shadow

Zero

von Céline Nöldemann, 17 Jahre

Die vertraute Form des Gewehrs lehnte an meiner Schulter. Mein Zeigefinger lag regungslos am Abzug, während ich so leise wie möglich unter der Gasmaske atmete. Spitze Steine und Geröll stachen mir in Bauch und Beine, doch ich bewegte mich nicht, um eine bequemere Position zu finden. Mein Blick war starr durch das Zielfernrohr gerichtet, als ich auf den richtigen Moment wartete, diesen Monstern eine Kugel durch den Kopf zu jagen. Es waren zwei von ihnen. Ein männliches und ein weibliches Exemplar. Sie standen sich gegenüber und schienen sich über etwas zu unterhalten. Ich konnte es nicht hören und es war mir auch egal. Alles, was aus den Mündern dieser Biester kam, war ein Missbrauch unserer Worte. Sie sprachen unsere Sprache, lebten in unseren Städten, hatten unser Aussehen und waren unsere Erfindung. Eine ziemlich fehlgeschlagene Erfindung.

Die beiden Monster waren im Gespräch vertieft. Ich beschloss, dass ich keine bessere Chance bekommen würde. Ich zielte und schoss. Meine Hände führten die Bewegung des Nachladens automatisch aus und nur wenige Sekunden später hallte ein zweiter Schuss durch die Ruinen der alten Stadt. Zwei dumpfe Aufpralle sagten mir, dass ich getroffen hatte. Leider hatte ich nicht viel Zeit, meinen Erfolg zu feiern. Für den Fall, dass jemand die Schüsse gehört hatte, sollte ich lieber schnell von hier verschwinden.

Ich stand auf und sprang von dem zusammengestürzten Haus hinunter. Mit dem Gewehr an meinem Rücken befestigt, bahnte ich mir einen Weg durch zerfallene Häuser und kaputte Straßen. Früher ist es eine schöne und lebhafte Stadt namens Hamburg gewesen. Es war meine Heimat, doch dieser Teil der Stadt wurde durch den Kampf zwischen uns und diesen Biestern zerstört. Jetzt waren nur noch Trümmer von der Welt von vor fünfzehn Jahren übrig.

Ich blieb an einem Haus stehen, das sich äußerlich kaum von den anderen unterschied. Nachdem ich mich versichert hatte, dass mich niemand beobachtete, trat ich ein. Ich ging an der Küche mit dem zersplitterten Geschirr und dem Schlafzimmer, wo das Bett zusammengebrochen war, vorbei und die Kellertreppe hinunter. Es war kalt, feucht und dunkel. Spinnweben strichen über mein Gesicht und man musste ständig aufpassen, dass man nicht auf den Steinstufen abrutschte.

Als ich an der untersten Stufe angekommen war, fuhr ich mit der einen Hand die Wand entlang, um mich nicht zu verlaufen, während ich mit der anderen die Gasmaske entfernte. Ich trug sie immer, wenn ich rausging. Sie verdeckte mein Gesicht und damit Hinweise darauf, dass ich ein Mensch war. Natürlich konnte ich die Monster nicht lange in die Irre leiten, aber es verschaffte mir genug Zeit, um sie entweder zu töten oder zu fliehen.

Wir hatten Glück, dass wir diesen Keller gefunden hatten. Nachdem wir ein paar Wände eingerissen hatten, war es hier unten groß und stabil genug, um vor den Monstern sicher zu sein.

Die Wand unter meinen Fingern endete und ich ging nach rechts weiter. Ich war schon fast da, daher rechnete ich auch nicht mit dem, was kam. Ein Schlag in den Rücken brachte mich zu Fall. Bevor ich meine Arme zum Abfangen erheben konnte, wurde mein rechter mir auf den Rücken gedreht. Mein Gesicht machte die schmerzhafte Bekanntschaft mit dem Betonboden und ich stöhnte auf. Eine Hand griff mir in die Haare und hielt mich fest, während ein Knie am Rücken mich am Aufstehen hinderte.

„Ich könnte dich umbringen“, zischte eine Stimme aus der Dunkelheit.

„Nate, geh von mir runter“, stöhnte ich mit gedämpften Worten. Mein Bruder reagierte nicht, obwohl ich wusste, dass er mich gehört hatte.

„Damit du wieder losziehst und dich selbst in Gefahr begibst?“, erwiderte Nate grimmig. „Ich habe dir doch gesagt, dass du nicht alleine nach oben sollst. Wann kommt diese Information endlich hier oben an?“ Er drückte meinen Kopf härter gegen den Beton.

„Sie ist schon oben“, murmelte ich. „Ich nutze sie nur nicht.“ Der Griff um meinen Arm verstärkte sich und ich jaulte vor Schmerz. „Au, au, au, au! Nate! Du brichst mir den Arm.“ Zu meiner Erleichterung ließ Nate mich endlich los und ich konnte aufstehen. Mein Arm pochte. „Du bist ganz schön rabiat.“

„Es verwundert mich, dass du die Bedeutung dieses Wortes überhaupt kennst.“ Ein Zischen ertönte und eine Fackel erhellte den schmalen Gang. „Wo deine Gehirnkapazität doch sonst nicht gerade als überwältigend bezeichnet werden kann.“ Ich beschloss, nicht weiter auf seinen Kommentar einzugehen und folgte ihm ins Zentrum unseres Verstecks.

Wie waren insgesamt dreiundzwanzig Überlebende. Über die Jahre schwankte diese Zahl immer mal wieder, doch die Tendenz war eher abnehmend. Es brauchte kein Genie, um zu erkennen, dass wir bald aussterben würden. Doch wenn wir untergehen, dann ganz sicher nicht ohne Kampf. Zumindest sah ich das so.

Ich beachtete die missbilligenden Blicke auf dem Weg zu meinem Schlafplatz gar nicht erst. Seit fünf Jahren warfen sie sie mir bereits zu, seit ich zum ersten Mal allein nach oben gegangen bin. Während sich die Wenigsten Gedanken um mein leibliches Wohl machten, hatten die anderen eher Angst davor, dass ich mit meinen leichtsinnigen Aktionen die Monster zu unserem Versteck locken würde. Als ob ich so dumm wäre.

 

Am nächsten Morgen – oder war es noch Nacht? – wurde ich ziemlich unsanft aus dem Schlaf gerissen. Ein kräftiger Tritt in die Magengrube. Allein deswegen wusste ich, dass es nicht Nate war. Mein Bruder weckte mich liebevoller, etwa ein Schlag auf den Kopf oder ein Schwall Dreckwasser ins Gesicht. So hinterhältig mich zu treten war er nicht. Zumindest nicht, wenn ich schlief.

Hustend und stöhnend richtete ich mich auf und funkelte den Jungen vor mir wütend an.

„Du Vollidiot!“, schrie er mich an, bevor ich die Flüche auf meiner Zunge herausbringen konnte. „Du bist Schuld an allem. Wir sollten dich den Zeros als Opfer vorwerfen!“ Verwirrt sah ich ihn an und schaute dann zu den anderen, die mich mit einer Mischung aus Wut und Angst anstarrten. Dann fiel mein Blick auf Es. Es saß in der Mitte des Raumes, Arme und Beine gefesselt. Die Augen waren auf den Boden gerichtet. Es war ein weibliches Exemplar.

„Warum ist das Ding hier?“, fragte ich mit Abscheu in der Stimme. Der Junge – ich meine mich zu erinnern, dass sein Name Simon war – schnaubte verächtlich.

„Warum? Du hast sie doch hergelockt, mit deiner Aktion gestern.“

„Beruhige dich, Simon“, sagte Nate, der hinter ihn getreten war.

„Ich will mich nicht beruhigen. Dein Bruder wird uns alle umbringen!“ Er zeigte mit dem Finger auf mich, doch ich beachtete ihn nicht mehr. Meine Aufmerksamkeit lag auf Es. Der schlanke Körper, die blasse Haut, die großen dunklen Augen. Perfektion, wohin man auch schaute. So waren sie alle, diese widerlichen Zeros. Zero Fehler, Zero Schwächen und Zero Emotionen. Daran hatten sie im Labor nicht gedacht, als sie diese Monster erschufen. Ob dies der Grund war oder ob es ein Fehler in der Programmierung war, auf jeden Fall fingen diese Dinger an, die Menschen ohne Zögern auszulöschen, bis nur noch wenige übrig waren.

„Warum hat noch niemand es getötet?“, wollte ich wissen.

„Wir sind nicht so gefühlskalt wie du“, knurrte Simin. „Wir können nicht so ohne Weiteres menschliche Wesen abschlachten.“

„Das da sind keine Menschen!“, zischte ich wütend. „Das sind Marionetten aus Kohlenstoff und Wasser mit einem Computer als Hirn.“

„Wir bestehen zusätzlich noch aus Schwefel, Eisen und anderen Elementen. So wie jeder Mensch.“

Es hatte gesprochen. ES hatte gesprochen. Und dann hatte es auch noch gewagt, sich mit uns Menschen zu vergleichen.

„Wenn ihr es nicht könnt, dann tu ich es.“ Ich griff nach meinem Gewehr, doch Nate hielt mich zurück.

„Nicht“, befahl er mit kalter Stimme. Langsam ließ ich meine Hand wieder sinken. „Wir behalten sie hier. Vielleicht können wir aus ihr einen Weg herausfinden, die Zeros effektiv zu bekämpfen.“ Ich starrte meinen Bruder an, als hätte er sich vor meinen Augen in eine rosa Glitzerfee verwandelt. War er high?

„Du“, er zeigte auf mich, „hast Hausarrest. Ich will nicht weiterhin riskieren, dass du dort oben umgebracht wirst.“ Wie bitte? „Und damit du dich nicht hier unten langweilst, wirst du auf unseren Gast aufpassen.“ Ich zweifelte nun offiziell seinen geistigen Zustand an.

„Shit Happens“, sagte es mit einem gehässigen Grinsen. „Ich heiße Lee und du?“

 

Wie schnell ein Tag vergeht, hängt eindeutig von der Gesellschaft ab. Ich musste wohl nicht erwähnen, dass er der längste Tag meines Lebens war. Ich saß mit dem Rücken zur Wand und hielt meine Gasmaske in den Händen. Meine Finger strichen über das Visier, während ich versuchte, das Geplapper neben mir auszublenden.

„Wusstest du, dass wenn man alle Blutgefäße des menschlichen Körpers aneinander legen würde, man auf ungefähr das Doppelte des Erdumfangs kommt? Ich finde es total faszinierend, dass in uns eine Strecke von circa 90.000 Kilometern verläuft. Das ist schon was Tolles.“ Innerlich stöhnte ich. In den letzten Stunden hatte ich schon gelernt, dass alle Säugetiere sieben Wirbel hatten, bis auf die Seekuh mit sechs und dem Faultier mit acht Wirbeln. Ich wusste, dass eine Ameise das Fünfzigfache ihres Eigengewichts tragen konnte und dass ein Mensch insgesamt 27 Knochen in einer Hand hatte. Und das waren nur die Dinge, die ich mir gemerkt hatte. Es war mir vollkommen unverständlich, wie es so viel unnützes Wissen mit sich schleppen konnte. Eigentlich sollten diese Wesen intelligent sein, doch machte sich ihr hoher IQ nur durch sinnloses Geplapper bemerkbar. „Du hörst mir überhaupt nicht zu, oder? Ich versuche hier, ein Gespräch in Gang zu bringen und du ignorierst mich. Wärst du wenigstens ein Gentleman und würdest mir ein Glas Wasser bringen? Mein Hals ist so trocken. Und wenn du schon dabei bist, kannst du auch gleich meine Fesseln lösen. Das Seil scheuert meine Haut auf und ich werde nicht mit den Händen auf dem Rücken in der Lage sein, zu trinken. Außerdem juckt meine Nase. Aber vielleicht wärst du ja bereit sie für mich zu kratzen?“ Es bedurfte all meiner Selbstbeherrschung, es nicht zu knebeln oder gleich dauerhaft zum Schweigen zu bringen. Ich verfluchte meinen Bruder für seine idealistischen Gedanken. Er wollte alles ohne Gewalt lösen. Gut, auch mit Gewalt kamen wir nicht weiter, da für jeden, den ich tötete, die Zeros fünf neue ihrer Art in ihren Labros erschufen. Es war ein sinnloser Kampf.

Um also zu verhindern, dass ich Nates goldenem Schimmer der Hoffnung das Licht ausblies, richtete ich meine Aufmerksamkeit auf die Gasmaske in meinem Schoß. Ich trug sie immer, wenn ich rausging.

„Du bist echt langweilig“, sagte es mit einem Seufzen. „ Ich bekomme langsam Hunger. Was gibt es zu essen? Ich bezweifle, dass es hier unten eine Küche gibt.“

Überrascht schaute ich auf. „Ihr könnt essen?“

„Er spricht!“, rief es aus. „Und was soll diese Frage? Natürlich können wir essen. Wir müssen sogar. Nur, weil wir über künstliche Intelligenz verfügen, heißt das nicht, dass wir ohne Nahrung überleben können. Wir sind auch nur Menschen.“

„Ihr seid keine Menschen.“

„Stimmt ja”, sagte sie sarkastisch. “Wir sind Marionetten aus Kohlenstoff und Wasser.“

“Ihr seid Monster.”

„Wir sind nur so, wie ihr uns gemacht habt!“ Es klang…wütend. Aber das war völlig unmöglich. Zeros hatten keine Gefühle. Sie waren rational. „Es ist nicht unsere Schuld, dass ihr unsere Entwicklung nicht bis zum letzten Punkt berechnet habt. Das hasse ich an euch Menschen. Ihr denkt nie nach!“

„Deshalb rottet ihr uns aus? Weil wir nicht denken?“, fragte ich ungläubig. Das war die dümmste Erklärung, die ich je gehört hatte.

„Ohne euch wäre die Erde besser dran. Sagen die Berechnungen.“

„Berechnungen?“

„Das ist ein Weg, auf mathematische Weise die richtige Lösung zu ermitteln. Es erfordert viel Denken, also lass es lieber.“

„Ich weiß, was Berechnungen sind“, knurrte ich. Es machte mich wahnsinnig.

„Ich glaube aber nicht an Berechnungen“, sagte es, als hätte es meine Bemerkung nicht gehört. „Es stimmt zwar, dass ohne Menschen die Erde nicht weiter zerstört werden kann, aber ich halte es nicht für notwendig euch alle auszulöschen.“ Es lächelte. „Ich mag Menschen.“

Mögen, hassen, fühlen. Das waren alles Dinge, wozu es eigentlich nicht in der Lage sein sollte.

„Ich bin anders, als die anderen“, fuhr es fort. „Ich bin nicht perfekt.“

Mit gerunzelter Stirn suchte ich den Zero nach einem Fehler ab, doch konnte keinen entdecken. „Aus diesem Grund wurde ich seit meiner Erschaffung vor fünfzehn Jahren ausgesetzt. Ich war…traurig. Jetzt wirst du wahrscheinlich sagen, dass wir nichts fühlen können, doch ich habe Empfindungen, die ich mir nicht anders erklären kann.“

„Zeig es mir.“

„Was?“

„Zeig mir, wo du nicht perfekt bist.“

Es drehte sich um, sodass ich die gefesselten Hände sehen konnte. Dann entdeckte ich es. An der linken Hand fehlten drei Finger. Sie waren durch Metallprothesen ersetzt worden. Vorsichtig strich ich über das kühle Metall, um mich zu vergewissern, dass es wirklich da war.

„Und das hast du seit deiner Erschaffung?“

Sie nickte. „Ich weiß nicht, woran es lag, aber Fehler passieren. Nobody’s Perfekt.“ Diese Worte aus dem Mund eines Zeros zu hören, war irgendwie ironisch. Meine Mundwinkel zuckten.

„Du bis komisch.“

„Vielen Dank. Das habe ich schon sehr oft gehört, aber von einem Menschen noch nie.“

Gerade als ich etwas sagen wollte, ertönte Nates laute Stimme: „Essen!“ Ich zuckte heftig zusammen. Lee kicherte. Ich erhob mich und half ihr ebenfalls hoch.

 

Nach dem Essen nahm Nate mich zur Seite. „Hast du etwas herausgefunden?“, raunte er.

„Sie ist nicht perfekt. An ihrer Hand fehlen…“ Ich brach mitten im Satz ab. Diesmal war es Nate, der mich anstarrte, als wäre ich ein gewisses Fantasywesen mit zarten Flügeln.

„Was?“

„Du hast Sie gesagte“, murmelte er erstaunt. „Sie, nicht Es.“

Diese Erkenntnis war wie ein Schlag ins Gesicht. Ich starrte zu Boden und versuchte meine Gedanken zu ordnen. Sie, nicht Es. Ich hatte die Zeros immer als Es bezeichnet. Für mich waren es keine Wesen, die es verdienten, als Person angesehen zu werden.

Nate schaute mich an, als erwartete er noch immer eine Erklärung, doch ich konnte nur hilflos mit den Schultern zucken. Ich wusste selbst nicht, was passiert war.

“Egal”, sagte Nate und erlöste mich dadurch. Doch ich konnte ihm im Gesicht ansehen, dass die Sache für ihn noch lange nicht erledigt war. “Hat sie irgendwas preisgegeben, was uns helfen könnte?”

“Nicht viel”, gab ich zu. “Sie hat sehr viel über unnötige Dinge gelabert. Wusstest du eigentlich, dass die menschliche Hand 27…”

“Finn!”, unterbrach er mich und ich kam sofort zum Thema zurück.

“Wie es den Anschein hat, ist sie nicht perfekt. An ihrer Hand fehlen drei Finger und sie kann ganz offensichtlich fühlen.”

Nate runzelte die Stirn. “Das ist…”

“Völlig unmöglich? Ich weiß, aber so ist es.” Wir drehten uns um und entdeckten Lee. Ihre Hände waren noch immer gefesselt. Sie wurde gefüttert, weil wir ihr nicht weit genug trauten, um ihr die Fesseln abzunehmen. “Wenn ihr wissen wollt, wie ihr uns abschalten könnt, dann müsst ihr es doch nur sagen. Ich helfe gerne. Aber wenn ihr nichts sagt, kann ich doch nicht ahnen, was ihr wollt.” Sie lächelte freundlich. “Ein paar Kilometer östlich von hier steht ein unterirdisches Laboratorium. Dort befindet sich ein Computer. Dieser Computer beinhaltet die Software für unsere Gehirne. Von dort werden wir gesteuert. Wenn ihr uns also dauerhaft loswerden wollt, dann müsst ihr einfach diese Software löschen.”

Stille herrschte in dem Keller. Alle Blicken waren ungläubig auf Lee gerichtet. Sie hatte gerade tatsächlich ihnen erklärt, wie man ihre Art vernichten konnte. Vorausgesetzt, es war keine Falle. Und es stank förmlich nach einer Falle. Wer wäre bitte blöd genug, um so etwas einfach auszuplaudern?

“Warum erzählst du uns das?”, wollte Nate mit kalter Stimme wissen.

“Ich mag Menschen”, sagte sie, als würde das alles erklären.

“Also gut, zeig mir den Weg”, verkündete ich und trat einen Schritt nach vorne. “Bring mich zu diesem Computer.” Wir werden sehen, ob sie gelogen hatte oder nicht und selbst wenn es eine Falle war, sterben würden wir sowieso in absehbarer Zeit.

“Was? Nein!” Nate packte mich an der Schulter und riss mich zurück. “Du wirst nicht zu diesem Labor gehen. Das ist viel zu gefährlich.”

“Unsere gesamte Existenz ist gefährlich”, erinnerte ich ihn. “Außerdem ist das ein möglicher Weg zu überleben. Nutze die Chancen, die du bekommst.”

“Vergiss es.” Man, wie ich es hasste, mit meinem Bruder zu diskutieren. Normalerweise würde ich an diesem Punkt aufgeben, weil es mir zu mühselig wurde, doch nicht heute. Auch wenn ich mir aus meinem Leben nicht viel machte, würde ich jede Chance nutzen, um das Leben meines Bruders zu retten. Wenn es jemand verdient hatte zu leben, dann Nate.

“Ich werde trotzdem gehen.”

“Wirst du nicht”, sagte er durch zusammengebissene Zähne. Mein Bruder war ein Dickkopf, ich aber auch. Da merkte man, dass wir eindeutig die gleichen Gene hatten. “Ich werde gehen.”

“Nein”, erwiderte ich. “Ich kenne mich da draußen besser aus, als jeder Andere hier. Ich kenne mich besser mit Waffen aus. Ich weiß, wie es dort draußen läuft.” Ich liebte es, wenn ich logisch war. Sogar Nate musste das zugeben, dass ich nicht verkehrt lag.

“Na gut, dann komme ich auch mit.”

“Zwei Leute bewegen sich unauffälliger als drei”, mischte sich Lee mit ein. “Nur zu zweit haben wir eine Chance, zu dritt wird man uns bemerken.” Nate warf ihr einen finsteren Blick zu, der sie nicht beeindruckte. Schließlich gab er nach.

“Wir werden über Funk in Verbindung bleiben. Immer, hast du gehört?”

Ich nickte und hätte am liebsten einen Salto geschlagen. Wir gingen sofort los, ehe Nate sich doch noch umentschied. Nachdem er sich versichert hatte, dass ich verkabelt war und ich ihn hören konnte, ließ er uns zögerlich gehen.

“Ich werde wiederkommen”, versicherte ich ihm, obwohl ich mir selber nicht glaubte.

“Das würde ich dir raten. Sonst jage ich dich zum Teufel.” Ich grinste. Bruderliebe. Es gab nichts Schöneres.

Es gab keinen großen Abschied, sonst wäre das Gefühl aufgekommen, dass ich sie alle nicht mehr wiedersehen würde.

Als Lee und ich oben angekommen waren, löste ich ihre Fesseln. Noch einmal überlegte ich, warum ich das eigentlich tat. Es war dumm, unvorsichtig und leichtsinnig, doch darin unterschied es sich nicht wirklich von meinen anderen Aktionen. So war ich eben.

Lee griff mich nicht an, sondern streifte einfach die Seile ab und streckte ihre Arme. Der Weg verlief schweigend. Wir unterhielten uns nicht. Ich fragte nur einmal nach, wie lange wir laufen mussten und sie sagte, dass wir es bis zum Morgengrauen schaffen sollten. Der Nachthimmel hing über den Ruinen. Nur der Vollmond spendete Licht und ich konnte unscharf die Umrisse der alten Häuser ausmachen. Mehr als einmal stolperte ich über Geröll, doch zum Glück fiel ich nie hin. Lee stolperte nie. Ich fragte mich, ob sie auch bessere Augen hatten, als normale Menschen, doch ich äußerte es nie laut. Außerdem wurde ich langsam müde. Ich wurde früh am Morgen aus dem Schlaf gerissen und musste dann viele Stunden damit verbringen, der Quasselstrippe zuzuhören. Das ist wirklich sehr ermüdend gewesen. Aber ich bat nicht um eine Pause. Die Nacht bot uns den besten Schutz vor den Zeros und wir beide wussten das. Ich konnte mich immer noch ausruhen, wenn ich diesen Computer gefunden hatte. Mehr als einmal wunderte ich mich, ob ich vielleicht einen Fehler gemacht hatte. Ich vertraute Zeros nicht, keinem von ihnen. Also was ließ mich bei Lee zögern. Vielleicht, weil sie so menschlich wirkte. Sie lachte, wurde wütend, hatte Gefühle und war nicht perfekt.

Ich wurde aus meinen Gedanken gerissen, als Lee plötzlich anhielt. Ich schaute sie fragend an und sie hob einen Finger zu den Lippen. Leise. Ich folgte ihrem Blick und entdeckte dort einen Zero. Es war ein männliches Exemplar, das scheinbar ziellos durch die Ruinen streifte. Doch ich wusste es besser. Zeros taten nie Dinge ohne Grund.

Lautlos holte ich mein Gewehr hervor und legte es an. Ich blickte durch das Zielfernrohr und wollte gerade abdrücken, als Lee mich mit einer Hand auf dem Lauf davon abhielt.

“Der Schuss wird Andere anlocken”, flüsterte sie mir zu. “Wir müssen vorbei schleichen.” Widerwillig gab ich nach und senkte die Waffe, packte sie aber nicht zurück. Ich wollte vorbereitet sein. Wir saßen mit dem Rücken zu einer alten Wand und warteten darauf, dass der Zero vorbeiging. Dabei schlug mein Herz wie verrückt. Ich war eigentlich nie nervös, doch diesmal lag ich nicht mit einer Waffe in einem Versteck und hatte diese Monster im Visier. Ich konnte nur hoffen, dass es uns nicht fand und das machte mich wahnsinnig. Ich war kurz davor, Lees Warnung in den Wind zu schlagen und das Ding doch zu erschießen. Lee legte mit eine Hand auf das Knie, als würde sie spüren, was ich vorhatte.

“Bleib ruhig”, schärfte sie mir ein.

Meine Antwort wurde von einem Knirschen über uns unterbrochen. Erschrocken zuckte mein Blick nach oben und dort stand es. Es hatte den Kopf schief gelegt und betrachtete uns – besonders mich – als würde es nachdenken. Ich konnte mein Herz bis zum Hals spüren und ich musste schlucken. Auf einmal fühlte sich mein Mund trocken an und ich musste all meinen Willen zusammennehmen, um nicht meine Waffe zu laden und abzudrücken. Lees Worte hielten mich davon ab. Hatte sie diese Situation gemeint?

“Was macht ihr hier?”, fragte es mit emotionsloser Stimme. “Dieser Teil der Ruinen ist gesperrt.” Es hatte noch nicht bemerkt, dass ich ein Mensch war. Ich fragte mich, wie lange das noch so blieb.

“Wir suchen jemanden”, sagte Lee ebenfalls kalt. “Wir haben einen Menschen hier entdeckt und ihn verfolgt.” Sie hatte ihre Hand in die Hosentasche gesteckt.

“Einen Menschen”, wiederholte es, aber sah mich dabei an. “In letzter Zeit wurden zahlreiche Angriffe von Menschen verübt. Ich soll den Verantwortlichen finden.”

Unter meiner Maske wurde es auf einmal ziemlich unangenehm. Der Schweiß rann mir über die Haut und am liebsten hätte ich sie mir vom Kopf gerissen.

“Angstschweiß”, knurrte es und seine Augen verengten sich zu Schlitzen. “Ein Mensch.” Es passierte viel zu schnell. Ich dachte schon, dass Nate schnell war, doch er war nichts im Vergleich zu einem Zero. Ich hatte keine Zeit zu realisieren, was passierte, bevor ich mit dem Rücken auf dem Boden lag und eine Hand an der Kehle hatte. Ich versuchte seine Finger zu lösen, doch der Griff war zu stark. Die Luftzufuhr wurde knapp. Die Ränder meines Blickfelds flackerten. Es ließ sich von nichts beirren. Weder von meinen Schlägen oder Tritten. Ich war benommen. Meine Gedanken waren zäh und verwirrend. Ich fragte mich, ob ich hier sterben würde. Zwischen Geröll und Stein. Nate würde mir das nie verzeihen.

“Finn?” Ich hörte schon seine Stimme. Halluzinationen im Angesicht des Todes.

“Finn? Antworte!” Er klang verzweifelt, wütend, drängend. Doch die Stimme kam nicht aus meinem Kopf, sondern von meinem linken Ohr. Das Headset, wurde mir klar. Ich wollte antworten. Es käme mir nie in den Sinn, nicht auf Nate zu hören, doch ich war ein wenig außer Atem.

Auf einmal war der Druck weg. Verwirrt blinzelte ich und schaute mich um, als die schwarzen Punkte verschwunden waren. Lee stand über mir, mein Gewehr in den Händen. Der Schuss hing noch in der Luft.

“Steh auf”, befahl sie und zog mich am Arm hoch. Ich stolperte über einen leblosen Arm. Sie hatte es getötet. Sie hatte einen ihrer Art getötet, um mich zu retten.

“FINN!!” Mein Ohr klingelte. Mit einem Stöhnen riss mich mir die Maske vom Gesicht und atmete tief durch. Noch nie war Luft so wundervoll wie in diesem Moment.

“Alles in Ordnung”, sagte ich mit heiserer Stimme zu Nate. “Ich bin noch am Leben.” Ich hörte, wie er auf der anderen Seite der Leitung aufatmete.

“Was ist passiert?”, verlangte er zu wissen.

“Probleme, aber es wurde gelöst.”

“Finn…”, fing mein Bruder an, doch ich ließ ihn nicht aussprechen.

“Es geht mir gut. Lee hat mich gerettet. Es ist alles in bester Ordnung.”

“Pass auf dich auf”, murmelte er.

“Tu ich immer.”

Lee zog mich weiter. “Wir müssen uns beeilen”, sagte sie knapp. “Es ist nicht mehr weit.”

Ihre Aussage erwies sich als wahr, denn nur knapp zwanzig Minuten später standen wir vor einer alten Forschungseinrichtung. Weit und breit waren keine Zeros zu sehen.

“Wenn dieser Computer so wichtig ist, warum bewachen sie ihn dann nicht?”, wollte ich wissen.

“Die Wahrscheinlichkeit, dass jemand hier her kommt, ist geringer als die, einen Bären in seiner Küche vorzufinden.”

“Aha.” Ich konnte zwar nicht viel mit ihrem Vergleich anfangen, aber ich schloss daraus, dass die Zeros nicht davon ausgingen, dass wir hier auftauchten.

Wir gingen an eingestürzten Wänden und kaputten Rohren vorbei, aus denen Wasser tropfte. Riesige Betonteile lagen im Weg und teilweise mussten wir lange Umwege gehen. Es war unheimlich. Die Neonleuchten flackerten. Es wunderte mich, dass nach so vielen Jahren das Gebäude immer noch mit Strom versorgt wurde. Das Labor musste eine riesige Energiequelle haben.

Lee führte mich durch Türen und Gänge, als wüsste sie genau, wo wir lang mussten und tatsächlich kamen wir in eine Art Kontrollraum, nachdem wir eine Treppe hinabgestiegen waren. Zersplittertes Glas und Wasserpfützen waren auf dem Boden verstreut. Zerbrochene Reagenzgläser lagen auf Tischen, zusammen mit vergilbten Zeichnungen. So wie es aussah, wurden hier die ersten Zeros erschaffen.

Staunend sah ich mich um und zuckte zusammen, als etwas unter meinem Fuß mit einem Knacken nachgab. Ich schaute hinunter. Die Fratze eines Totenschädels starrte mir entgegen und ich machte einen Satz nach hinten.

“Das waren die Forscher”, verkündete Lee traurig. Sie war einige Meter weiter vor mir und hatte sich einem Computer mit riesiger Leinwand zugewandt. “Sie haben ein schnelles Ende gefunden.” Ich wollte fragen, woher sie das wusste, doch etwas an ihrer Haltung hielt mich ab. Leise trat ich neben sie, als auf dem Bildschirm etwas aufflackerte. Eine Weltkarte mit kleinen roten Punkten darauf verteilt.

“Was ist das?”, fragte ich.

“Alle Zeros auf der Welt”, antwortete sie. “Sie sind mit diesem Computer verbunden. Er ist sozusagen ihr Gehirn.” Ein Fenster öffnete sich mit vielen Buchstaben, Zahlen und Zeichen, die gar keinen Sinn ergaben. “Und das ist die Software, die uns Zeros denken lässt.” Sie drückte auf den Knopf “Löschen”. Ein weiteres Fenster erschien.

Wollen Sie diese Datei wirklich löschen?

Lee trat einen Schritt zurück und blickte mich erwartungsvoll an. Mit einer zitternden Hand griff ich nach der Maus, doch wusste nicht, was ich machen sollte. Es war so unnatürlich, plötzlich alle Zeros auf der Welt vernichten zu können. Auf Knopfdruck. Ich starrte die Lichter an. Eines von ihnen war Lee, nicht von den anderen Lichtern zu unterscheiden, und doch verschieden. Sie würde ebenfalls sterben. Der Gedanke behagte mir nicht und ich wusste nicht, warum. Ich hasste Zeros, aber bei ihr hatte ich nicht das Gefühl, dass sie ein Zero war. Sie war so menschlich.

“…Finn…?” Nates Stimme war verzerrt. Der Empfang war hier unten scheinbar nicht gerade der beste.

“Ich bin hier”, antwortete ich mit belegter Stimme. “Ich hab den Computer gefunden.”

“Ich…nicht…ehen………Finn?” Ich biss mir auf die Unterlippe. Einfach den Knopf drücken. Das konnte doch nicht so schwer sein.

Eine Hand legte sich auf meine und ich zuckte zusammen. Ich spürte drei metallene Finger auf meinen eigenen. Lee legte ihren Kopf auf meine Schulter und warf mir ein aufmunterndes Lächeln zu.

“Ist schon okay”, murmelte sie in mein Ohr. Dann drückte sie den Knopf. Mit weit aufgerissenen Augen beobachtete ich, wie das Fenster verschwand.

Datei wird gelöscht. Bitte warten.

“Was hast du getan?”

Sie grinste mich nur an. “Ich liebe Menschen einfach.”

Datei wurde gelöscht.

Mit gemischten Gefühlen sah ich dabei zu, wie ein Licht nach dem anderen erlosch. Das Gewicht auf meiner Schulter wurde schwerer und Lees Hand fiel leblos von meiner.

“Danke”, murmelte ich, doch sie konnte es schon nicht mehr hören.