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Was ein Toter wissen muss

von Kristin Semelka (16 Jahre)

Donnerstag, der erste Tag meines neuen Lebens, mehr oder weniger. Letzten Samstag war meine Verlobung mit Liz, der Jugendliebe meines Zwillingsbruders Tobias. Mein Name ist Timo Fischer, ich bin 30 Jahre alt und arbeitete in einer Boutique in einem Einkaufscenter im Norden von Hamburg. Nein ich bin nicht arbeitslos, mir ist nur etwas Lebens veränderndes passiert.
Alles geschah so: ich saß an meinem Teich, der am Veringskanal liegt und wollte das Ehegelübde schreiben. Liz und ich wollten kirchlich heiraten.
Es war kalt – 6°C, wir haben Februar. Der kalte Wind zog mir ins Gesicht, sodass ich mich tiefer in meine Daunenjacke kuschelte. Mit Handschuhen schrieb es sich schwierig. Ich fühlte mich auf einmal schläfrig und alles wurde schwer, so als ob ich von einer Macht nach unten gezogen wurde. Ich atmete plötzlich immer flacher. Jetzt wenn ich drüber nachdenke, war es ein wenig wie Hypnose. Wie in Trance sah ich an mir hinunter, ich glaube ich hatte Angst, meinen Körper zu verlieren. Mir wurde schwarz vor Augen. Ich kniff ich die Augen zu. Alles tat mir weh. Vom meinem Bauch ging der Schmerz in meinen Kopf und in die Füße. Ich fühlte mich, als wäre ich gerade von einem Hochhaus gefallen. Zettel und Stift glitten zu Boden. Ich lag da. Dann sah ich ein helles Licht. Die schmerzen waren weg und nichts pochte mehr. Ich schwebte über meinem Körper und sah mich dort liegen. Ich wusste es sofort: Ich war Tot.
Ich wurde gegen fünf Uhr morgens gefunden. Um sechs lag ich auf dem Obduktionstisch. Mein Körper war sehr blass, meine Augen waren geschlossen und der Pathologe schrieb an dem Bericht über meinen Leichnam.
Zwei Polizisten kamen herein: „Hallo Dr. Fleischbaum, haben sie schon etwas gefunden?“, fragte der Jüngere von beiden. Er war braunhaarig, schlank und groß.
„Ja Herr Schmidt, Timo Fischer wurde vergiftet.“
Ich folgte den Polizisten. Sie fuhren zu meinem Bruder. Der Mann, der mit Nachnamen Schmidt hieß, wurde mit Vornamen Jonas genannt. Ich erfuhr, dass Jonas 23 Jahre alt war. Sein Partner, ein kleiner Mann mit einem finsteren Gesicht, einer spitzen Nase und schmalen Augen, hieß Peter Meier, er war 47 Jahre alt. Das gute am meinem Tod war, dass ich nun überall dabei sein konnte.
Sie standen vor der Wohnungstür meines Bruders und nahmen ihre Kappen ab, als Tobias öffnete. Tobias ist etwa eine halbe stunde älter als ich und hat immer Glück in seinem Leben. Er musste nie lernen und schrieb trotzdem gute Noten. Er wurde Arzt in einem Krankenhaus. Als er während seines Studiums von zu Hause auszog, war ich ihn endlich los. So hatte ich gedacht. Ich wusste nicht, dass er Liz, meine Verlobte, kannte. Sie war seine Jugendliebe gewesen. Tobias und Liz waren sechs Jahre zusammen, doch dann sagte Tobias ihr, er wolle Neues kennenlernen, meinte aber er wolle viele Frauen kennenlernen. Das Schlimme war, dass er wie immer alles bekam was er wollte. Unsere Eltern vererbten ihm alles zum Beispiel das Haus, das er dann verkaufte und das ganze Geld. Unsere Eltern starben vor sechs Jahren.
Mein Bruder wusste inzwischen, dass ich vergiftet wurde, doch seine Reaktion darauf war merkwürdig.
Zuerst riss er die Augen auf und schüttelte den Kopf. Die Polizisten sagten, dass sie am nächsten Tag wieder kommen wollen.
Noch war Liz in der Schule, sie war Grundschullehrerin und liebte ihren Beruf. Sie sagte immer, dass sie in den nächsten fünf Jahren Kinder haben möchte, aber auch in ihren Beruf zurück möchte. Ich schwebte zu ihr. Seit ich tot bin habe ich keine Empfindungen mehr. Niemand konnte mich sehen, es war als wäre ich unsichtbar. In der Grundschule war grade Pause . Ich schwebte zum Lehrerzimmer und sah Liz. Sie trug ihre langen roten gewellten Haare als Zopf. Ich liebte ihr Haar, wenn sie es offen trug. Sie sah betrübt aus. Ich hätte sie gern in den Arm genommen. Nun schwebte ich nur ganz dich zu ihr. Die Direktorin kam herein. Sie fragte: „Was ist denn los, Frau Krause?“
„Ach Frau Schlösser, mein Verlobter ist gestern nicht nach Hause gekommen.“
„Tja, so fing es auch bei meinem Herbert an“, sagt Frau Schlösser, mit einer sehr tiefen Stimme. Frau Schlösser war sehr maskulin, klein und üppig. Ich begleitete Liz den ganzen Tag. Ihr Umgang mit den Kindern war bewundernswert. Sie war eine gute Lehrerin. Gegen 19 Uhr sprach Sie mir zum 17 Mal auf die Mailbox.
Es klingelte an ihrer Tür. Sie öffnete. Es war Tobias. Er wirkte traurig, war es aber bestimmt nicht.
Er hatte vor einiger Zeit versucht, Liz und mich, auseinander zu bringen. Ich musste ihn trotzdem zur Verlobungsfeier einladen. Liz hatte gemeint das sei sie ihm schuldig. Tobias sprach viel mit Liz auf unseres Verlobungsfeier. Sie erzählte mir, dass er nicht wollte, dass sie mich heiratet. Vergebens.
„Liz, ich muss mit dir reden, es geht um deinen Verlobten!“, sprach Tobias traurig. Liz runzelte die Stirn. Liz sah so aus, als ob sie sich fragte, ob das wieder ein versuch sein sollte, uns beide auseinander zu bringen. Tobias Sagte: „Timo wurde heute morgen Tod aufgefunden. Er …. wurde … vergiftet!“ Liz setzte sich und stammelte irgendwas vor sich hin Sie war fassungslos und begann an zu weinen. Nein, sie heulte, wie ein kleines Mädchen. Es war für mich unerträglich.
Ich dachte, ich muss hier weg, sonst sterbe ich.
Ich schwebte zu dem jüngeren Polizisten, zu Jonas. Es war seltsam, dass ich immer wusste wo wer war. Jonas wohnte in einer kleinen Einzimmerwohnung und saß gerade an einem Schreibtisch. Ich beobachtete ihn den ganzen Abend. Ich blieb auch die Nacht über bei ihm. Jonas war nett, seine Wohnung war voller Fotos von Freunden und bevor er schlafen ging, stand er vor einem großen Bilderrahmen und sagten seinen Eltern, auf dem Foto, gute Nacht. Eine sehr nette Geste.
Am nächsten Morgen aß Jonas zwei Toast und trank vier Tassen Kaffee, dann wurde er von seinem Kollegen Peter Maier abgeholt. Ich habe beide innerlich geduzt, schließlich begleitete ich sie, während mein Fall bearbeitet wurde. Peter hatte Jonas Kaffee mitgebracht. Ich verstand wieder einmal nicht, wie man solche Brühe trinken kann. Ich war schon immer Teetrinker. Ich saß Unsichtbar zwischen den beiden im Auto und hörte ihnen aufmerksam zu. Jonas fragte: „ Und wo wohnt die Verlobte also Elisabeth Krause?“
„ Sie wohnt in der Veringsstraße.“
„ Wollen Sie sie Befragen?“
„ Ja das werde ich machen“
Zwanzig Minuten später waren Peter und Jonas bei Liz angekommen.
„ Guten Tag, Frau Krause, wir hätten ein paar Fragen an Sie. Es geht um Timo Fischer.“, sprach Jonas mit ernster Miene.
„ Nein natürlich nicht, kommen Sie bitte herein. Wollen Sie Kaffee?“, sprach Liz und wirkte erschrocken.
„ Was haben Sie Donnerstag gemacht?“, fragte Peter Liz, nachdem er ein Kaffee bekommen hatte und am Küchentisch Platz genommen hatte. Jonas drückte ein kleines Diktiergerät auf Aufnahme.
„ Ich war zuerst arbeiten, in der Grundschule. Um sechzehn Uhr bin ich zu Hause gewesen. Da war Timo, mein Verlobter, noch hier. Dann musste er noch einmal weg, sagte aber nicht, wohin. Und dann ist er nicht wieder gekommen.“, erzählte Liz traurig.
„ Das heißt, Sie wissen nicht, was er vorhatte?“, fragte Jonas. Zeitgleich mit Peter nahm er die Kappe ab. Mich wunderte, dass sie das erst jetzt machten! „Ihr Verlobter Timo Fischer…“ Jonas sah nach unten, atmete tief und sah Liz in die Augen „Er ist leider tot, er wurde vergiftet.“ Liz sah abwesend aus dem Fenster und sagte leise: „ Ich weiß, sein Bruder war gestern hier und hat es mir erzählt.“
„ Was haben Sie daraufhin unternommen? Haben Sie sich bei der Polizei gemeldet?“, fragte Peter.
„ Nein, ich war durcheinander und wusste nicht was ich machen sollte.“, antwortete Liz ruhig.
„ Welche Verbindung haben sie zu Tobias Fischer?“
„ Wir hatten mal eine Beziehung, aber das ist schon acht Jahre her. Dann habe ich ihn erst auf meiner Verlobungsfeier wiedergesehen. Das ist alles.“
„ Kein Kontakt?“
„ Manchmal haben wir telefoniert. Das hatte nichts mit Timo zu tun.“, Liz spielte mit ihren Haaren. Das macht sie immer, wenn sie auf ein Thema angesprochen wird, über das sie nicht reden will. Sie war rot geworden und ich neugierig. Ich hoffte, dass Peter fragte, warum sie Kontakt zu Tobias hatte.
Peter enttäuschte mich nicht. „ Und warum haben Sie Kontakt zu Tobias Krause?“
„ Er war es, der sich immer wieder bei mir gemeldet hat, da haben wir dann irgendwas geredet.“
„ Wie fand ihr Verlobter das?“
Liz hob die Schultern.
„Er wusste nichts davon“, stellte Jonas fest.
„ Die beiden hassen sich!“, sagte Liz.
„ Und worüber sprachen Tobias Krause und Sie?“
„ Zum Beispiel über die Zeit, als wir zusammen waren oder darüber wie Timo und ich uns kennenlernten.“
Liz spielte noch nervöser mit ihren Haaren, sie versteckte sich schon fast dahinter. Wenn ich sie nicht lieben würde, würde ich sagen, dass sie lügt. Aber sie würde mich nicht belügen. Oder? Warum erzählt sie Peter und Jonas nicht, dass Tobias uns auseinander bringen wollte?
„ Haben Sie uns noch etwas zu sagen, Frau Krause?“
„ Nein.“
Jonas tauschte mit Peter einen wissenden Blick aus.
Danach fuhren sie zu meinem Bruder.
Als Tobias den Ermittlern die Tür öffnete, sprach Jonas wieder den Satz: „ Guten Tag Herr Fischer. Wir hätten ein paar Fragen an Sie. Es geht um ihren Bruder Timo Fischer.“
Diesmal nahmen die Polizisten beim Betreten der Wohnung ihre Kappen ab.
Tobias zeigte auf das große Sofa an der Wand gegenüber seines Fernsehers. „ Nehmen Sie Platz.“ Den Fernseher kann man eigentlich nicht mehr Fernseher nennen, es ist eher eine Kinoleinwand. Ich war noch nie in Tobias´ Wohnung. Alles sah groß und teuer aus. Tobias setzte sich auf den querstehenden Sessel. Jonas schaltete das Diktiergerät an und legte es auf den Tisch. Peter stellte die erste Frage: „ Was haben Sie am Donnerstag gemacht?“
„ Um sieben Uhr verließ ich das Haus. Ich bin frühstücken gegangen und von dort aus ins Krankenhaus. Um kurz nach sechs, kam Liz, also Elisabeth Krause, ins Krankenhaus und holte mich ab. Wir gingen essen. Um elf Uhr habe ich sie nach Hause gebracht.“
„ Haben Sie sich öfter getroffen?“
„ Sie hat mich manchmal im Krankenhaus besucht. Ich bin Arzt!“
„ Haben sie Sie auch schon vor der Verlobung besucht?“
„ Sie hat mir die Einladung persönlich vorbeigebracht.“
„ Wusste Ihr Bruder das?“
„ Ich weiß es nicht, ich glaube nicht.“
„ Vielen Dank. Wir werden sicherlich noch einmal vorbeikommen. Sie sind in den nächsten Tagen hier?“
„ Ja, es muss sich ja einer um die Beerdigung kümmern.“

Den restlichen Tag werteten die Polizisten die Befragungen aus und verschriftlichten sie. Ich nahm an, damit Liz und Tobias später darüber guckten um sie zu unterschreiben. Ich machte mir deshalb Sorgen, denn Liz Aussage stimmte nicht ganz, kein Wunder, dass sie so nervös mit den Haaren gespielt hatte. Sie hat sich mit mit Tobias, immer wieder, heimlich getroffen. Sie hat nicht nur mich belogen, sondern nun auch die Polizei. Das war dann zwischen Peter und Jonas ein Thema. Jonas fragte: „ Warum hat Elisabeth Krause uns angelogen?“
„ Vielleicht wollte sie nicht das wir denken, dass sie eine schlechte Frau ist.“, überlegte Peter.
„ Timo Fischer wusste garantiert nicht, dass seine Verlobte sich mit Tobias Fischer traf.“
„ Er wird es nie erfahren.“ Wenn der wüsste…
„ Tobias Fischer hatte ein Motiv, seinen Bruder zu vergiften. Er wollte seine Jungendliebe zurück. Er wollte Liz.“
Jonas schüttelte den Kopf.
„ Warum war er dann uns gegenüber so offen? Hat auf alle Fragen ehrlich geantwortet.“
„ Weil er glaubt, dass er so lässiger wirkt, aber ich glaube, er hat nur Angst, dass wir dem etwas nachweisen könnten.“
„ Was nachweisen?“
„ Mensch Jonas, Tobias Fischer ist Arzt, er kommt gut an Gift heran! Tobias hätte es bei der Verlobungsfeier seinem Bruder heimlich unterjubeln können. Das Gift breitete sich langsam in seinem Körper aus, bis er schließlich starb. Du musst wirklich noch viel lernen!“
Jonas gab seinem Kollegen recht. Nach Feierabend begleitete ich Peter.
Peter wohnte mit seiner Frau und zwei Töchtern in einem Haus. Beiden vielleicht um die sechzehn. Er setzte sich zum Abendessen zu seiner Familie an den Tisch. Seine Frau sah ihn an und fragte. „ Du siehst aus, als hättest du gerade mit einem schlimmen Fall zu tun.“
Peter nickte nachdenklich. „ Ein Mann, der vergiftet wurde. Vermutlich war es der Bruder.“
„ Pass auf Nadine, dass ich dich nicht vergifte.“, sprach das Mädchen mit den braunen Haaren und dem Lippenpiercing böse.
„ Du bist nicht schlau genug, um mich zu vergifte,“, funkelte Nadine ihre Schwester an.
„ Niemand wird hier irgend wen vergiften!“, mischte sich die Mutter ein.

Am übernächsten Tag fuhren Peter und Jonas nochmals zu meinem Bruder. Tobias öffnete die Tür.
„Ich habe keine Zeit. Ich muss zur Arbeit ins Krankenhaus.“
„ Dann müssen wir Sie aufs Revier bestellen“, sagte Peter streng.
„ Okay, was wollen sie wissen?“, lenkte Tobias ein.
„ Wie haben Sie sich mit Ihrem Bruder verstanden?“
„ Gar nicht. Noch nie. Ich war froh als ich endlich zu Hause auszog und von ihm weg war.“
„Wann haben Sie ihn zuletzt gesehen?“
„ Auf dieser Verlobungsfeier. Wir haben uns aber nur `Hallo` gesagt – und `Tschüss`.
„ Sie sind Arzt das bedeutet, Sie kommen leicht an Medikamente heran, die zu hoch dosiert, giftig sein können.“ , warf Jonas etwas übereilt ein.
„ Ach daraus schließen sie, ich hätte meinen Bruder umgebracht!“
Er tat mir leid, aber mir fiel auch kein anderer Mensch ein, der mir hätte etwas antun können.
„ Sie lieben Elisabeth immer noch und um an sie heran zu kommen, haben Sie ihren Bruder vergiftet. Sie nehmen etwas, das nicht sofort wirkt, damit Sie nicht dabei sind, wenn er stirbt. Und vor allem, sie sind mit Elisabeth essen gegangen, an dem Tag wo Ihr Bruder starb. Damit sie nicht sieht, wie ihr Verlobter stirbt“, fügte Peter hinzu.
Tobias lachte höhnisch „ Angeblich ist in der Liebe alles erlaubt, aber glauben Sie mir, so hätte es mir kein Spaß. Ich gewinne meine Spiele mit meinen eigenen mitteln!“
„ Du hast es als Spiel gesehen, mich und Timo auseinander zu bringen?“, Jonas und Peter hatten nicht bemerkt, dass Liz schon eine weile in der Tür stand. Sie hatte sogar einen Schlüssel zur Wohnung von Tobias. Nun war auch mir klar, dass es mehr als ein paar unverbindlicher Treffen zwischen ihr und meinen Bruder gegen hatte. Peter und Jonas fuhren irritiert herum: „ Was machen Sie denn hier?“
Liz ging auf Tobias los:„ Deinetwegen habe ich ihn umgebracht. Und wofür? Für dein Spiel.“
Peter zog Liz von Tobias weg. Ich hoffe, er oder Jonas würde fragen was sie meinte.
Jonas fragte: „ Warum haben Sie das getan?“
Sie begann zu weinen: „Ich dachte ich könnte niemals von Tobias lassen. Ich wusste, dass es das schlimmste für Timo wäre, wenn er es heraus bekäme. Ich habe ihn umgebracht, um ihn nicht zu verletzen“ Sie sah Tobias an: „ Ich wünschte, ich hätte dein Spiel durchschaut, bevor ich…“ Liz brach zusammen.
Fast tat sie mir leid. Es war Unfassbar Meine Verlobte hatte mich vergiftet, um mir nicht das Herz zu brechen. Ich war tot und fühlte nun wirklich nichts mehr.