shadow

Waka Waka

von Jaqueline Gums

1

Ich öffne meine Augen ganz langsam.
Vor mir nur Dunkelheit. Wo bin ich?
Ich spüre kalten Wind, der meinen Körper entlang streicht. Ich höre die Äste der Bäume hin- und herschwenken und Vogelgezwitscher.
Ich strecke meine Arme aus, so dass meine Handflächen den Boden berühren. Erst jetzt merke ich, dass ich auf einem weichen Boden liege.
Ich lasse meine Hände auf dem Boden hin- und hergleiten und spüre Gras. Ich drehe meinen Kopf zur Seite und rieche nassen, kalten Rasen.
Ich atme tief ein und aus. Plötzlich rieche ich Feuer.
Hilfe!!!!
Ich werde panisch. Woher kommt das Feuer?
Ich versuche mich auf dem Boden entlang zu tasten. Ich versuche aufzustehen, doch etwas hindert mich daran. Mein linkes Bein schmerzt. Ich taste es ab, um herauszufinden, wo genau die Schmerzen herkommen. Ich beginne an meinem großen Zeh, taste bis zu meinem Knie, bis ich bei meinem Oberschenkel ankomme. Meine Hose ist dort aufgerissen und ich fühle etwas Nasses, Dickes.
Da muss Blut sein.
Was ist geschehen? Ich muss hier weg. Hilfe holen.
Ich taste mich Stück für Stück vorwärts. Plötzlich spüre ich etwas Großes und Kantiges in meinen Händen. Was ist das?
Ich fange an, um Hilfe zu schreien.
Eine vertraute Stimme ruft schwach: Leonie ich bin hier.
Mir kommen vor Glück und Erleichterung die Tränen, es ist die Stimme meines Vaters. Mit ihm werde ich wieder Orientierung bekommen. Mein Dad kann nicht allzu weit von mir entfernt sein.
Nun höre ich auch die Stimme meiner Mama und bin sehr erleichtert. Aber sie schreit um Hilfe.
Was ist nur geschehen?
Ich spüre, wie mein Herz anfängt, schneller zu schlagen. Meine Augen brennen und ich sehe nichts. Es kommt mir alles so merkwürdig vor, so unrealistisch. Ich wache bestimmt gleich auf und habe mein Zimmer vor meinen Augen und höre wahrscheinlich, wie meine Mama den Frühstückstisch deckt und mein Dad die Seiten der Zeitung umblättert. Und dann werde ich meine Eltern so lange in die Arme nehmen, wie ich es für richtig halte.
Die Stimmen meiner Eltern werden immer leiser und unregelmäßiger. Ich bin zu schwach, um nach ihnen zu suchen. Mein Körper wird schwächer und meine Muskeln entkrampfen sich. Meine Augen werden müde. Bestimmt ist jetzt der Moment gekommen, an dem ich aufwache. Endlich wieder im richtigen Leben…!

Piiips… Piiips…Piiips…

„Hallo, hören sie mich? Können Sie mich sehen? Hallo?“
Ich öffne meine Augen. Dunkelheit, obwohl ich Stimmen höre. „Wo bin ich?“
„Sie sind im Elisabethkrankenhaus.“
„Was ist passiert?“
„Sie hatten einen Unfall.“
„Wo sind meine Eltern?“
„Wir kümmern uns um sie. Sie sind bei uns in den besten Händen. Machen Sie sich keine Sorgen. Haben sie Schmerzen?“
„Meine Augen, ich kann nichts sehen.“
„Ja, wir haben Ihre Augen bereits behandelt und verbunden.“
„Aber es ist doch alles in Ordnung, oder? Es wird doch alles wieder gut, oder?“
„Ruhen Sie sich erst mal aus und alles Weitere werden wir dann sehen.“
Ich falle wieder in den Schlaf.

2

Vor zwei Wochen bin ich aus dem Krankenhaus entlassen worden. Es ist nicht leicht gewesen, darum zu kämpfen, dass ich erst einmal alleine in der Wohnung bleiben darf, obwohl ich blind bin. Damit ich lernen kann mit meiner Behinderung klar zu kommen, wurde mir eine Hilfsperson vom Amt geschickt, die für Menschen wie mich ausgebildet wurde. Sie heißt Steffi und ist 23 Jahre alt. Sie ist von Anfang an freundlich zu mir gewesen, und wir sind gerade dabei ein Vertrauensverhältnis aufzubauen, damit wir besser miteinander arbeiten können.

 

Steffi schließt hinter mir die Haustür. Ich versuche in mein Zimmer zu gelangen. Mit dem Blindenstock habe ich schon ein bisschen Übung, es fällt mir jedoch noch schwer, mich zu orientieren.

Ich gehe unseren langen Holzflur entlang. Schritt für Schritt zähle ich meine Schritte und versuche mir die Wohnung einzuprägen, schließlich will ich mich hier bald alleine zurechtfinden. Ich scheue mich bis jetzt, in das Zimmer meiner Eltern zu gehen. Der Schmerz sitzt noch zu tief.

Ohne auf Wiedersehen sagen zu können, gingen sie fort und haben mich zurückgelassen. Ich vermisse sie. Jede Nacht, jeden Tag, jede Stunde, jede Minute, jede Sekunde.
Wie soll ich mit dem Gewissen leben, dass es meine Schuld ist, dass sie nicht mehr leben? Hätte ich das Anmeldeformular an die Tanz- und Musikhochschule in Berlin nicht abgeschickt, hätte ich nie die Einladung für ein Vorstellungsgespräch bekommen, und wir wären nicht mit Sack und Pack auf der Autobahn gelandet, wo der tonnenschwere Truck uns gerammt hat.

Ich erinnere mich noch genau, wie die Augen meines Vaters leuchteten, als er den Brief von der Hochschule gelesen hatte. Sie glänzten richtig. Meine Mutter machte sich wie immer Sorgen um mich, weil sie glaubte, ich würde mich überanstrengen und noch zu jung sein. Trotzdem war sie sehr stolz auf mich. Meine Eltern waren zuversichtlich, dass sie mich nehmen würden.
Kurz bevor wir fahren wollten, klingelte es an unserer Haustür und Max und Fiona standen davor. Max und Fiona sind Zwillinge und meine einzigen und besten Freunde. Unsere Mütter sind auch gut miteinander befreundet. Deshalb haben Max und Fiona auch gewusst, dass ich ein Vorstellungsgespräch hatte. Sie wollten mir viel Glück wünschen.
Ich beginne wieder zu weinen. Mein ganzes Leben ist von heute auf morgen verschwunden.

Max und Fiona kommen mich noch ab und zu besuchen, aber das ist nicht mehr das Gleiche wie vorher. Das Verhältnis ist anders geworden. Ich spüre zu viel Distanz zwischen uns. Fiona erzählt viel von dem neuen Tanzlehrer, und dass sie jetzt eine neue Choreographie zu „Waka Waka“ von Shakira tanzen.
Den Hüftschwung hinzubekommen soll wohl ganz schwierig sein. Sie meinte neulich, wenn ich mal mitkomme, würden mir die Augen rausfallen, wenn ich den Tanzlehrer sehe. Sie hatte für einige Sekunden vergessen, was mir geschehen war. Ich merkte wie unangenehm ihr die Situation wurde und mir blieb keine andere Möglichkeit, als ihre Entschuldigung anzunehmen. Wir redeten nicht mehr über dieses Thema. Im Inneren verletzte mich das natürlich. Ich wollte es den beiden nur nicht zeigen.
Max hat sich auch verändert. Er redet nur das Nötigste mit mir und macht keine Anstalten, sich für mich zu interessieren. Wir kennen uns seit der Sandkiste. Vor meinem Unfall waren wir uns sogar nähergekommen. Ich hatte schon immer Gefühle für ihn und zwischen uns war irgendwas. Ich spürte, dass auch Max etwas für mich empfand. Als Max und Fiona mir noch alles Gute für das Vorstellungsgespräch wünschen wollten, waren Max und ich kurz alleine, da Fiona meiner Mutter ein Lunchpaket von ihrer Mutter gab. Max und ich standen uns gegenüber. Es ist selten gewesen, dass wir alleine waren. Sonst war Fiona immer dabei. Ich genoss es, in seine Augen schauen zu dürfen. Er hob seine Hand und fing an, zärtlich mein Gesicht zu streicheln. Nach ein paar Sekunden kam er mir näher und näher. Ich spürte seinen Atem. Ich legte meine Hand auf seine Brust. Ich spürte seinen schnellen Herzschlag. Unsere Lippen berührten sich nur ganz leicht. Wir schauten uns immer noch in die Augen. Mein ganzer Körper fing an zu kribbeln und auch mein Herz fing an, schneller zu schlagen… Unsere Lippen kamen sich immer näher. So nah, dass wir uns küssten. Am liebsten wollte ich meine Lippen nie wieder von den seinen lassen.
Dann kam Fiona in mein Zimmer, Max und ich gingen schnell einen Schritt auseinander. Fiona merkte, dass etwas nicht stimmte. Doch Max und ich hielten es für besser, ihr nichts davon zu erzählen. Wir waren von klein auf immer zu dritt gewesen und es würde sie bestimmt verletzen, dachten wir uns.
Doch jetzt ist alles anders. Ich habe das Gefühl, dass Max sich von mir entfernt. Sich entfremdet von mir. Er kommt nicht damit klar, dass ich nichts mehr sehen kann. Es verletzt mich. Ich bin doch noch der gleiche Mensch wie vorher, oder nicht?

3

Mein Wecker klingelt und Fiona ist mein erster Gedanke an diesem Morgen. Wir beide sind für heute Nachmittag verabredet. Ich bin total gespannt und kann es kaum erwarten, ihr zu erzählen, dass ich versuchen will, wieder zu tanzen. Sie wird bestimmt begeistert sein und sich für mich freuen. Ich hoffe, sie hilft mir dabei, mein Ziel zu erreichen. Bis jetzt konnte ich immer auf sie zählen, auch wenn die Beziehung zwischen uns seit dem Unfall anders geworden ist. Immerhin besucht sie mich und traut sich, zu mir zu kommen, was ich von Max nicht behaupten kann. Dieser feige Hund hat sich seit zwei Monaten nicht mehr bei mir gemeldet. Ich bin neugierig, welche Story sie sich dieses Mal für ihn ausgedacht hat. Ich verstehe sie ja, dass sie ihren Bruder decken will. Wahrscheinlich will Fiona mich noch nicht damit konfrontieren, dass Max sich in Zukunft nicht mehr bei mir melden wird. Ich muss zugeben, dass ich die Wahrheit auch erst mal nicht hören will und schon gar nicht von ihm.

Während ich noch auf meinem Bett liege, geht die Haustür auf und Steffi ruft nach mir. Ihr Ton ist heute nicht ganz so freundlich wie sonst, das liegt wohl daran, dass ich noch nicht fertig bin zum Einkaufen mit ihr. Grrrrrr einkaufen, wie soll ich denn bitte einkaufen… Steffi meint, man könne das alles lernen, so wie ich auch das Gehen mit dem Stock gelernt habe. Während ich meine Klamotten aus dem Schrank krame, höre ich Geklimper aus der Küche und rieche, wie der Kaffee zieht.

Damit ich immer weiß, wo was im Schrank liegt, haben wir ihn nach Kleidungsstücken und Farben sortiert. Am Anfang fiel es mir schwer, doch Steffi hat einige Tricks, um sich die Dinge besser zu merken. Nachdem ich mich angezogen und meine Zähne geputzt habe, frühstücken wir gemeinsam. Beim Frühstücken erzähle ich ihr, dass Fiona heute kommt. Ich verschweige ihr allerdings, dass ich vorhabe wieder zu tanzen und Fiona die ist, die mir dabei helfen soll. Ich merke, wie Steffi sich für mich freut, dass ich heute ein wenig Abwechslung im Alltag bekomme.

 

Wir machen uns auf den Weg zum Supermarkt um die Ecke. Er ist ca. zehn Minuten von der Wohnung entfernt. Früher war es ein Leichtes dort mal hinzulaufen, wenn Mami mal wieder was vergessen hatte, für den Kuchen oder ihre heißgeliebten Kekse. Auf der Straße fühle ich mich ja schon sicher, aber wie wird das wohl im Supermarkt sein? Was für ein Glück habe ich, dass ich die Blicke der Anderen nicht sehen kann. Wie bescheuert muss das wohl aussehen? Eine Blinde kauft ein…

Der Weg zum Supermarkt kommt mir erheblich länger vor als früher. Ich schätze so um die dreißig Minuten haben wir gebraucht. Ich frage Steffi, wie lange wir wirklich gegangen sind. Ich bin erstaunt, als Steffi mir sagt, dass wir 17 Minuten für den Weg benötigt haben.

Sie meint, es ist ganz normal, dass wir länger brauchen als Andere.

Wir betreten den Supermarkt. Mein Herz klopft wie verrückt. Mein Puls geht hoch. Wir bleiben am Eingang stehen. Steffi fragt mich, ob ich mich noch an den Supermarkt und an den Grundriss erinnern kann. Es dauert nicht lange, da habe ich ihn vor mir, mit all seinen langen unterteilten Gängen. Am Anfang, auf der rechten Seite, sind etwa sieben oder acht Meter Getränke in den Regalen. Wir stellen zwei Flaschen Wasser in den Einkaufskorb. Dann geht es zum Gemüse- und Obststand. Auf der rechten Seite sind nacheinander die Obstsorten in Brusthöhe aufgestellt, auf der linken Seite in der gleichen Höhe ist das Gemüse. Wir tasten das Obst und Gemüse ab und schnuppern daran, damit ich weiß, was es ist. Wir legen Weintrauben, Orangen und Tomaten in den Einkaufswagen. Jetzt geht es weiter zu den Tiefkühltruhen. Das wird nie was, denke ich mir. Wie soll ich da das Passende finden? Als ich davor stehe, frage ich Steffi, wie ich das jetzt am besten lösen kann. Ich warte auf ihre Antwort. Es kommt keine zurück. Ich frage sie noch einmal. Nur ein wenig lauter. Vielleicht hat sie es nicht gehört. Ich warte auf ihre Antwort. Nichts. Ich höre viele andere fremde Stimmen aber nicht Steffis.

Oh nein. Wo zum Himmel ist sie? Wieso antwortet sie mir nicht? Ohne sie bin ich hilflos. Ich rufe nach ihr, so laut wie ich kann. Mein Herz klopft wie wild. Der kalte Schweiß läuft mir von der Stirn, auch meine Hände sind nass. Mein Atem geht flach und schnell. Wie kann sie mich hier alleine lassen? Niemand kommt zu mir, um zu fragen, ob alles in Ordnung mit mir ist. So langsam verstehe ich, was Steffi bezwecken will. Sie will testen, ob ich alleine klar komme. Sie denkt, ich könnte es schaffen. Sie glaubt an mich. Ich will ihr beweisen, dass sie sich nicht irrt. Ich atme ruhiger aus und ein. Ich lasse mir ein bisschen Zeit und bereite mich innerlich darauf vor. Ihre Prüfung werde ich bestehen. Schließlich habe ich noch ein viel größeres Ziel als das hier. Es wäre doch gelacht, wenn ich das nicht hinbekomme. Ich fasse mir ein Herz und gehe das Problem an.

Nachdem ich mich beruhigt habe, spüre ich etwas an meinem rechten Schienbein. Ich zucke kurz zusammen. Dieses Etwas schleicht zwischen meinen Beinen hin und her. Ich knie mich hin und strecke meine rechte Hand aus. Mit der linken umklammere ich ganz fest meinen Blindenstock. Ich erinnere mich an Steffis Worte in meiner ersten Stunde mit ihr, als sei es gestern gewesen.

„Leonie, verliere niemals deinen Stock, halte ihn immer fest in deiner Hand, auch wenn du abgelenkt bist. Ohne ihn bist du verloren. Er sieht für dich, er ist der Ersatz für deine Augen.“

Diese erste Lektion hatte ich zu lernen. Etwas schnüffelt nun an meiner Hand. Es kitzelt ein wenig und hechelt. Meine Hand berührt einen Kopf und streichelt einen Körper. Auf einmal gibt dieses Etwas ein Bellen von sich. Ich freue mich. Schon lange bin ich keinem Hund mehr begegnet. Sein Fell ist kuschelig und warm.

„Tinkabelle!“, höre ich eine männliche Stimme rufen. „Komm her.“

Die Stimme hört sich freundlich, herzlich und jung an.

„Da bist du ja, was ist denn los mit dir? Du bist doch noch nie von mir weggelaufen. Komm jetzt und lass das Mädchen in Frieden. Tut mir aufrichtig leid, hat sie Ihnen etwas getan? Wenn ja, was kann ich ihnen Gutes tun?“

Du Blödmann denke ich. Was denkt der sich, dass ich keine Hunde kenne und nicht weiß, wie man mit ihnen umgeht, bloß weil ich blind bin? Pfff.

Der ist mit Sicherheit noch keiner Blinden über den Weg gelaufen und hat sich schon gar nicht mit einer unterhalten. Ruhig Leonie, du musst jetzt gut reagieren

 

und ihm beweisen, dass du dich mit Hunden auskennst.

„Nein, nein ich bitte Sie. Sie müssen sich wirklich nicht entschuldigen. Ihre Tinkabelle ist wundervoll.“

Dabei gehe ich wieder auf meine Knie und strecke meine Hand nach ihr aus und nach kurzer Zeit spüre ich sie wieder an meiner Hand. Sie schnuppert. Ich streichle sie wieder und breite meine Arme so aus, dass ich sie fast ganz umarmen kann. Ich hoffe, dass ich dem jungen Mann so seine Unsicherheit nehme und er nicht mehr so peinlich berührt ist. Er kommt auch auf die Knie, und ich spüre seine Nähe.

„Sie können aber gut mit Hunden umgehen, woher können sie das? Tinkabelle hat sie jetzt schon in ihr Herz geschlossen.“

„Sie ist eine wirklich Süße und Brave. Ich hatte auch mal einen Hund. És ist zwar lange her, aber manche Dinge verlernt man nie… Außer man ist blind.“

Blind ist das Schlagwort in meinem Kopf, das mich daran erinnert, wieso ich überhaupt hier bin. Er will gerade etwas sagen und ich unterbreche ihn.

„Es tut mir wirklich leid, dass ich Sie jetzt mit meinen Problemen belaste, aber können Sie mir vielleicht helfen, Tiefkühlkost in meinen Einkaufwagen zu legen? Ich muss nämlich gestehen, dass ich eigentlich nicht alleine hier bin, sondern mit Steffi, meiner Helferin, die mich hier allein gelassen hat. Das ist ein Test, ob ich den Alltag ohne sie bewältigen kann.“

Nachdem ich ihn um Hilfe gebeten habe, komme ich mir dumm vor. Ich habe Angst vor seiner Reaktion, dass er mich auslachen könnte oder mich nicht mehr beachtet.

Doch es kommt ganz anders. Ihm macht es ganz und gar nichts aus mir zu helfen. Wir gehen von Tiefkühltruhe zu Tiefkühltruhe, und er packt mir die Sachen in den Korb, die ich ihm nenne. Danach begleitet er mich noch mit Tinkabelle zur Kasse. Je dichter wir zur Kasse kommen, desto lauter wird es. Trotz der langen Schlange bleiben die beiden an meiner Seite, und wir unterhalten uns über viele Dinge. Eigentlich bin nur ich das Gesprächsthema. Nach dem Bezahlen gehen wir raus, und er fragt mich, ob er mich noch nach Hause bringen soll. Ich versichere ihm, dass es nicht weit ist und bedanke mich sehr herzlich für seine Hilfe. Ich verabschiede mich auch von Tinkabelle und bin traurig, sie wahrscheinlich nie wieder zu sehen. Ich bin mir nicht sicher, ob der junge Mann mit Tinkabelle zufällig da war oder ob das alles geplant war. Nun stehe ich mal wieder alleine vor dem Supermarkt mit einer nicht ganz leichten Einkaufstüte. Ich warte einige Minuten, weil ich glaube, dass Steffi gleich wieder zu mir stoßen wird. Doch sie kommt nicht. Okay denke ich mir, den Weg alleine zu mir werde ich jetzt auch schaffen. Vor meinem inneren Auge habe ich eine grobe Skizze vom Straßennetz. Stück für Stück taste ich mit meinem Blindenstock den Weg ab. Endlich, total müde und schlapp zu Hause angekommen, erhoffe ich mir, dass Steffi in meiner Wohnung ist, damit ich ihr alles erzählen kann. Ich schließe meine Wohnungstür auf und höre mehrere vertraute Stimmen auf mich zukommen. Was hat das zu bedeuten?

 

4

Kaum bin ich im Flur und hänge meine Jacke in die Garderobe, werde ich von zwei Menschen umarmt. Fiona erkenne ich an ihrer lauten, piepsigen Stimme, die mir sofort Hunderte Fragen stellt, wie ich zurechtgekommen bin. Und die andere kann nur Steffi sein. Steffi merkt, dass ich verwirrt bin. Sie bittet Fiona einen Moment leise zu sein, damit ich kurz zur Ruhe kommen und meine Gedanken sammeln kann. Steffi macht uns Kaffee und packt dabei die Einkaufstüte aus. Sie lobt mich, dass alles da ist, was ich holen sollte. Ich bin mir unsicher, ob ich Steffi von dem jungen Mann im Supermarkt erzählen soll oder nicht. Ich entschließe mich, ihr die Wahrheit zu sagen. Während Steffi Fiona und mir den Kaffee einschenkt, fange ich an zu erzählen, wie es mir im Supermarkt ergangen ist und dass ich einen jungen Mann mit einer süßen Hundedame kennen gelernt habe. Erstaunlicherweise finden sie es gut, dass ich jemanden um Hilfe gefragt habe. Stefanie nimmt meine Hand und sagt: „Leonie, du hast heute deine Selbstständigkeit unter Beweis gestellt. Deine Aufgabe hast du sehr gut erfüllt, und ich bin sehr stolz auf dich.“ Ich zeige ihr mein schönstes Lächeln. Jetzt weiß ich, dass meine Behinderung kein Grund dafür ist, nicht selbstständig sein zu können. Und das ist seit meinem Unfall das schönste Gefühl für mich. Nachdem wir den Kaffee getrunken haben, verabschiedet sich Steffi von uns.

Puhhh denke ich. Jetzt bin ich endlich mal mit Fiona alleine. Ich frage schon gar nicht mehr, wo Max ist. Es interessiert mich auch nicht mehr, und Fiona ist darüber, so denke ich, auch erleichtert. Nachdem ich ihr von dem jungen Mann alles genauestens erzählt habe, fasse ich mir ein Herz und versuche Fiona klar zu machen, dass ich wieder tanzen will. Ich weiß, dass sie dieses Thema seit meinem Unfall meidet, doch es ist jetzt ein halbes Jahr vergangen, und es ist Zeit darüber zu reden. Ich habe noch nicht einmal zu Ende gesprochen, da springt Fiona auf, läuft im Wohnzimmer hin und her und sagt mit erhobener Stimme:„Leonie, das ist nicht dein Ernst, wach auf, das ist unmöglich. Vergiss diese Schnapsidee, bevor du dich da in was verrennst.“

Mit dieser Reaktion habe ich nicht gerechnet, und nun werde auch ich laut.

„Weißte was Fiona, du konntest es schon früher nicht ab, dass ich immer besser war als du. Meinst du, ich habe deine neidischen Blicke nie gesehen und nicht bemerkt, wie du immer versucht hast, mich bei Max schlecht zu machen? Du hast mir das Vorstellungsgespräch doch gar nicht gegönnt. Am liebsten wärst du doch diejenige gewesen, die den Termin bekommen hätte. Glaub ja nicht, dass ich so dumm war und das nicht gemerkt habe. Und jetzt fürchtest du, dass ich dir deinen Namen bei der Tanzschule wegnehmen könnte, wo du jetzt dort anscheinend die Beste bist? Ich will dir deinen guten Ruf ganz bestimmt nicht nehmen. Ich bin nicht so intrigant, hinterhältig und missgünstig. Aber weißte was? Ich brauch dich nicht. Auf so jemanden wie dich verzichte ich gerne.“

Einige Sekunden ist es still. Einerseits bereue ich, was ich gesagt habe, aber auf der anderen Seite finde ich auch, dass ich Recht habe.

Fiona sagt: „Wenn du das so siehst, dann bin ich weg, sieh zu, wie du alleine klar kommst.“

Ich höre ihre Schritte auf der Treppe.

Die Haustür fällt mit einem lauten Knall zu.

Ich bin total aufgewühlt. Was eben gerade passiert ist, hätte ich mir niemals vorstellen können. Was wird nun aus Fiona und mir?

Verärgert und traurig gehe ich ins Wohnzimmer, stelle das Radio an und setze mich in Papas und Mamas Lieblingssessel. Immer wenn ich da so sitze, und das könnte ich stundenlang tun, fühle ich mich ihnen verbunden und ein bisschen näher. Ich komme wieder etwas zur Ruhe. Ich höre, wie es draußen unruhig wird. Der Wind wird von Minute zu Minute stärker. Er weht die Äste der Bäume kräftig hin und her. Das Pfeifen des Windes erinnert mich an den Unfall. Ich höre kleine Tröpfchen, die auf den Asphalt der Straße aufprallen. Zuerst fallen sie in größeren Abständen hinunter. Doch nach kurzer Zeit werden die Regentropfen schwerer und schwerer und fallen immer schneller zu Boden. Plötzlich donnert es. Es ist so laut, dass es nicht weit von meinem Haus entfernt sein kann.

Früher wenn es Unwetter gab, waren wir immer alle zusammen im Wohnzimmer und haben Spiele gespielt. Ich durfte das Wohnzimmer mit Kerzen erleuchten und es gab warmen Kakao und Plätzchen.

Ich mache das Radio an und höre gespannt dem Wetterbericht zu, bis das Musikprogramm wieder anfängt. Ich höre die ersten Takte und erkenne sie sofort. Wie durch ein Zeichen spielt der Radiosender „Waka Waka“ von Shakira. Ich stelle das Radio lauter. Und dann geschieht etwas sehr Seltsames mit mir.

Jetzt spielen sie John Ment im Radio und ich fühle, dass meine Hände und Beine aufhören sich zu bewegen. Unglaublich, ich habe gerade getanzt.

Ich brauche Fiona nicht, um meinen Traum zu erfüllen.

 

5

Es ist Wochenende. Seit dem Streit mit Fiona sind fünf Tage vergangen, und sie hat sich nicht mehr gemeldet. Steffi hat gemerkt, dass seit Tagen etwas nicht mit mir stimmt. Deswegen hat sie die „fabelhafte Idee“, heute Nachmittag in den Park gleich um die Ecke zu gehen. Sie meint, beim Spazieren gehen kann man den Kopf frei bekommen und heute sei ein sehr schöner Tag, um nach draußen zu gehen. Wir machen uns auf den Weg. Am Anfang hadere ich noch mit mir, ob ich Steffi von dem Streit mit Fiona erzählen soll, aber ich lasse es sein.

Man merkt sofort, wenn man im Park angekommen ist. Die Luft ist angenehmer und frischer, die Laute, die ich höre, lassen darauf schließen, dass sich hier viele unterschiedliche Menschen aufhalten. Plötzlich verspüre ich doch Lust, hier draußen zu sein und entscheide mich für die große Runde. Der Wind, der mir ab und zu durch meine Haare und über die Ohren weht, ist nicht zu kühl. Ich erkenne durch die Wärme, die mich manchmal verlässt, wann sich die Sonne wieder hinter den Wolken versteckt.

Während wir unsere Runde im Park gehen, versuche ich zu analysieren, was für ein Mensch gerade neben mir gesprochen hat. Steffi hilft mir ein bisschen dabei. Das ist eine gute Übung und es macht mir erstaunlicherweise auch Spaß.

Auf einmal höre ich Shakira mit ihrem Song „Waka Waka“, na prima denke ich. Dieses Lied erinnert mich an den Streit mit Fiona, es war der Auslöser, wieder Lust aufs Tanzen zu bekommen. Meine Laune ist von einer Sekunde auf die andere auf dem Tiefpunkt.

Ich sage Steffi, dass ich nach Hause will. Doch Steffi versteht nicht und geht mit mir weiter. Irgendwie bin ich sauer auf sie, aber ich habe sie ja auch nicht ins Vertrauen gezogen, woher soll sie wissen, was das Lied für mich bedeutet.

„Waka Waka“ wird immer lauter. Ich höre ein Hundebellen ganz in meiner Nähe. Plötzlich spüre ich etwas zwischen meinen Beinen. Ich gehe in die Knie und streichle den Hund. Das Fell fühlt sich genau wie Tinkabelles an und die Größe des Hundes könnte auch übereinstimmen. Das ist doch nicht möglich.

„Tinkabelle, du kleine Ausreißerin!“ Ich kann es kaum glauben, es ist die Stimme des jungen Mannes vom Supermarkt.

„Hallo Leonie, das ist ja ein Zufall, dich wieder zu sehen. Bist du noch gut nach Hause gekommen?“

„Hey, ja, das war alles kein Problem. Ich kenne mich ja aus, außer bei den Tiefkühlsachen.“

Nachdem ich das gesagt habe, denke ich, wie bescheuert es doch war. „Außer mit den Tiefkühlsachen“ hätte ich mir auch sparen können, ich blöde Kuh.

„Es tut mir leid, Leonie, ich habe neulich im Supermarkt vergessen, mich vorzustellen. Ich bin Felix.“

„Ach kein Problem Felix“, sage ich. „War alles so hektisch, kann ja mal passieren.“

„Hey Steffi“, sagt Felix plötzlich. „Wir haben uns ja lang nicht mehr gesehen.“

„Du und Steffi, ihr kennt euch?“, frage ich.

„Ja, ich kenne sie schon sehr lange, Leonie. Wie geht’s dir Steffi? Wir müssen unbedingt mal wieder was zusammen unternehmen, wie früher.“

Ich glaube es nicht, die kennen sich. Was hat das denn zu bedeuten? Okay alles klar, dann war er wahrscheinlich bestellt gewesen und es war doch geplant, dass er mir helfen sollte. Oh mein Gott und ich dachte, er wäre wirklich an mir interessiert. Wie peinlich. Ich fühle mich so was von betrogen. Während ich mich innerlich aufrege, bemerke ich, wie sich Steffi und Felix ein bisschen von mir absetzen. Ich bin so wütend.

Wahrscheinlich sieht Steffi so mega Bombe aus, dass ich in keiner Weise mit ihr mithalten kann. Ich bin enttäuscht von ihr. Sie muss doch gespürt haben, wie sehr ich für ihn geschwärmt habe, als ich ihr die Situation im Supermarkt geschildert habe. Ich gehe wieder in die Knie und beschäftige mich mit Tinkabelle. Hunde sind eh die treuesten Wesen auf der Welt. Wenn sie sich einmal jemanden nähern und eine intensive Verbindung mit jemandem aufgebaut haben, dann wirst du sie niemals mehr los. Ganz anders als bei den Männern. Die beiden unterhalten sich immer noch.

Mir platzt gleich der Kragen!!!

 

6

Die Sonnenstrahlen verlieren ihre Kraft und der Wind wird kälter. Die Stimmen im Park werden leiser und entfernen sich.

Auf dem Rückweg gehe ich alleine, ohne mich bei Steffi einzuhaken. Wenn sie glaubt, ich mache auf heile Welt, dann irrt sie sich gewaltig. Am liebsten würde ich ihr an die Gurgel gehen und ihr meine Meinung ins Gesicht sagen, wie unangebracht und hinterhältig ich ihr Verhalten finde und was sie sich dabei denkt. Das Verletzende an der ganzen Sache ist, dass sie sich keiner Schuld bewusst ist, das merke ich, als ich ihr ein wenig auf den Zahn fühle und frage, worüber sie sich unterhalten haben. Sie meint, sie haben sich über mich unterhalten, unter anderem auch über meine Fortschritte. Klar mit Sicherheit bin ich das Gesprächsthema gewesen. Was denken die sich? Glauben die, ich bin blöd? Vielleicht will Steffi Rücksicht auf mich nehmen und in Wahrheit haben sie miteinander geflirtet. Der Gedanke daran lässt mich traurig werden. Ich bin froh, dass ich Steffi habe und ich wünsche ihr alles Glück der Welt, aber kann sie sich nicht einen anderen Typ aussuchen als Felix? Ja, ich weiß, das klingt, als wäre schon was zwischen ihm und mir gelaufen, als wären wir fast zusammen und Steffi hätte dazwischen gefunkt. Ach verdammter Mist!!!

Sie bringt mich nach oben in die Wohnung.

„Leonie, ist alles okay bei dir?“

„ Bei mir ist gar nichts okay, tu nicht so scheinheilig, du weißt genau, was los ist.“

Sie merkt, dass mich das wohl alles sehr belastet und reagiert auch nicht auf meine Provokationen. Plötzlich kann ich meine Wut nicht mehr zurückhalten.

„Lass mich in Ruhe, Steffi. Du flirtest und spielst doch eh mit allen Männern, die dir über den Weg laufen. Du kannst doch jeden haben, also lass deine Finger von Felix, verstanden?“

„Es war heute ein anstrengender Tag für dich. Ich kann verstehen, dass du ein wenig müde bist und nicht mehr weißt, was du sagst.“

Tief in meinen Inneren muss ich zugeben, dass ich von ihr hören will, dass sie mit ihm geflirtet und sich gut mit ihm verstanden hat, um einen besseren Grund zu haben, noch mehr auszuflippen. Doch ich warte vergeblich darauf.

„Leonie beruhige dich, du siehst Gespenster“, sagt sie und geht.

Nach der ganzen Aufregung schlafe ich schnell ein.

Am Morgen habe ich trockene Augen von den gestrigen Strapazen. Wie es wohl jetzt weitergeht mit Steffi und mir? Ich habe Angst, dass ich sie vergrault habe. Auf einmal bekomme ich auch Angst vor dem Alleinsein. Ich habe es gestern dermaßen übertrieben, dass ich Steffi verstehen würde, wenn sie den Einsatz bei mir abbricht. Was gestern mit mir los gewesen ist, kann ich nicht erklären. Ich habe nur noch rot gesehen. Und zwischen Felix und mir war ja wirklich noch gar nichts, ich kann ihr doch nicht verbieten, sich mit anderen Menschen zu unterhalten. Wenn ich die Zeit zurückdrehen könnte, würde ich anders reagieren und mich ins Gespräch mit einklinken. Wie kindisch ich jetzt in Steffis Augen sein muss. Das ist alles ganz allein meine Schuld.

Es kratzt an meiner Wohnungstür. Eigentlich soll ich die Wohnungstür nicht aufmachen, wenn ich nicht weiß, wer sich dahinter verbirgt, da Blinde schnell zum Opfer von Vergewaltigungen und Raubüberfällen werden. Ich mache trotzdem auf. Tinkabelle sitzt vor meiner Haustür. Ich habe sie sofort an ihrem Bellen erkannt, und ich freue mich wahnsinnig. Doch stopp, Moment, das heißt dann ja, dass Felix auch hier sein muss. In diesem Moment höre ich auch schon seine Stimme „Hallo Leonie“ sagen. Mein Herz fängt an zu klopfen wie verrückt und ich weiß nicht, was ich sagen soll. Aus mir kommt nur ein stotterndes und unsicheres: „Hallo Felix. Alles klar bei dir?“ heraus. Ich wundere mich natürlich, was er hier macht und woher er weiß, dass ich hier wohne.

Wie nach einer Gedankenübertragung sagt er: „Steffi hat mich angerufen, und sie meint, ich soll mal mit Tinkabelle bei dir vorbeischauen.“

Inzwischen habe ich ihn in die Wohnung gebeten. Während er sich in der Küche zu schaffen macht und Kaffee kocht, sitze ich im Wohnzimmer und weiß nicht, was ich denken soll. Ich weiß ja nicht, was Steffi noch zu ihm gesagt hat. Und wenn sie ihm erzählt hat, wie ich gestern zu ihr war, na dann herzlichen Glückwunsch. Es ist mir so was von unangenehm. Er ist bestimmt nur hier, weil er Mitleid hat. Leider kommt er viel zu schnell mit dem frisch aufgebrühten Kaffee ins Wohnzimmer. Jetzt wird’s peinlich. Er fängt an zu reden: „Leonie, als erstes sollst du wissen, ich kenne Steffi schon sehr lange. Sie und ich haben uns aus den Augen verloren, und als wir uns gestern im Park wiedergesehen haben, haben wir uns so sehr gefreut, dass wir total vergessen haben dich mit ins Gespräch einzubeziehen.“

„Dann heißt das, dass du wirklich zufällig im Supermarkt warst?“

„Ja, das heißt es.“

Mir fällt ein Stein vom Herzen. Ich fange wieder an zu lächeln. Den ganzen Nachmittag über unterhalten wir uns, und das Schöne ist, das Gespräch dreht sich nicht nur um mich, sondern auch um ihn.

Wir gehen mit Tinkabelle in den Park, spielen dort mit ihr und gehen Eis essen. Er bringt mich noch bis vor die Haustür und ein wirklich toller Tag neigt sich dem Ende zu. An meiner Wohnungstür angekommen, nimmt er meine beiden Hände.

„Mir ist zu Ohren gekommen, dass du früher sehr gut getanzt hast und du weiter- machen möchtest. Dein letztes Video ist atemberaubend. Du hast Talent, gib nicht auf Leonie. Ich bin mir sicher, du wirst wieder tanzen können.“

Ich frage mich, wieso er dieses Video gesehen hat? Es ist mir peinlich. „Ach ja, das war mal ein Hobby von mir“, sage ich. „Aber ich und wieder tanzen wollen? Felix, da musst du dich verhört haben.“ Ich versuche ganz schnell aus der Nummer wieder rauszukommen und frage ihn, ob er mich bald wieder besucht mit Tinkabelle. Er meint, wir werden uns ganz sicher bald wieder begegnen.

 

Ich höre Steffi sagen: „Hallo Leonie.“

Ich freue mich und umarme sie ganz fest. Ich habe wohl einiges wieder gut zu machen. Nachdem ich Felix verschwiegen habe, wieder tanzen zu wollen, ist es an der Zeit, Steffi ins Vertrauen zu ziehen. Auf Kritik habe ich mich dieses Mal eingestellt.

Doch Steffi umarmt mich herzlich und flüstert mir ins Ohr: „Das ist eine tolle Idee, Leonie, auf meine Unterstützung kannst du zählen, wenn du sie brauchst.“

Diesen Satz wollte ich die ganze Zeit hören und sie hat ihn gesagt. Diese Frau ist mein Engel.

Die nächsten Wochen ist Üben angesagt. Ich versuche jeden Tag mein Bestes zu geben. Jeden Tag verspüre ich immer mehr die Begierde, an mein Ziel zu kommen.

Steffi sagt, dass ich von Tag zu Tag Fortschritte mache. Wir haben die beiden Sofas und den Sessel zur Seite geschoben, damit ich mehr Platz habe zum Trainieren. Die meiste Zeit bin ich allein, das ist mein ausdrücklicher Wunsch. Steffi ist nur dabei, wenn ich ihr etwas Neues zeigen will und mir sicher bin, dass es schon gut aussieht. Die ersten zwei Wochen sind nötig gewesen, um mein Körpergefühl und die Kontrolle über meinen Körper wieder zurückzubekommen. Klar ist es nicht einfach, doch ich trainiere fleißig. Außerdem habe ich Steffi, die hinter mir steht und da ist, wenn ich sie brauche.

 

7

Mein Körper fühlt sich immer straffer an und es fällt ihm von Tag zu Tag leichter, die Musik zu spüren und den Rhythmus zu fühlen. Bis jetzt habe ich nur alte Lieder von früher ausprobiert. Steffi ist begeistert gewesen, als ich sie ihr vorgetanzt habe.

„Leonie, du bist ein Wunder“, hat sie gesagt.

Ich bin so beschäftigt mit meinem Training, dass ich Felix zwar nicht vergessen, mich aber nicht weiter mit ihm befasst habe.

Er meinte, wir werden uns schon ganz bald wiedersehen. Doch wann ist denn bald?

Ich erinnere mich noch an die zweite Begegnung mit ihm und Tinkabelle im Park. Ich erinnere mich, bevor wir uns begegnet sind, lief irgendwo im Radio „Waka Waka“.

Sofort höre ich in meinen Ohren:

Tzamina mina eh eh

Waka waka eh eh

Tsamina mina Zangalewa

This time for Africa

 

Ich habe noch nie zu diesem Lied getanzt. Fiona hatte ja damals kurz nach meinem Unfall davon gesprochen, wie toll es ist, zu diesem Lied die Hüften wie Shakira zu bewegen und wie heiß der neue Tanzlehrer ist. Ich habe mich die ganze Zeit danach gesehnt, mich zu diesem Lied zu bewegen. Ich höre es oft im Radio. Und der Text macht mir Mut. Es heißt in diesem Lied:

„Der Druck steigt; du fühlst es

Aber du kannst es; glaub mir!

Wenn du fällst, stehst du wieder auf

Glaube an deinen Gott, das ist unser Motto!

Deine Zeit zu glänzen

Warte nicht drauf!

Die Leute haben hohe Erwartungen

Geh raus und fühle es

Das ist dein Moment

Zögere nicht!

Das ist dein Tag, ich fühle es!

Du machst das schon,

glaub an dich!

Wenn du fällst, stehe wieder auf, oh, oh“ *

 

Wenn ich diese Sätze höre, kribbelt es in meinem Körper. Ich warte voller Hoffnung, dass ich dieses Lied so schnell wie möglich im Radio höre. Wenn ich „Waka Waka“ höre, ist das ein ganz seltener Moment für mich. Ich habe das Gefühl, ich bin nicht allein. Ich spüre eine Art Gemeinschaft, denn ich weiß, dass viele Menschen zu diesem Song mitsingen und gute Laune verspüren, wenn sie ihn hören.

Ich habe das Radio wie immer an und plötzlich höre ich Steffi im Radio. Sie wünscht sich für mich „Waka Waka“ von Shakira.

Ich stehe sofort auf und versuche mich spontan zu bewegen. Das Gefühl in diesem Augenblick lässt sich nicht beschreiben.

 

8

Nach einem harten Training gönne ich mir eine schöne heiße Dusche, da klingelt es an der Tür. Ich ziehe mir so schnell wie möglich meinen Bademantel über und laufe mit meinem Blindenstock an die Tür, um aufzumachen, in der Hoffnung Felix und Tinkabelle dort vorzufinden.

Meine Enttäuschung ist groß und ich kann sie vor Steffi auch nicht zurückhalten. Doch Steffi ist total aufgekratzt und sprudelt vor Aufregung fast über. Sie drängt mich, schnell was anzuziehen und mich hübsch zu machen. Da ich nicht weiß, was mit ihr los ist, lasse ich mir Zeit. Plötzlich gibt sie mir ein Top, einen kurzen Rock und eine Jacke. Ohne große Widerworte ziehe ich die Sachen an. Dann föhnt sie mir meine schulterlangen blonden Haare und macht mir sogar Wellen. Ich frage sie, was denn los ist. Sie antwortet nur: „Leonie, sei nicht immer so neugierig, es ist eine Überraschung.“

Na, da bin ich ja mal gespannt. Was könnte mich denn erfreuen? Ich wollte früher immer zu „König der Löwen“ oder „Tarzan“. Aber was soll ich jetzt dort?? Die Lieder kann ich mir auch auf einer CD anhören. Als ich denke, dass ich nun fertig bin, schminkt sie mich auch noch. Jetzt mache ich mir wirklich Gedanken. Früher habe ich mich sehr gerne hübsch gemacht und mich geschminkt. Wie alle Jugendlichen mit 17. Aber das waren doch alte Zeiten. Jetzt kommen neue Zeiten. Komischerweise soll ich keine hohen Schuhe anziehen.

„Was soll das?“ frage ich. „Du machst mich nervös, Steffi.“

„Das kannst du auch wirklich sein“, sagt sie bloß.

Wir fahren mit Bus und Bahn. Wir sind bestimmt schon eine halbe Stunde unterwegs. Steffi meint, wir sind gleich da. Von der Bushaltestelle aus gehen wir noch ein Stückchen. Wir betreten ein Gebäude. Ich höre und fühle, wie der Holzboden knackt. Ich rieche diesen schönen, alten, verschwitzen Geruch. Vor meinen Augen erscheint die Eingangshalle meiner früheren Tanzschule. Seit ich ein kleines Mädchen war, bin ich zwei Mal die Woche hier gewesen, bis zu meinem Unfall. Jetzt erkenne ich die Tanzschule sofort wieder, es ist für mich ein Leichtes, mir die Räume vorzustellen. Wir gehen ein Stückchen weiter und sind in der Mitte der Eingangshalle angekommen. Alte Erinnerungen kommen hoch, die ich nicht mehr im Blick gehabt habe. Ich lasse mich von meinem Gefühl leiten und gehe ein paar Schritte allein. Als ich nicht mehr vorankomme, nehme ich meine rechte Hand zur Hilfe. Ich weiß ganz genau, was jetzt vor mir steht. Meine Finger berühren einen hölzernen Anmeldetisch. Ich stelle fest, es ist immer noch derselbe. Ich spüre die schlingenartigen Einkerbungen, die dem Tisch ein außergewöhnliches Muster verleihen. Schon als Kind habe ich dieses exklusive Stück bewundert. Als mich damals meine Mama hier anmeldete, konnte ich nicht über die Tischkante gucken. Deshalb nahm sie mich auf den Arm.

Nachdem ich mir diese Situation bildlich vorgestellt habe, gehe ich wieder zurück zu Steffi. Sie ist die ganze Zeit über leise gewesen.

Ich bin so berührt und umarme Steffi und danke ihr für diesen wichtigen Ausflug. Dann löse ich mich wieder von ihr. Von der Eingangshalle geht es zu vier verschiedenen Tanzsälen. Von klein auf tanzte ich immer im Tanzsaal 3. Ohne Hilfe und mit einer außerordentlichen Leichtigkeit tragen mich meine Beine in diesen Saal. Auf einmal werde ich furchtbar nervös, habe gleichzeitig Angst und irgendwie bin ich auch neugierig. Ich höre, wie der Holzboden knackt und Steffi nun genau hinter mir steht. Sie bringt mich in die Mitte des Saals. Ich stelle mir vor, wie oft ich hier zu unterschiedlichen Liedern zusammen mit Fiona getanzt habe. Wie viel wir damals gelacht und wie viel Spaß wir gehabt haben. Ich habe es früher als selbstverständlich angesehen, meinen Körper zu Melodie und Rhythmus zu bewegen. Wie viele Dinge sieht man als selbstverständlich an und wie schnell sind sie es nicht mehr. Steffi berührt mich an meiner rechten Schulter.

„Leonie, wir sind hier ganz alleine. Du hast so lange auf diesen Moment gewartet. Ich helfe dir, falls du aus dem Gleichgewicht geraten solltest.“

Dann lässt sie meine Hand los und geht einige Schritte von mir weg. Einige Sekunden atme ich tief ein und aus. Ich rolle meinen Blindenstock von mir weg. Das ist also mein Moment. Ich drehe mich ein bisschen, probiere ein paar Tanzschritte aus. Steffi ist begeistert, pfeift und klatscht die ganze Zeit.

Sie fragt mich, ob sie Waka Waka auflegen soll, sie weiß ja, was mir dieser Song bedeutet. Aufgeregt sage ich „Ja“.

Ich fühle den Song mit dem ersten Takt und in meinem Kopf drängt sich die Choreographie zu dem Lied hervor.

Meine einzelnen Gelenke machen automatisch mit. Ich kann dieses Gefühl nicht beschreiben. Das, was ich gerade erlebe, ist einzigartig. Es ist mit keinem Geld der Welt zu bezahlen. Für Andere ist es Adrenalin. Für mich ist es ein Gefühl von Freiheit.

Nachdem der Song zu Ende ist, höre ich Applaus, der von überall im Raum herkommt.

Zu meinem Erstaunen macht es mir nichts aus, dass mir jemand zugeschaut hat, obwohl ich nichts davon wusste. Ich genieße den kleinen Moment im Mittelpunkt zu stehen und endlich die Bestätigung von Anderen zu erhalten, dass sich die Arbeit gelohnt hat.

Fiona ist die erste, die zu mir kommt und sich für ihr dummes Verhalten mir gegenüber entschuldigt.

„Leonie, ich habe dich unterschätzt. Nie im Leben hätte ich damit gerechnet, dass du so taff bist. Ich bin sehr stolz auf dich, dass du nicht aufgegeben hast.“

Ein großer muskulöser Mann nimmt mich in den Arm und hebt mich kurz vom Boden ab. Er flüstert mir ins Ohr: “Leonie, du besitzt ein Talent, von dem viele gesunde Menschen träumen.“

Wenn ich Felix Stimme höre, zaubert mein Gesicht sofort ein Lächeln. Ich bin peinlich berührt.

„Leonie, ich bin Tanzlehrer hier in dieser Tanzschule. Ich unterrichte deine alte Tanzgruppe.“

Ich traue meinen Ohren nicht. Das erklärt natürlich einiges. Jetzt weiß ich auch, wie er an das Tanzvideo herangekommen ist und woher er wusste, dass ich für mein Leben gerne getanzt habe. Oh mein Gott, dann ist er der neue, heiße Tanzlehrer, von dem Fiona erzählt hat. Und ich wusste nichts davon. Er hätte mir das schon früher sagen können, aber wer weiß, wie ich mich dann verhalten hätte.

„Das ist mein Moment, das ist mein Tag, ich fühle es.“

Langsam leert sich der Tanzsaal, nur drei Menschen und ein Hund bleiben bei mir und halten mich fest in ihren Armen.

Quelle: Songtext von Waka Waka (Shakira)
https://www.magistrix.de/lyrics/Shakira/Waka-Waka-This-Time-For-Africa-Uebersetzung-1076825.html