuten später ging er wieder zurück in sein Büro, um sich bei einer Tasse Kaffee aufzuwärmen. Als er sich mit dem Kaffee hinsetzt, hörte er einen ohrenbetäubenden Knall und gleich darauf sah er, wie Tropfen mit großer Wucht an die Fensterscheibe seines Büros prasselten. Panisch rannte er durch den abgedunkelten Gang, schloss alle Brandschutztüren und hechtete durch eine offenstehende Glastür nach draußen. Es roch nach Erdgas und man sah Erdöl vermischt mit Bohrschlamm und zerfetzten Teilen des Bohrrohres in einer haushohen Fontäne aus dem Meer schießen.

Entschlossen sprintete er zum Feuermelder, schlug die Glasscheibe ein und drückte den roten Knopf. Ein auf- und abschwellender Sirenenton schallte unüberhörbar über die ganze Bohrinsel. Samu zog sich eine Schwimmweste an und eilte zum Treffpunkt im Sicherheitsbereich, der sich auf der Spitze des Büroblocks der Bohrinsel befand. Von hier, dem höchsten Punkt der Bohrplattform besteht eine Evakuierungsmöglichkeit über eine steile Notrutsche, um direkt die Rettungsboote zu erreichen. Er eilte zu einem der drei Schaltkästen, die am Zaun des Notfalltreffpunktes befestigt waren und betätigte einen roten Hebel. Mit ihm konnte man den Blowoutpreventer manuell betätigen, falls der nicht schon automatisch eingeschaltet war. Dabei handelt es sich um ein knallrotes, knapp 20 Meter langes Rohr mit Ventilen an den Seiten, das im Falle eines Blowouts das Bohrloch verschließen soll. Nachdem Samu den Hebel betätigt hatte, krachte der schützende Koloss platschend ins Wasser und glitt am Steigrohr hinab in die Tiefe bis zum Bohrloch auf dem Meeresboden, als Haber und alle weiteren Angestellten der Bohrinsel eintrafen. Der Blowoutpreventer sollte, am Bohrloch angekommen, das Steigrohr kappen und als Verschluss dienen, um weiteres Ausdringen des Erdöls und des Erdgases zu verhindern, das schien zu funktionieren, denn die Fontäne wurde kleiner und verschwand.

„Koskinen, sie hatten Recht. Haben sie die Küstenwache und den Katastrophenschutz alarmiert?“ fragte Haber ganz außer Atem.

„Nein.“ antwortete Samu nur knapp. „In Ordnung, tätigen sie bitte jetzt einen Notruf, wir ziehen uns schon Schwimmwesten an, dann…“

Haber wurde durch einen ohrenbetäubenden Knall unterbrochen. Eins der Ventile musste geplatzt sein, denn jetzt sah man wieder eine Fontäne.

Als man am Horizont die großen Boote des Katastrophenschutzes sah, ertönte ein zweiter Knall, der sogar die Sirenen übertönte und ein riesiger Ölteppich verteilte sich über der Ostsee.

„Der Öltank ist explodiert!“ hörte man einen der Arbeiter rufen.

Gemeinsam mit Eetu gingen Jari, Elias, Jonne und Mika zum Hafen. Das Wasser war immer noch schwarz. Ein beunruhigender Anblick. Das Erdöl schien zuzunehmen und es waren schon die ersten toten Fische zu sehen, die auf dem Rücken im Wasser trieben. Tote Vögel lagen am Strand mit schwarz verklebtem Gefieder. Gräser und Blumen waren pechschwarz.

„Es sieht genauso aus wie damals.“ sagte Eetu, „doch heute ist es noch viel mehr. Wir werden nicht mehr fischen können! Holt alle Bewohner Kylapuus zur großen Höhle, es wird einiges zu besprechen geben. Ich gehe schnell vor.“

Die vier Jungen sprangen auf ihre Pferde und ritten den Weg entlang bis zu einer Erhebung, auf der die Häuser ihrer Familien standen, sagten ihren Eltern Bescheid und informierten den Rest des Dorfes.

Nach und nach füllte sich die Höhle. In der Höhle selbst war es erfrischend kalt.

Nach heißen Sommertagen ein angenehmer Ort, in dem heute eine sehr besorgte und traurige Stimmung herrschte. Eetu leitete die Versammlung.

„Als ich klein war, “ begann er, „ist so etwas auch schon mal passiert. Damals stießen zwei Schiffe zusammen. Bei dem Unglück lief das Erdöl aus und verteilte sich über das ganze Meer. Erdöl ist giftig für uns wie für die Tiere. Wir verfügen über keine Vorräte mehr, dürfen aber auch kein Risiko eingehen. Man könnte am Festland Nahrung besorgen. Oder hat irgendjemand eine andere Idee, wie wir an etwas zu Essen und trinkbares Wasser gelangen?“ Doch niemand hatte eine Idee. „Wir haben auch kein Geld“ fuhr Eetu fort, „mit dem wir uns Nahrung kaufen könnten. Und unser Vieh können wir nicht verkaufen, da es von dem verseuchten Wasser getrunken hat. Fällt irgendjemandem etwas ein, wie wir uns Geld beschaffen können? Am besten klären wir Erwachsenen das allein und ihr Kinder geht mal kurz raus.“

Die vier Jungen verließen die Höhle. Draußen an der frischen Luft meinte Jari:

„Warum müssen wir eigentlich immer rausgehen, wenn die Erwachsenen etwas besprechen wollen? Lasst uns auf das Dach der Höhle gehen und durch das kleine Loch mithören, was sie besprechen!“

Sie kletterten hoch und lauschten.

„Es gibt nur eine Lösung, um Geld zu bekommen“, hörten sie Eetu verkünden, „und sie ist das Letzte, was wir wollen, doch es geht nicht anders. Wir hatten vor Jahren von einem Herrn Burner aus Südfinnland mal diese Anfrage über den Verkauf unseres Waldes bekommen. Für den Anfang reicht vielleicht der kleine Teil am Fluss. Wir müssen bei unserer nächsten Überfahrt den Bürgermeister bitten, dass er den Kontakt zu diesem Herrn Burner herstellt.“

Entsetzen breitete sich auf den Gesichtern der vier Jungen aus. Der Wald sollte verkauft werden?

Ausgerechnet das Stück, auf dem sich das Versteck der Kinder, die kleine Höhle befand?

Die ersten Leute kamen wieder aus der Höhle und Jari, Jonne, Elias und Mika rannten entsetzt zu Eetu:

„Warum soll der Wald verkauft werden, wir brauchen ihn zum Spielen und er ist für uns alle sehr wichtig. Du darfst den Wald nicht verkaufen.“ rief Mika, beinahe mit Tränen in den Augen.

„Ich will es auch nicht, “ antwortete Eetu, „aber es bleibt uns keine andere Wahl. Wir werden noch heute Abend gen Festland aufbrechen und ihn zum Verkauf freigeben müssen.“

Traurig ritten die vier Jungen durch den Wald zu ihrem Geheimversteck. Niemand sagte etwas, sie ritten mit gesenkten Köpfen voran. Angekommen an der Höhle stiegen sie langsam ab und schoben gemeinsam den Stein beiseite. In der kleinen Höhle, die ebenfalls unter der Erde lag, war zum Glück noch kein Erdöl. Elias war der Erste, der das Schweigen unterbrach:

„Es nützt nichts, hier rumzusitzen und nichts zu unternehmen. Lasst uns überlegen, wie wir handeln können, damit der Wald nicht verkauft werden muss!“

Dem stimmten sie zu.

„Wir brauchen Geld, eine andere Lösung gibt es nicht! Ich glaube, in dem Punkt sind wir uns einig.“ meinte Jonne.

„Deine Idee ist gut, aber woher willst du das Geld erhalten? Da muss uns noch etwas einfallen!“, erwiderte Jari.

„Wie wäre es, wenn wir mitfahren ans Festland um zu versuchen, ob wir auf irgendeine andere Art an Geld kommen könnten?“

„Na dann aber schnell, bevor die Erwachsenen losfahren, müssen wir uns im Hafen befinden!“

Und so galoppierten die vier Jungen durch den Wald zurück an die Küste, bis zu jener Erhebung, auf der sie wohnten. Sie stellten die Pferde in den Stall und rannten in ihre Häuser, um sich warme Kleidung für die Nacht auf dem Meer zu holen und den Müttern Bescheid zu sagen.

Schon von weitem sah man die Männer, wie sie Wasserkanister und Holzfässer auf das große Schiff luden. Man guckte Jari, Jonne, Mika und Elias erst komisch an, aber als sie erklärten, was sie vorhatten, wurden sie mit auf das Schiff gelassen. Alle Männer Kylapuus, sogar Eetu, waren dabei.

Die Frauen blieben zuhause und passten auf die kleinen Kinder auf. Das letzte Brot wurde aufgeteilt. Vier Brotlaibe nahmen die Männer und die vier Jungen mit auf hohe See, die anderen

vier wurden für die Frauen und die kleinen Kinder da gelassen.

Die Taue wurden losgemacht und die Ruder in die Hand genommen.

Die Frauen standen mit den kleinen Kindern am Ufer und riefen dem Schiff hinterher:

„Kehrt mit guten Nachrichten wieder! Bringt uns die Hoffnung zurück! Passt auf euch auf und gute Fahrt!“

Jari und Jonne hatten sich auf die Bank ganz hinten links gesetzt, Elias und Mika auf die Bank daneben. Sie mussten noch nicht mitrudern, dafür aber später in die Takelage klettern, um die Segel zu hissen. Das machten die Kinder mit großem Vergnügen, da sie sich gerne in der Takelage aufhielten. Es stank nach Erdöl und das Schiff fuhr mitten hindurch. Überall trieben Fische auf dem Rücken und pechschwarze Seevögel. Nach einigen Seemeilen kam Eetu nach hinten und sagte den Kindern, dass es Zeit sei, die Segel zu hissen. Oben war es windig und kalt, aber man hatte einen tollen Ausblick über das Meer und ganz in der Ferne sah man einen kleinen Punkt mitten im Meer. Kylapuu.

Die vier Jungen arbeiteten sich auf den dünnen Holzstreben kriechend bis zum jeweils äußersten Knoten, der das Segel hielt und lösten ihn, so dass der äußerste Teil des Segels herunterhing.

Es folgte der nächste Knoten, als am Himmel graue Regenwolken auftauchten und es noch stürmischer wurde.

„Wir müssen uns beeilen, wenn wir nicht nass werden wollen!“ rief Jari.

Doch da fielen schon die ersten Tropfen auf die Planken. Schnell lösten die vier Jungen die anderen Knoten und stiegen weiter nach oben zum oberen Segel. Der Wind wehte sie um ein Haar von der Takelage. Es hatte begonnen zu gewittern und vor lauter Regen sahen Mika und Elias noch nicht mal mehr Jari und Jonne, die bereits fertig waren und auf der anderen Seite des Mastes auf sie warteten. Es war sinnlos, jetzt die Anker zu werfen, denn bei dem Wind würden sie direkt gegen die Riffe gepresst. Und doch gab es Zweifel am Weiterfahren, denn bei so einem Unwetter würden sie sowieso keine weite Strecke zurücklegen können, da der Wind zu stark war, um ihm entgegen zu segeln und außerdem die Wellen im weiteren Verlauf der Route noch stärker waren, sodass die Männer und die vier Jungen die Orientierung verlieren und an irgendeinem anderen Ziel ankommen könnten.

Plötzlich passierte etwas Unerwartetes: Mika löste gerade den äußersten Knoten, als Elias auf dem nassen Holz ausrutschte. Mit Schrecken sahen die restlichen drei Jungen zu, wie er in die Tiefe fiel. Sie konnten ihm nicht helfen. Er fiel, stieß gegen die Takelage, fiel weiter runter und landete im Wasser. Erschrocken guckten alle ins Wasser. Elias schlug nicht um sich, schwamm auch nicht, der Sturz musste ihn um das Bewusstsein gebracht haben.

Aber er trieb oben und es schien als ob er atmete. Aus der Schockstarre gelöst sprang Jonnes Vater als erster in das eiskalte Wasser, umklammerte Elias und schwamm mit ihm im Arm wieder an das Schiff heran. Der Vater von Jari, Mika und Elias ließ eine Strickleiter hinunter und half mit ein paar anderen Männern, Elias an Deck zu hieven. Jonnes Vater kletterte wieder hoch und Jari, Jonne und Mika kamen aus der Takelage.

„Lebt er noch?“, fragte Mika. Sein Vater antwortete ihm mit schwacher Stimme: „Ja, er lebt, aber er ist bewusstlos. Hole einen Schluck Milch, vielleicht kommt er mit Flüssigkeit wieder auf die Beine.

Und ihr, Jari und Jonne, helft mir, Elias unter das Deck zu tragen und ihn in warme Decken zu wickeln.“

Unter Deck war es warm, die Luft war frisch und es roch nach Holz. Elias öffnete mühsam seine Augen. Er besann sich und wusste sogar, was geschehen war. Erleichtert atmeten alle auf. Elias war gerettet und er war bis auf eine kleine Wunde an der Schulter gut davongekommen.

Doch das Unwetter wütete immer noch. Niemand traute sich mehr raus auf das Deck, die Wellen ließen das Schiff auf- und absteigen und alle saßen unter Deck an einem Tisch und bangten um ihr Leben. Wasser schlug mit riesigen Wellen auf das Oberdeck. Das Schiff war den starken Winden hilflos ausgeliefert. Man hatte zwar die Segel gerefft, um dem Sturm nicht so viel Angriffsfläche zu bieten, aber vielleicht war das nicht ausreichend. Der nächste oder übernächste Blitz könnte sie als höchsten Punkt in der Umgebung treffen und den Mast zerstören.

Die Nacht brach über die tosende See herein und die Männer und die vier Jungen versuchten sich unter Deck einen sicheren Platz einzurichten, auf dem sie die Nacht verbringen konnten.  Jeder hatte eine Decke aus Tierfellen und Jari, Jonne, Elias und Mika fanden dicht beieinander einen Platz und unterhielten sich leise, damit die Erwachsenen nichts mitbekamen.

„Glaubt ihr, dass der Sturm und das Gewitter heute Nacht noch aufhören?“, flüsterte Mika.

„Ja“, antwortete Jonne, „aber wir müssen nochmal überlegen, was wir auf dem Festland genau unternehmen wollen.“ „Das ist eine gute Frage, denn wir können nicht einfach zu den Leuten hingehen und sie fragen, ob sie uns nicht ein wenig Geld geben könnten.“, meinte Jari.

„Wir müssen etwas vollbringen, für das wir Geld bekommen! Wir könnten uns auf die Straße stellen, musizieren und die Leute geben uns dann dafür Geld!“

„Wir können aber nicht auftreten, da wir keine Instrumente besitzen.“, erwiderte Jonne, „es sei denn, wir bauen uns welche aus Sachen, die wir im Hafen finden. Wir könnten aus Stoff Fahnen basteln, damit die Leute auf uns aufmerksam werden, zum Bemalen nehmen wir Kohlestücken. Wir könnten uns aus Wasserfässern und Stoff Trommeln selbst bauen und in kleinen Blechdosen das Geld einsammeln. Außerdem hat Eetu uns mal gezeigt, wie man auf einem Kamm bläst, Kämme kriegen wir bestimmt! Einverstanden?“

Alle nickten und somit war der Plan beschlossen und die Kinder gingen schlafen.

Am nächsten Morgen war die See tatsächlich ruhig und es nieselte nur noch leicht. In der Ferne konnte man sogar schon Land erkennen. Ob es das Festland war, wusste Elias nicht, denn er war erst einmal dort gewesen. Außerdem war es zu weit weg.

Elias stand alleine am Bug des Schiffes. Plötzlich legte sich eine Hand auf seine Schulter: „Na kleiner Bruder, schon auf morgendlicher Aussichtstour?“

Es war Jari, der mit verschlafenen Augen hinter ihn getreten war.

Auch die anderen Leute auf dem Schiff kamen aufs Deck und schauten über das Meer.

Nach zwei Stunden konnten die 20 Männer und die vier Jungen im Hafen anlegen.

Es war tatsächlich Finnland. Hier teilten die Männer sich untereinander auf.

Eine Gruppe besorgte das übliche Trinkwasser, die nächste ging zum Bürgermeister, um zu melden, dass sie in Not waren. Der Bürgermeister erschrak, als er hörte, was passiert war. Sprachlos saß er auf seinem Stuhl. Nach einer Weile brach er endlich sein Schweigen: „Ich könnte euch Essen mitgeben, aber das reicht nicht für mehrere Monate. Und die Regeln weisen mich in die Schranken, was den Nachschub betrifft. Ich kann euch leider nicht mehr helfen. Ich fürchte, dass ihr euren Notplan in die Tat umsetzen und einen Teil eures schönen Waldes verkaufen müsst, um euch von dem Geld zu ernähren. Ich kann euch leider auch nichts geben, da unsere Stadt momentan selbst einen finanziellen Engpass hat. Und wenn ich von der Erdölkatastrophe höre, kann ich mir gut vorstellen, was uns noch für Ausgaben für den Küstenschutz erwarten.“

„Könntest du zu Herrn Burner Kontakt aufnehmen und ihn fragen, ob er immer noch Interesse am Wald hat?“, fragte Jaris Vater.

„Ja, klar, ich informiere euch dann.“

Die Männer bedankten sich und verließen besorgt und resigniert das Rathaus.

Währenddessen liefen Jari, Jonne, Mika und Elias planlos durch die Stadt und vergaßen völlig das Erdöl, so beeindruckt waren sie von der Kleinstadt und ihren vielen Häusern. Besonders der Strom, das elektrische Licht und die Autos fanden sie faszinierend.

„Hier ist die Luft total stickig, nicht so wie bei uns, das kommt bestimmt durch die vielen Autos!“, meinte Elias. Doch als es spät wurde, hatten die Kinder endlich einen Plan. Am nächsten Mittag sollte die Rückfahrt nach Kylapuu angetreten werden.

„Lasst uns nochmal überlegen, was wir für unsere Aktion brauchen.“, meinte Jari, als sie wieder pünktlich zum Sonnenuntergang auf dem Schiff ankamen; und so zählten Jonne und Mika auf.

Elias war unterdessen eingeschlafen.

„Also“, begann Jonne, „wir brauchen auf jeden Fall Stoff und Kohle zum Schreiben für die Fahne, mit der wir die Aufmerksamkeit der Leute gewinnen wollen, eine Dose für das gesammelte Geld und Stoff und Fässer für die selbstgebauten Trommeln. Kämme zum Draufblasen finden wir bestimmt auch noch. Die Stoffe könnten wir mit Angelsehne an den Fässern befestigen. Reicht das?“

„Das einzige Problem, das es jetzt noch zu lösen gilt, ist das Geld, mit dem wir die Sachen kaufen können, die wir brauchen.“, erwiderte Mika und Jari meinte, sie könnten am nächsten Morgen mal durch die Straßen gehen und fragen, ob jemand die Materialien übrig hätte und sie ihnen geben könnte. Und über diesen Gedanken schliefen auch Jonne, Jari und Mika ein.

Es regnete, als die vier Jungen aufwachten. Das Schiff schwankte leicht in der Bucht und alle anderen schliefen noch, als sich die Kinder vom Schiff entfernten, um die Materialien, die sie am Vorabend aufgelistet hatten zu besorgen. Sie gingen sehr früh los, damit sie möglichst viel Zeit hatten und schlenderten am Marktplatz vorbei zur ersten Straße, in der es auch Häuser mit Garten gab. Jari, Jonne, Mika und Elias wollten nicht klingeln, sondern die Leute direkt von der Straße aus fragen, ob sie ihnen etwas geben könnten.

Schon am zweiten Gartentor trafen die vier Jungen einen älteren, netten Herrn an.

Er meinte, dass er keines der gesuchten Dinge im Haus hätte, aber er kenne einen Schrottplatz zwei Straßen weiter, der Kohle und Plastikfässer sammelte. Sie bedankten sich für den Tipp und bekamen sogar noch eine Flasche mit Apfelsaft geschenkt, die sie austranken, ehe sie zum Schrottplatz liefen.

Eine große Hauptstraße führte sie zu einer sehr langen Seitenstraße und sobald man in diese Straße einbog, sah man an ihrem Ende einen großen Torbogen mit weit offen stehenden Türen.

Als Jari, Jonne, Elias und Mika am Torbogen angelangt waren, begrüßte sie ein großer und muskulöser Mann:

„Hallo, ich bin Jim. Was wollt ihr denn abgeben, wenn man fragen darf?“

Irritiert antwortet Jonne:

„Wir wollen nichts abgeben, wir wollten fragen, ob sie uns ein paar Dinge geben könnten, zum Beispiel Kohle, Stoff, Trinkfässer oder Aluminiumdosen, so etwas gibt es eigentlich auf einem Schrottplatz. Ein älterer Herr aus der Nachbarschaft hat Sie uns empfohlen.“

„Ach so, “ meinte Jim, „Kohle hab ich hier genug und beim Altmetall lässt sich bestimmt auch eine Aluminiumdose finden. Fässer sind direkt hinter mir. Eigentlich müsstet ihr dafür bezahlen, aber ich will mal nicht so sein. Schaut euch ruhig um!“

Die Jungen entdeckten erstaunliche Sachen, als sie in den Schrottbergen wühlten.

Es waren Sachen, die sie noch nie gesehen hatten, wie Blechteile von einem alten Auto, Dachziegel aus Kupfer, sogar alte Eisenbahnschienen konnten sie finden. Neben diesen vielen neuen Eindrücken fanden sie auch zwei Blechdosen, unverbeult und mit Deckel.

In die Deckel ließen sie sich von Jim Löcher einschneiden, durch die man das Geld in die sonst verschlossen Dose fallen lassen konnte. Sie stapelten zwei Fässer ineinander und schnallten sie Jari mit Bändern auf den Rücken. Auch Kohle war schnell besorgt und wegen des Stoffes zeigte Jim ihnen den Weg zur benachbarten Näherei, in der ein Freund von ihm arbeitete, der sich gerne anbot, Stoffe und Angelsehne den Kindern zu schenken. Als sie dankbar die Stofftücher und die Angelsehne entgegennahmen, schenkte der Mitarbeiter der Näherei ihnen sogar noch Farbstifte in verschiedenen Farben und meinte, dass die vier Jungen lieber damit die Fahne bemalen sollten, da die Farbe im Gegensatz zur Kohle auch bei Wasser hält. Außerdem gab er ihnen für die Angelsehne zum Abschneiden noch eine kleine Schere mit.

Die Kinder bedankten sich nochmals und gingen zurück zum Schiff.

Als auch die anderen Männer von ihren Landgängen zurückkamen und alle Mann an Bord

waren, löste Jonnes Vater die Taue vom Poller und Jari, Jonne, Mika und Elias gingen unter Deck, um die beschafften Materialien in ihren Taschen zu verstauen.

Wenig später hörten sie ein lautes Schiffshorn mehrmals laut hupen und gingen an Deck.

Sie sahen ein blau-weißes Schiff der Küstenwache, das sich ihnen mit schnellem Tempo näherte.

Am Bug des nahenden Schiffes stand der Bürgermeister und winkte mit einem Stück Papier.

Mittlerweile hatten sich auch die Väter der Kinder, Eetu und die anderen Männer an Bord am Heck versammelt, ihr Schiff angehalten und alle guckten gespannt zum Bürgermeister, der über eine Strickleiter zu ihnen auf das Schiff kletterte.

„Ich habe Herrn Burner angerufen, er hat immer noch großes Interesse an eurem Wald und würde dafür viel Geld bezahlen. Ich dachte, es wäre besser, wenn ich euch die Mitteilung so schnell wie möglich mache.“

„Ja, danke Bürgermeister, wann will er denn kaufen?“, fragte Eetu. Allen auf dem Schiff war klar, dass es keine andere Möglichkeit gab, an Geld zu kommen, außer dem Verkauf des Waldes.

„Übermorgen! Aber nun muss ich zurück, viel Glück“

Also, kurz nachdem die Männer und Jari, Jonne, Mika und Elias nach Kylapuu zurückgekehrt sein würden, sollte auch dieser Burner anreisen.

Am Abend des nächsten Tages erreichten sie Kylapuu. Müde gingen Elias, Jari, Mika und Jonne von Bord und in ihre Häuser, um zu schlafen, während die Väter der vier Kinder, Eetu und die anderen Männer das Boot entluden und die Trinkwasserfässer und den Notproviant zählten und diesen dann in eine große Holzhütte brachten, die als Lager benutzt wurde. Der Proviant reichte für vier Wochen.

Am nächsten Tag sollte Burner eintreffen und es waren noch einige Vorbereitungen zu treffen.

Die große Steinhöhle musste sauber gemacht werden und die Holzbänke wurden ordentlich hingestellt, denn Burner achtete, so viel wussten sie, sehr auf Ordnung und war da sehr penibel, schließlich war er auch ein reicher Mann.

Der Hafen und die Taue wurden geschrubbt und die Frauen kochten ein bisschen Essen, das sie Burner anbieten konnten. Es fiel aufgrund des Notvorrats sehr spartanisch aus.

Die vier Jungen bastelten in der Zwischenzeit in ihrer kleinen Steinhöhle im Wald, in der sie die Materialien für ihre Musikaktion gelagert hatten, die Musikinstrumente zusammen.

Zwei Stunden später erschien am Horizont ein großes blaues Schiff und kurze Zeit später legte es im Kylapuu-Hafen an. Ein Mann in einem schwarzen Anzug mit roter Krawatte und ein Mädchen, blonde Haare, offenbar Burners Tochter, die ungefähr in Jaris Alter war, schritten die Gangway des Schiffes hinab. Eetu wartete an der Spitze aller anderen Bewohner Kylapuus, die gespannt darauf waren, was kommen würde.  

„Sind sie Herr Burner?“, fragte Eetu vorsichtig. „Ja, der bin ich, sie wollen mir ihren Wald verkaufen?“, antwortete Burner mit einer kräftigen, lauten Stimme. „Dann zeigen sie mir mal ihre Steinzeitwelt, oder haben sie sich mittlerweile der Zivilisation angepasst?“

Burner lachte laut, sodass es jeder auf Kylapuu hören musste. Eetu antwortete, dass er ihm gerne die Insel zeigen würde, nachdem sie einige Grundsätze geklärt hatten. Sie begaben sich in die große Steinhöhle, in der zwei Sessel aus Stroh und ein Holztisch aufgebaut waren, und sprachen über die Dinge, die Eetu und Herrn Burner wichtig waren, während sich Joana, die Tochter Burners, den Jungen Jari, Jonne, Elias und Mika zuwendete.

„Ich und meine Freunde“, sagte Eetu, „also wir Bewohner Kylapuus, wollen auf keinen Fall hier weg, wenn sie die Insel kaufen würden. Wir müssen zwar die Insel oder Teile davon an sie verkaufen, um wieder an Geld für Nahrung und andere überlebenswichtige Dinge zu gelangen, denn wie sie sicher erkennen, können wir die Natur momentan nicht nutzen, aber wir veräußern unsere Insel nur ungern. Daher würden wir nur an Sie verkaufen, wenn wir die Insel trotzdem weiter nutzen können. Was werden sie eigentlich mit unserer Insel machen?“, fragte Eetu.

Burner antwortete: „Ich möchte eine kleine Holzfabrik auf einem Teil Kylapuus bauen und den Hafen würde ich gern ein bisschen auf den neuesten Stand der Technik bringen. Um aber wieder zur Holzfabrik zurückzukommen, werde ich nur das Holz dort verarbeiten, was ich für den Bau der Fabrik abholzen lassen muss, sowie Bäume von außerhalb der Insel, aber ich werde nicht die ganze Insel roden! Die Fabrik sollte in nächster Nähe zum kylapuuanischen Hafen errichtet werden, um das Holz auf dem kürzesten Weg zur Fabrik zu bringen. Sie werden sich sicher fragen, warum ich genau hier meine Holzfabrik hin bauen werde? Das hat den Grund, dass eine Holzfabrik sehr laut ist, und es am Festland keine von der Zivilisation weit abgelegenen Orte gibt, wo die Fabrik keine Anwohner stört. Hier ist sie dann weit genug weg von ihren Häusern und wird sie nicht stören! Aber können wir uns jetzt die Insel erstmal angucken?“

Eetu bejahte und sie gingen durch einen Seitenausgang der Höhle zu einer Kutsche mit zwei Pferden.

Eetu und Burner stiegen auf und fuhren um die Insel herum. Burner guckte sich alles an und stellte ein paar Fragen zu einzelnen Orten an denen sie vorbeigekommen waren, ehe ihre Tour am Hafen endete.

Unterdessen hatten die vier Jungen, nachdem sie sich mit Joana unterhalten haben, beschlossen: Sie würden versuchen, mit Burners Schiff zum Festland zu fahren, um ihre Spendensammelaktion durchzuführen.

Als Burner aus der Kutsche stieg, lächelte er in sich hinein: „Gut, ich werde, wenn sie einverstanden sind, die Insel kaufen!“

Eetu schien Burner zu vertrauen und sagte: „Ja, wir sind einverstanden, sie können den Vertrag vorbereiten.“

Elias ging zu Eetu und flüsterte ihm zu:

„Eetu, könntest du fragen, ob Burner uns mit ans Festland nimmt? Wir wollen dort auf dem Bauernhof des Bürgermeisters mithelfen!“

Das hatten sie sich ausgedacht, um mitfahren zu dürfen. Eetu meinte, dass sie erst ihre Eltern fragen müssten, ob die mit ihrem Plan einverstanden sind. Nachdem sie gefragt hatten und die Eltern damit einverstanden waren, gab es für die Kinder kein Halten mehr und Eetu fragte Burner, der zwar überrascht war, aber sagte:

„Eigentlich ungerne, aber ich mache für die Söhne meiner Verkäufer eine Ausnahme.

Wie kommt ihr zurück? Das müsstet ihr noch klären.“

Nachdem man das über das Telefon Burners geklärt hatte und der Bürgermeister sein Einverständnis gab, die Kinder aufzunehmen, zogen sich die Bewohner nach und nach in ihre Häuser zurück und Elias schlich sich zur Höhle, um die Musikinstrumente und die Fahnen und Dosen zu holen. Mika, Elias, Jari und Jonne versteckten neben ihrer Kleidung in ihrem Gepäck auch die Dinge, die sie für ihre Aktion am Festland brauchten, sowie Proviant für die Überfahrt.

Gemeinsam mit Burner betraten die Jungen das Schiff. Ihre Eltern standen am Hafen und winkten, zum Abschied.

Das Schiff sah von innen noch viel luxuriöser aus als von außen. Die Wände glänzten und der Boden war mit rotem Samtteppich bedeckt. Burner führte die Kinder nach links und eine Treppe rauf und oben angekommen befand man sich auf der Brücke, also der Steuerzentrale des Schiffes.

Eine gigantische Glasfront diente als vordere Wand. Davor stand ein Steuerpult, Computer mit riesigen Bildschirmen, ein Steuerrad aus edlem Holz und ein Sessel, der sich so verschieben ließ, dass man von ihm aus alle Elemente des Steuerpults erreichen konnte. Zum Verschieben des Sessels musste man noch nicht einmal aufstehen Es gab an der Armlehne einen Joystick, mit dem man den Stuhl bewegen konnte. Der Raum hatte die Form eines Halbkreises, wovon der runde Teil die Glasfront und der gerade Teil eine normale Wand mit eingerahmten Bildern war. Die Brücke war für die Kinder überwältigend, da sie so etwas noch nie zuvor gesehen hatten.

Ging man die Treppe wieder runter und den Gang in die entgegengesetzte Richtung entlang, so gelangte man zu den einzelnen Kajüten und zu einer Doppeltür am Heck des Schiffes.

Es war kaum zu übersehen, dass das die Tür zum Büro von Burner war. Burner öffnete stolz die Türen seines Büros und präsentierte es den Kindern. Es war eingerichtet mit einem großen Schreibtisch, einem Sessel für Burner und auf der gegenüberliegenden Seite zwei Sesseln für Gäste.

An den Seitenwänden standen Bücherregale. Die Rückwand, die zum Heck des Schiffes zeigte, besaß auch eine Fensterfront. Die vier Jungen kamen aus dem Staunen nicht heraus. Anschließend zeigte Burner den Kindern das Oberdeck mit Liegestühlen und eine Reling aus Holz und Glas. Dort konnten sie nochmal den Eltern zuwinken, bevor Burners Kapitän die Motoren des Schiffes startete und das Schiff ablegte.

Die vier Jungen verbrachten einige Zeit auf dem Oberdeck und Burner war in seinem Büro. Als es dunkel wurde zeigte er ihnen eine Kajüte, in der sie schlafen durften.

Man wünschte sich gegenseitig eine gute Nacht und Burner ging in seine Kajüte.

Die Kajüte der Kinder bestand aus zwei Doppelstockbetten, einem Regal, einem Tisch und einem Bullauge als Fenster. Man hatte viel Platz in der Kajüte.

 Da Jari, Elias, Mika und Jonne noch nicht müde waren, redeten sie leise noch über den Tag.

„Sagt mal, “ meinte Mika, „ irgendwie habe ich das Gefühl, das Herr Burner uns hier etwas verheimlicht. Als er uns sein Büro gezeigt hat, stand er die ganze Zeit vor diesem einen Fach im Regal. Immer wenn ich mich irgendwo anders hingestellt hatte, achtete er darauf, dass wir es bloß nicht angucken konnten. Er wirkte total nervös! Ich würde gerne wissen, was da war. Kommt ihr nochmal mit um ihn zu fragen?“

Jonne antwortete, dass es unhöflich sei, ihn nach so etwas zu fragen. Aber die Tatsache, dass es ihn auch interessierte, konnte er nicht verbergen und schlug deshalb vor, heimlich nachzusehen. Sie beschlossen, noch zu warten bis Burner schlief.

Zwei Stunden später hörte man Burner in seiner Kajüte, die sich neben der der Jungen befand, schnarchen und so brachen sie auf. Leise öffneten sie die Tür und schlichen zu der großen Doppeltür. Vorsichtig drückte Elias die Türklinke nach unten. Ein quietschendes Geräusch war im Schiff zu hören. Erschrocken versteckten sich die Jungs hinter einer Kommode, die der Tür gegenüberstand. Eine Tür öffnete sich und Burners Kapitän schaute mit einer Taschenlampe auf den Flur. Als er jedoch niemanden sah, zog er sich in seine Kajüte zurück und schloss die Tür. Erleichtert atmeten die Kinder auf und gingen zurück zur Doppeltür, die jetzt schon einen Spalt offen war. Nahezu geräuschlos schlichen sie durch die Ebenholztür und Mika zeigte mit seinem Finger auf das Regalfach, das Burner versteckt gehalten hatte. In ihm standen Bücher über Gastwirtschaften und Hotels sowie ein grauer Kasten. Diesen drehte Jonne vorsichtig um. Auf der anderen Seite befand sich ein Bildschirm, auf dem das Wort „offen“ stand.

Als die vier Jungen darüber rätselten, was hier offen sollte, fiel ihnen Elias auf, der an der Tür aufpasste, dass niemand kam. Man sah, dass der Boden neben ihm leicht angehoben war. Verwundert schlichen die anderen zu Elias. Jari kniete sich neben den Teil des Fußbodens, der sich vom Rest abgehoben hatte und einen Spalt zwischen sich und dem Boden bildete. Er sah eine Wendeltreppe, die nach unten führte. In der obersten Stufe befand sich ein Schalter und als er ihn betätigte, wurde der Abgrund erhellt. Mit einem Handzeichen gab Jari seinen Freunden zu verstehen, dass sie ihm folgen sollten, und so krochen sie zu viert durch den Spalt zwischen dem Boden und der Erhebung auf die Wendeltreppe. Elias, der als Letzter die Wendeltreppe erreichte, fand noch einen Griff an der Unterseite der Erhebung, mit dem er den höheren Teil des Bodens wieder auf die normale Höhe zurückzog.

Die Wendeltreppe war an beiden Seiten komplett mit Wänden verdeckt, sodass die Kinder erst am Fuß der Stufen sahen, wo die Treppe hinführte. Sie gelangten in einen großen Raum, der aussah, wie ein zweites Büro. In der Mitte des Raumes stand ein Schreibtisch, der ebenso massiv wie glänzend war, dass er aus dem ohnehin schon prachtvollen Zimmer herausstach.

Die Wände waren mit roter Tapete und Schränken aus dunklem Holz bedeckt, in denen viele Akten, Bücher und Ordner lagerten, aber auch Geldkassetten und zwei Tresore standen dort. Ein Schrankteil rückte besonders in das Interesse von Jari, Jonne, Elias und Mika, auf ihm war ein Schild mit der Aufschrift „Pläne für Kylapuu“ angebracht. Es war kein besonderes großes Fach und trotzdem fiel es den Kindern sofort auf. Neugierig nahm sich Mika einen Stapel mit bedrucktem Papier und breitete ihn auf dem Boden aus.

Es war ein Bauplan für ein Hotel. Auf den ersten Blick schien er normal zu ein, aber bei einem genaueren Blick auf die Skizze erschrak Jonne. Die Insel auf der das Hotel stehen sollte, hatte die gleiche Form wie Kylapuu und mit der Bildunterschrift bestätigte sich die Vermutung, dass es die Pläne von einem Hotelbau auf ganz Kylapuu, an Stelle der Holzfabrik auf einem kleinen Teil der Insel, waren: „Kylapuu ist perfekt geeignet für den Bau eines Luxushotels.“,

las Jonne laut vor. „Ich kann es nicht glauben! Der will unsere Insel mit einem Hotel für reiche Leute zubauen und uns somit von der Insel vertreiben, denn für uns ist kein Platz mehr, wenn er sie mit seinem Luxusareal komplett in Beschlag nimmt. Der Bau ist bereits vom Bauamt bestätigt worden und soll in drei Tagen beginnen!“

Nachdem sie sich alle Unterlagen, in denen nur nochmal ausführlicher erklärt wurde, was und wie gebaut werden sollte, aus dem Schrankfach über Kylapuu angeguckt hatten, schlichen sie langsam über die Wendeltreppe wieder nach oben in die Richtung von Burners Büro. Oben angekommen, ging die Luke nicht wieder auf. Auch als alle vier Jungen zusammen probierten, sie aufzudrücken, ließ sie sich nicht öffnen. Panisch und mit dem Gedanken, entdeckt und eingesperrt worden zu sein, liefen die Jungen die Wendeltreppe wieder runter und suchten nach einem anderen Ausgang. Sie verteilten sich im Raum und tasteten jeden Winkel ab, fanden aber zunächst nichts, bis Mika beim Durchsuchen des Schreibtischs an dessen Unterseite auf einen kleinen Drehknopf stieß, den er betätigte. Als sie nochmal die Stufen zur Öffnung hinaufliefen, stand diese offen. Nachdem sie sich vorsichtig vergewissert hatten, dass im oberen Büro Burners niemand war, krochen Mika, Jari, Jonne und Elias aus der Spalte, senkten die Erhebung wieder ab und schlichen unbemerkt und leise zurück in ihre Kajüte, in der sie es sich bequem machten und schnell einschliefen.

Am nächsten Morgen klopfte es um Punkt acht Uhr an der Kajütentür der vier Jungen. Als sie sie öffneten, stand Burner vor ihnen und teilte mit, dass sie ihre Sachen packen sollten, da sie kurz vor der Küste wären. Wenig später standen die vier Jungen auf dem Steg und wurden dort vom Bürgermeister empfangen, bei dem sie für die nächste Zeit übernachten sollten.

Mit dem Auto des Bürgermeisters fuhren die vier Jungen über eine Landstraße zu seinem Hof, einem sehr weitläufigem Gelände mit einem weißen Bauernhaus verdeckt von Efeu. Durch eine grüne zweiflügelige Holztür betraten sie das Haus und der Bürgermeister wies sie über eine breite Treppe zu ihrem Zimmer im oberen Stockwerk. Durch eine weitere Flügeltür gelangten sie in ein geräumiges Zimmer mit vier Betten, weißen Wänden und alten Holzbalken als Stützen unter der Decke.

„Das ist ein sehr schönes Zimmer! Danke Vito, das wir bei dir schlafen dürfen!“, meinte Jari. Gemeinsam mit Vito, dem Bürgermeister, verbrachten die vier Jungen einen ruhigen Tag bei Brettspielen und bauten gemeinsam aus den mitgebrachten Utensilien die Instrumente zusammen, die sie für ihre Spendenaktion brauchten. Am Abend schliefen Jonne, Elias, Mika und Jari mit ihren Vorstellungen vom nächsten Tag ein. Elias und Mika schliefen sofort ein, doch Jari und Jonne waren noch wach, also dachten sie sich eine Melodie für ihr Lied aus, das sie morgen mit ihren selbstgebauten Musikinstrumenten vor vielen Leuten auf der Straße spielen wollten. Sie setzten sich auf den Flur vor ihrem Zimmer, holten aus ihren Taschen zwei Kämme und begannen leise darauf zu blasen. Nach einer Weile hatten sie eine Melodie ausgearbeitet, als Vito aus seinem Zimmer am anderen Ende des Flurs kam und sich mit einer Säge und einem Kontrabassbogen zu ihnen gesellte. Erstaunt guckten die Jungen den Bürgermeister an und unterbrachen ihr Spiel. Wie wollte Vito denn auf einer Säge spielen.

„Spielt ruhig weiter, das klingt total schön, ich dachte nur, ich unterstütze euch ein bisschen.“ Und als sie mit dem Bürgermeister zusammen weiterspielten, verflogen ihre Zweifel an den Tönen, die man auf einer Säge erzeugen kann, denn sie passte super in die Harmonie der Kämme. Gemeinsam spielten sie bis tief in die Nacht auf ihren Instrumenten, summten und sangen zu ihren Melodien und freuten sich darüber, zu spielen, was ihnen in den Sinn kam und genossen die schöne Zeit. Für einen Augenblick vergaßen sie ihre Probleme und Sorgen, das Erdöl und Kylapuu.

Von einem Sonnenstrahl, der durch das Fenster fiel und dem Duft von frisch gebackenen Brötchen wachten die vier Jungen auf. Zum Frühstück gingen sie durch einen langen Flur und bewunderten die alten Wandmalereien und den Stuck an der Decke. Ein gedeckter Frühstückstisch erwartete sie im Speisezimmer. Sie setzten sich an den alten Eschenholztisch, auf dem reichlich Brötchen, Rührei, Marmelade, Croissants, Speck und Obst standen.

„Wo wollen wir uns eigentlich für die Straßenmusik hinstellen?“, fragte Mika. Jonne antwortete, dass es am sinnvollsten wäre, sich an einem gut frequentierten Standort zu positionieren. Der Bürgermeister schlug ihnen den Marktplatz in der Nähe des Hafens vor, da dort gegen Mittag viele Leute ihre Einkäufe erledigten. Nach dem Frühstück musste der Bürgermeister ins Rathaus, während Jari, Jonne, Mika und Elias noch ihre Instrumente für die Straßenmusik transportfähig machten. Kurz vor der Mittagszeit sah man vier Jungen mit Instrumenten auf dem Rücken die Landstraße in Richtung Stadt gehen.

Am Marktplatz angekommen setzten sie sich auf eine gut sichtbare Bank in der Mitte des Platzes. Schüchtern fingen sie an, die Melodien zu spielen, die sie am Vorabend eingeübt hatten. Sie spielten anfangs noch unsicher, da sie Angst vor den Blicken der Passanten hatten. Doch als mehrere applaudierten und ebenso großzügig Geldscheine und Münzen in die Blechbüchse warfen, wurden sie mutiger und spielten fröhliche und melancholische Melodien. Am Abend beschlossen die Jungen, ihren Auftritt zu beenden. Jari zählte das Geld, Elias und Mika packten die Instrumente zusammen. Jonne rannte zum Bürgermeister. Er wollte fragen, ob der sie mit dem Auto mitnehmen könnte. Der Bürgermeister antwortete:

„Ja gern, ich hole euch in einer Viertelstunde ab.“

Als Jonne zum Marktplatz zurück kam, tauchte dort eine Frau im roten Mantel auf und sprach die Jungen an:

„Hallo Kinder, “ sagte die Frau, „ich bin begeistert von eurer Musik, ich habe euch von meinem Haus dort hinten“, dabei wies sie auf ein rotes Backsteinhaus, „gehört und war sehr angetan. Ich würde euch gern etwas spenden. Sammelt ihr für irgendeinen guten Zweck?“

Als Elias und Mika ihr von der Erdölkatastrophe und der Situation auf der Insel, sowie von Burners illegalen Vorhaben berichteten, erzählte sie, dass sie noch einige Geldreserven auf der Bank habe und gerne bereit wäre, diese für die Erhaltung Kylapuus zu spenden. Überglücklich bedankten die Jungen sich bei der Frau im roten Mantel, die Martina Daeving hieß, und verabredeten sich mit ihr für den nächsten Tag um elf Uhr am Yachthafen, um gemeinsam zur Insel zu fahren, denn Martina wollte sich selbst von der Situation zu überzeugen. Gemeinsam mit dem Bürgermeister verbrachten Jari, Jonne, Mika und Elias noch einen netten Abend in dessen Haus und gingen dennoch zeitig schlafen, da sie am nächsten Tag pünktlich um elf Uhr am Hafen ankommen wollten.

Am nächsten Morgen packten die vier Jungen, noch bevor sie mit dem Bürgermeister frühstückten, ihre Sachen zusammen. Nachdem sie gespeist hatten, brachte der Bürgermeister sie mit dem Auto noch bis zum Hafen. Dort erwartete Martina Daeving sie gespannt und als man sich begrüßt hatte, zeigte sie ihnen ihre Jacht. Ein weißes Boot mit rotem Rumpf. Staunend betraten Jari, Jonne, Elias und Mika mit ihrer Geldgeberin das Boot und gingen unter Deck. Der Bürgermeister fuhr zum Rathaus. Unter Deck zeigte Martina den vier Jungen einen großen Tresor:

„Hier drin befindet sich das Geld für eure Insel! Wenn die Situation wirklich so schlimm ist, wie ihr sie mir geschildert habt, gebe ich euch sofort das Geld und helfe euch bei den Verhandlungen. Nun sollten wir aber losfahren, denn wir wollen morgen auch auf Kylapuu ankommen und nicht noch mehr Zeit verschwenden.

Je später es wurde, desto stürmischer wurde es auf ihrer Fahrt auf der Ostsee. Irgendwann waren die Wellen zu hoch für das kleine Boot, sodass sie einen Zwischenstopp für die Nacht im Hafen einer Inselgruppe auf der Hälfte der Strecke einlegen mussten. Am nächsten Tag hatte sich die See wieder beruhigt und so konnte Martina Daeving mit den Jungen die letzen Meilen bis Kylapuu problemlos zurücklegen.

Auf der Insel war es ruhig und alles wirkte, als wäre sie verlassen.

Jari, Jonne, Mika und Elias führten Martina zum Haus von Eetu, dem Dorfältesten.

Sie hofften, dass er zu Hause war und ihnen erzählen konnte, was auf Kylapuu geschehen war, während sie weg waren. Tatsächlich war Eetu zuhause und öffnete ihnen die Tür. Man sah gleich, dass irgendetwas nicht stimmte, sein müdes und enttäuschtes Gesicht sprach Bände.

Trotzdem erzählten die vier Jungen erst einmal von ihren Erlebnissen in der Stadt und stellten Martina Daeving vor. Sie erzählte Eetu von ihrem Spendenangebot:

„Die Kinder erzählten mir von ihren Problemen und ich glaube, genügend Geld dabei zu haben, das ich ihnen zur Verfügung stellen kann, um ihre Insel zu retten.“

Eetu entgegnete: „Das ist sehr nett von ihnen, ich bin überwältigt und kann mich gar nicht genug bedanken, doch es gibt da ein Problem. Gestern war ein Notar mit Burner, dem Käufer von vorerst einem Teil der Insel hier. Deswegen haben wir gestern den Vertrag gleich unterschrieben. Ihre Hilfe kommt leider zu spät, Frau Daeving.“

Enttäuschtes und betretenes Schweigen breitete sich im Holzhaus von Eetu aus. Alles war vorbei, die Insel wird zur Holzfabrik, das dachten Eetu und Frau Daeving. Doch Jari, Mika, Elias und Jonne wussten etwas, was die anderen noch nicht wussten. Sie wussten von Burners eigentlichen Plänen. Mika brach das Schweigen und erzählte von ihrem Fund:

„Als wir mit Burner ans Festland fuhren, kam uns ein Schrank in seinem Büro seltsam vor, deshalb sind wir dort in der Nacht noch einmal heimlich hingeschlichen und haben einen geheimen Kellerraum im Schiff entdeckt. Ein zweites Büro, mit vielen Ordnern. In einem dieser Ordner fanden wir einen Plan für ein Gebäude auf einer Insel. Die Insel auf dem Plan glich Kylapuu an allen Ecken und Enden und laut der Überschrift war das ein Bauplan für ein Luxushotel auf Kylapuu. Und zwar genau dort, wo eigentlich die Holzfabrik stehen sollte. Und das Grundstück drumherum breitete sich über ganz Kylapuu aus. Burner will uns die ganze Insel nach und nach abkaufen, ihr müsst den Verkauf für nichtig erklären!“

In Helsinki befindet sich Hauptsitz von Burners Holzimperium, der `Burner Im- & Export AG`.

Ein Hochhaus, fast nur aus Fenstern bestehend. Im 30. Stock, der obersten Etage, hatte Burner sein Büro, mit großem Panoramafenster und Ausblick über die ganze Stadt, eine Etage darunter sein Penthouse. Darin wohnte er mit seiner Tochter Joana. Seine Frau hatte ihn vor einem Jahr verlassen. Burners Unternehmen lief gut, doch mit seiner neusten Investition würde der Gewinn noch weiter steigen. Eigentlich war er Holzhändler, aber als Milliardär mit globalem Erfolg konnte er einen Nebenverdienst nicht ablehnen. Die Zielgruppe seines Hotels waren reiche Leute auf der Suche nach Erholung. Da, wo er es bauen wollte, gab es frische Seeluft, Ruhe und Wald. Auf dem Teil Kylapuus, den er gekauft hatte, war sogar ein sehr guter Wald mit hochwertigem Holz. Wie viel Geld er mit dem Verkauf des Holzes gewinnen konnte, wusste auf Kylapuu keiner. In dieser Hinsicht war die Investition für ihn nur doppelt profitabel. Noch zwei Tage, dann sollten die Bauarbeiten beginnen. Die Bürotür öffnete sich, als Burner mit einer Tasse Kaffee in der Hand am Fenster stand und Joana kam rein:

„Papa, wenn du in zwei Tagen nach Kylapuu fährst, kannst du mich mitnehmen? Die Jungs und vor allem Jari waren total nett und ich würde sie gerne wieder treffen.“

Nach kurzem Überlegen antwortete Burner:

„In Ordnung, aber nur, wenn du dich nicht in meine Geschäfte einmischst und mich in Ruhe arbeiten lässt.“

Und genau dieser Satz machte Joana misstrauisch. Sonst durfte sie immer alles über seine Geschäfte wissen.

Ohne ein Wort verließ sie das Büro. Aber das Gefühl, dass an den Geschäften ihres Vaters auf Kylapuu etwas nicht stimmte, ließ sie nicht los.

Zwei Tage später verließ Burners Jacht den Hafen von Helsinki. Ihr Fahrtziel war Kylapuu. An Bord war Burner in seinem Büro untergetaucht, Joana machte es sich in der Kajüte gemütlich, in der auch die Jungs geschlafen hatten. Sie freute sich auf Kylapuu.

Da kam ihr Vater mit einem Stapel Bücher in die Kajüte:

„Mit freundlichen Grüßen von deinem Privatlehrer. Mache das mal bitte ein bisschen, sozusagen als Hausaufgaben.“

Er drapierte die Hefte und Schulbücher auf den Tisch und verließ die Kajüte. Lustlos setzte sich Joana an den Tisch und schlug das oberste Heft auf. Sie hasste Mathematik. Deshalb guckte sie den Stapel nach etwas anderem durch. Lange dauerte es nicht, bis sie etwas fand, was ihre Neugier auf sich zog. Ein gefaltetes Papier, von außen unbeschrieben. Interessiert schlug sie das Papier auf. Es sah nach einem Plan für einen Raum aus. Joanas Verdacht, dass ihr Vater krumme Geschäfte machte, bestätigte sich, als sie die Überschrift las: „Hotel mit Spielhalle“.

Von dem Hotel wusste sie, ihr Vater hatte ihr erzählt, dass er das Grundstück auf Kylapuu als Bauplatz für ein Hotel gebaut hatte, aber von einer Spielhalle hatte sie nichts gewusst. Sie wusste, dass Spielhallen bei einer Behörde angemeldet werden musste. Das Hotel hatte eine Genehmigung, das besagte der Stempel auf dem angehefteten Dokument vom Bauamt, doch auf der detaillierten Baugenehmigung stand nichts, was auf ein Kasino im Hotel hindeutete.

Joana fotografierte die Papiere mit ihrem Handy und versteckte sie wieder unter dem Bücherstapel. Es war spät geworden und sie legte sich ins Bett. Wenig später schlief sie so fest, dass sie nicht bemerkte, wie ihr Vater sich in ihr Zimmer geschlichen hat und aufgeregt im Bücherstapel herumwühlte.

Ihm war aufgefallen, dass die Dokumente für das Kasino neben den Büchern gelegen hatten, die für seine Tochter bestimmt waren und er sie versehentlich mitgegriffen hatte. Er sorgte sich, weil er wusste, dass seine Tochter neugierig war und die Dokumente lesen würde. Und er wusste auch, sie würde sofort bemerken, was gespielt wird.

Der ganze Plan war gefährdet, falls Joana irgendetwas ausplauderte. Um das zu verhindern, musste er, ob er wollte oder nicht, dafür sorgen, dass seine Tochter dazu keine Gelegenheit hatte. Das Beste wäre, sie in sein Büro zu tragen. Er ging und öffnete die Luke zu seinem geheimen Büro. Dann nahm er seine Tochter auf den Arm und setzte sie dort auf den Schreibtischstuhl. Joana hatte einen tiefen Schlaf und bemerkte von all dem nichts. Burner stellte ihr noch Getränke und Kekse auf den Schreibtisch. Er war kein Unmensch und verhungern lassen wollte er seine Tochter auch nicht. Er verschloss sämtliche Schränke und Schubladen, sodass Joana nicht noch mehr herausfinden konnte. Wieder oben angekommen, deaktivierte er den Schalter für die Öffnung der Luke von innen, sodass man sie nur noch von außen öffnen konnte.

So kommt sie definitiv nicht mehr da unten raus, selbst wenn sie den Schalter findet, dachte sich Burner. Mit gemischten Gefühlen ging er schlafen. Allen Leuten, die fragten, wo Joana sei, würde er einfach entgegnen, sie sei krank und bleibt deshalb in ihrer Kajüte, um niemanden anzustecken. Draußen tobte währenddessen ein Sturm. Joana tat ihm leid. Warum hatte er auch nicht besser auf seine Unterlagen aufgepasst? Aber am Profit konnte ihn niemand hindern, auch nicht die Familie.

Schon von weitem sah man Kylapuu, heute ragten drei Kräne über die Baumwipfel und als das blaue Schiff von Burner den Hafen Kylapuus erreichte, hörte man auch die Motorsägen. Schon am Nachmittag sollte die Fläche, auf der später das Hotel stehen sollte, von Bäumen befreit sein und die Bäume sollten direkt zu Burners Holzfabrik verschifft werden. Eetu stand am Steg, als Burner das Schiff verließ und auf ihn zuging. Freundlich, aber auch bedrückt über die Baumaßnahmen auf seiner Insel schüttelte Eetu Burner die Hand, die ihm dieser fröhlich entgegenstreckte.

„Freut mich, dass es endlich los geht!“, sagte er betont freundlich, während sie gemeinsam zu dem Teil der Insel gingen, den Burner gekauft hatte, um dort seine vermeintliche Holzfabrik zu bauen. Eetu entfernte sich wortlos von der Baustelle und Burner sprach mit den Arbeitern, die gerade dabei waren, die letzten Baumstämme auf einen Anhänger zu verladen, der diese dann zum Hafen zog.

Unterdessen war Joana unter Deck in Burners geheimem Büro aufgewacht und versuchte, sich zu orientieren, denn sie lag nicht mehr in ihrem Bett, so viel war klar. Sie kannte das Schiff ihres Vaters auswendig, aber in diesem Raum war sie noch nie gewesen. Sie sah durch ein Bullauge nach draußen. Nur Wasser. Das bedeutete, dass sie sich im Keller des Schiffes befinden musste, denn alle anderen Etagen befanden sich über Wasser. Plötzlich fiel es ihr wie Schuppen von den Augen: Ihr Vater musste von ihren Entdeckungen erfahren und sie daraufhin hier eingesperrt haben. Aufgeregt rannte Joana die Treppe links vom Schreibtisch hinauf und probierte, die Luke zu öffnen. Keine Chance. Sie rannte wieder runter, suchte nach anderen Ausgängen. Sie probierte, die Schränke und die Schreibtischschubladen zu öffnen. Nichts öffnete sich. Die oberste Schublade im Schreibtisch war die einzige, in die kein Schloss eingebaut worden war und die ließ sich auch öffnen. Doch ihr Inhalt war enttäuschend: Verschiedene Stifte, Büroklammern, eine Schere, ein Locher und ein Tacker.

Kurz, bevor sich Joana wieder auf den Stuhl niederlassen wollte, um einen Keks zu essen, entdeckte sie doch noch etwas, was ihr Mut machte. Ein Knopf, silbern und kaum größer als eine Fingerspitze, war in die Schublade eingelassen und als sie ihn drückte, fuhr hinter ihr die gebogene Wand hoch. Dahinter befanden sich ein Taucheranzug und eine runde Luke, die aussah, wie der Eingang zu einer Schleuse. Wofür brauchte ihr Vater einen Tauchanzug? Joana zog sich den Tauchanzug über und setzte sich die Atemmaske auf, so wie sie es vor zwei Jahren im Tauchkurs gelernt hatte, den ihr Vater ihr zum Geburtstag geschenkt hatte, bevor sie probierte, die Schleuse zu öffnen. Doch der Hebel zur Türöffnung war durch ein Vorhängeschloss verriegelt. Da fielen ihr die Büroklammern in der Schublade ein. Sie bog eine Büroklammer, die sie in das Schloss stecken konnte, stocherte ein bisschen darin rum und es öffnete sich mit einem Klicken. Bevor sie die Schleuse öffnete, steckte sie sich ihr Handy in einen wasserdichten Verschluss im Tauchanzug, denn schließlich waren dort die Fotos von den illegalen Plänen ihres Vaters drauf. Wenn sie in Freiheit war, wollte sie ihren Vater anzeigen. Dann schob sie den Hebel in die Waagerechte und die Schleusentür öffnete sich. Nur noch die zweite Tür öffnen und sie war im Wasser.

Vorsichtig tauchte Joana im Hafen von Kylapuu auf und schwamm dicht am Ufer der Insel entlang, bis zum Seitenarm der Ostsee. Dort tauchte sie wieder, denn das Baugrundstück ihres Vaters musste ganz in der Nähe liegen. Sie wollte nicht, dass ihr Vater sie sah, wer weiß, was er ihr sonst antun würde. Sie tauchte weiter bis zur kleinen Höhle, in der sie bei ihrem ersten Besuch mit Jari, Mika, Jonne und Elias gewesen war. Dort schob sie den Stein beiseite und betrat die Höhle und zog den nassen Tauchanzug aus. Ihre Sachen waren weitestgehend trocken geblieben, nur die Ärmel ihres Pullis waren an den Enden ein bisschen nass. Auch ihr Handy war trocken geblieben. Sie steckte es wieder in die Hosentasche und kroch aus der Höhle, als sie ihren Vater laut diskutieren hörte. Sie erblickte ihn in einiger Entfernung hinter ein paar Bäumen, wie er mit Eetu stritt:

„Die Bauarbeiten sind in vollem Gange, ich kann ihnen jetzt nicht alles zurückgeben, nur weil sie es nicht mehr verkaufen wollen und ich will auch gar nicht!“

„Hören sie“, entgegnete Eetu, „wir brauchen das Geld, das sie uns für das Grundstück zahlen, nicht mehr, wir haben eine Spende erhalten. Wir wollen unsere Insel erhalten, der Bau war eine Notlösung.“

Joana kroch zurück in die Höhle, zog ihr Handy aus der Tasche und rief die Polizei, denn sie wusste, dass das, was ihr Vater plante, illegal war, außerdem hatte er sie eingesperrt. Da war es ihr auch egal, ob Burner ihr Vater war oder nicht, denn das schien ihm ja auch gleichgültig gewesen zu sein, wen er in seinem Büro einsperrte. Der Polizist am Telefon sagte ihr, dass Burner sie bis zur Ankunft seiner Kollegen nicht zu Gesicht bekommen durfte und er nicht erfahren durfte, dass jemand von seinen Plänen wusste. Als das Telefonat beendet war, lehnte sie sich ratlos an der Felswand an. Sie wusste, wie lange die Überfahrt dauerte und dass es schwierig werden würde, ihren Vater am Weiterbau zu hindern, bis die Polizei da war. Sie war auf Eetus Seite, daran hatte sie keine Zweifel, aber sie wusste auch, dass er gegen ihren Vater machtlos war.

Sie beschloss, die Jungs zu suchen und ihnen von dem Streit zwischen Eetu und ihrem Vater und von ihren Entdeckungen zu erzählen, vielleicht hatten die Jungs eine Idee, was sie unternehmen könnten. Erneut kroch Joana aus der Höhle und rannte in Richtung der Häuser von Jari, Mika, Elias und Jonne. Die Jungs saßen in der Krone eines Baumes zwischen den Häusern, Joana kletterte zu ihnen und berichtete aufgeregt:

„Eetu und mein Vater streiten sich gerade, weil Eetu den Kauf stornieren möchte.“

„Wir haben auf dem Schiff deines Vaters einen geheimen Raum entdeckt und in dem waren Pläne für ein Hotel statt der eigentlich geplanten Holzfabrik. Das haben wir gemeinsam mit einer reichen Frau, die uns viel Geld spenden will, Eetu erzählt.“, erwiderte Jonne.

„Ich war auch in diesem Raum“, erzählte Joana, „allerdings nicht ganz freiwillig. Mein Vater brachte mir auf der Fahrt hierher einen Stapel Schulaufgaben, die ich während der Fahrt erledigen sollte, doch dummerweise war unter den vielen Heften auch eine Mappe mit Bauplänen, die ich nicht zu Gesicht bekommen sollte. Das waren Baupläne für das Hotel, das ihr auch entdeckt habt, allerdings ist in dem Plan noch eine Spielhalle eingezeichnet. In der angehefteten Baugenehmigung stand aber nichts von einer Spielhalle. Mit dieser Spielhalle hätte er die Baugenehmigung nicht bekommen, das habe ich bei der Polizei nachgefragt. Die kommen morgen auf die Insel. Mein Vater muss aber entdeckt haben, dass er mir versehentlich die geheimen Pläne mitgegeben hat. Er hat mich, als ich schlief, in diesen Raum, in dem ihr wart, verschleppt und mich darin eingeschlossen.“ Joana erzählte den erstaunten Jungs, wie sie sich befreit hatte und zu ihnen kam und zeigte ihnen die Fotos von den Plänen auf ihrem Handy.

„Mein Vater darf weder bemerken, dass ich mich befreit habe, noch, dass wir von seinen Plänen wissen.“, ergänzte sie noch.

„Du könntest bei uns schlafen.“, schlug Elias vor.

„Das ist eine gute Idee“, räumte Jari ein, „aber was tun wir, wenn Burner nachguckt, ob Joana noch da ist? Wäre es nicht besser, wenn wir alle im geheimen Raum schlafen? Wir könnten uns in der Schleuse verstecken, wenn dein Vater kommt.“

Damit waren alle einverstanden. Gemeinsam gingen sie zum alten Schuppen am Hafen. Von dort aus konnten sie das ganze Schiff beobachten und als es dunkel wurde, schlich sich Joana vorsichtig in das Büro ihres Vaters, die Jungs hatten ihr erklärt, wie sie die Luke öffnen konnte. Als sie auf der Treppe stand, zog sie die Luke wieder zu und ging zielstrebig nach unten zur Schleuse. Die äußere Tür der Schleuse hatte Joana bei ihrer Flucht offen gelassen, daher konnten die vier Jungen problemlos in die Schleuse hineintauchen. Als sie die äußere Tür verschlossen hatten, stellte Joana den Hebel um und öffnete die innere Tür. Die Jungen wrangen ihre Kleidung aus, bevor sie den Raum betraten. Der Rest musste dann so trocknen.

Die vier Jungen und Joana setzten sich auf den Boden und aßen die Kekse, die Burner Joana hingestellt hatte. Danach wünschten sie sich eine gute Nacht und Jari, Jonne, Elias und Mika legten sich in der Schleuse hin. Elias, Mika und Jonne schliefen schon, aber Jari konnte noch nicht schlafen. Er hatte das Gefühl, noch irgendetwas erledigen zu müssen. Auch Joana saß hellwach auf dem Bürostuhl ihres Vaters und dachte nach.

Jari ging zu Joana und setzte sich neben ihr auf den Boden. Joana dachte laut, während sie die Wand anstarrte:

„Mein Vater baut das Hotel, weil er süchtig nach dem Profit ist und weil ihm der Ertrag aus dem Hotel noch nicht genug ist, muss er auch noch eine Spielhalle einbauen. Damit seine reichen Gäste ihr Geld auch noch in seiner Spielhalle rauswerfen. Ich habe schon in Helsinki geahnt, dass irgendetwas an den Geschäften meines Vaters nicht stimmt.“

„Aber warum hat er die Spielhalle nicht mit angemeldet?“, fragte Jari.

„Wie gesagt, würde er damit sehr viel Geld einnehmen“, fuhr Joana fort, „und von diesem Geld müsste er einen großen Anteil als Ertragssteuer wieder abgeben und das will mein Vater nicht, das lässt sein Geiz nicht zu. Das ist das einzige, was ich mir vorstellen kann. Und du siehst, wozu diese Sucht nach Geld führt: Er sperrt seine eigene Tochter ein, zerstört einen der letzten komplett naturbelassenen Orte auf dieser Erde und wird zum Steuerhinterzieher. Ich wünsche ihm nur, dass er lange ins Gefängnis muss und dass er daraus lernt.“

Am nächsten Morgen verließen sie alle gemeinsam durch die Schleuse den geheimen Raum und schwammen bis zur Steinhöhle. Während Elias und Mika trockene Sachen holten, berieten Joana, Jari und Jonne, was sie tun könnten. Die Polizei sollte gegen Mittag auf der Insel ankommen und sie mussten sie vor Joanas Vater bemerken. Würde Burner die Polizei als erstes erblicken, könnte er fliehen oder bemerken, dass Joana frei war. Nachdem Elias und Mika wiedergekommen waren und sie sich umgezogen hatten, schlichen sie sich durch den Wald in Richtung Hafen, bogen aber kurz vor dem Hafen auf eine kleine Landzunge neben dem Hafen ab, an deren Spitze ein hoher Baum stand.

Lange würde es nicht mehr dauern, bis die Polizisten auf der Insel ankommen würden, daher kletterten Mika und Elias auf den Baum. Von oben hatten sie freie Sicht über die Ostsee. Jari, Joana und Jonne hatten eins der kleinen Ruderboote bis zur Landzunge gefahren, sie würden dem Polizeiboot entgegenfahren wenn es kam. Es dauerte nicht lange, da erkannte man am Horizont ein Schiff. Als es näher kam, konnten Mika und Elias die blaue Farbe des Schiffes erkennen. Daraufhin fuhren Jari, Joana und Jonne mit dem Ruderboot los. Sie konnten nur hoffen, dass Burner weder das Polizeiboot, noch sie selbst entdeckt hatte. Jari ruderte sie durch das immer noch von Erdöl bedeckte Meer.

Als sie am Schiff angekommen waren, ließ ein Polizist eine Strickleiter runter, an der Jonne das Ruderboot vertäute, ehe sie an Bord des großen Schiffes gingen. Joana, Jari und Jonne wurden in einen großen Raum unter Deck geführt. Der Raum war nur einfach gestaltet, ein paar Bilder von Leuchttürmen und Schiffen hingen neben einer Tafel an der Wand. Der Polizist, der sie an Bord geholt hatte und sechs weitere hörten aufmerksam zu, als erst Joana von ihrem Vater und ihrer Entführung und danach Jari und Jonne von der Situation auf der Insel und Burners illegalen Plänen

berichteten. Sie ließen sich noch detailliert die Insel beschreiben, bevor sie im Hafen von Kylapuu anlegten und von Bord gingen.

Jari, Joana und Jonne liefen mit Mika und Elias, die im Hafen gewartet hatten, hinterher. Burner zu finden, war nicht schwer. Auf der Baustelle stand mittlerweile neben vielen Fahrzeugen und einem Kran ein Container, in dem saß Burner an einem Tisch mit Bauplänen und einem Computer. Klar und laut sprach ein Polizist Burner an, als er in der Tür stand:

„Herr Burner, sie sind verhaftet wegen Freiheitsberaubung und versuchter Steuerhinterziehung. Würden sie bitte mit uns kommen?“

Burner ließ sich widerstandslos festnehmen und wurde von den Polizisten abgeführt. Er fand keine Worte für das, was in ihm vorging. Auch nicht, als er an seiner Tochter vorbei kam. Dafür fand Joana sie umso mehr:

„Da siehst du, was du davon hast. Es tut mir zwar leid, aber du hast es nicht anders verdient. Ich bin jedenfalls sehr enttäuscht von dir.“

Burner erwiderte das nur mit einem schwachen:

„Mir tut es auch leid“, ehe er von den Polizisten abgeführt wurde. Schweigend standen die anderen da. Eetu und die Eltern der Jungen, sowie alle anderen Inselbewohner waren zu ihnen gekommen, als sie die Aufruhe und das Polizeiboot bemerkt hatten. Zwei der Polizisten kamen noch einmal zurück und baten um einen Platz zum Reden. Eetu bot an, gemeinsam mit den Bewohnern Kylapuus und den Polizisten in die große Steinhöhle zu gehen. Nachdem sich alle hingesetzt hatten, meldete sich der eine Gesetzeshüter zu Wort:

„Sie alle haben eine schlimme und bemitleidenswerte Zeit hinter sich. Damit meine ich nicht nur die Erdölkatastrophe, sondern ebenso die Ausnutzung dieser Umstände durch den soeben verhafteten Herrn Burner. Er hat mit ihnen einen Vertrag geschlossen, in dem er ihnen vorgetäuscht hat, eine Holzfabrik zu bauen. Sie stimmten dieser Vereinbarung zu, aber er hielt sich nicht an das Abkommen. Er plante, anstelle der Holzfabrik ein Luxushotel für Seinesgleichen zu bauen. Für dieses hatte er sogar eine Baugenehmigung. Allerdings hätte er diese nicht bekommen, wenn das Bauamt gewusst hätte, dass er darin eine Spielhalle integrieren würde. Da er das wusste, plante er, das Kasino illegal zu betreiben, um die Ertragssteuer zu sparen. Dieser Vertrag wird jetzt aufgelöst und Burner steht in ihrer Schuld, das bedeutet, dass er für den durch den Bau entstandenen Schaden aufkommen muss. Ebenso wird Herr Burner nie wieder eine amtliche Bauerlaubnis ausgestellt bekommen werden. Was die Ölteppiche betrifft, sendet der staatliche Katastrophenschutz ihnen Boote mit Nahrung und Trinkwasser und kümmert sich auch um die Entsorgung der Ölmassen im Meer.“

Man merkte, wie erleichtert die Bewohner Kylapuus waren, endlich wieder allein und so wie früher auf ihrer Insel leben zu können. Plötzlich erhob sich Eetu in der entstandenen Stille und sagte: „Dass wir bald wieder wie gewohnt unseren Alltag leben können, haben wir Jari, Jonne, Mika und Elias zu verdanken, die auf ihrer Überfahrt ans Festland Burners kriminelle Pläne entdeckt und uns eingeweiht haben. Ebenso müssen wir Burners Tochter, Joana, danken, die sogar von ihrem eigenen Vater eingesperrt worden war, um dessen dunkle Geheimnisse nicht ausplaudern zu können, dass sie so unerschrocken war, die Polizei zu rufen, der ich im Übrigen auch von ganzem Herzen danke. Joana, wie können wir dir nur danken? Ohne Dich hätten wir die Verträge nie für ungültig erklären können und wer weiß, was mit unserer schönen Insel passiert wäre.“

Auch die Polizisten bedankten sich bei den Kindern, ehe sie die Höhle verließen und mit dem Schiff gen Festland fuhren. Auch die Inselbewohner verließen nach und nach die Versammlung. Jari ging wortlos aus der Höhle und schlenderte bis zum Hafen, wo er sich auf einen Steg setzte. Er hatte gemischte Gefühle. Das Erdöl war noch nicht beseitigt, aber das war keine Gefahr mehr für die Insel, aber die gerodete Waldfläche am Wasser würde noch lange an die Zeit erinnern. Er war stolz auf seine Freunde, auf Joana und auf sich. Sie haben gemeinsam Burners Pläne ruiniert. Auch wenn es spannend war, die moderne Welt kennenzulernen, war er trotzdem froh, auf Kylapuu zu leben.

Traurig musste er an die alten Zeiten vor der Erdölkatastrophe denken, wo sie die Zeit genossen und sorglos gelebt hatten. Würde diese Zeit je zurückkehren? Joana setzte sich neben ihn und legte ihren Arm um seine Schulter:

„Ich möchte dir auch danken. Ohne euch hätte mein Vater bestimmt noch weitere illegale Geschäfte betrieben. Vielleicht wird er im Gefängnis endlich seine Geldgier los. Ich habe durch euch gelernt, wie wichtig die Natur für uns Menschen ist und dass es sich lohnt, für sie zu kämpfen. Ihr habt mir die Augen geöffnet und mir gezeigt, dass es nicht nur dieses moderne Leben in der Stadt und im Internet gibt, sondern auch ein viel gelösteres Leben abseits der Stadt und dass dieses Leben mindestens genauso spannend ist, wie das in der Stadt.“

„Ich habe gemerkt, dass wir ein richtig gutes Team geworden sind und wie wichtig es ist, dass wir zusammenhalten“, ergänzte Jari und legte auch seinen Arm um Joanas Schulter, „und dass wir uns von den Erwachsenen nicht unterkriegen lassen, auch wenn sie uns überlegen sind.“

Schweigend schauten sie beide der Sonne zu, wie sie langsam in die Ostsee sank und ihren orangenen Schein über das immer noch schwarze Wasser warf.