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Zweite Chance

von Camila Koch, 12 Jahre

Das Messer in mir tat nicht weh, nicht mehr als die fiesen Mobbingattacken, die Disssprüche auf Facebook und die abgrundtiefen Beleidigungen, die mir schlimmer vorkamen, als ein Schlag ins Gesicht.

Das Blut floss über meine blasse Hand und klatschte auf den kalten, weiß gefliesten Küchenboden. Ich drückte das Messer noch einmal tief in die Brust und schloss die Augen.

 

Vor mir eine lange, goldene Treppe, die an einer riesigen, zweiflügligen Tür endete. Meine körperlose Seele stieg die Treppen hinauf und schaute daran vorbei in gähnende Leere und Finsternis. Die Tür öffnete sich von allein.

Ich weiß nicht, was ich erwartet hatte, aber ganz sicher nicht einen Warteraum, wie in der Psychiatrie, in die ich innerhalb eines Jahres dreimal eingeliefert wurde. Kalt, weiß und in kaltblaues Licht getaucht, zwei Stühle an einer Wand und eine ebenfalls weiße Tür. Ich setzte mich. Ein Gedanke trat mir in den Kopf: “Ich habe mich gerade umgebracht und ich lebe noch! HALLO?! Irgendwie komisch?“ Und dann dachte ich: „Warum habe ich mich eigentlich umgebracht? Ich meine, war es wirklich so schlimm, dass ich mit dem beliebtesten Jungen der Schule geschlafen hatte, und er ging (wer hätte das gedacht?) mit dem beliebtesten Mädchen der Schule? Mussten mich die anderen deswegen wirklich mobben? Eigentlich doch eher nicht, oder?“ Egal, jetzt kam ein Mann in den Raum und sagte trocken: „Mein Name ist Gabriel, komm mit.“ Er hatte blonde Locken, blaue Augen, ein schmales Gesicht und ein blaues Kleid an und er war barfuß. Als er sich umdrehte, sah ich, dass er Flügel hatte, von denen der eine sehr zerfleddert aussah, und ich fragte Gabriel: „Was ist mit deinem Flügel passiert?“ Meine ersten Worte hier.

„Ich war dein Schutzengel und bei allem was dir passiert ist, wurde ich auch beschädigt…“ Oh Mann, ich war erst kurz hier, und schon wurde mir eine reingedrückt.

„Entschuldige bitte.“ krächzte ich verstört.

Wir traten in einen wunderbar warmen Raum, und mit warm meinte ich nicht die Temperatur, ich meinte die dunklen Holzmöbel, den weich aussehenden Sessel, den schweren Teppich, die goldenen Messinstrumente und den aus Teak angefertigten Schreibtisch, auf dem sich Ordner und Papiere stapelten und außerdem ein Globus, über dem kleine Wolken schwebten und auf denen kleine Götterfigürchen saßen. Hinter dem Schreibtisch saß ein großer Mann.

„Carla du Bosque?“

„Ja?“

„Sie brachten sich um, schädigten Ihren Schutzengel und außerdem natürlich Ihre Familie.“

„Es tut mir sehr leid, vor allem für Gabriel.“ Ich schaute betreten zu meinem Schutzengel, von dessen Existenz ich bisher nicht einmal wusste und der gerade in einer Ecke stand und unserem Gespräch interessiert lauschte.

„Ich werde Ihnen eine zweite Chance geben“, platzte der Mann heraus. Ich schaute ihn mir das erste Mal richtig an, große, blau, graue Augen, langes, weißes Haar und einen ebenso weißen Bart, der über seinen riesigen Bauch fiel.

„Sie werden Ihren alten Körper zurück erhalten und müssen neue Freunde finden und später vielleicht eine eigene Familie gründen. Wehe, Sie vermasseln diese Chance erneut.“

„Wer sind Sie?“, fragte ich zögerlich

„Gott“, antwortete der Mann.

„Oh, das wusste ich nicht.“ Ich war völlig erschrocken, dem Schöpfer gegenüber zu stehen.

„Ganz abwegig ist die Idee ja nicht“, sagte Gott, ohne von seinem Ordner aufzusehen. Und jetzt? Was sollte ich jetzt tun? Einfach warten? Nee, bestimmt nicht…

Zu meinem Erstaunen sagte Gabriel zu mir: „ Komm bitte mit, du musst jetzt schlafen.“

Schlafen?! Wieso schlafen?

„Tschüss“, war das einzige, was ich als Abschiedsworte rausbrachte. Gott sah nicht einmal von seinem Buch auf.

„Auf Wiedersehen, hoffentlich nicht zu früh und sag bitte niemandem woher Du kommst, sonst könnte die Hölle auf Dich warten, und das will niemand.“

Ach ja, was würde passieren, wenn ich die Chance wieder vermasselte, aber bevor ich fragen konnte, hatte Gabriel mich schon aus dem Zimmer geschoben und führte mich in einen Raum, der ähnlich aussah wie der erste mit dem Unterschied, dass statt Stühlen Betten dort standen. Ich legte mich sofort auf eines der Betten und schloss die Augen, um zu schlafen. Das Letzte, was ich sah, war, dass Gabriels Flügel wieder geheilt und normal wurde – es hieß, alles auf Anfang.

 

 

Ich wachte auf, weil mir etwas Raues, Nasses über das Gesicht schlabberte. Ich schrak hoch und sah in das schief gelegte Gesicht eines braunen Dackels

„Hallo!“ sagte der Hund betont fröhlich. Ich schrak zurück.

„Oh mein Gott, ein sprechender Hund“, hauchte ich.

„Oh meine Wurst, ein sprechender Mensch“, sagte der Hund in gespieltem Ernst. Ich sah mich um und erschrak fürchterlich: Es gab statt Bäumen, wie ich sie kannte, Bäume, die atmeten! Ihre Stämme hoben und senkten sich, wie mein eigener Brustkorb (der tatsächlich zu meinem alte Körper gehörte) und außerdem waren die Blätter bunt! Das Komischste aber war, dass der höchste Baum etwa zwei Meter hoch war, und als ich den Kopf in den Nacken legte, erschrak ich zu Tode: Über mir sah ich die Unterteile von räderlosen Autos und, was mich sehr erstaunte war, dass ich in sechs Metern Höhe keine Abgase erkennen konnte oder… waren da womöglich gar keine? Ich sah nochmal genauer hin und … nein da waren keine. Hä?

„Wieso fliegen die Autos hier?“

„Von wegen fliegen, siehst du die Magnetbahnen nicht? Oder bist du blind?“, fragte mich der Hund total überrascht.

Ich sah hoch, und tatsächlich unter den Autos sah ich hauchdünne Seile.

„Sag mal woher kommst du eigentlich? Ich meine, du hast keine Ahnung, warum ich sprechen kann und keine Ahnung, wieso die Autos auf Magnetbahnen fahren?“

Mich schockte seine Frage so sehr, dass ich erst mal nach Luft schnappte, erinnerte mich dann aber an Gottes Worte und beschloss, einfach vom Thema abzulenken, und sagte: „Sag mal, wie heißt du eigentlich?“

„Ach entschuldige bitte, mein Name ist Herr.“ antwortete er mir, ohne noch einmal an seine Frage zu denken (Hunde haben wirklich ein Kurzzeitgedächtnis).

„Herr? Einfach nur Herr?“, fragte ich den Hund ungläubig.

„HERR, komm sofort her!“ Ein unglaublich hübscher Junge, mit dunklen Haaren und Augen kam auf uns zu gerannt und lächelte mich an: „Entschuldige bitte, hat mein Hund dich beleidigt?“ Er hatte eine schöne Stimme, klar und sanft.

„Äh ne, wir haben uns unterhalten, aber wie kommt es, dass er reden kann?“ fragte ich den jungen Mann einfach geradeheraus.

„ Das ist ein… aber warum weißt du das nicht?“

„Ich komme von weit her.“ sagte ich und hatte das Gefühl, dass er mir nicht wirklich glaubte, dennoch beantwortete er meine Frage: „Das ist ein ATC, animal translator collar.“

„Ach so.“ Ich tat, als wäre ich mit der Antwort zufrieden und schwieg vor mich hin. Und dann fiel mir ein, dass ich nicht wusste, wie er heißt, und er hatte anscheinend den gleichen Gedanken: „Sag mal wie heißt du eigentlich?“, fragte er mich

„Carla du Bosque, und du?“, fragte ich zaghaft.

„Linus Glaser. Und wo kommst du her?“, fragte Linus viel selbstsicherer als ich.

„Von weit, weit her“, wiederholte ich, und dann fragte ich: „Wo bin ich eigentlich hier?“

Linus sah mich total verdutzt an, sagte aber: „New York, 20.06.2050.“ 2050, 2050?! Gott hatte mich 38 Jahre in die Zukunft geschickt.

Wir unterhielten uns noch über die Stadt, aber ich erfuhr nichts Wichtiges und irgendwann, nach mehreren Stunden, als wir uns näher kennen gelernt hatten, fragte Linus mich: „Wo wohnst du denn überhaupt?“

„Nirgendwo“, sagte ich, und wartete auf Linus Reaktion, doch er zuckte nur mit den Achseln und sagte, dass ich gerne zu ihm kommen könnte. Mein Gott! Was war mit den Leuten passiert? Warum waren sie so gastfreundlich? Auf einmal kamen zwei Passanten den Weg herunter gelaufen, und als sie Linus und mich sahen, schrien sie völlig außer sich vor Schadenfreude: „Ha, gleich zwei Mohrrüben. Na, ihr zwei, da habt ihr euch wohl gefunden.“

Ich schaute die beiden hasserfüllt an und sah, dass die beiden riesige Buckel hatten und ohne, dass ich wusste, wie mir geschah, kam der eine auf mich zugerannt und verpasste mir einen kraftvollen Tritt in die Magengrube. Ich stöhnte auf und krümmte mich zusammen und sah, dass sie das gleiche mit Linus machten.

„Hört sofort auf, was haben wir euch denn getan?“, fragte ich, denn ich hatte echt keine Ahnung. Die Leute schauten mich aber total erstaunt an und rannten dann weg.

„Du hast etwas gegen sie gesagt. Das ist der Wahnsinn, bitte tu so etwas nie wieder okay?“, sagte Linus total verblüfft und irgendwie hochachtungsvoll.

„Was hatten die denn für eine Macke? Wieso sind wir Mohrrüben?“

„Ich will darüber nicht reden.“ Es war kein bisschen Hochachtung mehr in seiner Stimme, eher etwas Trauriges.

Immer noch etwas geschockt, stiegen wir in ein hochmodernes Auto ein, wie in die, die ich schon gesehen hatte, und fuhren los. Obwohl… ich weiß nicht, ob ich das wirklich fahren nennen würde, denn es fühlte sich an, wie schweben. Doch etwas machte mich stutzig, in den anderen Autos saßen nur Leute mit einem riesigen Buckel und ich fragte Linus völlig verblüfft: „Was haben die denn gemacht? Und jetzt antworte mir bitte, ich möchte es zu gerne wissen!“ Denn jetzt sah ich, dass es viele Leute mit Buckel gab.

Linus antwortete: „Die haben alle zu viel auf Bildschirme geschaut und wahrscheinlich deren Vorfahren auch schon, und deren Vorfahren und deren Vorfahren auch schon.“

„Und deine Vorfahren haben nicht so viel auf Bildschirme geguckt?“, fragte ich, obwohl ich die Antwort schon wusste.

„Nein, aber dafür haben die anderen Kinder mich schon in der Schule gemobbt, und das ist einfach fies, denn sie sind neidisch, weil ich noch einen geraden Hals habe. Deswegen habe ich dich auch mitgenommen, weil ich gleich gesehen habe, dass du auch noch einen geraden Hals hast.“ Der letzte Satz hatte mich stutzig gemacht.

„Das heißt, es gibt nur noch wenige Menschen, die eine geraden Hals haben?“

„Jap.“

„Oh.“

Linus lenkte das Auto in eine Einfahrt, die sich zum Glück mit dem Haus auf dem Boden befand.

Er öffnete die Haustür und ließ mich ins Haus ein, wo sofort ein Roboter auf uns zu kam und uns die Jacken abnahm. Ich schaute mich um, etwa drei Meter weiter hing über der Decke ein langes, labberiges Rohr. Zu meiner Rechten sah ich eine offene Küche in der ein Roboter (mit Schürze) kochte. In einer Ecke stand ein riesiger Schuhschrank mit Glastüren, in dem Schrank standen Milliarden Paare an Schuhen und ich dachte nur: „Tja, die Leidenschaft der Frau hat sich also nicht geändert.“

„Johanna, Schatz! Kommst du bitte einmal?!“, rief Linus so laut, dass ich erschreckt zusammenzuckte. Eine bildhübsche Frau kam aus einer Tür heraus, hinter der ich das Wohnzimmer vermutete.

„Johanna Siedenburg, sehr erfreut dich kennen zu lernen.“

„Carla du Bosque“, sagte ich und schaute mir die junge, hübsche Dame an. Sie hatte große, braune Augen, leicht geschwungene Lippen, unglaublich lange Wimpern, leicht gewellte braune Haare und von der Sonne gebräunte Haut, außerdem sah sie derart natürlich aus, dass sogar der außergewöhnliche Look zu ihr passte: Sie hatte eine Bluse an, die aus echten Blumen bestand, die auf einen fast durchsichtigen Stoff genäht waren und in den ein paar Schmetterlinge eingewebt waren. Die Hose war aus einem cremefarbenen Stoff und in diesen waren winzige Perlmuttfäden und Stücke eingewebt. Das Auffälligste waren ihre Schuhe, es waren hochhackige Riemchensandalen, die komplett aus Blumen bestanden, Sie waren als Sohle und als Absatz derartig kunstvoll und geschickt zusammen gesteckt, dass es aussah, als würde sie von Zauberhand getragen. Und ich dachte nur: „Ich will auch!“

„Schatz, wäre es okay, wenn Carla ein paar Nächte hierbleibt?“

„Natürlich“, antwortete Johanna. „Dann bring ich dich jetzt in dein Zimmer.“

Und sie schob mich unter diesen Schlauch, der uns aufsaugte und eine Etage weiter oben ausspuckte, doch bevor ich mich darüber wundern konnte, zog Johanna mich in einen wunderschönen und hellen Raum und sagte, dass das mein Zimmer sein sollte. Als ich mich kurz auf das Bett schmiss um die Matratze zu testen, erhob sich das Bett auf einmal und wiegte mich sanft hin und her. Ich erschrak zu Tode und krallte mich an den Bettrand, während Johanna sich schieflachte und meinte, dass ich echt ein komischer Vogel wäre, denn ich hätte ja gar keine Ahnung, und dann ließ sie mich zum Glück runter und führte mich auf eine Öffnung in der Wand zu, die völlig mit irgendeinem Glibber gefüllt war, und zog mich einfach hindurch, ohne mich vorzuwarnen und erst kurz bevor ich davor stand merkte ich, dass der Glibber völlig Blickundurchlässig war – weiß, aber eher milchig weiß und… ich befand mich in einem dunklen Raum, und als Johanna einmal in die Hände klatschte, ging ein Kronleuchter über uns an und erhellte ein Badezimmer, welches sich äußerlich nicht von denen unterschied, die ich kannte.

„Dusche, Toilette, Waschbecken und…“Ich unterbrach Johanna mit meinem höflichsten Lächeln und sagte: „Apropos, dürfte ich vielleicht einmal zur Toilette?“

Johanna grinste und nickte und verschwand dann durch den Glibber aus dem Raum.

Ich versuchte die Kloschüssel zu heben, aber sie ging beim besten Willen nicht auf. Ich schnalzte ungeduldig mit der Zunge und überlegte, als der Klodeckel aufging, im selben Moment ein Paar Hände meine Hose herunter zog und mich unsanft auf die Kloschüssel herunter drückten. Als ich mich von dem Schock erholt hatte, bemerkte ich die Armlehne, an der Verschiedene Knöpfe mit verschiedenen Zeichen angebracht waren und ich drückte neugierig darauf herum und als ich auf eine Taste mit zwei Noten als Symbol kam, dudelte eine kleine Melodie durch den Raum, eine andere Taste zeigte einen Hintern, unter dem eine Art Wasserstrahl hervorsprudelte und als ich diese drückte, traf mich von unten ein lauwarmer Wasserstrahl und wusch mir das Hinterteil ab. Ich schrak hoch, und sofort zog mir dir Hand meine Hose hoch, zum Glück! Ich wusch mir mit einem Schnipsen (um den Wasserstrahl anzulassen) die Hände.

Johanna stand vor der Glibbertür. „Entschuldige bitte, dass ich dich nicht gewarnt habe. So, ich muss los, vielleicht sehe ich dich nachher, wenn ich wieder komme. Du kannst dir mit Linus einen netten Abend machen, aber lass die Finger von ihm“, lachte Johanna und schob mich zur Röhre, die mich nach unten zog. Ich kam hart unten auf, ließ mir aber nicht den Schmerz anmerken, der meinen Fuß durchzuckte. Johanna führte mich ins Wohnzimmer, wo Linus auf dem Sofa lag, Chips futterte, und dabei fernsah. Johanna beugte sich zu ihm runter und drückte ihm einen Kuss auf die Lippen und ging.

Ich setzte mich neben Linus und sofort sprang mir ein riesiger Löwe ins Gesicht, und ich schloss die Augen.

„Haha, das ist 4D Fernsehen und…“ Linus verstummte, denn ein Messer kam auf uns zu geflogen und wir duckten uns instinktiv. Aber das Messer ging einfach durch uns hindurch und traf… Werbung. Mist – jetzt war es gerade so spannend.

„ Jetzt das neue iPhone 68, es kann Spiegeleier braten, hat einen 4D Bildschirm und verschiedene Apps können…“

Der Bildschirm wurde schwarz, ich hörte ein Tuten, wie bei einem Telefon. Linus wachte aus seiner scheinbaren Trance der, für ihn wahrscheinlich ermüdenden, Werbung auf, seine Augen wurden klar, und er erblasste. Als ich ebenfalls erkannte, was ich auf dem neuen Bild auf dem Bildschirm sah, stockte mir der Atem.

Ein steifer Penis war auf dem Bildschirm zu sehen und eine Männerstimme sagte sehr deutlich: „So gerade bist du auch. Harar!“

Linus war aufgesprungen und starrte auf den Bildschirm, räusperte sich, und der Fernseher ging aus.

Ich war starr vor Schreck und schaute nur Linus an, der bleich war und zitterte.

„Was war das denn?“, fragte ich völlig verstört

„ Eine Mobbing Attacke, per Skype“, sagte er genauso verstört und setzte sich.

„Wie Mobbing? Hattest du das schon mal? Kommt das oft vor? Ist es immer so schlimm und wieso tun diese Leute das denn? Was hast du ihnen getan?“, fragte ich völlig aufgebracht.

„Wie ich dir ja schon erzählt habe, werde ich seit meiner Schulzeit dafür gemobbt, dass ich einen geraden Hals habe, und eben noch hübsch bin. Ich werde fast regelmäßig angerufen, auf Skype blöd angemacht und manchmal passiert eben auch so etwas, das kann ich leider nicht verhindern, so sehr ich es wollte. Letztes Mal, war es sogar so schlimm, dass ich vorhatte, mich beim nächsten Mal umzubringen und ich sage dir, das tue ich auch gleich, da kann mich niemand dran hindern, NIEMAND!“

Ich erschrak, genau das hatte ich auch schon gesagt, und anders als er hatte ich es auch schon getan. Vielleicht kommt er dann an meiner Stelle ins Jahr 2012? Ich hatte keine Ahnung, denn Gott spielte ja so seine Spielchen.

Ich wollte ihn trösten, bei ihm sein, mich für ihn einsetzten, ich war so wütend auf die Leute, die ihn wegen seines Körperbaus mobbten und ich war ja genau wie er. Ich schaute ihn an und dann, ohne zu wissen wieso, küsste ich ihn. Ich küsste ihn! Ich spürte seine weichen Lippen auf meinen, und wusste, dass es falsch war. Aber es tat so gut, zu spüren, wie er sich entspannte und meinen Kuss erwiderte. Als ich mich losriss, weil ich wusste, dass es falsch war, sagte er nichts, sondern sank in sich zusammen, während ich aus dem Zimmer rannte und mich unter die Röhre stellte, die mich gleich aufsaugte. Mir liefen Tränen über die Wangen, denn ich wusste, dass ich den gleichen Fehler noch einmal gemacht hatte.

Ich hatte eine Beziehung zerstört!

Ich hatte eine Beziehung zerstört!

Schon wieder!

Oh Gott, ich wusste nicht, was ich machen sollte. Mich nochmal umbringen, bevor Johanna wiederkam. Aber Gott hatte mich ja gewarnt, ob ich sonst in die Hölle kommen würde?

Nein, das machte ich nicht, ich hoffte, dass Linus seiner Freundin treu bleiben, und es ihr sagen würde. Hoffentlich und ich, ich würde packen und gehen.

Johanna kam nachhause und kurz darauf hörte ich Geschrei von unten. Ich öffnete eine der Schubladen und fand einen Stapel frischer und zusammengelegter Wäsche, die mein Schutzengel mir mitgegeben und die Roboter schon in den Schrank getan hatten. Ich dankte ihnen im Stillen und zog mir ein rein weißes Nachthemd über den Kopf, bevor es die Hände des Roboters tun konnten. Ich legte mich ins Bett und fiel in einen traumlosen Schlaf. Am nächsten Morgen, als ich zur Küche ging, um mich bei Johanna und Linus zu entschuldigen, erwartete mich ein riesiges Chaos, welches wahrscheinlich in der letzten Nacht entstanden sein musste: Gläser lagen auf dem Boden, Teller waren zersprungen und Töpfe lagen überall auf dem Fußboden.

Johanna kam in die Küche, in einen Morgenmantel gehüllt und blass, mit rot geweinten Augen.

„Guten Morgen Johanna, es tut mir so leid, was passiert ist, aber du hast ein so tollen Freund und ich will eure Beziehung nicht zerstören und …“ Johanna brachte mich mit einer Handbewegung zum Verstummen und ging über die Trümmer hinweg, zur Kaffeemaschine und kochte sich einen schwarzen Kaffee.

„Carla, ich weiß zwar nicht genau warum du es getan hast, aber ich kann dich auch verstehen, denn du hast selbst gesagt, wie toll Linus ist und ich werde dir sogar verzeihen, denn du hast ihn davor bewahrt, sich umzubringen. Er hatte bei der letzten Attacke gedroht, sich umzubringen, und ich bin dir dafür sehr dankbar, dass du ihn gerettet hast, das kannst du mir glauben. Aber ich werde dir kein zweites Mal verzeihen, denn ich hatte dir auch gesagt, dass du deine Finger von ihm lassen solltest und du hast es nicht ernst genommen.“

„Danke“, sagte ich verblüfft und dann, um Johanna zu sagen, wie leid es mir tat, lud ich sie spontan zum Shoppen ein, was sie lachend annahm, ohne mich zu fragen, woher das Geld kam.

 

Nach einer langen Shoppingtour durch die Stadt waren wir beide erschöpft und voll beladen, denn wie ich schnell merkte, kam immer mehr Geld in meine Tasche, als ich ausgab. Johanna und ich hatten so viel gelacht, dass ich merkte, sie ist meine Freundin, sie ist eine wahre Freundin. Linus und sie waren immer noch ein Paar, und eigentlich sollte alles in Ordnung sein.

Doch das war es nicht.

 

Für mich nicht. Ich hatte die Liebe meines Lebens und ein beste Freundin gefunden, aber ich konnte nur eines von beidem haben. Beides ging nicht, beziehungsweise, das was ich wollte, ging nicht. Ich wollte mit Johanna befreundet und mit Linus zusammen sein, aber ich weiß, dass man nicht alles haben kann und sich auf Kompromisse einlassen muss. Aber trotzdem, ich hatte das Gefühl, die beiden nicht mehr gemeinsam sehen zu können, ohne vor Eifersucht zu platzen.

 

Eines Abends ging ich früh ins Bett, da ich super müde war und kein schöner Film im Fernsehen kam (ich machte seit dem Skypeanruf sowieso einen großen Bogen um den Fernseher). Ich hatte mich gerade in den Schlaf wiegen lassen, da sah ich wieder die goldene Treppe und eine schreckliche Angst überfiel mich, dass ich jetzt doch gestorben und mein zweites Leben vermasselt hatte. Ich hatte Angst, wollte die Treppe nicht hochgehen und auch nicht sterben, dazu war es zu früh! Na klar! Ich musste die Treppe nicht hochgehen… Doch schon kurz nach meinem Entschluss merkte ich, wie ich nach und nach auf den Abgrund neben der Treppe zugetrieben wurde, und der Boden unter mir bewegte sich auf die Schlucht zu. Dort unten sah ich Lava und ich wusste, dass da die Hölle sein musste. Ich dachte, besser im Himmel sterben, als auf dem Weg in die Hölle abzukratzen. Als ich nur noch kurz vor dem Abgrund war und all meine Gedanken geordnet hatte, rannte ich schon die Treppen hoch und durch die riesige Tür in Gabriels Arme, der mich mit einer Freude empfing, die ich nicht verstand, da ich doch gleich sterben sollte, und außerdem hatte er schon wieder einen Riss im Flügel, der wahrscheinlich von dem Kuss kam, und er freute sich? Hä? Wie sollte das denn gehen? Ich verstand gar nichts und war völlig perplex.

Gabriel hielt mich so fest in den Armen, dass mir die Tränen kamen und aus lauter Trauer, über mein Leben ließ ich ihnen freien Lauf. Gabriel schaute mich verunsichert an und entschuldigte sich dafür, dass er mich so fest gedrückt hatte und da platzte ich dann heraus:

„Es ist nicht wegen dir, es ist, weil ich mich so auf mein neues Leben gefreut habe und dann… dann muss ich gleich wieder sterben und… und ich bin einfach völlig fertig, wegen des neuen Lebens, und ich weiß nicht mal, warum ich jetzt wieder tot bin, ich habe ja nichts Schlimmes gemacht… Bis auf den Kuss, aber der ist jetzt vergessen, und ich habe einfach so Angst, dass ich in die Hölle…“ Ich heulte jetzt völlig hemmungslos.

„Was? Du bist tot? Davon wüsste ich aber! Ich glaube, du hast da etwas sehr missverstanden. Komm mal mit, ich glaube, du bist sehr erstaunt, was gleich passiert, ich war es auch.“ Ich hatte bei Gabriels Worten schlagartig aufgehört zu heulen und sah ihn jetzt verständnislos an.

„Hä? Ich bin doch nicht tot? Und wieso bin ich dann hier?“

„Komm einfach mit…“, sagte Gabriel und führte mich in Gottes Zimmer und wies mir den weichen Sessel zu.

Gott kam herein und schüttelte mir freundlich die Hand, seine Konzentration war diesmal voll und ganz auf mich gerichtet, und nicht wie beim ersten Mal nur auf seinen Ordner.

Er setzte sich hinter seinen Schreibtisch und holte eine Akte hervor, auf der mein Name stand, und dabei sagte er zu mir: „Ich finde du hast dich in letzter Zeit sehr sozial entwickelt und, ich denke, von dem einen Patzer einmal abgesehen, bist du wahrscheinlich auch sehr zufrieden?“

Ich war völlig verwundert, denn ich hatte gedacht, Gott würde mich total anschnauzen, und mich an meckern, weil ich Linus geküsst hatte, aber nichts dergleichen, er war super freundlich zu mir.

„Okay, nun zum Wesentlichen“, sagte Gott lächelnd, „wie wirst du im Jahr 2050 mit der Welt fertig, ich weiß, dass es gemein war, dir nichts davon zu erzählen aber…” Ich unterbrach ihn und sagte schnell: „Ich komme super gut klar, und an das ein oder andere habe ich mich jetzt auch gut gewöhnt…” Ich verschwieg aber, dass die Roboterhände mich immer noch überraschten, dass ich manchmal aus Reflex noch den Mülleimer mit der Hand aufmachen wollte und dann darüber streichen musste, um den Bewegungssensor zu aktivieren. Die allergrößte Verwunderung, kam jedoch daher, dass man mir erzählte, dass wir nicht in die Schule mussten, sondern das gesamte Weltwissen mit einer Spritze in Gehirn gejagt bekamen (wie bei einer Impfung…). Gott sah mich an und sagte: „Okay. Möchtest du wieder ins Jahr 2012 oder möchtest du lieber sterben? Natürlich bleibst du dann im Himmel und…“

„Was? Ich kann nicht mehr dahin, wo ich hin will?“, fragte ich fassungslos.

„Doch das wollte ich gerade sagen, du darfst dort bleiben, wenn du magst, aber ich weiß nicht, ob du das willst…?“

„Und ob ich will! Ich kann nicht mehr ohne die beiden leben, und ich nehme sogar das Mobbing auf mich, denn wir sind ja mehrere und ich weiß, dass ich auch noch einen Mann zum Verlieben finden kann und ich will, ich will, ich will!“, schrie ich, und Gott grinste zu Gabriel rüber. Ich glaube, er wusste, dass ich so reagieren würde.

Er sagte: „Gut, dann gehst du gleich noch schlafen und eins will ich dir noch sagen: Du darfst nur deinen engsten Vertrauten von deiner Geschichte erzählen, aber ich hoffe du weißt, wer deine Vertrauten sein werden.“

 

Gabriel führte mich in den Schlafraum und umarmte mich noch einmal und sagte:

„Auf Wiedersehen, Carla du Bosque, es war toll, dich kennen gelernt zu haben.“

Er küsste mich sanft auf die Wange und dann legte ich mich hin.

 

Ich schloss die Augen, um zurückzukehren in meine Wunschwelt.

Ins Jahr 2050.