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Vergebung

von Sophia Usadel

VOR DREIZEHN JAHREN

Der Schnee fiel in weißen, dicken Flocken, die Kälte war schneidend, ich spürte weder meine Hände, noch meine Füße. 

Anfangs war es schwer gewesen, sich durch die hohen Schneewehen zu kämpfen, doch mit der Zeit war ich in einen Trott geraten und ich hatte nichts mehr gespürt; es war alles taub. Wir waren schon ein paar Stunden gelaufen, jeder Atemzug war schneidend, wie eine kalte Klinge.  Die Abenddämmerung hatte eingesetzt, die letzten Strahlen der Sonne ließen den Schnee golden schimmern. Ich hatte Angst, Angst vor dem, was mich erwarten würde; ich sollte heute erleben, was mit den Menschen passiert, welche sich den Regeln unseres Clans widersetzten. Wir waren stehen geblieben am Fuße eines Hügels. Kilian zeigte mit seiner Hand auf die Kuppe des Berges. „Schau, es ist nicht mehr weit, nur noch bis dort oben!“ Kilian, war eine Art großer Bruder für mich. Ich kannte ihn, seit ich denken kann, er gehört mit zu unserem Clan. Ich nickte kurz, durch das Stehenbleiben, war ich aus meinem Trott gekommen und mir wurde die beißende Kälte wieder bewusst. Wir liefen weiter, es war wieder mühsam, jeder Schritt war ein Kampf gegen meinen Kopf der mir sagte, dass mein Körper nicht mehr wollte. Nach gefühlten Stunden, waren wir auf der Kuppe des Berges angelangt. Es standen dort viele Menschen mit Fackeln, in einem Kreis um ein aus Holz errichtetem Podest, die Dunkelheit war nun gänzlich eingetreten. Wir reihten uns ein in den Kreis der Wartenden. Es war offensichtlich, dass auf etwas gewartet wurde; keiner sprach, es war eine leere Stille, ein wartendes Schweigen. 

Nach einer Weile hörte ich leises Schnauben, ich drehte mich um und sah vier Pferde durch den Schnee galoppieren, drei schwarze und ein weißes. Voran ritt ein schwarzes, auf dessen Rücken ein Mann mit einer eisernen Maske saß; dahinter das weiße, flankiert von wiederum zwei schwarzen. Auf dem weißen Pferd saß ein zusammengekrümmter, in Lumpen gekleideter Mann. Ich griff nach Kilians Hand, sie war wärmer als meine. Ich war sieben Jahr alt, noch ein kleiner Junge, ein Kind. Kilian war siebzehn, er hatte so etwas schon oft erlebt; ich fühlte mich sicherer an seiner Hand. Die Pferde waren stehen geblieben. Die Männer stiegen ab und zerrten den Gefangenen vom Pferd, er sackte in sich zusammen. Sie zogen ihn wieder auf die Füße und zerrten ihn auf das Podest. Nun stand er dort – alleine und verlassen. Sein Blick war nach unten gerichtet, seine Haare waren schwarz, lang und durchzogen von grauen Strähnen. Ich konnte einen kurzen Blick auf seine Augen werfen, sie waren leer und strahlten etwas gebrochenes aus. Ich hatte noch nie zuvor einen solchen Blick gesehen; es lag nicht einmal mehr Verzweiflung darinnen. Er wiegte sich langsam hin und her, wie zu einer unhörbaren Musik. Der Mann mit der Maske schritt auf das Podest und zog sein Schwert, er holte aus und trennte den Kopf vom Körper. Mit einem dumpfen Schlag fiel der Kopf auf das Holz und Blut breitete sich aus. Der Mann mit der Maske steckte sein Schwert zurück und stieg das Podest hinab. Ein paar von den umstehenden Menschen warfen ihre Fackeln auf das Holz und in wenigen Sekunden brannte dort ein Feuer, wo eben noch ein lebendiger Mensch gestanden hatte.

DER AUFBRUCH

Ich sattelte mein Pferd, unter meinen Händen spürte ich das glatte, warme Fell; es glänzte in der aufgehenden Sonne rostrot, wie mein eigenes Haar. Seitdem ich meine erste Hinrichtung erlebt hatte, war viel Zeit vergangen. Ich war kein kleines Kind mehr, ich war zwanzig Jahre alt, keine sieben. Kilian war schon dreißig. Ich hatte viele Menschen seitdem sterben sehen und auch selbst getötet, jedoch konnte ich mich nicht so leicht damit abfinden, wie die meisten, die es nach einiger Zeit taten. „Lias?“ fragte die tiefe, warme Stimme von Kilian, „wir brechen auf! Die Zelte stehen schon nicht mehr“. Ich nickte ihm kurz lächelnd zu und schwang mich auf Egil, mein Pferd. Kilian war letzte Nacht den Bund der Ehe eingegangen mit Juna, einem Mädchen aus dem Clan. Sie war ein Jahr älter als ich, mit langen, blonden Haaren, die  über ihre schmalen Schultern fielen.

Wir waren schon eine Weile unterwegs, wir ritten durch die Berge von Lysien;  grüne Hügel, steile Felswände und spiegelglatte, türkise Bergseen umgaben uns. Nach vielen Stunden,  konnte man ein paar Häuser entdecken, welche an einem der Felshänge klebten. 

Als wir dort angelangt waren sahen wir, dass das kleine Dorf geplündert worden war. Die Menschen, die dort gelebt hatten, waren wohl Christen gewesen. Denn die auf der Erde liegenden erstochenen Leichen trugen hölzerne, kleine Kreuze an Bändern um ihre Hälse. Es war noch nicht lange her gewesen, dass hier ein Clan gemordet und geraubt hatte. Wir hielten, viele stiegen von ihren Pferden und untersuchten die Hütten und Leichen, man suchte nach dagelassenen Wertgegenständen, ein paar wurden fündig, es gab jedoch nicht mehr viel zu holen. Ich blieb auf meinem Pferd sitzen, es war nicht Angst, die mich nicht absteigen ließ, ich hatte keine Angst vor den Leichen, es war Respekt, Respekt vor dem Tot und den Toten. Warum war das Morden oft das Einzige, was man als Rache, oder Option kannte? Wann wurde der Weg, auf dem man wandelte, zu einem Fluss, der nur noch eine Richtung kennt und dessen Ziel nur der Tod war? Ich weiß es nicht und konnte es auch nicht begreifen. Bei den meisten sank mit der Zeit die Hemmung und sie fanden sich damit ab, es war normal. 

„Hier ist nichts mehr!“ rief Torin, der Anführer unseres Clans. „Die Christen sind wohl nicht sehr reich an Gold und Silber“, sagte er im lachend, spöttischem Ton. Ein paar stimmten in sein Lachen ein. Sie schwangen sich wieder auf ihre Pferde und wir ritten weiter. Stunde um Stunde, Hügel um Hügel, bis wir einen Wald erreichten und die Sonne den Horizont küsste. Wir schlugen unsere Zelte auf und entfachten Feuer. „Lias, komm und hilf mit dem Feuer!“ rief mein Vater. Mein Vater, ein großer, kräftiger Mann, sehr gut im Kampf. Er hatte mich das Kämpfen gelehrt. Seine tiefschwarzen Haare hatte er zu einem Knoten gebunden, sein Bart war zu vielen kleinen Zöpfen geflochten, auf denen silberne Perlen glänzten; und seine eben so dunklen Augen, die nur Wärme und Güte ausstrahlten. „Ja, ich komme“, rief ich. Ich band Egil an den nächsten Baum und liess ihn grasen. Dann lief ich zu unserem Zelt und half das Feuer zu entfachen. 

Es wurde gesungen, getanzt, gelacht, getrunken und gefeiert. Ich setzte mich zu Kilian und Juna, wir spassten und lachten. Ich beobachtete die Flammen, wie sie an den trockenen Ästen leckten und nagten, wie sie tanzten und einen warmen Schein auf unsere Gesichter warfen, bis Torin seine etwas angetrunkene Stimme erhob, dass die Burg von Agavil bald unsere wäre. Und zustimmendes Gröhlen war zu hören. „Auf den Sieg!“. Die Burg von Agavil einzunehmen, war unser Ziel, wir waren auf dem Weg dorthin. Auch ich hatte meinen Becher erhoben, ich lächelte meinem Vater zu und es durchströmte mich ein wohliges Gefühl von vertrauter Heimat. Da wir ein Clan waren, welcher nicht an einem Platz verweilte, sondern der durch die Lande zog, von Stadt zu Stadt und Land zu Land, war kein Ort meine Heimat, sondern mein Clan und meine Familie. 

Später in der Nacht, als es ruhiger wurde, erzählten wir uns Geschichten von Schlachten, von Siegen und Niederlagen, lustige und traurige, schöne und melancholische; unser Clan lebte von erzählten Geschichten. 

DIE BURG VON AGAVIL

So ritten wir zwei Tage weiter, bis wir an einem Dorf am lysischen Meer angelangt waren. Es war ein kleines Dorf, es lebten hauptsächlich Fischer dort. Es lagen mehrere kleine Boote an ein paar Stegen im Wasser. Viele der Häuser und Hütten waren grau, die graue Farbe verlieh dem Dorf etwas tristes und einsames. Es war, als ob alle Farbe und damit auch die Freude in dem Dorf fehlten. 

Ein alter Mann kam aus einer der Hütten, er hatte einen langen, grauen Bart; sein Gesicht war faltig, vom Leben gezeichnet und ebenfalls grau, wie alles in diesem Dorf. Er lief gebückt, als wenn er eine nicht tragbare Last auf seinen Schultern trug. Torin stieg von seinem Pferd. Er redete kurz mit dem alten Mann und dieser zeigte mit seiner knochigen Hand in eine Richtung, entlang der Küste. Torin nickte, schwang sich wieder auf sein Pferd und wir ritten in die Richtung, in welche der Mann gezeigt hatte. 

Nach einer guten Stunde sah ich zwei kleine Punkte an der Küste kleben. Als wir näher kamen, wuchsen die zwei Punkte zu zwei großen Schiffen heran. „Mit diesen Schiffen werden wir das lysische Meer überqueren“, erklärte Torin. Ich wusste nicht, wie Torin es geschafft hatte, dass diese beiden Schiffe hier auf uns warteten. Wir brachten die Pferde in den Bauch der Schiffe, es dauerte, bis alle und alles verstaut und eingeladen war, bis die beiden Schiffe Fahrt aufnahmen und auf das offene Meer segelten. Es war ein Gefühl von Freiheit das ich bekam, als das Salzwasser an den Bug des Schiffes schlug, der Wind in die Segel griff. 

Zwei Wochen waren wir unterwegs gewesen, bis wir zum ersten Mal wieder Land sahen. Es zeichnete sich wie eine lange, zackige Linie am Horizont ab. 

Es war schön, wieder feste Erde unter den Füssen zu haben und nicht nur die unzuverlässig schwankenden Planken eines Schiffes.

Wir waren noch ein Stück geritten, bis wir unsere Zelte in der Nähe von Burg Agavil aufschlugen.  Wir bereiteten uns auf die Schlacht vor, die Schwerter wurden geschliffen, Bögen gespannt und Pfeile geschnitzt; Pfeile, die später Leben zu Ende gehen ließen. Nebel hing wie Fetzen in der Luft, so konnte man den Rauch unserer Feuer auch aus weiter Ferne nicht entdecken.

Die nächsten Tage planten wir die Schlacht. Wir schickten einige unserer Leute um die Schwachstellen der Burg zu erkunden und besprachen, mit welcher Taktik wir angreifen wollten. Ich wusste nicht, ob ich Freude empfinden sollte, denn es würde wieder Tote geben, vielleicht war es diesmal Juna, Kilian oder ein anderer meiner Freunde. Bis jetzt hatten meine engsten Freunde alle Kämpfe überlebt, aber wie weit kann man das Glück herausfordern, bis es nicht mehr exestiert?

DIE WAHRHEIT UND EINE ENTSCHEIDUNG 

Es war keine Hoffnung mehr, an die ich mich klammern konnte, es war unwiderruflich und es schmerzte unerträglich! Mein Vater hatte den Kampf nicht überlebt, er war gefallen, mit einem Lächeln auf seinen Lippen und dem Schwert in der Hand. Ich war nicht dabei gewesen, ich hatte es erst später gesehen und gehört, nach welchem Kriterium schlägt der Tod zu?  Würfelt er? Wohl eher unwahrscheinlich. Wenn doch, waren die Würfel schlecht gefallen. 

Meine Mutter  war schon vor einigen Jahren gestorben, sie war erkrankt und aus ihrem Schlaf nicht wieder erwacht.

Ich saß in meinem Zelt, die Trauer war wie Senkblei, das mich herunter zog. Ich konnte es nicht begreifen, nicht erfassen. Es war, wie wenn man probiert nach Wasser zu greifen, es gleitet einem immer wieder durch die Finger, egal wie oft man es versucht. 

Kilian kam in das Zelt, er nahm mich in die Arme, es half mir. Ich wusste, dass es auch ihn getroffen hatte. „ Hier, ich habe etwas für dich“ sagte Kilian; er gab mir einen Umschlag, „Er ist von deinem Vater.“ Ich nahm ihn entgegen. Kilian ging wieder hinaus. Ich öffnete den Umschlag und nachdem ich alles gelesen hatte, war ich  tief erschüttert, aber es war auch wie eine Erleichterung; die Lüge war wie ein Stein, der mir auf einmal vom Fuß gebunden worden war. Aus dem Brief ging hervor, dass ich  nicht das leibliche Kind meiner Eltern war; ich war in einer christlichen Familie geboren, welche jedoch von meinem Clan ermordet und geplündert worden war. Ich war noch ein Säugling gewesen, noch kein wirklicher Christ; und so hatte der Clan beschlossen mich mitzunehmen und als Heidin zu erziehen. Ich war bei den Mördern meiner Familie aufgewachsen; und doch waren sie meine Familie geworden. Ich konnte es im Kopf verstehen, aber nicht mit dem Herzen.

War es das gewesen, christliche Eltern gehabt zu haben, die trotz meines jungen Alters schon den Samen in mein Herz gesenkt hatten, dass Vergebung und nicht Blutrache das Leitbild des christlichen Handelns ist, das mich immer hatte zögern lassen, wenn Menschen durch unsere Hand und unser Schwert starben?

Nun hatte ich einen Entschluss gefasst: ich wollte hinaus in die Welt, meine Wurzel kennen lernen, das Christentum. Ich wollte wissen, was Vergebung war und dass man nicht nur tötete. Ich wollte für eine Zeit meinen Clan, meine Heimat verlassen. Ich schwor mir selbst, wie auch Kilian, dass ich zurückkehren würde, dass ich meine Heimat nicht endgültig verließ, aber ich wollte erst zurückkommen, wenn ich gefühlt hatte, was es heisst, mit christlichen Werten zu leben.