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Würfel der Zukunft

von Katharina Dippel, 17 Jahre

Einmal tief durchatmen, dann ging ich los. Die Schule war vorbei und alle gingen nach Hause. Meine Mutter allerdings war im Krankenhaus und ich hatte versprochen, ihr heute zu helfen. Die Ärzte verschwanden nun schon seit zwei Wochen nach und nach und meine Mutter war mit ihrer besten Freundin die Einzige auf ihrer Station. Meine Hilfe war daher unabdingbar geworden.

„Julie!“, rief mich jemand. Ich blieb stehen und drehte mich um.

„Melody, hey!“, rief ich nun und blickte meiner besten Freundin entgegen. Bei ihrem Anblick zog sich mein Herz schmerzhaft zusammen. Den Grund kannte ich jedoch nicht.

„Hilfst du wieder deiner Mutter?“, fragte sie mich, als sie bei mir war und wir uns umarmt hatten. Ich nickte nur und Melody begleitete mich den kurzen Weg zum Krankenhaus. Dann ging alles ganz schnell. Die Erde bebte und riss unter unseren Füßen auf. Ich konnte rechtzeitig zur Seite springen, doch Melody stürzte in die Tiefe.

„Nein!“, schrie ich und wollte ihr hinterher springen, doch etwas hielt mich zurück und zog mich höher und höher.

 

„Julie! Julie! Wach auf!“, rief meine Mutter. Schweißgebadet schreckte ich auf, Melodys Namen noch auf den Lippen. Ich lag auf einem kleinen Bett in dem Raum, der uns nach der Evakuierung zugeteilt worden war.

„Ich habe sie sterben lassen! Ich habe Melody sterben lassen!“, rief ich immer wieder. Die Arme meiner Mutter umfingen mich schützend und eine kleine Hand schob sich in meine.

„Du darfst nicht traurig sein! Luca ist bei dir!“, brabbelte mein kleiner Bruder neben mir. Meine Mutter löste ihre Arme von mir und kniete vor uns auf dem kahlen Betonboden. Alles an diesem Raum war kahl – die Wände, der Boden, sogar die Betten, auf denen wir schliefen.

Wir waren in einem dieser Atombunker untergebracht, die vier Ebenen hatten. Auf der ersten Ebene lagen der Ausrüstungsraum (wo alle Atemmasken und Schutzanzüge untergebracht waren), der Hochsicherheitsraum (dieser hatte Radioaktivitätsschutz, spezielle Duschen und lieferte speziellen Schutz der sich im aktuellen Gebrauch befindenden Anzüge), der Krankenraum und der Forschungsraum (dort befand sich ein Labor, in dem nach Möglichkeiten geforscht wurde, die Radioaktivität auszuhalten). Auf der zweiten Ebene befanden sich der Kontrollraum (die Kameraüberwachung wurde von hier gesteuert und die Luftfilteranlagen wurden überwacht), sowie die Waschräume und Toiletten. Die dritte Ebene beherbergte die Wohnräume (für Familien, das Orga-Team und die Einzelpersonen), die Essensräume (ebenfalls eingeteilt), eine Kinderbetreuung, eine Bibliothek und einen Gemeinschaftsraum. Die vierte und somit letzte Ebene bestand aus einem großen Gemeinschaftsraum.

„Habe ich lange geschrien?“, fragte ich nun beschämt. Seit unserer Ankunft träumte ich jeden zweiten Tag von Melody oder meinem Vater. Damit raubte ich nicht nur mir, sondern auch meiner Mutter und meinem Bruder den Schlaf. Es hatten sich schon dunkle Ringe unter den angeschwollenen Augen meiner Mutter gebildet.

„Ich weiß es nicht. Eine Weile bestimmt“, antwortete meine Mutter, sah mich dabei jedoch nicht an.

„Ich habe fast die ganze Zeit geschrien oder?“, fragte ich nun niedergeschlagen. Sie nickte betreten.

„Das kann so nicht weitergehen! Ich werde fragen, ob sie mich irgendwo anders unterbringen können, damit ihr euren Schlaf bekommt“, teilte ich mit und stand entschlossen auf. Ich blickte auf Luca hinunter, der immer noch meine Hand umklammerte.

„Das musst du nicht tun, Schatz. Wir kommen doch auch so zurecht“, meinte meine Mutter, doch der Blick aus ihren müden Augen strafte sie Lügen. Ich entzog Luca sanft meine Hand und ging zu dem weißen Tisch am Ende des Zimmers, auf dem unsere saubere Wäsche lag.

„Julie nicht gehen!“, rief Luca aus. Ich griff nach sauberer Wäsche und zog mich schnell um. Für Schamgefühl war keine Zeit.

„Ich muss Luca. Mama und du, ihr braucht euren Schlaf“, erwiderte ich und schritt durch das Zimmer auf die Tür zu. Als ich diese hinter mir schloss, hörte ich, wie meine Mutter meinen Bruder besänftigte. Ich seufzte, dann drehte ich mich nach links und ging den Gang hinunter. Es war anscheinend noch zu früh für die Meisten, denn ich begegnete nur wenigen auf dem Weg zum Kontrollraum. Dort angekommen atmete ich einmal tief durch und klopfte an. Die Tür öffnete sich und ich trat ein.

 

„Hallo Julie“, empfing mich eine bekannte Stimme.

„Hallo Magda. Ist Schützerin Iris da?“, fragte ich. Magda nickte und führte mich durch das Gewirr aus Schreibtischen mit hohen Papierstapeln zu einer Glastür. Sie bedeutete mir, zu warten und trat in den Raum. Nachdem die Tür wieder geschlossen war, drehte ich mich hin und her. Es gab so viel zu sehen! Menschen saßen an ihren Schreibtischen und arbeiteten fleißig Papier für Papier ab. Andere saßen vor einer Ansammlung von Bildschirmen, auf denen sich jedoch nichts tat. Es war eben noch zu früh. Die Tür öffnete sich wieder und ich schrak zusammen.

„Schützerin Iris empfängt dich jetzt“, teilte mir Magda mit einem kleinen Lächeln mit. Ich nickte ihr zu und trat durch die offene Tür. Ich verbeugte mich vor Schützerin Iris.

„Setz dich hin, Julie McLeod“, sagte sie mit strenger Stimme. Sofort leistete ich diesem Folge.

„Trag vor, weshalb du mich aufsuchst“, gebot sie mir. Ich erklärte ihr das Problem und wartete auf ihre Antwort.

„Wenn es eine Möglichkeit geben würde, würde ich sie dir nennen. Ich erkenne das Problem, doch wenn ich dich bei den anderen Frauen unterbringen würde, dann würden mehr Menschen unter Schlafmangel leiden, als wenn du bei deiner Familie bleibst. Ich wünschte, ich könnte etwas für dich tun. Es tut mir leid“, antwortete sie nach einer langen Pause.

„Du kannst gehen, Julie McLeod“, sagte sie. Ich stand auf, verbeugte mich niedergeschlagen und verließ das Büro. Magda brachte mich wieder zur Tür.

„Ist es so schwer, einen Raum zu finden, in dem ich niemanden beim Schlafen störe?“, fragte ich sie, kurz bevor ich aus der Tür trat.

„Das wird schon, Julie. Grüß deine Mutter von mir!“, sagte sie noch, dann schloss sie die Tür.

 

Ich hatte keine Lust, zurück ins Zimmer zu gehen, da ich meine Mutter und Luca nicht enttäuschen wollte, also ging ich schon in den Krankenraum. Dieser war so aufgebaut, dass man von ihm durch einen Dekontaminierungsraum in einen Sicherheitsraum kam, in dem die Patienten untergebracht waren, die durch das Einwirken von Radioaktivität Verletzungen davongetragen hatten. Derzeit war dort jedoch niemand untergebracht. Der Krankenraum selber bestand jedoch hauptsächlich aus mehreren Bettreihen. Um diese Betten waren Vorhänge gezogen, damit die dort liegenden Patienten einen gewissen Grad an Privatsphäre hatten. Beim Eingang desinfizierte ich mir die Hände und zog meinen Kittel an, der mich als ‚Heilerin Julie McLeod’ identifizierte. Ich nahm die Patientenakten aus einem Schuber an der Wand und suchte nach ‚McNasher’, doch es fand sich schon wieder keine Akte mit diesem Namen, also nahm ich wahllos eine in die Hand und steckte die anderen zurück. ‚Abernacy’ stand auf der Akte und ich schlug sie auf. Eine halbe Stunde später – so weit ich das ohne Uhr sagen konnte – war dieser Patient verarztet. Ich schob die Akte zurück in den Schuber und schaute noch bei meinen Lieblingspatienten vorbei.

„Hallo Tommy, hallo Luce“, begrüßte ich sie und ihre Auge fingen an zu Strahlen, als sie mich sahen. Ich löste Tommys Beinverband und erschrak. Die Wunde hatte sich entzündet und eiterte stark.

„Heilerin Kimi! Komm schnell!“, rief ich aus und sie kam zu mir gelaufen. Als sie Tommys Bein sah wurde sie blass und holte eine Desinfektionspaste, die sie sofort auf die Wunde strich. Tommy schrie auf und griff nach meiner Hand. Er hielt meine und Luces Hand fest – anscheinend brauchte er uns beide zur Unterstützung. Als Heilerin Kimi fertig war, hatte Tommys Bein wieder einen frischen Verband und er bekam ein Schmerzserum. Nachdem er dies genommen hatte, löste er seine Hände und fiel entspannt zurück.

„Ist alles okay?“, fragte ich ihn.

„Viel besser. Ich hatte kein Gefühl mehr in meinem Bein, doch jetzt ist es wieder da. Es tat zwar verdammt weh, aber wenigstens spüre ich es wieder. Danke Heilerin Julie“, antwortete er.

„Bedanke dich lieber bei Heilerin Kimi. Wäre sie nicht hier gewesen, würdest du dein Bein immer noch nicht spüren“, erwiderte ich.

„Das stimmt nicht, Heilerin Julie. Auch du wärest dazu in der Lage gewesen“, sagte Heilerin Kimi und lächelte mich an. Ich lächelte zurück. Ich half jetzt schon seit zwei Monaten mit und hatte noch nie eine Paste benutzen müssen, doch anscheinend halfen sie mehr als die herkömmlichen Salben, die ich noch immer benutzte. Heilerin Kimi lächelte Tommy, Luce und mir noch einmal zu und ging dann zu ihrem Patienten zurück.

„Sag das nächste Mal sofort Bescheid, wenn du ein Körperteil nicht mehr fühlst! Genau dafür sind wir da!“, wies ich Tommy zurecht. Er nickte nur und schlief dann ein. Das Schmerzmittel war wohl so stark gewesen, dass es ihn für kurze Zeit bewusstlos machte.

„Wie geht es dir, Luce?“, fragte ich nun sie.

„Ich spüre noch all meine Körperteile, allerdings tut mein Handgelenk noch immer sehr weh“, antwortete sie und hielt es hoch. Ungesund aussehende rote Flecken hatten sich über ihre Haut ausgebreitet und einige davon hatte sie blutig gekratzt. Ich holte eine Anti-Juckreiz-Salbe und verteilte sie gleichmäßig auf ihrer lädierten Haut. Dann verband ich ihr Handgelenk wieder.

„Besser?“, fragte ich und sie nickte.

„Seit wann hast du die Flecken schon?“, fragte ich sie nun.

„Seit dieser Nacht“, antwortete sie und ich holte ihre Patientenakte, um dies zu notieren. Als ich wiederkam, wälzte sich Tommy im Bett und schrie. Ich war wohl doch nicht die Einzige mit Albträumen.

„Tommy! Tommy! Ganz ruhig, du bist in Sicherheit! Es ist alles okay“, versuchte ich ihn zu beruhigen. Tatsächlich, es klappte! Langsam öffnete er die Augen und blickte in meine.

„Du hast ihre Augen, Heilerin Julie. Du hast die Augen meiner Mutter“, flüsterte er leise und stumme Tränen rollten ihm über die Wangen. Ich strich ihm das Haar aus der Stirn und lächelte ihn an. Er war erst 12 Jahre alt und hatte schwer mit dem Verlust seiner Mutter zu kämpfen und anscheinend begleitete ihn dieses Horrorszenario bis in seine Träume. Ich konnte ihn gut verstehen, denn bei mir war es ja nicht anders.

„Es ist okay, Tommy. Du brauchst nicht weinen. Das ist überhaupt nicht schlimm. Es ist sogar das genaue Gegenteil. Weine so viel du willst, denn es hilft dir, alles zu verarbeiten“, gab ich ihm noch als Rat, als ich mich auf den Weg zur Tür machte.

 

Bevor ich zum Essensraum ging, machte ich einen Umweg über die Toilette. Dann traf ich auf eine wartende Gruppe vor den Essensräumen.

„Hallo Julie, wie geht es Luce?“, fragte mich Luces Mutter. Besucher waren im Krankenraum nicht zugelassen, daher verließen sich die Verwandten auf unsere Informationen.

„Es geht ihr besser. Leider haben sich rote Flecken, die auf Hautausschlag hinweisen, gebildet und ein paar davon sind blutig. Aber so schlimm wie vorher ist es glücklicherweise nicht mehr“, teilte ich ihr mit und sie hörte mit großen Augen zu.

„Wird es meiner Luce bald wieder ganz gut gehen?“, fragte sie mich weiter.

„Ich hoffe es. Versprechen kann ich leider nichts“, erwiderte ich. Frau Raven lächelte mich dankbar an und wandte sich ihrem jüngsten Kind, dem fünfjährigen Jonas, zu.

„Julie! Hier bist du! Ich hab dich schon gesucht“, erklang eine Stimme hinter mir. Für einen Moment hoffte ich, Melody zu erblicken, doch als ich mich umgedreht hatte, stand dort Riley. Man sah mir die Enttäuschung wohl an, die ich so schnell wie möglich zu verstecken suchte, denn Riley sah mich gekränkt an.

„Es tut mir leid. Ich wollte dich nicht verletzen. Ich dachte nur…“, fing ich an, doch Riley unterbrach mich.

„Ist nicht so schlimm. Ich weiß, dass du immer noch hoffst, sie irgendwann wiederzusehen. Glaub mir, ich versteh das sogar sehr gut.“ Ich lächelte sie an und sie umarmte mich. Sie war zu einer geschätzten Freundin geworden.

„Hast du Luca und meine Mutter gesehen?“, fragte ich sie, doch sie schüttelte den Kopf. Riley wohnte zusammen mit allen anderen Frauen, die keine Familie hatten, in einem Gruppenschlafraum. Sie war genauso alt wie ich, also 16, hatte ihre Familie jedoch nie kennengelernt. Bis vor der Katastrophe hatte sie in einem Waisenhaus gewohnt und niemand wusste, wieso sie eigentlich evakuiert worden war, denn es gab immer einen Grund, warum jemand evakuiert wurde.

Es wurde sehr auf die Fähigkeiten der Evakuierten geachtet und auf ihr soziales Engagement. Ließ dieses zu Wünschen übrig, dann wurde sein Name gar nicht erst in den Topf der möglichen zu Evakuierenden geworfen. Meine Mutter und ich waren beide in diesem Topf gewesen und letzten Endes war anscheinend eine von uns ausgelost worden.

Man traute Riley allerdings zu, auf die jüngeren Kinder aufzupassen, denn sie war der Kinderbetreuung zugeteilt.

„Wie läuft die Arbeit mit den Kindern?“, fragte ich sie. Ihre Augen fingen an zu leuchten, als sie mir von den beiden Jüngsten, Cora und Amy, erzählte. Ich sah meine Mutter und Luca um die Ecke kommen. Beide suchten die Menschenansammlung ab und entdeckten dann Riley und mich. Erleichterung spiegelte sich auf dem Gesicht meiner Mutter und unbändige Freude auf dem meines Bruders ab. Ich unterbrach Riley und sie drehte sich irritiert und verletzt um.

„Entschuldige, Riley. Ich bin heute irgendwie nicht ganz bei der Sache. Melody spukt in meinem Kopf herum und ich mache mir Sorgen um meine Familie“, entschuldigte ich mich bei ihr.

„Ist schon okay“, sagte sie und lächelte mich an. Dann ging sie zum Essensraum der Einzelpersonen. Damit lichtete sich der Flur, denn nur sechs Familien waren hier untergebracht und das Orga-Team hatte bereits gefrühstückt. Es gab insgesamt drei Essensräume: einen für die Einzelpersonen, einen für das Orga-Team und einen für die Familien. Alle lagen jedoch auf einem Flur.

 

„Hallo, Schatz. Lief alles gut?“, fragte meine Mutter, nachdem sie mit Luca an der Hand bei mir angekommen war. Ich brauchte sie nur anzuschauen und sie verstand. Dennoch setzte ich zu einer Entschuldigung an.

„Es tut mir leid! Ich wollte ja, dass sie mich umsiedelt, doch anscheinend sah sie unser Problem nicht!“, rief ich aus. Damit zog ich die Aufmerksamkeit der anderen Familien auf uns. Als meine Mutter mich in ihre Arme zog wandten sie sich jedoch schnell wieder ihren Problemen, die hauptsächlich aus der immer noch geschlossenen Essensraumtür bestanden, zu.

„Wir kriegen das schon hin“, murmelte meine Mutter sanft in mein Haar hinein. Mein Bruder ergriff nun meine Hand. Ich löste mich von meiner Mutter und hob ihn hoch.

„Na mein Großer? Du bist ja schon ganz schön schwer geworden“, sagte ich und stupste seine Nase mit meinem rechten Zeigefinger an. Er quietschte auf und ich konnte spüren, wie ihm alle Herzen der Anwesenden zuflogen. Eine Saite kam dabei in mir zum Klingen und ich drehte mich mit ihm im Kreis. Er lachte voller Lebensfreude auf und klammerte sich mit seinen kleinen Händen an meinen Armen fest. Mein Herz quoll fast über vor Liebe zu ihm und meiner Mutter. Da hörte ich ein Schluchzen und stoppte in der Bewegung. Ich sah zu meiner Mutter und bemerkte, dass sie weinte. Waren es Freudentränen oder Tränen getränkt mit Traurigkeit?

„Mama, ist alles okay?“, fragte ich sie und nahm nun sie in den Arm, Luca noch immer auf meinen Armen. Sie umfing uns ebenfalls fest.

„Ich liebe euch“, schluchzte sie.

„Wir dich doch auch“, erwiderte ich und spürte, wie Luca fleißig nickte. Das brachte meine Mutter zum Lachen. Wenn Luca nicht wäre, dann wären wir beide wohl schon verrückt geworden, doch er half uns dabei, uns zusammenzureißen. Wir lösten uns voneinander und lächelten uns an. Wir mussten stark bleiben – für Lucas und unser Wohl. Endlich wurde die Tür zum Essensraum geöffnet und erleichterte Familien stürzten hinein. Das Essen verging still. Alle waren dankbar für jeden neuen Tag, an dem sie leben und ihn mit ihrer Familie verbringen konnten.

 

Nach dem Essen brachten wir Luca zur Kinderbetreuung, wo sein Freund Jonas, Luces Bruder, schon auf ihn wartete. Ich gab Luca einen Kuss auf die Stirn und ging dann mit meiner Mutter zum Krankenraum. Das gleiche Prozedere wie vorm Frühstück und das gleiche Ergebnis beim Durchsuchen der Akten – keine ‚McNasher’. Ich seufzte, schaute dann bei Luce und Tommy vorbei und ging an meine Arbeit.

Heute hatten wir einen schlimmen Fall. Einer der Männer, die heute Morgen den Bunker verlassen hatten, hatte eine schwere Verbrennung. Man erklärte mir, dass dies durch das Zusammentreffen von Radioaktivität und Feuchtigkeit passieren konnte, doch eigentlich waren die Anzüge undurchlässig. Der Verletzte konnte uns dazu jedoch keine näheren Auskünfte geben, denn er war bewusstlos. Nachdem wir uns mit schützenden Anzügen ausgestattet hatten, betraten wir den Sicherheitsraum. Die Verbrennung entpuppte sich als Verbrennungen. Sie waren schwerwiegender, als auf den ersten Blick vermutet. Sie hatten die Haut weg gebrannt und auch die Knochen und Muskeln angegriffen. Heilerin Kimi bedeutete mir, eine der Pasten zu wählen, die in einer Ecke des Raumes gestapelt waren. Ich wählte die gegen Verbrennungen und eine gegen Infektionen, eine Wundsalbe hatte ich noch in meiner Tasche. Ich zeigte ihr alle drei Tuben und sie nickte mir aufmunternd zu. Ich atmete einmal tief durch und trug dann die Salbe und die Pasten vorsichtig auf. Ich spürte sein Herz langsam und schwach schlagen, als ich die Verbrennung auf seinem Brustkorb behandelte. Mit jedem weiteren Bereich, den ich behandelte, schlug es wieder kräftiger und seine Atemzüge wurden tiefer. Als ich fertig war, war ich überrascht, dass sich seine verbrannte Haut abpellte und darunter sanft rosa schimmernde Haut zum Vorschein kam. Er stöhnte leise und schlug seine Augen auf. Ich wich ein paar Schritte zurück und stand somit zwischen Heilerin Kimi und meiner Mutter. Er bewegte seinen Arm und betrachtete die neue Haut, die sich gebildet hatte. Dann drehte er seinen Kopf und sah uns an. Sein Gesicht war schmerzverzerrt und er kniff die Augen zusammen. Ich reagierte aus einem Instinkt und machte das Licht direkt über ihm aus. Er lächelte, versuchte dann zu sprechen, scheiterte jedoch. Er sah niedergeschlagen aus.

„Bleiben Sie erst einmal liegen und ruhen Sie sich aus. Sie mussten heute schon genug aushalten“, sprach meine Mutter ihn sanft an. Er nickte und drehte den Kopf zurück. Als wir jedoch den Raum verlassen wollten, setzte er sich ruckartig auf und sah uns flehend an. Er blickte entschlossen zu uns, obwohl sein Gesicht vor Schmerz entstellt war.

„Eine von uns sollte hier bleiben“, meinte Heilerin Kimi. Ich nickte, zog den einzigen Stuhl im Raum zum Bett und setzte mich. Irgendwie fühlte ich einen Beschützerinstinkt gegenüber dieses Mannes, den ich mir jedoch nicht erklären konnte. Ich lächelte den Patienten an und er legte sich erleichtert wieder hin. Fast augenblicklich war er eingeschlafen, hatte jedoch noch einen Gegenstand in meine Hand gedrückt. Nachdem ich noch einmal überprüft hatte, ob auch wirklich alles gut war, öffnete ich meine Hand. Es war ein Überbleibsel der uns bekannten Welt. Ich drehte es nachdenklich in meiner Hand und betrachtete es von allen Seiten. Es war ein Würfel und kein normaler. Als mir bewusst wurde, woher ich ihn kannte, entfloh mir ein Schluchzen. Es war einer der Würfel, die Melody und ich entworfen hatten, als wir in der siebten Klasse waren. Er hatte eine glatte Oberfläche und glänzte noch genauso wie am ersten Tag. Wir hatten uns damals lange gestritten, wie wir den Würfel gestalten wollten und waren zu dem Schluss gekommen, dass wir einfach zwei verschiedene entwerfen sollten. Dieser hier war von Melody entworfen worden. Auf einer roten Grundfläche hatten sich bunte Blumen ausgebreitet. Die Zahlen von eins bis sechs waren selber als Blumen dargestellt. Melody war immer besser in Kunst gewesen, als ich. Schluchzer schüttelten meinen Körper und mein Herz schmerzte. Ich musste hier raus. Nein, ich musste herausfinden, woher dieser Mann unseren Würfel hatte. Ich blieb also bei ihm und nach einiger Zeit schlief ich ein.

 

Es war morgens und die Sonne schien durch ein Fenster ins Zimmer.

„Melody, wach auf“, flüsterte ich und rüttelte an ihrer Schulter. Widerstrebend öffnete sie die Augen und sah mich vorwurfsvoll an.

„Guck nicht so! Irgendwann musst du aufwachen!“, sagte ich lachend und umarmte sie.

„Okay, okay. Du brauchst mich nicht erdrücken!“, lachte nun Melody. Da wir nun beide wach waren, standen wir auf.

„Rob! Holst du bitte die Brötchen?“, rief meine Mutter meinem Vater durch das ganze Haus zu. Jetzt wären wir sowieso aufgewacht. Mein Vater öffnete die Schlafzimmertür und taumelte verschlafen nach draußen.

„Lass mal, Papa. Ich mach das schon“, sagte ich und zog mich in Windeseile an. Dann waren Melody und ich auch schon draußen und schwangen uns auf unsere Fahrräder. Melody fuhr vorneweg.

„Mach langsamer! Ich kann nicht so schnell!“, rief ich, doch sie hörte nicht auf mich. Ich hörte die Bremsen eines Autos quietschen und den Schrei meiner besten Freundin. Dann war alles still und der Würfel rollte auf mich zu. Ich ignorierte ihn und lief zu Melody. Ich fing an zu schreien: „Nein! Wach auf! Wach auf!“

 

„Wach auf!“, ertönte eine männliche Stimme links von mir. Ich öffnete meine Augen und sah in die meines Patienten.

„Entschuldigen Sie“, sagte ich und sah beschämt zu Boden.

„Ist doch nicht schlimm“, erwiderte er nur und ich hörte, wie er sich zurücksinken ließ.

„Sie können ja wieder reden!“, rief ich aus und war froh, dass wir nicht über den Grund meines Schreiens reden mussten.

„Ja. Die Ruhe hat wohl was gebracht. Dank dir bin ich wieder gesund, zumindest fast“, meinte er. Ich spürte, wie ich rot wurde.

„Wie heißen Sie eigentlich?“, fragte ich ihn, um von mir abzulenken.

„Mein Name ist Michael MacGollen“, antwortete er. Ich nickte und zog die noch unbeschriftete Patientenakte aus dem Schuber am Bett. Säuberlich schrieb ich ‚MacGollen’ darauf, nachdem er mir seinen Namen buchstabiert hatte.

Dann kam ich zu meiner Frage: „Woher haben Sie diesen Würfel?“

Er sah mich irritiert an und fragte dann: „Warum willst du das wissen?“

Ich schloss die Augen und antwortete: „Meine Freundin und ich haben ihn entworfen. Ich hätte nicht gedacht, ihn je wiederzusehen.“

Ich drehte den Würfel zwischen meinen Fingern, während die Stille zwischen uns auf mich drückte. Warum antwortete er nicht? Wollte er es nicht sagen? Hatte er Schmerzen, wenn er daran dachte?

Dann stand ich unwirsch auf und sagte: „Entschuldigung, ich wollte Sie nicht belästigen.“ Ich schritt auf die Tür zu.

„Geh nicht! Ich fand den Würfel, als ein Unfall passiert war…“, fing er an und ich drehte mich überrascht um. Dann beschrieb er den Unfall, den ich in meinem Albtraum erlebt hatte und bei dem ich den Würfel einfach ignoriert hatte. Er war ein Passant gewesen und hatte den Würfel auf dem Boden liegen sehen. Schön hatte er ihn gefunden und ihn mit dem Vorsatz mitgenommen, ihn dem Mädchen – Melody – zurückzugeben. Doch dann hatte sein Sohn immer damit gespielt und er konnte ihn nicht mehr zurückgeben. Nach der Katastrophe – dem Erdbeben und dem Explodieren der Atomkraftwerke – war der Würfel das Einzige, was ihm geblieben war. Ich dachte noch einmal an den Unfall zurück. Es war sehr chaotisch gewesen – eine Ausnahmesituation zur damaligen Zeit, als die Katastrophe noch zu weit weg war, als dass sie schon die Gedanken der Menschen penetriert hätte.

„Jetzt habe ich den Würfel doch noch zurückgegeben“, seufzte er zufrieden. Ich hatte mich wieder hingesetzt und bei seiner Erzählung Tränen in meinen Augen gespürt, die nun meine Wangen hinunterliefen.

„Sie müssen mir den Würfel nicht wiedergeben. Ich lasse ihn Ihnen hier und komme Sie auf jeden Fall wieder besuchen“, versprach ich und legte ihm den Würfel zurück in seine Hand. Dann verließ ich den Raum. Ich hörte noch ein letztes „Danke!“, bevor die Tür zufiel und ich abgespritzt wurde. Nachdem ich den Anzug ausgezogen hatte, duschte ich und zog meine Wäsche wieder an. Dann war ich auch schon zurück im eigentlichen Krankenraum.

„Julie!“, rief meine Mutter aus und zog mich in ihre Arme.

„Es ist alles okay“, beruhigte ich sie und löste mich von ihr. Ich wollte hier raus und ins Bett fallen, um zu schlafen.

„Geh“, sagte meine Mutter mitfühlend und schob mich zur Tür.

„Danke, Mama“, erwiderte ich, umarmte sie noch einmal und ging. Ich ging nicht nach Hause… in unser Zimmer, sondern in den kleinen Gemeinschaftsraum auf derselben Ebene. Er enthielt ein Klavier. Daran setzte ich mich und spielte.

 

Ich wurde aus meiner Welt aus Musik zurückgeholt, als ich merkte, dass sich der Raum gefüllt hatte. War er zuvor leer gewesen, war nun kein einziger Platz mehr frei und alle standen dicht gedrängt zusammen. Ich spielte das Stück zu Ende und hörte dann auf. Es blieb lange still, dann brandete ohrenbetäubender Applaus auf und ich verspürte den Drang, mich irgendwo zu verkriechen und mich vor diesen Menschen zu verstecken, doch es gab hier keinen solchen Ort. Viele der applaudierenden Menschen hatten Tränen in den Augen oder weinten haltlos – so wie ich es getan hätte, wenn ich zugehört hätte. All meine Gefühle hatte ich in diese Stücke gelegt und mir alles von der Seele gespielt, was mich belastete – dennoch glaubte ich nicht, dass meine Albträume verschwinden würden. Nur für diesen Moment war alles gut. Ich fühlte mich super. Ich stand auf und verbeugte mich. Dann ging ich durch die Menschenmenge nach draußen auf den Flur. Die Menschen machten mir Platz und ließen mich gehen. Einige unternahmen einen Versuch, mich zurückzuhalten, doch wurden von anderen beschwichtigt. Ich gelangte ungestört zu unserem Zimmer, ging hinein und ließ mich auf mein Bett fallen. Erschöpft schlief ich ein.

 

„Julie, wach auf. Es ist schon wieder Zeit, zu essen“, sagte meine Mutter leise neben meinem Kopf. Ich schlug die Augen auf, bemerkte, dass ich auf meinem Bett lag und setzte mich dann auf.

„Entschuldigung, eigentlich wollte ich nicht einschlafen. Ich war nur mit einem Mal so müde, dass ich anscheinend einfach abgeschaltet habe“, meinte ich und stand dann auf. Meine Mutter lächelte mich an und ging dann auf die Tür zu. Es musste schon ziemlich spät sein, denn auf den Fluren war hoher Betrieb.

„Ist etwas Besonderes?“, fragte ich einen der Organisations-Leute.

„Ja, einer der kleinen Jungen hat heute Geburtstag und wir wollen ein Fest für ihn ausrichten“, antwortete er mir mit glänzenden Augen.

„Danke“, sagte ich und lächelte ihm zu, dann gingen meine Mutter und ich auch schon zur Kinderbetreuung, um Luca abzuholen. Er wartete schon auf uns. Weil ich geschlafen hatte, waren wir nun zu spät gekommen. Das war bisher noch nie vorgekommen, aber bisher war es ja auch so gewesen, dass meine Mutter und ich zusammen vom Krankenraum zurückkamen.

„Hattest du eine schöne Zeit?“, fragten wir ihn und er nickte. Riley kam auf mich zu und sagte: „Er ist echt super! Er macht alles mit und versteht sich mit allen Kindern super. Einige von ihnen sind zwar ganz schön schwer zu ertragen, aber wer würde das nicht sein nach den Verlusten, die sie erlebt haben.“

„Wie geht es dir?“, fragte ich sie. Meine Mutter hob Luca hoch und ging schon auf den Gang, damit uns ein bisschen Privatsphäre gegönnt war.

„Mir geht es ganz gut. Allerdings vermisse ich eine Sache hier unten besonders“, meinte sie.

„Und das wäre?“

„Ich vermisse Konzerte!“, rief sie aus und ich musste lachen.

„Du bist eine Quatschbirne!“, meinte ich und sie sah mich irritiert an, dann lachte auch sie los. Wir lachten so lange, bis uns Tränen aus den Augen liefen. Dann lagen wir uns schluchzend in den Armen, weil wir seit Langem nicht mehr so eine Freude empfunden hatten. Schließlich lösten wir uns voneinander und sahen uns aus verquollenen Augen an. Wir mussten schon wieder loslachen, wir sahen aber auch einfach zu komisch aus mit den verquollenen Augen.

„Wollen wir uns nach dem Essen treffen?“, fragte Riley mich, doch ich schüttelte den Kopf. Ich hatte mir vorgenommen, noch einmal bei Herrn MacGollen vorbei zu schauen.

„Wir können uns ja nachdem ich ihn besucht habe treffen“, meinte ich und sie nickte zufrieden. Ich ging zu meiner Familie in den Essensraum.

 

Nachdem wir mit dem Essen fertig waren, ging ich zum Krankenraum und befasste mich mit meinem Patienten.

„Hallo, Heilerin Julie“, begrüßte er mich.

„Sie können mich auch einfach Julie nennen“, murmelte ich und lächelte ihn an. Ich mochte es im Allgemeinen nicht, wenn ich mit meinem Beruf angeredet wurde. Er nickte.

„Wieso waren Sie draußen?“, fragte ich ihn nun.

„Ich wollte mit eigenen Augen sehen, wie die Welt dort nun aussieht und ich wurde der Erkundungsgruppe zugeteilt. Wir sind eine Gruppe aus Forschern und untersuchen die Erdproben dann im Labor“, antwortete er mir wahrheitsgemäß. Ich wusste, dass er mir nichts verschwieg, denn es würde ihm nichts bringen.

„Und? Haben Sie gefunden, nach was Sie suchten?“, fragte ich ihn daraufhin. Er schüttelte den Kopf und starrte an die Decke. Ich hatte das Licht über ihm immer noch nicht wieder eingeschaltet, da ich dachte, dass er es mir schon sagen würde, wenn er es wieder wollte.

„Wie geht es Ihren Augen?“, fragte ich ihn daraufhin.

„Ich weiß es nicht. Das Licht war bisher ja immer aus“, meinte er nur und ich stand auf. Dann schaltete ich das Licht an und er schrie gepeinigt auf. Sofort schaltete ich es wieder aus.

„Vielleicht sollten wir erst einmal bei der Dunkelheit bleiben“, meinte ich und er nickt bestätigend.

„Wie geht es dir, Julie?“, fragte er mich nun. Ja, wie ging es mir? Wusste ich das überhaupt selber?

Wenig überzeugt sagte ich: „Gut. Es wird von Tag zu Tag besser.“

Er drehte den Kopf und sah mich zweifelnd an. Forschend blickte er mir in die Augen und ich konnte seinem Blick nicht lange standhalten. Ich schaute weg und das hatte ihn anscheinend in seiner Annahme bestätigt.

„Dir geht es überhaupt nicht gut, Julie. Kann ich dir helfen?“

Das war doch zum verrückt werden! Ich hatte einen Patienten, dem ich helfen sollte und stattdessen bot er mir an, mir zu helfen! Ich war nicht krank. Ich stand das schon alleine durch.

„Mir kann nicht geholfen werden“, sagte ich leise und meine Stimme brach weg. Dann stand ich auf und ging. Selbst als er mir hinterher rief, dass jedem geholfen werden konnte, kehrte ich nicht um. Wie betäubt ging ich die Vorschriften durch. Dann fingen die Fragen an, auf mich ein zu stürmen.

Wozu lebten wir alle überhaupt noch? Wenn es keine Rettung für unsere Zukunft gab, wieso waren wir dann überhaupt noch hier und bauten uns eine neue Zivilisation auf? Machte es Sinn, dass wir unsere Leben opferten, nur um herauszufinden, ob es noch Leben gab oder wieder welches geben könnte? Und warum erforschten Menschen die Oberfläche unserer alten Welt, wenn sie doch nur noch aus Trümmern bestand? Wobei ich mir bei der letzten Frage nicht sicher sein konnte, ob dies auch wirklich der Realität entsprach. Ich musste hier raus. Ein für alle Mal. Doch ich konnte auch meine Mutter und Luca nicht alleine lassen. Was sollte ich tun? Melody, wo bist du?

Auf dem Flur vor unserem Zimmer brach ich zusammen. Ich konnte nicht mehr. Wollte mich zusammenrollen und nichts mehr spüren. Ich hörte Schritte auf mich zukommen und hob den Kopf.

„Julie? Was machst du auf dem Boden?“, fragte mich Riley besorgt. Sie kniete sich hin und half mir, mich aufzusetzen.

„Warum leben wir noch?“, fragte ich sie. Sie sah mich irritiert an, dann schloss sie mich fest in ihre Arme und wiegte mich, als ich anfing zu weinen. Eigentlich hatte ich gedacht, keine Tränen mehr vergießen zu können, doch ich hatte mich anscheinend geirrt und so weinte ich um meinen Vater, Melody und alle anderen, die mir wichtig waren. Am meisten weinte ich aber um die Zukunft der Menschheit. Irgendwann musste ich eingeschlafen sein, denn als ich später die Augen öffnete, spürte ich jemanden neben mir liegen. Ich drehte mich auf die Seite und sah in Lucas friedliches Gesicht. Ich legte einen Arm um ihn und kuschelte mich an ihn.

 

„Luca, wach auf“, sagte ich sanft, als ich bemerkte, dass meine Mutter nun auch wach war. Ich hatte nur wenige Stunden geschlafen und fühlte mich immer noch matt. Ich war immer wieder aufgewacht und irgendwann hatte ich dann gar nicht mehr geschlafen. Die Zeit hatte ich damit verbracht, Luca beim Schlafen zuzuschauen und den tiefen Atemzügen von ihm und meiner Mutter zu lauschen. Nun war es Zeit, dass wir zum Frühstück kamen.

„Hast du gut geschlafen?“, fragte meine Mutter, als ich Luca aus dem Bett gehoben hatte. Ich nickte, ich wollte nicht, dass sie sich wieder Sorgen machte, obwohl das mittlerweile zum Standardprogramm gehörte. Alle schienen sich Sorgen um mich zu machen. Ich wollte, dass das endlich aufhörte und versuchte mein Möglichstes, es zu schaffen.

Nach dem Essen brachten meine Mutter und ich Luca wieder zur Kinderbetreuung und ich vermied es, Riley in die Augen zu schauen. Dann gingen wir stumm zum Krankenraum. Ich verstand das Durcheinander zuerst nicht, welches dort herrschte, doch dann sah ich den Stapel an neuen Patientenakten. Es mussten Verletzte von Oben sein. Ich hatte schon fast aufgehört zu hoffen, dass es dort noch irgendein Leben gab. Ich lief zu dem Stapel hinüber ohne mir die Mühe zu machen, die Vorschriften zu befolgen. Dann durchsuchte ich auch schon den Stapel – mit einem positiven Ergebnis. Eine Akte trug den Namen ‚McNasher’! Ich schlug sie auf und sie blickte mir entgegen. Schnell warf ich mir meinen Kittel über, dann stürzte ich mich in das Chaos und hielt nach ihr Ausschau. Ich würde sie wiedersehen!

„Heilerin Kimi, kannst du mir sagen, in welchem Bett diese Patientin liegt?“, fragte ich sie aufgeregt und konnte kaum stillstehen. Sie lächelte mich an und führte mich zu besagtem Bett. Und tatsächlich – da lag sie!

Ihre Beine waren bandagiert und ein Verband war um ihren Kopf gewickelt. Aus einer Wunde an ihrem Bauch floss Blut und ich holte schnell einen weiteren Verband, den ich sorgsam um ihren Bauch schlang. Sie war bewusstlos, aber ich zog mir einen Stuhl heran und setzte mich an ihr Bett.

Es mussten einige Stunden vergangen sein, doch dann begann sie, sich zu bewegen.

„Bist du wach?“, fragte ich sie. Sie öffnete ihre Augen und schien mich erst langsam wahrzunehmen.

„Julie?“, fragte sie ungläubig. Ich lächelte glücklich und schlang meine Arme um sie. Dann gab es kein Halten mehr – ich hatte sie zurück! Sie war noch am Leben!

„Melody!“, rief ich aus und auch sie umarmte mich.

„Du brauchst mich nicht gleich erdrücken“, meinte sie grinsend, aber ihre Stimme konnte das Zittern nicht verbergen. Anscheinend hatte sie große Schmerzen. Sofort ließ ich sie los und sah sie entschuldigend an. Sie bekam nur ein schwaches Grinsen zustande, doch nichts konnte unsere Freude über das Wiederfinden trüben. Tränen liefen uns über die Wangen und wir lächelten uns glücklich an.

„Julie?“, fragte eine Stimme hinter dem Vorhang, den ich wieder um das Bett gezogen hatte.

„Ja?“, antwortete ich und da wurde der Vorhang zur Seite geschoben. Meine Mutter stand davor.

„Melody! Schön, dich zu sehen“, sagte sie und lächelte erfreut.

„Danke, Frau McLeod“, sagte sie und ich musste lachen.

„Du kannst mich ruhig Claire nennen“, meinte sie und Melody nickte.

„Weshalb hast du nach mir gesucht?“, fragte ich nun meine Mutter. Ihr Gesicht wurde traurig und ich konnte mir denken, was passiert war.

„Wer ist es?“, fragte ich mit zitternder Unterlippe.

„Es ist Herr MacGollen“, antwortete sie mit Tränen in den Augen, „er liegt im Sterben.“ Ich sprang auf und lief zum Sicherheitsraum. Schnell zog ich einen Anzug über und stürzte dann in den Raum. Er sah mich kommen und lächelte.

„Schön, dich noch ein letztes Mal zu sehen“, sagte er. Tränen liefen mir die Wangen hinunter.

„Sie dürfen nicht sterben, Herr MacGollen“, flehte ich ihn an.

„Nenn mich in diesen letzten Minuten wenigstens Michael. Ich muss gehen, Julie. Ich kann nicht hier bleiben. Es tut weh und das möchte ich nicht… ich wollte es nie. Ich wollte auch nie jemandem wehtun, auch das musste ich brechen. Ich hoffe, dass du deine Freundin wiederfindest, Julie. Ich hoffe es für dich und für sie“, meinte er und sah mir dabei in die Augen.

„Ich habe sie wiedergefunden, Michael. Sie kam heute Morgen mit dem Transport zu uns“, erwiderte ich und die Tränen waren immer noch nicht versiegt.

„Das ist schön. Gib ihr den Würfel zurück“, sagte er mit schwacher Stimme und drückte ihn mir in die Hand.

„Ich wollte Sie nicht verletzten, Michael. Es tut mir Leid, dass ich nicht auf Sie gehört habe und mir nicht von Ihnen habe helfen lassen. Es tut mir Leid, dass Sie Ihr Leben verlieren“, sagte ich niedergeschlagen und hielt seine Hand fest.

„Das muss es nicht, Julie. Ich komme zu meiner Familie zurück. Sie haben mich sicher vermisst. Versprich mir, dass du… versuchst… zu… leben“, hauchte er noch, dann wurden seine Augen ausdruckslos. Ich schluchzte auf und schloss seine Augen. Dann stand ich auf und ging.

 

„Melody, wie hast du es geschafft, hierher zu kommen?“, fragte ich sie leise, als ich wieder an ihrem Bett saß.

„Ich wusste die ungefähre Lage dieses Bunkers und bin dann einfach einem Einsatztrupp gefolgt“, antwortete sie. Ich nickte, das war einleuchtend. Dann öffnete ich die Hand und zeigte ihr den Würfel.

„Das ist unser Würfel aus der Siebten, den ich bei dem Unfall damals verloren habe“, sagte sie erstaunt und nahm ihn mir aus der Hand. Ich nickte und sie umarmte mich.

Wenige Monate später – soweit wir den Angaben trauen konnten, die uns gemacht worden waren – kam Melody aus dem Krankenraum. Ich hatte, seitdem sie wieder da war, keinen Albtraum mehr gehabt und sie bekam die Erlaubnis, bei uns im Zimmer zu schlafen. Ich fiel Schützerin Iris fast um den Hals, als sie es verkündete, doch im letzten Moment konnte ich mich beherrschen. Riley und Melody waren ebenfalls Freundinnen geworden. Rileys Sehnsucht nach Konzerten konnte nun auch gestillt werden. Es gab nicht nur ein Klavier, sondern auch eine Gitarre und ein Schlagzeug. Wir drei gaben eine gute Band ab und schon bald gaben wir die Konzerte für unsere Mitbewohner. Man hatte uns erklärt, dass wir so lange wie möglich unter der Erde leben würden und darauf hoffen mussten, dass die Welt irgendwann wieder bewohnbar wurde. Doch seit Melody wieder da war, hatte ich meine Hoffnung wiedergefunden. Bestimmt würde die Welt wieder in Ordnung kommen, jetzt wo sie wieder da war.