shadow

Unzertrennlich

von Jessica Severiano, 16 Jahre

Seit Tagen stürmt es. Der Wind fegt um die Ecken und rüttelt an den Fensterläden wie ein ungebetener Gast.
Ich sitze in meinem Zimmer. Es ist warm und trocken. Ich mache Hausaufgaben, was mir eigentlich gar nicht ähnlich sieht. Es gibt nichts zu tun, und hinübergehen, um meiner Mutter bei der Küchenarbeit zu helfen, will ich nicht.

Ich bin eine schlechte Schülerin, normalerweise. Aber Kartoffeln schälen, Zwiebeln schneiden, fegen oder den Fußboden wischen – klingt nicht gerade verlockend. Dann lieber einen Aufsatz schreiben oder Bruchrechnen.
Ich höre wieder den Wind, sein unablässiges Pfeifen, dazwischen mein Herzschlag und in der Küche das Klappern der Töpfe. Mutter bereitet schon das Abendessen vor. Mir ist langweilig und meine Gedanken schweifen ab. Was Annabell, meine beste Freundin wohl gerade macht?
Ich stehe auf und versuche einen Blick in ihr Fenster zu erhaschen. Sie wohnt im Haus gegenüber. Wir sehen uns täglich, aber heute Mittag bleibt ihr Fenster dunkel, nichts bewegt sich.

Ich schaue hinunter auf die Straße. Nirgendwo ist ein Auto zu sehen, nur Matsch und ein paar wankende Gestalten, die kaum vorwärtskommen, so stark bläst der Wind. Auch auf der Straße kämpft etwas mit dem Wind. Wie in Zeitlupe kommt es näher. Ein umgeklappter Schirm auf einem Fahrrad, das beinahe still steht, und doch strampeln unter dem Schirm ein paar Beine verzweifelt in die Pedale.
Kenne ich diese Beine etwa? Jetzt sehe ich es deutlich. Die blauen Stiefel mit dem Pelzbesatz gehören Annabell. Ich reiße das Fenster auf und will ihren Namen rufen, aber kein Laut ist zu hören, als hätte ich ihn verschluckt: den Schrei. Nur der Sturm braust, und mit aller Kraft presse ich das Fenster wieder zu.

Ich will auf die Straße, schnell. Mit Annabell gegen den Sturm kämpfen, eine Prise Regen im Gesicht. Ihr fröhliches Lachen nah bei mir.
Schon bin ich auf der Treppe, da ruft meine Mutter: »Jessica, füttere mal deinen kleinen Bruder!« Ach Annabell, es ist doch immer dasselbe. Aber morgen unternehmen wir etwas gemeinsam.
»Jessica, beeil dich, Papa kommt auch gleich heim.«
»Komme schon, Mutti!«

Und, ihr könnt es euch denken, passiert ist dann nichts Interessantes mehr. Babygemüse, einmal Naschen inbegriffen. Doch noch Mutter helfen. Nur als Vater nach Hause kommt, gibt’s noch Nachrichten und eine Quizsendung im Anschluss. Nicht schlecht unser neuer Fernseher, eine Attraktion, übrigens der einzige im Haus. Deswegen hängen gewöhnlich abends bei uns die Nachbarn rum. Die Müllers, die Schultes und auch mal Oma Lotti, deren Mann im Krieg geblieben ist.
Aber heute kommt niemand, wohl wegen des Unwetters. Also früh ins Bett, damit ich morgen den Bus nicht verpasse.

Plötzlich, mir kommt es vor, als sei ich gerade erst eingeschlafen, reißt meine Mutter mich aus dem Tiefschlaf. Ich schaue auf die Uhr, es ist vier Uhr morgens! Meine Mutter ist total aufgeregt. Ganz verschlafen wanke ich ins Wohnzimmer, wo mein Vater hektisch ein paar Dinge in einen kleinen Koffer stopft. Ich weiß immer noch nicht, was los ist. Mein Bruder ist auch wach, er hält seinen Teddy in der Hand.
Dann klärt meine Mutter mich endlich auf: »Schatz, geh’ in dein Zimmer und hol deine wichtigsten Sachen. Lauf, schnell, das Wasser steigt, der Deich muss gebrochen sein. Los!«
Ich spüre mein Herz schlagen. Wie am Nachmittag, nur schneller. Ich beeile mich und rette meine neuen Schuhe und mein Radio. Ganz kurz werfe ich einen Blick aus dem Fenster. Es ist so unglaublich, wie rasant das Wasser ansteigt. Ein Fluss, mitten in der Stadt. Ich denke an meine Freundin Annabell. Ich hoffe, sie wurde auch geweckt und kann sich retten. Die Familie wohnt im Erdgeschoss.
Ich versuche, die Wohnungstür zu erreichen. Meine Mutter und mein Bruder rufen schon von oben. Da sehe ich meinen Vater – und was macht er? Er rettet den Fernseher. Unser ganzer Fußboden steht schon unter Wasser. Vater ist auf zwei Stühle geklettert. Mit einem Bein jeweils auf einem Stuhl schiebt er sich vorwärts Richtung Kommode.
Meine Mutter ruft von oben: »Was machst du da? Rette dich, nicht den dummen Fernseher!«

Mein Vater hört nicht auf sie. Das Wasser reicht Minuten später bereits bis zu seinen Knöcheln. Ich kann nicht weiter auf der Treppe stehen bleiben, ich muss nach oben. Ich sehe noch, wie er nach dem Fernseher greift.
Mein Bruder weint. Um uns herum stehen die Nachbarn. Wir knabbern an ein paar Butterbroten, die Mutter noch eilig geschmiert hatte. Ganze fünf Stunden stehen wir unterm Dach am Treppengeländer und starren immer wieder auf das Wasser. Seit einiger Zeit steigt es nicht mehr. Mein Bruder schläft jetzt auf zwei nebeneinandergestellten Stühlen. Ich zittere, es ist kalt im Flur. Mein Vater überlegt, ob der Fernseher hoch genug steht. Ich denke an meine Freundin Annabell. Ich hoffe, es geht ihr gut. Mama betet.
Als es dämmert, sehe ich, wie gegenüber das Dachfenster geöffnet wird. Eine Mädchenhand hält einen Stiefel aus dem Fenster und kippt Wasser aus, das hineingelaufen ist. Der Stiefel ist blau mit Pelzbesatz.