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Traurige Rettung

Jeanette Zok, 18 Jahre

Ein zweistöckiges Haus, blau gestrichen, mit einem großen Garten. Dahinter eine Scheune mit Kühen. Aus dem Haus kommt lautes Gelächter. Es wird gerade Geburtstag gefeiert. Es ist der Geburtstag von Johann, der heute vierunddreißig Jahre alt wird. Viele Gäste sind gekommen. Seine Eltern Vivien und Lothar, die Eltern seiner im fünften Monat schwangeren Frau und einige Freunde der Familie. Es ist eine schöne Feier. Viele unterhalten sich, einige tanzen sogar. Einzig und allein eines fehlt. Der Geburtstagskuchen, den Johanns Frau Tanja heute Morgen für ihn gebacken hat. Während Johann sich mit seinem Vater über das gestrige Fußballspiel unterhält, schleicht Tanja sich kurzerhand aus dem Wohnzimmer, welches sich im ersten Stock des Hauses befindet, und geht hinunter in den Keller, wo die Torte kühl steht. Doch schon bevor sie unten ankommt, hat sie den Eindruck, dass etwas nicht stimmt. Irgendwie ist ihr kalt. Erst als sie nach unten blickt, merkt sie, dass der ganze Boden überschwemmt ist. Sie hat sich so auf das überraschte Gesicht ihres Mannes, wenn er den Kuchen zu Gesicht bekommt, gefreut, dass ihr gar nicht aufgefallen ist, dass sie bereits bis zu den Knöcheln im Wasser steht. Zuerst vermutet sie mal wieder einen Wasserschaden, da das Haus sehr alt ist und so etwas öfter vorkommt. Doch als sie aus dem Fenster sieht, stellt sie entsetzt fest, dass auch der Garten völlig überschwemmt ist. Ohne nachzudenken geht sie nach oben. Der Kuchen hat sie schon vollkommen vergessen.

Johann unterhält sich immer noch mit seinem Vater. Das Thema haben die beiden jedoch längst gewechselt. Dass ein paar Meter unter ihnen alles unter Wasser steht, ahnen sie nicht.
Ohne jeglichen Ausdruck im Gesicht kommt Tanja auf ihn zu.
»Wo warst du? Ich hab dich schon vermisst« fragt Johann sie mit einem leichten Lächeln auf den Lippen.
»Kann ich kurz mit dir reden?«, antwortet sie.
»Würdest du uns kurz entschuldigen?«, bittet Johann seinen Vater. Dieser nickt und gesellt sich einfach zu den anderen.
»Also«, fängt Tanja an. »Ich war kurz unten in der Küche, und der ganze Boden ist überschwemmt. Der Garten auch.«
Johann ist verwirrt. Er liebt es, mit seiner Familie zu feiern, und ist noch in ganz glücklicher Stimmung.
»Und wie hoch steht das Wasser schon?«
»Bis zu den Knöcheln. Ich glaube, eine Flut kommt auf uns zu.«
Ohne weitere Fragen zu stellen geht Johann zum Fenster und blickt hinunter auf den vom Wasser völlig überfluteten Garten.

Johanns Vater bemerkt den erschrockenen Blick seines Sohnes. Er weiß sofort, dass etwas nicht stimmen kann. Mit leichten Schritten stellt er sich neben ihn und schaut ebenfalls aus dem Fenster.
»Das ist aber mal viel Wasser, was sich da angesammelt hat. Findest du nicht auch?«, fragt er Johann.
Der Anblick der Wassermassen lässt ihn anscheinend kalt. Er ist sich sicher, dass das Wasser nicht steigen wird und es in einigen Stunden wieder abfließt.
Doch Johann antwortet nicht. Er schaut ihn nur an. In seinem Blick erkennt Tanja, wie verwundert Johann über die Sorglosigkeit seines Vaters gegenüber den Wassermassen ist.
»Ich habe das Gefühl wir sollten uns lieber in Sicherheit bringen«, erwidert er.
»Was meinst du damit? Es ist doch alles in Ordnung. Was soll denn schon groß passieren?« antwortet Johanns Vater. Diesmal scheint er verwundert zu sein. Er kann die Reaktion seines Sohnes auf das Wasser nicht verstehen.
»Das heißt, du willst die ganze Party auflösen, weil du Angst hast? Vor was denn? Einer Flut? Ich sage es dir, uns wird nichts passieren!«
»Ich werde jetzt allen Bescheid sagen, und dann entscheiden wir, was zu tun ist.«
»NEIN!«, erwidert sein Vater, für den Angst oder gar Zurückweichen etwas für Memmen ist, doch Johann ist schon dabei, alle Gäste zusammenzutrommeln.
Als alle Augen auf Johann gerichtet sind, fängt dieser an: »Hört mir bitte alle ganz genau zu. Meine Frau und ich glauben, dass eine Flut auf uns zukommt. Der ganze Garten ist bereits überschwemmt.

Ich finde, wir sollten die Feier ein andermal fortsetzen und uns lieber alle in Sicherheit bringen. Auch wenn die Wahrscheinlichkeit einer Flut sehr gering ist. Sicher ist sicher.«
Doch noch bevor Johann seinen Satz zu Ende bringen kann, fällt sein Vater ihm ins Wort.
»So ein Schwachsinn! Wir sind hier alle sicher und sollten einfach weiterfeiern. Uns wird schon nichts passieren. Mein Sohn neigt gerne zur Übertreibung. Ich würde vorschlagen, ich hole jetzt den Kuchen und wir machen weiter wie eben.
»Also, ich gehe!« ruft Melanie, die beste Freundin von Tanja. »Und ich würde euch allen raten, das Gleiche zu tun. Wir sollten nichts aufs Spiel setzen und uns in Sicherheit bringen. Ich stehe vollkommen hinter Johann und Tanja.« Sie kann den bösen Blick von Johanns Vater, der auf sie gerichtet ist, förmlich spüren. Doch diesem schenkt sie keinerlei Beachtung. Sie holt ihren roten Mantel, umarmt Tanja zum Abschied und geht. Kurz sind noch die Schritte von Melanie zu hören, die die Treppe hinunter geht, dann herrscht Stille im Zimmer.
Jeder ist verunsichert, und keiner traut sich, etwas zu sagen. Niemand will an Johanns Geburtstag Streit.
Bis schließlich einige anfangen, ihre Jacken und Mäntel zu holen, während die anderen weiterhin auf dem Sofa sitzen oder mit ihrem Glas Sekt in der Hand unentschlossen herumstehen.

Am Ende bleiben nur Johanns Vater und seine Ehefrau, ein guter Freund des Paares, Johann selbst und Tanja zurück. Auch Johann und Tanja haben beschlossen zu gehen. Doch vorher wollen sie noch einmal versuchen, seinen Vater zu überreden mitzukommen. Dieser beharrt immer noch auf seiner Meinung, es würde nichts passieren. Einzig und allein seine Ehefrau und Peter wollen bei ihm bleiben.
»Lothar ich bitte dich!« fängt Tanja an. »Kommt doch mit uns. Falls wirklich eine Flut kommt, seid ihr, du, Vivien und Peter dem sicheren Tod ausgeliefert! Unser Haus steht in einer Senke!«
Doch Lothar beachtet sie gar nicht mehr. Er sitzt nur da in seinem Sessel, mit den Händen auf den Armlehnen und einem kalten, ausdruckslosen Blick im Gesicht. Seine Ehefrau und Peter sitzen daneben auf dem Sofa. Man kann Vivien anmerken, wie gern sie doch mitkommen würde. Doch sie weiß, dass sie ihren Mann nicht umstimmen kann. Lothar hatte schon immer die Oberhand in der Beziehung, und Vivien traute sich bis heute nicht, sich zu wiedersetzen.
»Komm Tanja, wir müssen los«, unterbricht Johann sie, während sie weiterhin versucht, Lothar zu überreden. Doch als auch sie merkt, dass es zwecklos ist, holt sie ihre Jacke.
Als Johann und Tanja ins Erdgeschoss kommen, steht ihnen das Wasser bereits bis über die Knie.
Einzelne Schuhe schwimmen ihnen entgegen.
»Ich nehme dich auf die Schulter!«, sagt Johann zu seiner Frau. Da Tanja eine zierliche Frau ist, wird es Johann trotz Tanjas Schwangerschaft keine große Mühe kosten.
Tanja stellt sich auf die Treppenstufe, während Johann im Wasser steht. Dann klettert sie auf seine Schulter. Johann braucht Kraft, um die Tür des Hauses gegen das Wasser aufzudrücken. Und dann beginnt er zu gehen. Mit seiner Frau auf den Schultern und der Angst, das Wasser würde noch höher steigen. Die beiden sind auf dem Weg zur Kirche, die auf einem kleinen Hügel steht. Dort würden sie sicher sein, so hoffen sie. Auf dem Weg dorthin begegnen sie einigen Nachbarn. Sie sehen verstört aus. Mit hochgekrempelten Hosen versuchen sie vorwärtszukommen. Und auch Johanns Kräfte schwinden langsam. Die Wassermassen drücken schwer gegen seine Schenkel. Doch er denkt nicht daran, stehen zu bleiben. Schritt für Schritt schreitet er voran.
Der Gedanke an seine Frau und sein Baby in ihrem Leib treibt ihn voran.
Und ohne, es recht zu merken ist er am Hügel angekommen. Der Gegendruck beim Gehen ist kaum noch zu spüren. Und dann kann auch seine Frau mit trockenem Boden unter den Füßen die letzten Schritte bis zur Kirche gehen. In der Kirche haben sich bereits viele Menschen versammelt. Frauen sitzen auf den Bänken mit ihren Kindern auf dem Schoß. Väter unterhalten sich, und einige sitzen einfach da und hoffen auf Rettung.
Erschöpft setzen sich Johann und seine Frau auf eine freie Bank.
»Das Wasser wird weiter steigen«, sagt Johann zu seiner Frau. »Ich weiß«, erwidert sie nur.

Johann muss an seine Eltern denken, die im Haus geblieben sind. Und auf einmal steigen Tränen in seine Augen. Lange genug hat er sich zusammengerissen, und nun lässt er seinen Gefühlen freien Lauf. Seine Frau tröstet ihn, wie sie nur kann. Sanft streicht er ihr über den Bauch. Er kann einen Tritt seines Babys spüren, und trotz seiner tiefen Trauer bildet sich ein kleines Lächeln auf seinem Gesicht.
Er weiß, jetzt sind sie sicher. Und ab jetzt heißt es warten. Warten auf Hilfe. Warten auf Rettung.