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Tag 34

Susan Seddiq Zai

Die glücklichen Gewinner des Schreibwettbewerbs „Leben in der Quarantäne“. 

Jede*r Gewinner*in erhält einen Buchgutschein über 40 Euro.


Heute ist der 19.04.2020, ein Sonntag, es ist kurz vor 12. Seit dem 16.03.2020 befinde ich mich in der Selbstisolation, das sind fast fünf Wochen in Quarantäne. Vier Wochen und sechs Tage, um genau zu sein – also 34 Tage insgesamt. Eine merkwürdige Zahl wie ich finde, irgendwie surreal. 34 Tage, das sind circa 816 Stunden oder auch 48.960 Minuten oder 2.937.600 Sekunden. Noch merkwürdigere Zahlen, aber so ist es eben.

Ich darf mich vorstellen: mein Name ist Susan, ich befinde mich seit ungefähr 2.937.600 Sekunden in der Selbstisolation und das hier ist meine Geschichte (und nein, mir ist überhaupt nicht langweilig. So gar nicht. Kein Stück. Als ich die Zahl 2.937.600 gesehen habe, habe ich ganz bestimmt nicht gedacht „so hat sich das auch angefühlt“.).

Der Einstieg erscheint möglicherweise etwas komisch, aber ich wollte an dieser Stelle nur verdeutlichen wie lange ich schon in Selbstisolation stecke und alle Leser und Leserinnen höflichst um Entschuldigung bitten falls ich etwas wirr und unzusammenhängend klingen sollte. Meine letzte bedeutungsvolle soziale Interaktion außerhalb meines persönlichen Umfeldes ist 2.937.600 Sekunden her. Man möge mir verzeihen.

Und gut, zugegebenermaßen wollte ich diese Zahlen auch nutzen, um einen dramatischen Einstieg für meine Geschichte zu haben. Ein dramatischer Einstieg für eine, ich entschuldige mich dafür, dass ich hier schon vorweggreife, wenig dramatische Geschichte. Aber wenn das Drama nicht zu mir kommen kann und ich nicht zum Drama, dann überdramatisiere ich meine Situation eben, kreiere mein eigenes Drama, wie es sich für eine echte (Möchtegern-)Schriftstellerin gehört (kurz am Rande: an dieser Stelle würde ich normalerweise ein Emoji einfügen, dieses weibliche Emoji mit der seitlich ausgestreckten Hand neben dem Gesicht – ich hoffe alle wissen welches ich meine! – von dem ich nicht hundertprozentig sicher bin was es bedeutet, es aber trotzdem sehr gerne benutze. Aber als ernsthafte, kultivierte Schriftstellerin, die an einem ernsthaften, autobiographischen Text in einer ernsthaften, ja, historischen Situation schreibt würde ich das natürlich niemals tun. Auch wenn ich sagen muss die Versuchung es doch zu tun war groß).

Aber ich verliere mich (wie befürchtet) in sinnlosen Gedanken und bedeutungslosen Nebensätzen. Kommen wir zurück zu meiner eigentlichen Geschichte. Sinn und Zweck dieser kurzen Geschichte ist es den Lesern und Leserinnen einen Einblick in mein Leben während der Quarantäne zu gewähren, meine Eindrücke mit ihnen zu teilen, vielleicht ein kleines Lächeln in das ein oder andere Gesicht zu zaubern und von der allumfassenden, allgegenwärtigen Situation abzulenken. Ja, genau, richtig gelesen, ich möchte von der allumfassenden, allgegenwärtigen Situation mit einem Einblick aus meinem Leben in der allumfassenden, allgegenwärtigen Situation ablenken (hier würde ich übrigens ganz ironisch ein Engel-Emoji einfügen, aber wie gesagt: ernsthafte Schriftstellerin, ernsthafter Text, ernsthafte Situation).

Es kann sich aber nur um einen kurzen Einblick handeln, denn 2.937.600 Sekunden Lebenszeit sind viel zu viel für unter fünf Seiten (auch wenn ich ehrlicherweise das Gefühl habe, dass ich die letzten fünf Wochen ganz gut in wenigen Sätzen zusammenfassen könnte: Ich wollte raus, ich konnte nicht raus. Das Wetter war schön. Ich war drin und hatte eine Jogginghose an. Jeden Tag. Ende.).
Ich habe mir verschiedene Dinge überlegt, die ich für diese Geschichte mit der Welt teilen könnte. Ich könnte davon erzählen, dass ich mir vor der Selbstisolation auf meinem Smartphone für verschieden Apps Limits gesetzt habe, um etwas Kontrolle über meine Smartphone-Nutzung zu haben. Ich könnte davon erzählen, dass das immer sehr gut funktioniert hat, und ich könnte erzählen, dass ich diese Limits seit fünf Wochen jeden Tag ignoriere. Jeden Tag erscheint die Warnung „Sie haben Ihr Limit für heute erreicht“ und jeden Tag drücke ich beschämt auf „das Limit ignorieren“ (okay, das ist gelogen, beschämt bin ich lange nicht mehr, mittlerweile habe ich das so oft gemacht, dass ich abgehärtet bin). Das deprimiert mich leider zu sehr.

Ich könnte stattdessen darüber reden, wie sich das Arbeiten in der Selbstisolation für mich gestaltet, aber auch das ist nicht das beste Thema für mich, denn die Antwort ist: mein Schreibtisch und mein Bett stehen im selben Raum und eins davon benutze ich tagsüber sehr viel häufiger als das andere. Ich könnte darüber sprechen wie viel Fernsehen ich geschaut habe, statt tatsächlich zu arbeiten, wie ich jeden Tag um 10 Uhr morgens den Fernseher eingeschaltet habe um den Stand der Dinge zu erfahren, wie viele Pressekonferenzen ich verfolgt habe, wie ich abends tatsächlich die Tagesschau anschaltete statt kurz die aufgeführten Schlagzeilen in meinem Smartphone zu lesen, aber auch wie viel Blödsinn ich geschaut habe.

Ich könnte von der großen Suche nach Nudeln und Klopapier berichten, aber das wäre ein zu großes Klischee für mich. Es gibt keine Nudeln, es gibt kein Klopapier, „hamstern“ ist das Unwort des Jahres, alle haben es mittlerweile verstanden. Und außerdem wäre es eine Lüge, denn wir hatten 40 Rollen Toilettenpapier zu Hause (ich wünschte das wäre ein Scherz, aber nein… Ich entschuldige mich inständig bei allen die keins mehr hatten und ich kann aufrichtig sagen, dass ich versucht habe einige der Rollen zu verschenken, aber niemand ist auf mein Angebot eingegangen, was vielleicht auch daran liegen könnte, dass die Menschen, die ich kenne, nicht wollten, dass ich rüber komme, weil sie sich tatsächlich an die Reglungen halten wollten. Gibt’s denn sowas?).

Ich könnte aber auch über meinen Balkon schreiben, dass ich vor der Selbstisolation an einer Hand abzählen konnte wie häufig ich auf dem Balkon war, dass ich nicht an einer Hand abzählen könnte wie häufig ich heute auf dem Balkon war. Ich könnte von den Leuten erzählen, die ich vom Balkon aus sehen konnte, könnte erzählen, wie ich mich gefühlt habe, wenn ich Menschen sah, die sich an die Reglungen hielten, und wie ich mich fühlte, wenn sie es nicht taten. Ich könnte von fast leeren Linienbussen schreiben, die im fünf Minuten Takt am Balkon vorbeifuhren, Busse, in denen ich normalerweise sitzen würde, um zur Arbeit zu fahren. Aber das zeigt nur was mir alles fehlt.

Stattdessen habe ich mich also entschieden zu erzählen, dass ich endlich die Zeit (und genug Langeweile) hatte fürs Ausmisten. In all den Jahren hat sich viel Krempel angehäuft, der dringend raus muss, um Platz für neuen Krempel zu machen, den ich in einigen Jahren dann wieder ausmisten kann, wenn ich genug Zeit (und Langeweile) habe. Beim Aussortieren habe ich eine Menge alten Kram, gefunden, aber auch ein paar echte Gold-stücke, darunter ein altes Tagebuch, das mein 13-jähriges Ich im Jahr 2005 geführt hat. Fast genau 15 Jahre ist das her und ich muss zugeben ich hatte keine Erinnerung mehr daran. Da musste ich das Ausmisten natürlich stoppen und stattdessen die Gedanken und Geheimnisse meines 13-jährigen Ichs ergründen.

Der erste Eintrag (vom 10.09.2005) beginnt mit den Worten: „Liebes Tagebuch! Heute gibt es meine erste Eintragung, ich hoffe sie kommen regelmäßig! Heute hab ich mit [meiner Schwester] und Papa eingekauft und dich gleich mit. [Meine Cousine] hat gesagt, sie kann sich mehr an die Zeit erinnern in der sie 13-15 Jahre alt war! Das will ich nicht, deshalb schreibe ich es jetzt hinein. In dich. Ich hoffe, es bleibt unter uns! Keiner soll dieses Tagebuch lesen“. Ups, da haben beide Dinge nicht funktioniert: ich wollte die Zeit nicht vergessen (habe ich) und ich wollte das keiner im Tagebuch liest (hat meine Schwester).

Besonders lange habe ich es dann leider nicht ausgehalten mit dem Reinschreiben, aber es war eine interessante Erfahrung (und etwas peinlich, war ich damals wirklich so? Wirklich???) zu lesen was mein 13-jähriges Ich so beschäftigt hat. Also dachte ich mir, super, jetzt habe ich ja die Zeit und schreibe von meiner Erfahrung in der Quarantäne. Dann kann ich das Tagebuch vergessen und in 15 Jahren beim Ausmisten wiederfinden und lesen wie es damals (heute) so war.

Aber wenn ich die Geschichte so erzähle, dann muss ich zugeben, dass ich es nur bis Tag 20 geschafft habe (das war der 04.04.2020, zur Erinnerung: heute ist Tag 34). Zu meiner Verteidigung: es gab irgendwann nichts anderes zu erzählen als „Ich wollte raus, ich konnte nicht raus. Das Wetter war schön. Ich war drin und hatte eine Jogginghose an. Jeden Tag. Ende.“. Heute werde ich aber wieder in das Tagebuch schreiben. Vielleicht schreibe ich diese Geschichte ab, vielleicht erzähle ich etwas über die letzten Tage, vielleicht male ich ein Bild hinein. Der Eintrag wird beginnen mit den Worten: „Tag 34 in der Selbstisolation“.

– Susan Seddiq Zai, 28