shadow

Weiß

von Patrizia De Facci

Schon seit siebzehn Jahren und damit so ziemlich mein ganzes Leben lang wohne ich in einem kleinen Dorf in der Nähe von Berlin.

Ich hätte niemals gedacht, dass ich dieses Kaff verlassen würde. Jedenfalls nicht so früh. Sicher, es ist heutzutage einfach, von Ort zu Ort zu reisen, jedoch braucht man dazu auch das nötige Kleingeld.

Meine Familie, oder wie man die Leute, die mit mir zusammen gewohnt haben, sonst nennen soll, besaßen dieses Kleingeld nicht. Wir waren immer schon arm. Die meisten würden wohl sagen, wir sind die unterste Schicht in dieser scheiß Gesellschaft. Und Recht haben sie. Man wusste sofort, was das für eine Gegend war, wenn man die Straße entlang ging, überall Müll aus unidentifizierbaren und vergammelten Sachen. Links und rechts sah man keine Bäume oder grüne Parks mit Blumen und lieblichem Vogelgezwitscher. Bei uns war alles dunkel und trostlos.

Alte Gemäuer und zerfallene Gebäude, deren Grauton nur hier und da von zerrissenen oder vollgeschmierten Plakaten vom letzten Gig irgendeiner Undergroundband durchbrochen wurde, zierten die Gegend.

In einer kleinen Seitengasse, in Ruhe gelassen von Bandenkriegen und dem Gejohle der alten Säcke aus der Bar ein paar Straßen weiter, stand unser Haus.

Es war nicht wirklich unser Haus, aber wir waren die einzigen Mieter, die es nicht geschafft hatten, diese Bruchbude zu verlassen. Ich kannte jede morsche Treppenstufe, die Anzahl der übrig gebliebenen Kacheln unserer Etage, ja sogar die Risse und Einbuchtungen hatte ich im ganzen Haus gezählt.

Noch gut konnte ich mich daran erinnern, wie ich die Tasten des Fahrstuhls zusammen mit meinen Kumpels abgedreht hatte und unter die Türspalten der verlassenen Wohnungen hatte rutschen lassen. Oh, wie wohl und bestätigt ich mich fühlte, wenn mich meine Mutter und der Hausmeister mit ihren wutverzerrten Gesichtern anschrien. Ich war die Größte – ich bekam all ihre Aufmerksamkeit.

Als Strafe bekam ich von meiner versoffenen Mutter Hausarrest. Aber nicht son‘ normalo Arrest. Nein, meiner war „Special“ – war ja für mich. Special waren die Schläge, die ich bekam, und Special war es, wenn ich tagelang ohne Essen in mein Zimmer gesperrt wurde. Mein Zimmer, es muss wohl mal weiß gewesen sein, war von einem zarten Grau durchzogen, mit dunkelgrauen Flecken hier und da. Auch rote und gelbe schmückten mein Gefängnis. Während der Arrestzeiten, die ich in meinem Zimmer eingesperrt war, habe ich diese Flecken an die Wand geschmiert, mit dem, was mein Körper an farbiger Flüssigkeit hergab. Ich würde sagen, das ist eine Art Kunst – zumindest wenn ich an all die Künstler denke, die Millionen für ihre Flecken auf Papier bekommen. Eigentlich müsste ich für mein Lebenswerk auch etwas bekommen.

Ich hätte nie gedacht, dass ich diesen Ort verlassen würde, als ich langsam „Jenny“ auf das Papier vor mir schrieb. Ich hätte nie gedacht, ein neues Leben anfangen zu dürfen, als ich einen Haken bei „Geschlecht – weiblich“ auf die Einweisungspapiere setzte. Ich hätte nie gedacht, dass ich meine Mutter erschlagen könnte. Ich hätte nie gedacht, dass ein Gefängnis im Gegensatz zur Freiheit so viel besser sein kann. Schon als ich meinen Fuß zum ersten Mal hineinsetzte, liebte ich meine Zelle. Sie war so viel weißer, als alles, was ich jemals zuvor gesehen hatte.