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Verliebt

von Asma Mohamadi

1

Es war 7 Uhr morgens, als mein Wecker klingelte.

Die Sonne schien mir ins Gesicht und mein Papa rief:  „Ely, steh auf, sonst kommen wir noch zu spät!“

Wo kommen wir denn zu spät?, dachte ich mir.

Da fiel es mir wieder ein, ich sprang aus meinem Bett und lief ins Bad, um mich fertig zu machen.

Nach zwanzig Minuten nahm ich meinen Koffer, und wir fuhren los.

Ich freute mich auf meine Freunde und natürlich auch auf die Klassenreise, denn es war meine erste Klassenreise. Früher durfte ich nicht mitfahren, aber nun war ich 12 Jahre alt und meine Eltern erlaubten es.

Ich war gespannt, da ich nicht wusste, wie es ist, auf einem Ponyhof zu sein.

Mein Vater setzte mich ab und ich lief zu meinen Freundinnen, die schon auf mich warteten.

Gleich darauf kam der Bus und als die Tür aufging, stürmten wir hinein und besetzten die Plätze, die wir haben wollten.

Alle winkten ein letztes Mal ihren Eltern zu und dann fuhren wir auch schon los.

Die erste Hälfte der Reise waren alle noch gespannt und redeten miteinander, doch dann schliefen alle.

Nach etwa drei Stunden waren wir da.

Als ich rausging, um meinen Koffer abzuholen, fiel mein Blick auf einen Jungen.

Er lachte total süß.

Ich konnte meine Augen nicht von ihm lassen. Das Gefühl, das ich in diesem Augenblick hatte, war einfach magisch.

Aber wer war das, ich kannte ihn nicht und hatte ihn auch nie zuvor gesehen.

„Wo guckst du denn hin?“, fragte mich meine Freundin Anna.

„Nirgends“, antwortete ich.

Zum Glück riefen unsere Lehrer, um uns die Zimmer zu zeigen. Der Junge wollte mir nicht mehr aus dem Kopf gehen.

Um 18 Uhr mussten wir rausgehen, weil wir reiten gehen wollten. Ich hielt Ausschau nach dem Jungen, sah ihn jedoch nicht.

Ich entschied mich, mit Anna über ihn zu reden, schließlich war sie ja meine Freundin.

Sie sagte zu mir: „Frag ihn doch mal, ob er was mit dir machen möchte oder so!“

„Spinnst du? Er kennt mich  nicht mal!“

„ Na und, dann lernt er dich jetzt kennen!“

„NEIN!“

„Warum nicht, wenn du ihn nicht fragen willst, dann mach ich das für dich, okay?“

„Ja, ich weiß nicht recht!“

„Doch, wir machen das so!“

„Und wenn er sagt, dass er nichts machen möchte?“

„Dann weißt du gleich Bescheid, komm, ein Versuch ist es wert!“

„Wenn es sein muss!“

Sie ging schließlich zu ihm, um ihn zu fragen, aber er antwortete nur: “Ihhhhhh doch nicht mit der, die hat doch einen Bart, und ich kenne sie gar nicht. Aber ich finde deine andere Freundin cool. Kannst du sie mal bitte fragen, ob sie was mit mir machen möchte!“

Als Anna mir das erzählte, wollte ich weinen.

Ich wusste jetzt, dass er Max hieß. Und Annas Freundin hieß Sara.

Als wir das nächste Mal alle rausgingen, liefen Max und Sara nebeneinander.

Plötzlich blieben alle stehen und riefen: „Küsst euch.“

Ich hoffte, dass er es nicht tun würde, doch er tat es, und ich merkte, wie mir die Tränen kam und rannte weg.

Ich ging in mein Zimmer, schloss die Tür hinter mir und weinte mich aus.

Ich hatte das Gefühl, dass ich nie Glück hatte. Als kleines Kind musste ich meine Heimat verlassen und in ein fremdes Land gehen, wo ich niemanden kannte und lange Zeit keine Freunde hatte. Und überhaupt würde ich immer ganz anders aussehen als die anderen.

Ich hoffte, dass mir dieser Junge aus dem Kopf ging. Doch so lange ich ihn auf dem Ponyhof sah, war das schwer. Ich war froh, als ich wieder zuhause war und ihn nicht mehr sehen musste. Doch sogar zuhause musste ich noch an ihn denken, vor allem an sein Lächeln.

Ich fing an zu beten, dass ich ihn vergessen könnte, aber es half nichts.

 

2

So vergingen zwei Jahre. Als ich  in der 7. Klasse war, passierte etwas, womit ich nie gerechnet hatte. Wir wurden in neue Klassen aufgeteilt. Und als mein Name aufgerufen, hörte ich direkt nach mir den Namen von Max. Er stellte sich neben mich und, obwohl ich ihn zwei Jahre nicht gesehen hatte, pochte mein Herz wie wild.

Auf einmal sprach er mich an und stellte sich mir vor. Er konnte sich nicht einmal an mich erinnern!

Endlich waren alle aufgerufen, und wir gingen in unsere Klassenräume.

Ich setzte mich irgendwo hin, weil ich niemanden wirklich kannte.

Gegenüber von mir saß ein Mädchen, die ich nie zuvor gesehen hatte.

Sie schaute mich an und lächelte.

„Was will sie, warum guckt sie so komisch?“, ging es mir durch den Kopf.

Unsere Lehrer stellten sich vor und wir uns natürlich auch.

Dieser Tag verging nur mit Besprechungen.

Am nächsten Tag wurden wir umgesetzt.

Ich sollte neben Sandra sitzen. Das war das Mädchen, das mich angelächelt hatte.

Unsere Plätze waren ganz hinten.

Plötzlich sagte meine Lehrerin, dass sich Max und Alex neben uns setzen sollten.

Ich bekam ein richtig großes Grinsen auf meinem Gesicht, ich freute mich unendlich, denn jetzt, glaubte ich, hatte ich ein Chance, mit ihm zu reden und ihn richtig gut kennenzulernen.

Ich nutzte auch gleich die erstbeste Gelegenheit und fragte ihn aus, was er mag, was er nicht mag und wie sein Leben so war.

Er beantwortete jede Frage.

Schon bald wurden wir gute Freunde. Ich erhoffte mir zwar etwas mehr als nur Freundschaft, doch es schien, als hätte ich endlich Glück in meinem Leben.

Wir machten viel Quatsch miteinander, redeten während der Stunde und machten noch vieles andere, außer, uns auf den Unterricht zu konzentrieren.

Die Lehrer setzten Max nach vorne, damit wir ein bisschen ruhiger wurden.

Doch es nützte nichts. Er schrie durch die ganze Klasse, wenn er was von mir wollte, und ich umgekehrt natürlich auch.

Wir flogen oft zusammen raus, aber das war ja nur zu meinen Gunsten. Wenn ich allein mit ihm war, hatte ich ständig Herzklopfen, so sehr, dass ich dachte, mein Herz würde gleich rausfallen.

Er nahm für mich auch bald einen Umweg in Kauf und begleitete mich auf einem Stück meines Heimweges. Manchmal setzten wir uns auf eine Bank und redeten miteinander.

Ich fühlte mich so wohl bei ihm wie bei niemandem sonst auf dieser Welt.

 

Dann rückte sein Geburtstag näher.

Ich zerbrach mir jeden Tag den Kopf, was ich ihm schenken sollte.

Schließlich entschied ich mich für eine Kette und eine Karte.

Auf der Karte gestand ich ihm meine Liebe.

Als ich ihm dieses Geschenk überreichte, war ich mir nicht mehr sicher, ob ich wirklich das Richtige tat.

„Les die Karte bitte erst zuhause!“, sagte ich schnell.

„Warum?“, fragte er.

„Nur so, ist einfach besser“, antwortete ich.

Als er sie trotzdem lesen wollte, nahm ich sie ihm weg und strich das „Ich lieb dich“ durch.

Am nächsten Tag sah ich, dass er meine Kette trug.

Irgendetwas passierte in mir, und ich wusste nicht recht, was das war.

Ich dachte mir: „Wow, er trägt wirklich meine Kette, vielleicht liebt er mich auch.“

Er kam zu mir und sagte, er wüsste, was ich weggestrichen hätte. Ich merkte, wie mir warm wurde, mein Gesicht sah bestimmt wie eine Tomate aus. Ich versuchte, mich irgendwie da raus zu reden. „Ja, war nur Spaß!“

Er sah aus, als wäre er erleichtert.

Ich erzählte Sandra davon, denn wir waren inzwischen die besten Freundinnen geworden.

Sie meinte, dass er mich auch lieben würde, weil alles dafür sprach. Und sie wollte versuchen uns zusammen zu bringen. In mir war nur noch Freude.

Ich glaubte, dass ich endlich den Jungen bekam, in den ich schon Jahre verliebt war.

Sie ging zu ihm, um ihn zu fragen, doch als sie zurückkam, hatte sie keinen guten Gesichtsausdruck.

Mein Herz schlug heftig.

„Ely, es tut mir wirklich leid!“, sagte sie.

„Warum, was hat er gesagt?“

„Er meinte, er möchte nichts mit dir anfangen, weil du eine gute Freundin für ihn bist und er die Freundschaft nicht kaputt machen will“

Ich schüttelte den Kopf. „Er lügt, er will nichts mit mir anfangen, weil ich anders aussehe und diesen verdammten Bart habe. Ich sehe aus wie ein Junge mit diesem Bart. Wer will denn bitte mit einer zusammen sein, die einen Bart hat? Genau niemand!“

„Ely, du spinnst, du bist ein hübsches Mädchen, er ist einfach nur blind und merkt nicht, was für einen Fehler er macht, er wird es noch bereuen“, versuchte sie, mich zu beruhigen.

„Daran glaubst du selbst nicht, hör auf zu lügen“, antwortete ich.

Ich ging nach Hause, denn nur dort konnte ich mich in mein Zimmer verkriechen und in Ruhe weinen. Am nächsten Tag ging ich wieder in die Schule und tat so, als wäre nie etwas passiert. Aber ich wollte nichts mehr mit Max zu tun haben.

Ich ging ihm aus dem Weg, redete nicht mehr ihm, tat so, als wäre er gar nicht da.

„Ely, was ist mit dir, hab ich was falsch gemacht?“, fragte er.

„Nein, alles ist gut, lass mich in Ruhe“, antwortete ich.

„Warum, sag mir doch was ich falsch gemacht habe“, erwiderte er.

„Lass mich einfach nur in Ruhe“, sagte ich etwas lauter.

Er ging weg. Alle aus der Klasse merkten, dass wir uns gestritten hatten, doch das war mir egal.

 

3

Am Ende des Schuljahres erfuhren wir, dass unsere Klasse aufgeteilt wurde. Max kam in eine andere Klasse als ich. Die Tage bis zu den Ferien vergingen sehr schnell. Als ich am letzten Schultag nach Hause ging, fühlte ich mich total schlecht. Ich hatte zwar in den letzten Wochen kaum noch mit Max geredet, aber dass ich ihn nicht mehr jeden Tag sehen sollte, machte mich völlig fertig.

In den Ferien dachte ich jeden Tag, bevor ich schlafen ging, an ihn und hoffte, dass es ihm gut ging, und ich war froh als die Ferien zu Ende waren.

Es war zwar ungewohnt, dass er nicht mehr in meiner Klasse war, doch ich konnte ihn in den Pausen sehen und wieder Spaß mit ihm haben, dachte ich zumindest. Aber ich hatte mich geirrt, denn er hing nur noch mit einem Mädchen namens Victoria rum.

Die beide waren gute Freunde geworden.

Anfangs hätte ich am liebsten irgendetwas unternommen, um die beiden auseinander zu bringen. Aber Sandra bekam das mit und machte mir klar, dass es keinen Sinn hatte.

„Max hat sich einfach für eine andere entschieden“, sagte sie. „Was willst du denn dagegen machen?“

Ich fing an, mich daran zu gewöhnen. So vergingen zwei Jahre, und ich hatte nun das Gefühl, ich sei über die ganze Sache hinweggekommen. Wir gingen inzwischen in die zehnte Klasse.

 

Sandra und ich wechselten den Musikunterricht, wir gingen zum Tanzen, weil wir keine Lust auf Musik hatten. In diesem Tanzunterricht waren auch Max und Victoria, doch war mir das jetzt egal.

In der ersten Tanzstunde mussten Sandra und ich zusammen tanzen, was wirklich sehr lustig war, denn wir übten zwar mit den anderen, machten aber dabei unsere eigenen Schritte.

Sie war von uns beiden der Mann, weil sie die größere war.

Unser Lehrer sagte, dass er uns für einen Wettbewerb angemeldet hätte, für den wir die Schritte sehr gut beherrschen müssten. Wir sollten uns überlegen, mit welchem Jungen wir tanzen wollten. Aber auch die Jungs sollten sich ihre Tanzpartnerin aussuchen.

Ich machte mir keine Gedanken darüber, denn es war mir völlig egal, mit wem ich tanzte, Hauptsache nicht mit Max.

Sandra holte sich Bryan, einen Jungen aus unserer Klasse. Sie bot mir an, dass ich auch mit ihm tanzen könnte. Ich wollte es mir überlegen.

Zur nächsten Tanzstunde fragte unser Lehrer, mit wem wir nun tanzen wollten. Ich sagte, dass ich es noch nicht wüsste.

Max und Orhan brauchten noch eine Partnerin. Max war allerdings nur allein, weil Victoria gerade krank war.

Ich wollte natürlich lieber mit Orhan tanzen, als plötzlich Max fragte, ob ich mit ihm tanzen würde.

Zuerst war ich nicht einverstanden, aber dann dachte ich mir, dass es doch egal war, mit wem ich tanzte, Hauptsache es war ein Junge, und so sagte ich ja.

Mein Lehrer wollte sehen, wie wir miteinander tanzten.

Es war mir peinlich mit ihm zu tanzen, so vor allen anderen. Meine Hände fingen an zu schwitzen, mein Herz pochte, und es war ein unglaublich schönes Gefühl, mit ihm zu tanzen.

Doch dann wurde ich wütend. Es war doch sowieso klar, dass er nichts von mir wollte.

Er lächelte mich an, aber ich guckte weg.

Ich war froh, als der Tanz endlich zu Ende war.

Als ich mich hinsetzten wollte, sagte Sandra zu mir: „Ely, du bist ja ganz rot geworden.“

„Bin ich gar nicht, es ist nur viel zu warm hier und ich hab einen Pullover an.“

Aber nun wusste ich, dass ich immer noch etwas für Max empfand.

 

4

In den folgenden Wochen tanzten wir immer öfter miteinander. Aber Max war nach wie vor mit Victoria zusammen, und wenn sie da war, dann tanzte er auch mit ihr. Eines Tages kam ein Neuer in unseren Tanzkurs. Er hieß Andy und wollte mit mir tanzen. Er tanzte ziemlich gut, und wir hatten viel Spaß. Eines Abends, als eigentlich klar war, dass ich mit Andy tanzte, kam Max zu mir und wollte mit mir tanzen.

Ich sagte: „Nein, ich will nicht mit dir tanzen. Du hast doch Victoria, und ich will nicht immer nur zweite Wahl sein.“

„Aber das stimmt doch gar nicht“, widersprach er und bestand darauf, mit mir zu tanzen, obwohl ich schon mit Andy auf der Tanzfläche stand.

„Ich will aber nicht“, erklärte ich, und er musste gehen. Er war sehr wütend. Insgeheim freute ich mich. Denn es sah so aus, als ob er eifersüchtig auf Andy war. So zeigte er zum ersten Mal seine Gefühle für mich.

Er suchte sogar nach anderen Gelegenheiten, in meiner Nähe zu sein. So begleitete er mich wieder öfter nach Hause. An einem Nachmittag blieben wir zwei Stunden auf einer Bank sitzen und redeten über alles. Am Abend war ich überglücklich. Max hatte sich so viel Zeit für mich genommen. Aber es sah auch wieder so aus wie früher. Wir waren wieder Freunde geworden, mehr nicht.

Einmal sprach mich eine Lehrerin an und fragte mich, ob ich nicht schon seit der siebten Klasse in Max verliebt sei.

„Genau gesagt, sogar seit der fünften“, antwortete ich.

Sie staunte. „Was so lange schon. Da kann er sich ja glücklich schätzen.“

„Er sieht es nur leider nicht“, erwiderte ich.

„Doch, doch“, meinte sie. „Er wird es schon noch sehen.“

Das gab mir ein bisschen Mut, aber ich wusste noch eine ganze Weile nicht, woran ich bei ihm war. Dabei trafen wir uns inzwischen schon wieder regelmäßig, so wie früher.

Und mir war klar, dass ich auch schon wieder völlig verliebt war. Doch eins war mir auch klar: Ich wollte ihm nicht noch einmal sagen, dass ich ihn liebe. Die Erfahrung, die ich damit gemacht hatte, wollte ich nicht nochmal erleben.

Eines Abends saßen wir wieder auf einer Parkbank, und er sagt mir, dass er auf eine Klassenreise nach Paris fahren würde, aber vorher wollte er mir noch etwas sagen.

Dann sagte er etwas, das ich nicht verstand. Er meinte, es wäre Hawaiianisch, und ich sollte selbst herausfinden, was es heißt.

Zuhause schaute ich sofort in meinem Laptop nach und fand tatsächlich eine Übersetzung.

Es hieß: „Ich liebe dich.“

Ich war ziemlich verwirrt. Meinte er das ernst? War es nur ein Spiel? Ungeduldig wartete ich, bis er aus Paris zurück war. Endlich war es so weit, und wir trafen uns wieder im Park.

Ich wollte wissen, was das eigentlich sein sollte mit uns.

Und er sagte: „Ganz einfach, du und ich wir sind zusammen.“

Ich sah in seine Augen und wusste, dass er es ehrlich meinte.

Ich konnte es kaum glauben. Das, wovon ich über fünf Jahre geträumt hatte, war Wirklichkeit geworden. Ich gab ihm einen Kuss und freute mich auf die Zukunft, die wir miteinander hatten. Wie diese Zukunft aussehen würde, darüber wollte ich mir in diesem Moment noch keine Gedanken machen, denn das war in den Sternen geschrieben.