shadow

Zu schön um wahr zu sein

von Anna Katharina Seitz, 18

„Jeder meint, dass seine Wirklichkeit die richtige Wirklichkeit ist.“
Hilde Domin

Der Himmel war wie eh und je grau. Es stank nach Rauch, nach Müll und Scheiße. Aber das schlimmste war, dass es nach verbranntem Fleisch roch. In den meisten Gebieten der Stadt sah es immer noch so aus, als wenn die Katastrophe von vor 3 Jahren gerade eben erst passiert war. Mike stand vor seinem früheren Haus und wünschte, dass dieses Desasters ihn niemals heimgesucht hätte. Er hatte damals nicht nur sein Haus, sein Job und den Glauben an den Frieden verloren, sondern auch seine Frau Emma.

Emma war seine große Liebe gewesen und sie würde es immer bleiben. Bei den Ereignissen vor drei Jahren starb sie in seinen Armen. Mike musste sich nun alleine, um die gemeinsame Tochter Susan kümmern.

Jetzt, da er vor seinem alten Zuhause stand, kamen viele Erinnerungen zurück. Er musste nur den verkohlten Eingang anschauen und schon gingen seine Gedanken auf eine Reise in die Vergangenheit. Er sah Emma vor sich. Wie er sie damals über die Schwelle getragen hatte nach ihrer Hochzeit. Oder wie sie mit Susan, kurz nach ihrer Geburt im Juni, aus dem Krankenhaus nach Hause gekommen war. Tränen liefen ihm übers Gesicht und er konnte immer noch nicht fassen,  was mit Emma geschehen war. Warum musste er nur darauf bestanden haben, noch mal mit Susan auf den Spielplatz zu gehen, während sie kochte? Was wäre passiert,  wenn er und Susan Zuhause bei Emma geblieben wären…. Wären sie dann jetzt auch tot …. Oder würde Emma noch leben, wenn er sie früher gefunden hätte ….

Mike wandte sich ab und ging langsam die Straße hinunter.

Viele Menschen saßen in Lumpen gehüllt auf Geröll und Trümmern und bettelten um etwas Geld oder Nahrung. Doch diejenigen, die Geld hatten, rannten an ihnen vorbei, ohne sie eines Blickes zu würdigen. Und die, die zwar ein Bund Karotten oder drei trockene Kartoffeln in den Händen hielten, aber kein Geld, konnten nichts abgeben. Mike empfand das alles als schrecklich.

Er ging durch kleine und große Straßen und überall war er demselben Szenario ausgesetzt. Auch wenn sein Instinkt ihm sagte, einfach weg zulaufen und alles hinter sich zu lassen, hielt ihn etwas auf. In einem kleinen Stall mit Hühnern wartete seine sechsjährige Tochter Susan auf ihn. Sie war sein Ein und Alles. Susan war diejenige, die ihm Kraft und Mut zum Überleben gab in dieser Zeit. Ohne sie hätte sein Leben keinen Sinn mehr. Und er wusste auch, dass Susan ihn brauchte. Ohne ihn wäre sie verloren.

Der Gedanke an Susan brachte ihn zum Lächeln. Er freute sich immer wieder, sie zu sehen und mit ihr zu spielen. Er liebte ihren Blick, wenn er fröhlich pfeifend in der Küche stand. Oder ihre kleine Hand, die sich auf seine Brust legte, kurz bevor sie einschlief.

Nun stand er in seiner  Küche. Susan kam angerannt.

„Was kochst du, Daddy?“

„Ich mach dein Lieblingsessen, meine Süße.“

„Es gibt Karottensuppe?! Oh wie schön. Das war ja auch immer Mom’s  Lieblingsessen. Weißt du noch?“, plapperte sie und rannte wieder zum Spielen in ihr Zimmer. Dieser Satz gab Mike einen heftigen Stich ins Herz. Für eine kurze Zeit musste er das Messer zur Seite legen und sich festhalten. Er atmete heftige ein und aus. Er sah Emma in der Küche stehen, wie sie gerade Karotten schälte. Mike beobachtete wie sie mit ihm über die Geburtstagsfeier von Susan sprach. Den dreijährigen Geburtstag wollte Emma groß feiern, er dachte eher an eine kleine Familienfeiern. Und obwohl Mike mitbekam wie er sich mit Emma anfing zu kabbeln, überkam ihn ein Glücksgefühl wie er es noch nie erlebt hatte. So lebendig hatte er Emma selten in Erinnerung gehabt. Sie drehte sich um und ging kurz aus der Küche. Da musste Mike unwillkürlich anfangen zu lachen, denn Emma hatte einen lustigen Entengang, mit dem er sie immer aufzog.

Lachender Weise fand er sich in seiner heruntergekommenen Küche wieder. Nachdem er sich beruhigt hatte, schälte er die Karotten weiter. Kurze Zeit später legte er das Messer beiseite und starrte aus dem Fenster. Tränen schossen ihm in die Augen.

Abends brachte er Susan ins Bett.

„Daddy, singst du mir das Lied vor, was Mom immer zum Einschlafen gesungen hat?“

„Aber das kann ich doch gar nicht so gut wie Mom“.

„Egal! Bitte Daddy sing das Lied. Bitte!“.

„La-Le-Lu nur der Mann im Mond schaut zu ….“. Je näher Mike dem Ende kam, desto mehr musste er sich zusammen reißen, um nicht zu weinen. Susan schlief sofort ein. Und während er sie beim Einschlafen beobachte, erinnerte er sich an eine Szene, in der er Emma heimlich beäugte,  wie sie Susan das Schlaflied vorsang. Er stand mit dem Rücken am Türrahmen. Er liebte ihre helle Glockenstimme. Sie hatte immer eine beruhigende Wirkung auf ihn gehabt. Stundenlang konnte er ihr beim Singen oder reden zuhören. Es war wie Balsam für seine Seele.

Ein paar Tage später spazierte Mike in dem einzigen nicht völlig zerstörten Winkel der Stadt. Es war der Park, in dem es noch ein oder zwei Plätze gab, wo er sich einigermaßen wohlfühlen konnte. Mike wanderte umher und schaute den vorbei rennenden Menschen zu. Dabei fiel ihm ein Pärchen auf. Sie war schlank,  hatte lange Beine und blondes Haar. Ihr blondes Haar hatte Ähnlichkeit mit dem von Emma. Er war ein sehr muskulöser Typ mit braunem kurzem Haar. Sie hielten Händchen.

So wie er das früher mit Emma gemacht hatte. Eine Glückswelle überflutete ihn, aber gleichzeitig schwang dabei auch ein bekümmertes Gefühl in ihm mit. Langsam schlenderte er weiter und fand sich auf einmal vor einer alten Eiche wieder. Erstaunt blickte er hoch und erkannte den Baum, in den er und Emma vor zehn Jahren ihre Namen gemeinsam in die Rinde eingeritzt hatten. Sein Herz begann schneller zu schlagen. Mike lehnte sich an den Baum, genau an die Stelle, an dem das Herz mit den eingeritzten Namen zusehen war. Er schloss die Augen und ließ den Nachmittag Revue passieren. Es war ein sonniger Tag im Mai gewesen. Emma und Mike schlenderten im Park umher. Plötzlich fragte Emma:
„Was hältst du davon, wenn wir uns in einem Baum verewigen?“
Mike starrte sie einen kurzen Moment an, dann ging er schnurrstraks zum größten Baum in der Nähe, holte sein Messer aus der Tasche und begann das „E“ für Emma einzumeißeln.  Sie fing an zu lachen und murmelte irgendwas von der Zerstörung der Natur. Als er fertig war, drückte Emma ihn an den Baum und küsste ihn so leidenschaftlich, wie noch nie.

Mike drückte sich noch enger an den Baum, um alles ganz genau zu spüren.

 

Plötzlich fühlte sich dieser Kuss echt an. Für einen kurzen Moment dachte er, dass ihm seine Wahrnehmungskraft einen Streich spielte. Doch dann erwiderte er Emmas Kuss. Nach so langer Zeit hielt er sie endlich wieder in den Armen. Sein Herz schlug so schnell und so heftig, dass er Angst hatte es würde gleich zerspringen. Eine Welle der Lust überfuhr ihn und Mike drängte sich noch enger an Emma. Sie liebten sich.

Emma wurde plötzlich etwas zappelig und sagte, sie müssten Susan noch bei den Nachbarn abholen.

„Okay“, sagte Mike, „du holst Susan ab und ich koch dann was für uns.“

Emma fing an zu lachen:

„Nee, lieber nicht. Deine Kochkünste lassen ja in den meisten Fällen zum Wünschen übrig.“

Als Mike später die Wohnungstür aufschloss, roch es schon nach dem Essen. Susan flitzte sofort in die Küche und rief:

„Oh Mom, du hast Karottensuppe gemacht?! Wie lecker!“

„Hallo mein Schatz. Ja, es gibt unser Lieblingsessen. Wie war dein Nachmittag?“

„Super. Wir haben uns ausgedacht, dass eine Katastrophe die Welt heimsucht und wir die letzten Überlebenden sind. Und wir haben uns eine Höhle gebaut.“

„ Wie kamt ihr denn auf die Idee, dass der Welt ein Desaster widerfährt?“, fragte Mike erstaunt, denn eigentlich mochte seine Tochter solche Spiele nicht. Sie wollte sonst immer nur Pferdchen spielen.

„ Naja… Tom, der große Bruder von Mia, hat uns erzählt, dass er gerade ein Buch ließt, in dem die Welt am 21.12. 2021 untergeht…“

„ So ihr beiden“, schritt Emma ein, „nun lasst mal die Welt untergehen und kommt zum Essen in die Küche. Sonst wird die Karottensuppe kalt.“

Nach dem Essen spielten sie noch zusammen „Ich sehe was, was du nicht siehst…“ und Mike hatte das Gefühl, dass er hier nicht mehr weg wollte. Es war harmonisch wie noch nie zuvor. Jedem ging es gut, sie hatten Spaß miteinander und es gab auch keinen Streit als Susan Schlafen gehen sollte.

Emma und Mike brachten sie ins Bett. Als Emma gerade anfangen wollte zu singen und Mike gehen wollte, um den gemütlichen Abend mit seiner Frau vorzubereiten, ertönte eine leise Stimme und Susan sprach:

„ Daddy, willst du nicht mitsingen?“

Mike trat wieder ins Zimmer:

„ Deine Mom kann das viel besser als ich, Süße. Ein anderes Mal vielleicht.“

Er gab ihr noch einen Kuss, legte die Decke noch mal ordentlich über Susan und schlich aus dem Zimmer , als die ersten Töne von Emmas Stimme zuhören waren. Mike war ein bisschen irritiert und fragte sich für einen kurzen Moment,  ob er die Szene schon einmal erlebt hatte. Doch diesen Gedanken wischte er sofort weg, das konnte einfach nicht sein.

Die Zeit verging ohne besondere Vorkommnisse bis zu dem Tag, als Susan von der Schule wieder kam und ein Bild mitmachte.

„Schau mal, Daddy, was ich gemalt habe!“, rief sie und streckte ihm die Hand mit dem Bild entgegen.

Als Mike das Bild nahm, entglitten ihm für einen kurzen Moment alle Gesichtszüge. Das, was er da sah, war kein normales Kinderbild. Es war grau und schwarz. Das Bild strahlte eine bedrohliche und zugleich einsame Stimmung aus, so dass Mike eine Gänsehaut bekam. Beim genaueren Betrachten erkannte er eine zerstörte Stadt im Hindergrund. Rauchwolken stiegen aus den Häusern auf und es sah so aus, als wenn diese Stadt zerbombt worden wäre. Im Vordergrund wurden zwei Gestalten sichtbar. Mike wurde deutlich, dass dies Vater und Tochter waren. Es verunsicherte ihn, denn das Kind hatte eine rote Schleife im Haar und der Vater hatte ein Taschenmesser in der Hand. Wenn Susan sich und ihn malte, waren sie immer so wie auf dem Bild abgebildet. Ein mulmiges Gefühl machte sich in seinem Bauch breit und er wurde es in den nächsten Tagen nicht mehr los.

Mike versuchte mit Emma über dieses Gefühl zu reden, doch sie verstand ihn nicht. Genauso wenig machte sie sich darüber Gedanken, dass Susan ein so grauenvolles Bild gemalt hatte.

Ab diesem Zeitpunkt schlief Mike unruhig und er bekam immer wieder seltsame Buchstücke von einem Traum zu fassen.

Er konnte nicht genau erkennen,  was passierte. Mal sah er für einen kurzen Moment eine Frau, die in den Armen eines Mannes lag – dann ein zerstörtes Haus oder mächtige graubraune Rauchwolken, die schräg in den Himmel wuchsen.

Ein paar Tage später erschlossen sich die ganzen Bruchstücke zu einer ganzen Szene.

In seinem Traum sah er sich auf Emma zu rennen, die scheinbar leblos am Boden lag. Mike kniete sich hin, nahm sie in die Arme und flehte darum, dass sie nicht starb. Nach kurzer Zeit des Bangens flatterten ihre Lieder. Eine Welle der Erleichterung durchflutete Mike.  Mit erstickter Stimme sagte Emma leise:

„Mike, versprich mir, dass du dich um Susan kümmerst…“

„Nein,“, schrie Mike, „ du darfst nicht sterben. Es kommt bestimmt gleich Hilfe. Halte durch mein Schatz.“

Emma fing an zu husten und Mike schloss sie fester in die Arme.

„Das schaff ich nicht mehr…“, sie hustete erneut und dieses Mal spuckte sie Blut.

Mike schossen Tränen in die Augen und er zog Emma noch heftiger an sich.

„Nein, bitte lass mich nicht alleine….“

„Mike, ich liebe dich und werde dich immer lieben.“ Sie hustete nun schlimmer. Blut kam aus ihrem Mund geschossen und als sie sich wieder beruhigt hatte, sagte sie noch:

„Sag bitte Susan von mir, dass ich sie liebe und dass sie die beste Tochter auf der ganzen Welt ist!“

„Ja, das werde ich machen, Emma. Ich liebe dich und…“ er brach ab, denn er hatte gemerkt, dass sich Emmas Kopf leicht zur Seite geneigt hatte und ihre Augen geschlossen waren.

„Emma… Emma…“, Mike rüttelt und schüttelte sie. Doch sie gab keine Regung mehr  von sich. Sein Gesicht war nun Tränen überströmt und er presste sich an sie.

„Emma, komm zurück… Bitte!“, schrie er und warf sich auf sie. Doch nichts passierte.

Nach einer Ewigkeit, so kam es ihm vor, blickte er hoch und sah Susan drei Meter entfernt von ihm stehen. Sie zitterte am ganzen Leib und weinte.

Mike wachte schweiß gebadet auf und blickte sich verstört um.

Dann fiel es ihm wie Schuppen von den Augen. Er konnte nicht mit Emma zusammen sein: Sie war tot. Er hatte es mit eigenen Augen gesehen. Sie war damals nach der Katastrophe in seinen Armen gestorben. Wie konnte sie jetzt neben ihm im Bett liegen? Warum konnte er sie anfassen, mit ihr lachen und zusammen für Susans Geburtstag einkaufen gehen? War das alles nur ein Traum? Würde er gleich aus diesem wunderschönen Traum aufwachen, der sich auch noch so echt, so real anfühlte?

Mike hatte keine Antworten auf die Fragen.

Er weckte Emma vorsichtig und erzählte ihr von seinem Traum. Und auch davon, dass er ganz genau wusste, dass sie in seinen Armen gestorben war.

„Mike, wie kannst du nur auf diese absurde Idee kommen, dass ich tot sei?“, fragte Emma schockiert.

„ Ich weiß es doch auch nicht,“; begann Mike, „ aber du bist doch in meinem Armen gestorben. Das haben Susan und ich miterlebt!“

„Susan hat aber nie ein Wort darüber verloren. Und sie kommt mir auch nicht verändert vor. Irgendeine Veränderung hätte dies bei einem Kind hervorgerufen. Ich glaube, du hast einfach nur schlecht geträumt.“, gab Emma genervt zurück, „ Und jetzt will ich noch ein bisschen schlafen. Wir haben Sonntag.“

Schließlich legte sich auch Mike wieder hin. Er versuchte, nicht mehr an den Traum zu denken und sich vorzustellen, dass das, was er hier erlebte, nicht der Wirklichkeit entsprach.

Später am Morgen trottete Susan verschlafen in das Eltern-Schlafzimmer und legte sich mit ihrem Kuschelhasen zwischen ihre Eltern. Wieder wurde Mike stutzig, denn den Hasen hatte Susan vor einiger Zeit verloren. Sein Verdacht, dass hier irgendwas nicht stimmte, verhärtete sich immer weiter. Doch er konnte nicht sagen, was es war.

Mike riss sich zusammen und genoss die Zeit mit seinen beiden Liebsten. Er wollte sich an dem gemeinsamen Augenblick erfreuen und nicht streiten. Mike kuschelte sich an seine Tochter und legte den Arm um Emma. So schliefen die drei weiter.

Nach einer Weile machte Susan die Augen auf, drehte sich zu ihrem Vater und starrte ihn an. Dann flüsterte sie:

„ Daddy, das ist doch alles zu schön, um wahr zu sein.“

Bevor Mike etwas erwidern konnte, war Susan schon wieder eingeschlafen.

Nun lag Mike wach im Bett und starrte an die Decke. Er versuchte, zu verdrängen, was er gerade gehört hatte. Doch das klappte nicht. Hatte Susan wirklich Recht? Befand er sich in einer anderen Welt oder gar in einem Traum? Hieß das dann, dass die Susan in der richtigen Welt gerade alleine war und nicht hier mit ihm im Bett lag? Wahrscheinlich war das so.

Die echte Susan hätte nie das Bild einer zerstörten Stadt gemalt. Susan hätte auch nicht mit ihrer Freundin gespielt, dass sie eine Weltkatastrophe überlebt haben. Langsam fügte sich alles zusammen.  Es war unglaublich, es war schockierend und schrecklich. Er war definitiv nicht in der realen Welt. Die reale Welt war zerstört. Hier, in der Welt, in der er lebte, war alles schön und heil. Es schien jeden Tag die Sonne und er musste sich keine Sorgen darüber machen, ob er den nächsten Tag überlebte.

Hier konnte er unbeschwert seinen Job als Rechtsanwalt nachgehen und einfach nur das Leben genießen.

Langsam richtete er sich auf. Als er einen kurzen Blick in den Spiegel warf,  starrte ihn ein schneeweißes Gesicht an.

Ihm wurde übel. Mike hatte eine Entscheidung zu treffen, die er nicht treffen wollte. Er musste sich zwischen der Idylle mit Emma und der Hölle mit seiner Tochter entscheiden.

Mike wollte und konnte seine Tochter nicht alleine lassen. Gleichzeitig war es  verlockend, bei Emma zu bleiben. Obwohl er innerlich wusste, was zu tun war, ging er eine kleine Runde spazieren, um sich zu sammeln, um sich vielleicht doch noch um zu entscheiden. Auch wenn das surreal war. Und das wusste er.

Als er wieder kam, stand Emma in der Küche und machte Kaffe. Sie fragte:

„Wo warst du? Warum bist du einfach weggegangen?“

„ Ich musste mir über etwas klar werden.“ Er sah sie an.

„Emma“, begann er,  “ ich weiß, dass sich das jetzt sehr komisch für dich  anhört, aber ich glaube, dass das hier nicht real ist. Dass du nicht real bist.“

„Was meinst du, ich bin nicht real? Was soll das denn?“

„Du bist vor drei Jahren in meinen Armen gestorben.“

Als Emma sich von dem ersten Schock erholt hatte, fing  sie schallend an zulachen.

„Das kann nicht sein. Du spinnst doch. Wenn das wirklich stimmt, dann frage ich dich, wieso wir uns jetzt gerade unterhalten?“

„Weil das alles meine Idealwelt ist, Emma. Ich habe mir so ein Leben,  wie jetzt mit dir und Susan, immer gewünscht. Ich weiß jetzt aber, dass das hier … irgendwas ist, nur nicht die Wirklichkeit. Und ich muss wieder in meine Wirklichkeit, damit ich mich um Susan kümmern kann. Damit meine ich die wirkliche Susan“, antwortete Mike nun ein bisschen genervt. Eigentlich hatte es keinen Sinn mehr, mit Emma darüber zu reden, denn sie würde es so wie so nicht verstehen. Wie denn auch? Es war seine Wunschwelt und nicht ihre.

„ Ich glaube, wir sollten nach dem Frühstück einen Spaziergang im Park machen, damit du auf andere Gedanken kommst und merkst, dass das hier alles real ist, “ meinte nun Emma versöhnlich.

„Vielleicht hast du recht“, steuerte Mike bei.

Als sie durch den Park gingen, sauste Susan sofort zum Spielplatz und Emma rannte ihr hinterher. Sie winkte Mike zu und er sah noch einmal ihr breites schönes Lächeln.

Dann wandte er sich ab und ging erst langsam, dann immer schneller zu der alten Eiche. Kurz davor blieb er stehen. Er zögerte einen Moment, doch dann marschierte er zum Baum und lehnte sich dagegen. Mike blickte noch einmal in Richtung Spielplatz, dann schloss er die Augen.

 

Als sich seine Augen wieder öffneten, schlug ihm die Kälte sofort ins Gesicht. Auch an den Geruch musste er sich wieder gewöhnen. Der Rauch verschlug ihm den Atmen. Es war überall grau. Sofort überkam ihm die traurige Stimmung, die von der Stadt ausging. Er merkte, dass er innerlich unruhig wurde und versuchte an etwas Schönes zu denken. Seine Augen mussten sich an den vernebelten Himmel gewöhnen. Sein Blick wurde wieder scharf und ein paar Meter vor ihm stand ein kleines Mädchen. Es war Susan. Mike löste sich vom Baum, drehte sich noch ein Mal um und lief dann zu Susan.

Auf halber Strecke fielen sich die beiden in die Arme. Ganz fest  umschlang Mike seine kleine Tochter und atmete ihren süßlichen Geruch ein. Nun verschwand auch der Rest der traurigen Stimmung und stattdessen explodierte nun die Sonne in seinem Herzen.

Hand in Hand gingen Susan und er durch die Trümmer nach Hause.