shadow

Verbunden

Verbunden

Michael saß auf einer Bank und wartete auf seinen besten Freund Daniel. Daniel war ganze 12 Jahre älter als er. Deshalb gefiel es seinen Eltern nicht, dass er sich mit ihm traf. Ständig sprachen sie von Gewalt oder benutzen Wörter wie: „Missbrauch“. Was bedeutete das? Ein paar Mal hatte er seine ältere Schwester gefragt, aber die hatte ihn angelächelt und war gegangen. In ihren Raum. Wie immer. Das nervte! Niemand wollte es ihm sagen. Doch dieses „Missbrauch“ war anscheinend etwas Schlimmes. Aber Daniel und etwas Schlimmes? Nein! Daniel war gut. Er half ihm bei den Hausaufgaben und vertrieb die bösen Jungen in seiner Klasse.

Heute wollte er seinem besten Freund berichten, dass er die erste Woche in der Schule prima gemeistert hatte. Er hatte das Versprechen gehalten: Kein Prügeln oder schlimme Worte. Er hatte es gehalten, jetzt musste Daniel sein Versprechen halten: Ihm etwas Besonderes geben. Er wird das Versprechen halten, das tat er immer. Und wenn nicht, dann war Daniel mal wieder im Krankenhaus. Er war oft krank. Zu oft, wie Michael fand. Sicher nutzte er das manchmal nur als Ausrede, um zu lernen oder sich mit Freunden zu treffen, wie es seine Schwester tat. Daniels Eltern wussten sicher alles, wie seine von der Krankheit seiner Schwester, die sie „Faulheit“ nannten. Ob Daniel auch Faulheit hatte? Nein, Faulheit war auch etwas Schlechtes. Da tat man nichts, was anderen half. Daniel half oft. Am meisten ihm. Das machte Michael stolz. Er war dadurch immerhin etwas Besonderes. Seine Schwester hatte ihm erklärt, dass beste Freund so etwas taten und einander alles erzählten. Michael erzählte Daniel alles, der seit seiner Geburt sein Nachbar gewesen war. Auch wenn es ihm teils peinlich war. Besonders wenn es um das „In die Hose machen“ anging oder „böse Worte aussprechen“. Seine Eltern sagten, dass Daniel ihn zu den bösen Worten bringen würde. Ganz und gar nicht! Das würde er nie tun.

„Hallo, Kleiner!“, hörte er Daniel rufen. Er war ein großer Jugendlicher mit kurzen Stoppelhaaren und großen, gräulichen Augen. Seine Haut war blass wie ein Stückpapier, wie es Michael fand. Doch das so irgendwie cool aus. Er ähnelte so einem Vampir.

Seine Schwester sagte, dass es schade ist, dass er seine Haare nicht länger wachsen lässt. Das hat er Daniel natürlich auch erzählt, aber der hat bloß gelacht und gemeint, er mag es so.
„Wie geht’s dir?“, fragte Daniel in seinem typisch freundlichen Tonfall.
„Gut. Habe die Woche ohne böse Worte oder Prügeleien überstanden!“ Michael streckt ein wenig die Brust heraus.
„Klasse gemacht!“ Daniel klopfte ihm auf den Kopf und setzte sich neben ihn.
„Jetzt bist du dran! Versprochen ist versprochen!“ Michael strahlte über beide Ohren. Würde er wieder einen Kuchen bekommen, wie es beim letzten Mal der Fall war, als er die Aufgabe von Daniel erledigt hatte. Er streckte schon die Hand aus, doch Daniel drückte sie auf das Holz der Bank.

„Schließ deine Augen und stell dir alles vor, was ich dir erzähle.“ Daniel hatte wieder dieses Lächeln, das Michael nicht so gerne mochte. Es war falsch und sah aus, wie aufgemalt. Die Augen kniff Daniel dabei immer so stark zusammen. Davon bekam man Falten und Falten sahen nicht schön aus. Dann sah man alt aus wie seine Eltern oder Großeltern. Aber Daniel hörte nicht auf ihn und machte es öfters in der letzten Zeit. Wenn er fragte „Warum?“, dann antwortete Daniel: „Weil es menschlich ist, so zu lächeln, wenn man in meiner Situation ist.“

Michael reichte das nicht aus, aber fragte auch nicht weiter nach. Einmal hatte er es getan und Daniels Vater hatte ihn angebrüllt, es würde ihn nichts angehen. Vorher hatte er Daniels Vater für nett gehalten, jetzt war er gruselig.
„Aber kein Märchen. Bin nicht Emily.“
„Ja, ich weiß! Du bist nicht deine Schwester, aber nun mache es!“ Daniel lachte. Das klang echt, wie es Michael fand. Es brachte ihn auch zum Lachen.
„Okay!“ Er schloss die Augen.
„Stell dir vor: Wir beide sitzen auf einer Wiese. Auf einmal wird es windig, obwohl alle dir gesagt haben, dass es still bleiben wird. Du spürst auch schon die ersten Regentropfen. Was tust du?“
„Mich unterstellen!“, antwortete Michael prompt und verwirrt. „Was sonst?“
„Und was wenn es keinen Unterschlupf gibt?“
„Dann stelle ich mich unter die Bäume!“, antwortete der Junge selbstbewusst.
„Was ist, wenn der Wind die Blätter wegweht und der Regen durchkommt?“
„Dann kriech ich unter einen Busch!“
„Alle Büsche dort haben Dornen. Sehr Kleine, die man kaum sieht! Würdest du dich darunter stellen oder lieber im kalten Regen stehen?“
„Ich wäre mit dir zusammen!“, meinte Michael „Du beschützt mich!“
„Ich habe nicht genügend Kraft dazu und das habe ich dir schon vor dem Beginn des Regens erzählt.“
Michael verschränkte die Arme und machte einen Schmollmund: „Dann nehme ich halt die blöden Büsche. Kratzen halt ein wenig!“.

Daniel lachte leise auf und strich sich über den Kopf: „Wenn man im Busch hockt und die Nadeln einen stechen, dann merkt man den Regen kaum mehr.“
„Das ist ja klasse!“, jubelte Michael und riss seine Arme in die Höhe, um gleichermaßen mit den Beinen zu strampeln.
„Was ist mit der Kälte?“

Michael hob eine Braue an. Was wollte Daniel damit bezwecken? Wollte er ihm nicht ein Bild beschreiben? Das hier war blöd und klang so sehr nach Erwachsenenzeug. Was fing er jetzt mit der Kälte an? Er wollte endlich seinen Kuchen.
„Ist doch egal. Jeder Regen hört irgendwann auf!“, schnauzte Michael und wollte seine Augen öffnen, als ihm sein bester Freund die Hand vor diese legte. „Ey, Daniel, das ist dumm!“
„Für mich hört der Regen nie auf.“
Micheal versuchte sich vergeblich, loszureißen. „Mann, es scheint die Sonne! Du bist doof!“
„Seitdem ich geboren worden bin, liege ich im Strauch und als ich wuchs, stachen die Nadeln. Sie älter ich werde… kannst du dir vorstellen, was dann passiert?“
„Nö, will ich auch nicht! Ich will jetzt mein Geschenk.“, quengelte Michael und verschränkte die Arme vor der Brust.
„Mir ist unter dem Regen bereits kalt und ich friere!“
„Stopp. Das ist ein dummes Spiel…“ Endlich! Michael riss sich los und schaute seinen besten Freund enttäuscht an. Es gab also nichts. Wie gemein. So etwas hatte Daniel noch nie getan. Er war fies. Er erzählte ihm eine dumme Geschichte mit einem dummen Regen und er musste auch noch selber denken. Von wegen Geschenk. Tränen liefen über sein Gesicht. War er doch nicht so gut? Es tat weh und das wollte er nicht.

„Du bist doof!“, sagte er unter Tränen „Du hast mir ein Geschenk versprochen. Du hast dein Versprechen gebrochen! Versprechen brechen ist schlecht!“
„Ich habe es dir schon gegeben!“, hauchte Daniel.
„Lügner. Lügner! Das ist schlecht. Hast du selbst gesagt. Lügen ist böse. Also bist du auch böse!“ Der Junge lief fort zu sich nach Hause.
Aus dem Hintergrund hörte er Daniel noch rufen: „Bald wirst du es verstehen!“

Von wegen, dachte sich Michael und lief weiter. Der zurückgelassene Daniel seufzte und erhob sich aus seinem Sitz. Eine Ahnung hatte in ihm gelebt, dass der Junge so reagieren würde. Kein Wunder eigentlich, er war erst 6 Jahre alt und verstand nicht, wenn man ihm etwas Besonderes anvertraute. Er schaute auf die Uhr. Schnell los, er kam sonst zu spät zu seiner nächsten Chemotherapie. Ein echtes Lachen kam aus seinem Mund. Emily wird sich wieder darüber aufregen, dass er eine Glatze hat und Michael? Wer weiß, ob er überhaupt noch mit ihm sprechen wird. Doch sobald er das letzte Mal diese Strahlen in seine Lunge stechen lässt, wird er entweder die Augen bis ins hohe Alter offen lassen oder für immer schließen. Dieser dämliche Krebs, er hatte ihn in diese Lage gebracht. Er war wie ein kalter Regen. Man erfror, man starb, ganz langsam.