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Wenn man glaubt,…

von Kira Nehring, 17 Jahre

1

Wenn man glaubt, das Glück in den Händen zu halten

Meine zitternden Hände hielten die Fotografie. Ich war fassungslos, konnte mein Glück kaum glauben. Die Knie waren weich. Mein Zeigefinger zeichnete die Umrisse des noch undefinierbaren Geschöpfes nach. Dann glitt meine Hand zum Bauch. Ich berührte ihn sanft und grinste über beide Ohren wie ein Honigkuchenpferd. Das Ultraschallbild verstaute ich vorsichtig in meiner Tasche, schwang mich auf mein Rad und fuhr die Pflastersteinstraße der Friedensallee in Altona entlang. Die Sonnenstrahlen der Julisonne wärmten meinen Körper. Die Temperaturen stiegen schon seit Tagen bis zu 27°C. Die Eisläden waren brechend voll, die Parks überfüllt und der Geruch von gegrillten Würstchen lag über der ganzen Stadt. Ich hatte den Drang, mein Glück hinaus zu schreien. Laut, so laut, dass jeder es hörte! Das letzte Mal war ich so glücklich, als Manuel mich zum ersten Mal geküsst hatte. Dieser Kuss endete in einem wilden Austausch von leidenschaftlichen Liebkosungen. Ich errötete, wie jedes Mal, wenn ich an diese Nacht dachte. An die Berührungen. An die Zärtlichkeit. An die Gefühlsausbrüche. Noch nie zuvor hatte mich ein Mann so in seinen Bann gerissen. Vermutlich schwärmte ich deshalb wie ein 14-jähriges Mädchen von ihm. Seit dieser Nacht waren elf Monate vergangen. Und jetzt sollte ich ein Kind von ihm bekommen. Ich musste es Manuel unbedingt erzählen.

Ich bog auf den Altonaer Marktplatz und stieg vom Rad ab. Ich schlenderte an den Marktständen vorbei und betrachtete die Lebensmittel. Bei meinem Lieblingsgemüsehändler machte ich Halt. „Merhaba Greta, wie geht es dir, meine Liebe!?“, begrüßte mich Ayla mit einem strahlenden Gesicht. Sie und ihr Verlobter Hakan arbeiteten, seitdem ich hier zugezogen war, an diesem Marktstand.

Ayla war eine türkischstämmige Schönheit, mit lockigen schwarzen, zurück gebunden Haaren und großen dunklen Rehaugen. Und sie war mittlerweile auch eine gute Freundin von mir geworden. Ayla verkniff die Augen und sah mich mit hoch gezogenen Augenbrauen an: „Greta ist irgendwas passiert, das ich wissen sollte?“ Mein Grinsen hatte mich anscheinend verraten. „Ja…“, sagte ich und erneut grinste ich über beide Ohren.

Ayla trat hinter ihrem Stand hervor: „Bist du verlobt? Wurdest du befördert? Mensch Greta, lass dir nicht alles aus der Nase ziehen!“ Ich berührte meinen Bauch.

Ayla verstand sofort: „Oh mein Gott, Greta! Gözün Ayden! Herzlichen Glückwunsch!“

Danke…“

Ayla nahm mich in den Arm. „Und was sagt Manuel dazu?“

Er weiß es noch nicht!“, beantwortete ich ihre Frage.

Ach und jetzt kochst du ihm was Schönes, und verkündigst ihm die frohe Botschaft?“

Ich nickte.

Sie eilte rasch zurück hinter den Stand. „Also Fräulein Weinberg, was darf es denn sein?“

Ich brauche einmal 250 g Karotten, 2 Schalotten, 250g Tomaten und habt ihr noch etwas Basilikum da?“

Ayla sammelte das Gemüse zusammen und legte in die Tüte noch ein Bündel Basilikum. Ich schaute über ihr Fruchtsortiment: „Wie sind eure Erdbeeren?“

Ziemlich gut. Möchtest du welche für das Dessert haben?“

250g wären prima!“

Sie wog die Erdbeeren ab, füllte sie in eine Schale und reichte sie mir: „Die gehen aufs Haus!“

Huch? Seit wann verschenken wir Erdbeeren? Ist etwas passiert?“, mischte sich Hakan plötzlich ein. Ich fing wieder zu grinsen an. Doch noch bevor ich etwas sagen konnte, platze Ayla mit der Neuigkeit heraus.

Greta, das ist ja wundervoll! Mein Glückwunsch. Was sagt dein Gatte dazu?“

Der weiß es noch nicht“, gab ich kleinlaut zu.

Naja, dann pass mal auf, dass dein Herr dir nicht wegläuft, denn so lange seid ihr ja noch nicht zusammen!“

Ayla boxte ihm gegen die Schulter: „Hakan, mach Greta keine Angst! Die beiden lieben sich doch! Ach Mensch Greta, ich freu mich so für dich! Dann bekoche Manuel mal schön!“

Ich nickte, bezahlte und fuhr in Richtung Heimat. Ich hatte plötzlich ein mulmiges Gefühl im Bauch. Hakans Aussage hatte mich stutzig gemacht. Doch Manuel liebte mich, das wusste ich. Wahrscheinlich wollte Hakan nur einen doofen Witz reißen.

Auf einmal tauchte ein Lastwagen vor mir auf. Ich trat in die Bremsen. Die Hupe des LKW‘s tönte über den gesamten Platz. Der Fahrer brüllte mich hinter seiner Scheibe an. Ich hob die Hand entschuldigend, stieg vom Rad ab und stellte es an eine Straßenlaterne. Mein Herz pochte. Ich zitterte und probierte mich zu beruhigen. Ich griff nach meiner Einkaufstasche, schloss die Haustür auf und ging die Treppen hinauf bis in den vierten Stock, in unsere kleine Altbauwohnung.

 

Ich stand im Bad und blickte in den Spiegel. Ich hatte mein braunes langes Haar zu einem Dutt geflochten. Mein Make-up war dezent und meine blauen Augen strahlten voller Freude. Ich hatte mein „kleines Schwarzes“ an und streichelte über meinen Bauch. Ich war in Gedanken ganz bei dem ungeborenen Kind. Was würde es werden? Eine Emma oder ein Emil? Wir müssten in eine größere Wohnung ziehen. Mein Kind sollte ein großes Kinderzimmer kriegen. Das Schellen der Haustür weckte mich aus meinen Tagträumen. Ich eilte aus dem Bad machte die Tür auf und verschwand rasch in die winzige Küche zum Esstisch, um die Kerzen anzuzünden.

Nanu, hat jemand Geburtstag?“, begrüßte mich Manuel überrascht. Ich betrachtete ihn. Ich schmolz bei seinem Anblick dahin. Ich liebte es, wenn er im Anzug vor mir stand. Er strich sich mit seinen Händen eine seiner dunkelblonden Haarsträhnen aus dem Gesicht. Manuel trat an mich heran, legte seine Hände an meine Hüfte und zog mich zu sich ran.

Lass dich überraschen!“, flüsterte ich.

Überraschungen sind immer gut! Du siehst umwerfend aus!“, er küsste mich sanft auf den Hals, wanderte zur Herdplatte und hob forschend den Topfdeckel.

Ah, meine Lieblingspasta!“

Ich füllte ihm etwas auf. „Wie war die Arbeit?“, fragte ich, um ein Gespräch einzuleiten. Er fing an zu grinsen, stellte die Ellbogen auf den Tisch und faltete die Hände. Ich liebte seinen verführerischen Blick. „Greta raus mit der Sprache, was ist los?“

Ich sah verlegen auf meinen Schoß. „Ich verrate es dir!“

Ach, meine Freundin hat Geheimnisse vor mir?“

Ich stand vom Tisch auf und nahm meine Tasche in die Hand. Ich griff nach dem Ultraschallbild und reichte es ihm.

Was ist das?“, fragte er mich überrascht.

Sieh es dir doch mal genauer an…“, ich setzte mich wieder und wartete neugierig auf seine Reaktion.

Sein Gesicht wurde auf einmal blass. Er begann zu schwitzen.

Er wiederholte sich: „Was ist das?!“ Ich erschrak vor seinem groben Tonfall.

Das ist ein Ultraschallbild, von unserem ungeborenen Kind…“ Seine hellgrünen Augen verengten sich. Er schwieg. Mir stockte der Atem. Ich schwieg ebenfalls. Ich verstand seine Reaktion nicht. Zumindest hatte ich eine andere erwartet. Sein Gesichtsausdruck wurde böser und plötzlich begann ich mich vor ihm zu fürchten. Manuels Hand bildete eine Faust, wodurch er das Ultraschallbild zerknüllte.

Seit wann weißt du davon!?“, brüllte er mich nun an. Ich traute mich nicht, ihm zu antworten. Er griff energisch nach meinem Handgelenk.

Ich wisperte: „Ich war mir nicht sicher und heute war ich beim Frauenarzt…“

Er ließ mein Handgelenk los. Wie aus dem Nichts, begann er spöttisch zu lachen. Es schien, als wenn er mich auslachen würde. „Und du, Greta Weinberg, glaubst, ich will ein Kind?“

Ich schwieg. Ein dicker Kloß bildete sich in meinem Hals. Wie ein Dolch bohrten sich seine Worte in mein Herz. So war er mir noch nie begegnet.

Mädchen, wach auf, dachtest du wirklich, ich will jemals mit dir eine Familie gründen? Ich bin ein attraktiver, wohlhabender Mann. 29 Jahre alt. Für Kinder fühl ich mich noch viel zu jung. Ich will Erfahrungen sammeln, Ausgehen, Spaß haben, schöne Frauen begehren, mein Leben genießen, die Karriereleiter weiter hinauf klettern und nicht irgendwelche Windeln wechseln!“ Er schlug mit voller Wucht auf den Tisch. Meine Gliedmaßen zuckten zusammen. „Greta, meinst du, dass ich mein Geld in den Rachen eines Kindes werfe? Das ist mein Geld! Das habe ich mir hart erarbeitet!“ Er trank einen kräftigen Schluck von seinen Rotwein. Dann faltete er das Knäuel in seiner Hand wieder auf, nahm sein Glas und schüttete den Wein auf die Fotografie. „Das halte ich von diesem Ding!“

Dieses Ding? Hatte er gerade dieses Ding zu unserem Kind gesagt? Ich war schockiert, sprachlos und die Tränen stiegen mir in die Augen.

Er stand auf, fing erneut zu lachen an: „Vielleicht ist es ja auch gar nicht von mir, und du willst mir ein Kuckuckskind unterjubeln!“

Ich rührte mich nicht vom Fleck. „Ach und noch was, bevor nicht ein Vaterschaftstest gemacht wird, zahl ich nichts!“

Ich konnte die Tränen nicht mehr halten, sie rannen mir übers Gesicht.

Was ist dein Problem!?“, schrie er mich an. Ich probierte den Mund zu öffnen, ihn anzuschreien, doch ich wimmerte nur: „Ich dachte, du liebst mich.“ Wieder lachte er mich aus, und wieder bekam ich gefühlt einen Schlag ins Gesicht verpasst.

Greta, Greta… weißt du, wer eigentlich Schuld an der ganzen Sache trägt? Du, denn du musstest ja schwanger werden. Ich meine, schade um den guten Sex, aber ich werde schon jemanden Neues finden. Unersetzlich bist du nicht!“ Mit diesen letzten Worten verließ er die Küche, packte das Nötigste und ließ mich schwanger und verletzt in der kleinen Wohnung zurück.

 

2

Wenn man glaubt, dass die Vergangenheit endlich ruht

Es goss in Strömen.

Frau Bräumer ist so eine unfähige Lehrkraft!“ schimpfte Ella. „Nur weil ich einmal, weil ich wirklich krank war, meine Aufgaben nicht vollständig erledigt habe, muss sie gleich so rumzicken? Und mir dann noch `ne extra Hausaufgabe aufbrummen! Ganz ehrlich, was kann ich denn dafür, wenn sie ihre Tage hat!“

Ich hörte mir Ellas Beschwerden an. Ella war seit der Grundschule meine beste Freundin. Wir waren unzertrennlich. Sie und ich bogen auf die Friedensallee. „Scheiß Wetter!“, hörte ich sie fluchen. Ich schaute zu ihr rüber. Ihre strohblonden Locken hingen klitschnass hinunter. Mein Blick richtete sich wieder nach vorn. Ich trat kräftig in die Pedale, denn der starke Gegenwind ließ nichts anderes zu. Der kalte Schauer hatte nicht nur meine Schuhe durchnässt. Da ein kräftiger Windstoß meine Kapuze hinunter riss, glitten mir einzelne Regentropfen den Rücken hinunter.

Ich bin nass bis auf die Knochen!“, zischte Ella.

Frag mich mal, dachte ich.

Wie viele kommen denn jetzt eigentlich morgen?“, fragte sie plötzlich total euphorisch.

Der enge Kreis. Nicht ganz so viele… “, sagte ich mit wenig Begeisterung. „Mensch Zoe, wie kann man sich nicht auf seinen eigenen Geburtstag freuen?“

Ich zuckte mit den Schultern. Ich hatte jedes Jahr das Gefühl, dass mein Geburtstag meine Mutter irgendwie traurig machte. Im Laufe der Jahre bin ich zu der Erkenntnis gelangt, dass ihre traurige Stimmung mit meinem Vater zu tun haben muss, den ich nicht kannte. Ich musste in die Gaußstraße einbiegen. Ella bremste neben mir ab. „Mach es gut! Bis morgen! Und grüß deine Mum!“

Ich umarmte Ella zum Abschied und fuhr über die gepflasterte Straße. Ich schloss mein Rad zu sechs anderen Rädern an eine Straßenlaterne und kramte meinen Schlüssel aus dem Rucksack. Plötzlich wurde ich von der Seite angerempelt. „Hey!“, beschwerte ich mich. Ich sah meinem „Anrempler“ in die Augen. Sie waren hellgrün. Ich blickte auf seinen graublonden kurzen Bart. In seinem Gesicht zeichneten sich einige Falten ab. Ich schätzte ihn Ende 40 Anfang 50. Er starrte mich an, ohne etwas zu sagen. Sein Blick machte mir Angst. Mir wurde auf einmal ganz heiß. Was wollte er von mir? Der Unbekannte wollte gerade seinen Mund öffnen, um etwas zu sagen, als die alte Frau Westphal aus dem Haus trat. Ich ergriff rasch die Chance, dem merkwürdigen Herrn zu entfliehen. Schlagartig riss ich der alten Frau die Türklinke aus der Hand. Ich blendete ihr Meckern über mich aus und rannte die Treppen hinauf bis in den vierten Stock, in unsere kleine Altbauwohnung.

Die Wohnungstür knallte hinter mir zu. Ich lehnte mich gegen sie. Hier durfte und sollte niemand Fremdes hineinkommen. Schweißperlen liefen mir die Stirn entlang. Meine Lippen bebten und mein Herz raste. Ich probierte, mich zu beruhigen und sank auf den Fußboden. Der Mann wollte sich sicherlich nur entschuldigen, versuchte ich mir einzureden. Aber warum hatte ich solche Angst vor ihm bekommen? Mein Puls regulierte sich, und ich hörte auf zu zittern. Ich betrachtete meine klitschnassen Kleider. Eine Dusche würde mich jetzt wahrscheinlich auf andere Gedanken bringen. Ich stand auf und verschwand im Badezimmer.

Ich war gerade dabei, meine Hausaufgaben zu erledigen, als sich das Schloss in der Haustür drehte. „Hallo Liebes!“, rief die mir vertraute Stimme durch die halbe Wohnung.

Ich erhob mich von meinem Polsterbett und ging in die Küche. „Hallo Mama!“

Ich half ihr dabei, die Einkaufstasche leer zu räumen. „Ich hab ein paar Snacks für deinen Geburtstag besorgt. Außerdem wollte ich uns gleich etwas kochen. Ich dachte an deine Lieblingspasta, jetzt wo du das letzte Mal in deinem Leben 17 bist.“

Sie lächelte mich an. Merkwürdigerweise gab es jedes Jahr vor meinem Geburtstag meine Lieblingspasta und jedes Mal wiederholte sie diesen Satz. Jedes Mal mit einer anderen Zahl. Ich beschloss meiner Mutter beim Kochen unter die Arme zu greifen. „Und wie war dein Tag heute so?“, fragte ich sie, um eine Konversation zu starten. „Ach das Übliche, die Kinder sind ziemlich laut und anstrengend gewesen. Wir haben an den Osterhasen für den Osterbasar weiter gebastelt…“ Meine Mutter arbeitet als Grundschullehrerin.

Und deiner?“, fragte sie.

Ich raspelte den Parmesan. „Ach eigentlich auch wie immer, wir haben ja heute die Bioklausur geschrieben. Mal gucken, wie die geworden ist. Zum Glück haben wir jetzt endlich Wochenende!“

Sie schwieg und konzentrierte sich auf die Zubereitung der Soße. Ich beobachtete sie. Ihre weichen Gesichtszüge legten sich in Falten. Sie schien ganz vertieft in Gedanken zu sein. Ma bemerkte meinen Blick und fing rasch an, über Banales zu plaudern: „Das Wetter ist widerlich nicht wahr?“

Ich nickte.

Wie viele Freunde hast du denn eingeladen?“

Nicht so viele, wir sind insgesamt sieben“, sagte ich. „Mama was ist los?“

Sie schwieg.

Mama, ab morgen bin ich achtzehn Jahre alt. Du kannst mir sagen, wenn dich etwas bedrückt.“

Ach, es ist gar nichts Besonderes. Mir hat vorhin einfach nur so ein Typ aufgelauert und mich angequatscht…“

Sofort schoss mir der Mann vor der Haustür in den Kopf. Jetzt sorgte ich mich: „Was wollte der von dir?“

Sie zuckte mit den Schultern: „Ach nichts Besonderes!“ Sie lachte unglaubwürdig.

Ich hackte Basilikum und gab ihn in den Kochtopf.

Vorhin habe ich Ayla in ihrem Laden getroffen, sie hat mir eine Kleinigkeit für dich mitgegeben!“, wechselte meine Mutter das Thema und stellte meinen Geburtstag erneut in den Vordergrund. Ayla war eine der engsten Freundinnen meiner Mutter. Sie war die helfende Kraft nach meiner Geburt. Mein Vater hatte meine Mutter in der Schwangerschaft verlassen. Schon lange hatte ich mich mit dem Gedanken abgefunden, dass mein Erzeuger mich damals nicht wollte. Ich bin 18 Jahre gut ohne diesen Kerl zu Recht gekommen. Meine Mutter hatte ab und zu neue Männer kennengelernt. Meistens hielt es aber nie länger als drei Monate. Sie hatte die Suche nach dem richtigen Mann aufgegeben. Meiner Meinung nach hatte sie im Laufe der Jahre zu hohe Ansprüche an die Männerwelt gestellt.

 

 

Groß war er. Dunkel angezogen. Das Gesicht war verhüllt. Er trug einen schwarzen Mantel und einen schwarzen Zylinder. Er sah kräftig aus. Sehr kräftig. Ich trat auf ihn zu. Er hatte etwas Unheimliches an sich. Ich bemerkte seine großen Hände. Ich bekam auf einmal Angst und wollte nur noch weg. Doch es ging nicht. Meine Füße waren wie eingefroren, ich konnte nicht davonlaufen. Plötzlich griff seine Hand nach mir. Sein Griff wurde fester. Dann zog er mich eng an sich und streichelte mir über mein Haar. Ich ekelte mich. Mir wurde schlecht. Wie aus dem Nichts fing er an zu lachen. Sein Gelächter wurde lauter. Er begann über mich zu lachen. Ich wollte mir die Ohren zu halten, ich wollte mir dieses Gelächter nicht mehr länger antun. Doch es ging nicht. Sein Griff war viel zu fest. Abrupt schwieg er. Es war still. Nun empfand ich es als zu still. Er legte sein verhülltes Gesicht an meins. Sein kalter schwerer Atem hauchte mir ins Ohr. Ich zählte die Atemzüge. „Schön dich kennen gelernt zu haben!“, flüsterte er. Und dann, stieß er mich urplötzlich in die Tiefe.

 

Ich schreckte hoch. Mein T-Shirt war klitschnass. Mein Atem ungleichmäßig. Es war nur ein Traum. Nur ein Traum, versuchte ich mich zu beruhigen und schaute auf die ersten Sonnenstrahlen, die mein Zimmer erhellten. Anscheinend waren die Regenwolken von gestern verschwunden. Mein Blick fiel auf den Wecker. Es war zehn vor neun. Ich setzte mich auf, strich mir die verschwitzten Haarsträhnen aus dem Gesicht und weigerte mich innerlich, über den Alptraum nachzudenken. Meine Füße berührten die kalten Holzdielen. Ich warf einen Blick in den Spiegel. Mein Gesicht war kreidebleich. Die blaugrünen Augen wirkten noch leicht verängstigt und meine Haare standen mir zu Berge. Ich war schweißgebadet und wünschte mir nur noch die kalte Dusche. Meine Hand drückte die Türklinke hinunter, ich öffnete sie einen Spalt. Dann lauschte ich den Geräuschen in der Küche.

Liebes bist du schon wach?“ Meine Mutter hatte mich anscheinend bemerkt.

Kann ich zu dir kommen?“, fragte ich und, ohne die Antwort abzuwarten, schlenderte ich in die Küche. Erstaunt sah ich einen Muffin, in dem eine Kerze steckte, auf dem Tisch stehen. Rund herum waren ein paar Geschenke verteilt. Meine Mutter sang leise „Happy Birthday“. Erst jetzt fiel mir wieder ein, dass ich Geburtstag hatte. Als sie die letzte Zeile sang, strich ich mir die Haare hinters Ohr und pustete vorsichtig die Kerze aus.

Nanu, so überrascht habe ich dich ja noch nie gesehen. Dabei sind das dieses Jahr noch nicht mal viele Geschenke!“

Ich verzog das Gesicht zu einem Grinsen und ließ mich von meiner Mutter umarmen.„Nun ist meine kleine Maus erwachsen!“ Ein Hauch von Traurigkeit lag in ihrer Stimme.„Ich wollte noch schnell ein paar Brötchen holen. Ich hatte nicht damit gerechnet, dass du heute schon so früh aufstehst. Möchtest du ein Franzbrötchen?“

Gerne“, sagte ich leise, setzte mich an den Küchentisch und betrachtete meine verpackten Geschenke. Meine Mutter zog sich ihre Jacke über und verließ die Wohnung. Ich roch an dem lilafarbenen Tulpenstrauß, den sie für mich besorgt hatte. Dann riss ich ein Stück des Muffins ab und steckte es mir in den Mund. Es schmeckte köstlich. Plötzlich schellte die Türklingel. Nanu, Mama war noch keine fünf Minuten weg gewesen. Ich erhob mich vom Stuhl. Vielleicht war es ja Ella. Ich öffnete die Wohnungstür. Vor mir, auf der Fußmatte, lag ein Brief. Ich hob ihn auf und betrachtete die schöne Handschrift, die den Empfänger des Briefes angab: Greta. Ich wendete den Briefumschlag. Auf der Rückseite stand nichts. Sofort fing mein Kopf an zu rattern. Wer war dieser Unbekannte? Und warum bekam meine Mutter einen Brief auf diese Art und Weise? Ich blickte auf. Wenn der Absender diesen Brief vor die Wohnungstür gelegt hat, dann könnte er sich vielleicht noch hier befinden. Ich sah mich im Treppenhaus um. Doch es war niemand zu sehen. Mir wurde die Sache zu gruselig, ich beeilte mich, wieder in unsere Wohnung zu gelangen.

Den Brief legte ich auf den gedeckten Frühstückstisch. Ich setzte Teewasser auf, als meine Mutter die Wohnung auch schon wieder betrat. „Bin wieder da! Super, du hast schon Teewasser aufgesetzt“, rief sie mir lachend entgegen. Ich nahm ihr die Brötchentüte ab. Sie zog ihre Jacke aus. „Draußen riecht es wunderbar! Ich liebe es, wenn der Frühling nach der kalten Jahreszeit endlich…“ Sie brach abrupt im Satz ab und starrte auf den Brief.

Hat der vielleicht was mit dem eigenartigen Mann von gestern zu tun?“, kombinierte ich.

Sie schluckte. Ihr Blick ließ den Brief nicht mehr los. Ich sah auf ihre Hand, die über dem Brief lag. Sie zitterte leicht. „Mama ist alles okay?“

Sie nickte vorsichtig. „Möchtest du denn gar nicht wissen, was in dem Brief steht?“

Sie schüttelte den Kopf. Dann räusperte sie sich und sagte leise: „Manchmal gibt es bestimmte Dinge im Leben, die sollte man lieber in Ruhen lassen…“ Sie stand vom Platz auf, ging zum Mülleimer und warf den Brief hinein. Plötzlich klingelte es erneut. „Das ist bestimmt Besuch für dich, vielleicht Ella oder Ayla!“

Ich ging zur Wohnungstür und öffnete sie. Meine Augen weiteten sich, mir klappte die Kinnlade runter. In diesem Moment dachte ich, mein Herz würde stehen bleiben. Meine Mutter trat neben mich. Auch sie erschrak, als sie auf einmal den Unbekannten von gestern Mittag sah.

Das laute schrille Pfeifen des Teekessels rüttelte mich aus meinem Schockzustand.

Ich ging in die Küche, um den Kessel vom Herd zu nehmen, dann ging ich zur Tür zurück und traute mich, das Schweigen zu brechen: „Mama, wer ist das?“ Im ersten Moment wollte sie mir antworten, doch dann schloss sich ihr Mund. Ihre Augen blitzten auf. Sie funkelten böse. Ihre Miene zeigte vollen Zorn. „Zoe geh in die Wohnung!“, sagte sie mit zusammen gebissenen Zähnen. Doch ich regte mich nicht. „Ich will nicht in die Wohnung gehen, ich will erst wissen, wer das ist!“

Du gehst jetzt sofort in die Wohnung, bevor ich mich vergesse!“, befahl sie energischer. Meine Füße gaben ihrem Befehl nach.

Ich hatte dich vorgewarnt!“, flüsterte die Stimme des Unbekannten. Unerwartet knallte sie ihm eine. Ich sah vorsichtig durch den Spalt der Küchentür. Seine Hand glitt an seine nun rot leuchtende Wange. Er schien sprachlos zu sein.

Dass du es wagst, hier aufzukreuzen, dass du es dich traust, mir und meiner Tochter aufzulauern! Nach 18 Jahren!“, fuhr sie ihn an. Ich erkannte meine Mutter nicht wieder. Sie war plötzlich zur Furie geworden. „Du hast es nicht ein einziges Mal geschafft, ihr zum Geburtstag wenigstens eine Karte zu schreiben. Nicht ein einziges Mal. Ich habe jedes Jahr noch eine Woche nach ihrem Geburtstag gehofft, der Postbote hätte einen Brief von dir dabei. Aber nein. Es war zu viel verlangt. Gottverdammt, und jetzt kommst du!“ Meine Mutter schüttelte den Kopf und trat hinter die Wohnungsschwelle. Sie griff zur Tür. Doch bevor sie die Tür dicht machen konnte, blockierte der Mann die Türschwelle mit seinem Fuß: „Bitte Greta. Ich weiß, dass ich das größte Arschloch der Welt bin. Ich wollte euch auch gar nicht belästigen, ich wollte gestern einen Brief für sie in euren Briefkasten werfen. Doch dann sind wir zusammen gestoßen. Ich habe sie sofort erkannt. Sie ist dir wie aus dem Gesicht geschnitten!“ Er schwieg kurz. Anscheinend machte ihm der Gesichtsausdruck meiner Mutter Angst, weiter zu sprechen.

Feigling!“, flüsterte sie. „Du verdammter Feigling! Einen Brief, du wolltest ihr dein Verhalten von damals in einem Brief erklären?“

Ursprünglich!“ Er fasste sich ein Herz und fuhr fort: „Greta, bitte lass mich mit ihr sprechen. Ich will mich entschuldigen. Ich weiß, dass ich nicht erwarten kann, dass das angenommen wird. Aber ich möchte wenigstens einmal in meinem Leben mit ihr gesprochen haben. Nur ein einziges Mal.“

Sie schüttelte sauer den Kopf: „Wieso jetzt? Nenne mir einen Grund, wieso du sie jetzt sprechen willst! Oder glaubst du, die jungen Häschen stehen noch auf dich? Dann hast du vielleicht nicht gesehen, dass der Zahn der Zeit auch an dir genagt hat.“

Greta, ich bereue das, was ich getan habe, schon lange. Glaube mir, die ersten Wochen nach der Geburt, als Ayla es meiner Mutter geschrieben hatte,…, ich wollte nur zu dir und dem Baby. Doch ich war zu feige und traute mich nicht. Und auch das, was ich damals zu dir sagte, ist mit keiner Entschuldigung je wieder gut zumachen. Doch glaube mir, ich habe dich die Jahre über vermisst!“

Mir fällt es schwer, dir zu glauben…“

Das dachte ich mir…“, flüsterte er. „Lass mich wenigstens noch verraten, aus welchem Grund ich dich verlassen habe.“

Du nanntest ihn mir bereits!“, sagte meine Mutter verbissen.

Er schüttelte den Kopf: „Das war mein geballtes Ego, das dich anschrie. Du wusstest nie viel aus meiner Vergangenheit, Greta. Sie war mir peinlich. Ich wollte immer, dass du den erfolgreichen jungen Mann in mir siehst. Deswegen habe ich dir nie von meiner Kindheit erzählt…“ Er brach ab und sah traurig auf den Boden. Dann fuhr er fort: „Mein Vater war alkoholkrank, schlug mich und meine Mutter fast jeden Abend und versoff alles, was wir hatten. Nachdem ich aus der Schule war, fing ich sofort eine Ausbildung an, um Geld zu verdienen, damit ich meiner Mutter und mir ein neues Leben aufbauen konnte. Ich arbeitete hart, nächtelang und kletterte früh die Karriereleiter hoch. Dann lernte ich dich kennen, ich dachte, mein Leben könnte nicht besser sein. Doch in den Wochen vor der Botschaft, dass du schwanger seist, lief es in der Firma nicht gut. Ich hatte Angst, alles zu verlieren. Mein hart erarbeitetes neues Leben. Und als du mit der Nachricht kamst, sah ich nur noch rot. Vor mir ballten sich nur die Schwierigkeiten, die so ein Kind mit sich bringt, auf. Ich war ein Idiot…“

Mir stockte der Atem. Das altbekannte mulmige Gefühl, machte sich in mir breit. Dieser ganze Morgen erschien mir so unwirklich, surreal, als wäre alles ein Traum. Ich öffnete die Küchentür und trat in den Flur. Die grünen Augen des Mannes weiteten sich. Sein Blick war weich und liebevoll.

Ich will das nicht. Du kannst mir einen Bären aufbinden, aber ich will das nicht!“, gab meine Mutter ihm deutlich zu verstehen. Sie war sauer, zugleich verletzt und tieftraurig. Ich wusste, dass ich sie mit dem, was ich jetzt tun würde, verletzte. Vielleicht würde sie mir das auch noch lange übel nehmen, doch ich wollte dieses Geheimnis, das mich, seit ich denken konnte, verfolgte, endlich lüften.

Zoe“, sagte die schwache Stimme des Mannes.

Mama, bitte sei mir nicht böse. Aber ich bin achtzehn Jahre alt, und Du hast mich nicht mehr zu bevormunden.“ Ich küsste sie als Entschuldigung auf die Wange. Dann betrachtete ich den Mann, der mir gegenüber stand.

Zoe.. ich bin…“

Ich weiß, wer du bist!“, unterbrach ich ihn. Mir wurde urplötzlich heiß, und ich fühlte mich, als hätte ich eine Überdosis Adrenalin gespritzt bekommen. Ich öffnete meinen Mund, sah ihm in die Augen und sagte: „Du bist mein Vater.“